Von wegen „Macht“!: Soziale Macht endet dort, wo persönliche Macht ihr Grenzen setzt

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Dem Begriff der „Macht“ konnte man während der letzten Jahr(zehnt)e immer häufiger begegnen – in den Sozialwissenschaften, im Zusammenhang mit sozialen Bewegungen, beim Thema Gerechtigkeit, in vielen öffentlichen Diskussion um politische Ideologien und Politiken. Max Weber (1995[1922]: 311) hat „Macht“ definiert als „Möglichkeit, den eigenen Willen anderen aufzuzwingen“, und dies dürfte etwa dem Verständnis entsprechen, das ein durchschnittlicher Deutsch-Sprecher von dem Begriff „Macht“ hat. Da der durchschnittliche Bürger mehr Erfahrungen damit hat, den Willen Anderer aufgezwungen zu bekommen (z.B. durch Steuerzahlungen, den Nachweis einer Haftpflichtversicherung, Erhöhung der Strompreise etc.), als damit, den eigenen Willen Anderen aufzwingen zu können, und in vielen Fällen der Zwang, etwas zu tun oder zu unterlassen, kaum vernünftig begründet ist, ist der Begriff „Macht“ gewöhnlich eher negativ konnotiert. Im Zuge der sogenannten Postmoderne ist „Macht“ zu einem Schlüsselbegriff geworden, der zwar – typisch „postmodern“ – undefiniert und unbestimmt bleibt, aber den Begriff „Macht“ – im Anschluss an Foucault – von seinem negativen Image befreien will:

„Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht [was immer der Autor darunter verstehen mag; es bleibt sein Geheimnis] immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur ‚ausschließen‘, ‚unterdrücken‘, ‚verdrängen‘, ‚zensieren‘, ‚abstrahieren‘, ‚maskieren‘, ‚verschleiern‘ würde. In Wirklichkeit [sic!] ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale [!]: das Individuum und seine Erkenntnisse sind Ergebnisse dieser Produktion“ (Foucault 1975: 250).

Die Frage ist dann aber, für wen „Macht“ (eher) produktiv ist und für wen (eher) destruktiv. „Produktiv“ ist Macht, die „Gegenstandsbereiche“ und „Wahrheitsrituale“ produziert, nur oder vor allem für diejenigen, die an diesen Bereichen und Ritualen (gerade) ein Interesse haben. Alle anderen, die an anderen „Gegenstandsbereichen“ interessiert sind und an Wahrheit als Übereinstimmung von Sätzen mit beobachtbaren Fakten statt an „Ritualen“, die etwas [was immer es auch sein mag] bloß als „Wahrheit“ inszenieren sollen, werden notwendigerweise „ausgeschlossen“, „unterdrückt“, „verdrängt“, „zensiert“ usw. – und damit der Macht unterworfen, wie Weber sie definiert hat.

Auch (oder gerade) das kann man „produktiv“ finden, insbesondere dann, wenn man eine Machtposition inne hat und ein Interesse daran, sie zu erhalten, weil sich durch Unterdrückung bestehende Machtverhältnisse erhalten lassen. Wir erleben dies seit einigen Jahren u.a. im Zusammenhang mit „Wahrheitsritualen“, wie sie mainstream-Medien z.B. durch die Einrichtung von sogenannten „Faktenfindern“ oder „Faktencheckern“ etabliert haben. Der Postmoderne und dem Machtbegriff, wie ihn allen voran Foucault seinen Lesern präsentiert hat, haben wir die neue, ungehemmte, Lust an der Manipulation durch das, was ich eher als Beschwörungsrituale denn als „Wahrheitsrituale“ bezeichnen würde (z.B. masseninszenierte Beschwörungen des Weltuntergangs aufgrund von angeblich menschengemachtem Klimawandel) zumindest mit- zu verdanken.



Bemerkenswerterweise haben Webers und Foucaults Auffassungen von „Macht“ etwas Wichtiges gemeinsam: beide haben das, was Lammers et al. (2009: 1543) als „… monolithic power concept …“, also als monolithisches Konzept von Macht bezeichnen, denn beide fassen das als „Macht“ auf, was in der sozialpsychologischen Literatur gewöhnlich als „soziale Macht“ bezeichnet wird, nämlich als die Macht, von Anderen zu bekommen, was man von ihnen möchte, bzw. als Macht über andere Menschen.

Daneben kennt die Sozialpsychologie aber – spätestens seit 1959, dem Erscheinungsdatum der von Dorwin Cartwright herausgegebenen „Studies in Social Power“; aber s. auch Williams 1922 und Russell 1960[1938] – die personale oder persönliche Macht.

Diese Form von Macht bezeichnet die Möglichkeit, sich dem Einfluss Anderer zu entziehen, ihn ignorieren oder ihm widerstehen zu können. Personale Macht hat jemand, der möglichst viele der für ihn bedeutsamen Ausgänge möglichst weitgehend selbst kontrolliert. Sie kann als mentale und praktische Unabhängigkeit, „independence“ (Lammers, Stoker & Stapel 2009: 1544), von Anderen aufgefasst werden.

„Social power, on the other hand, is associated with interdependence rather than with independence …“ (Lammers, Stoker & Stapel 2009: 1544).

Personale Macht oder Unabhängigkeit hat (ebenso wie soziale Macht) verschiedene Aspekte, je nachdem, worin die Unabhängigkeit besteht bzw. durch welche Mittel sie besteht oder erreicht wird, durch Geld, durch Wissen oder Kenntnisse und Fähigkeiten, durch das, was man „inneren Abstand“ oder – mit dem Buddhismus gesprochen – Gleichmut nennt.

Empirische Studien haben gezeigt, dass Menschen, wenn sie vor die Wahl gestellt werden, ihre Autonomie (bzw. ihre personale Macht) zu erhöhen oder ihren Einfluss auf Andere (bzw. ihre soziale Macht), eher ihre personale Macht erhöhen (Lammers et al., 2016; Van Dijke & Poppe 2006):

„We argue that the most parsimonious and useful view of power striving is as a general striving for agency, and not as striving to control others” (Van Dijke & Poppe 2006: 537),

und

“Empirical evidence that people value and strive for personal power is abundant. Studies show that people are often strongly motivated to restore their independence when they feel it is restricted … In interpersonal and group situations, the most obvious way to restore one’s independence is to leave the social situation …” (Van Dijke & Poppe 2006: 539).

(Wer muss hier nicht unwillkürlich an die aktuellen Demonstrationen gegen lock-down-Maßnahmen denken, die die Ausbreitung des SARSCov-2-Virus schützen sollen?!)

Außerdem haben Studien gezeigt, dass ein Zuwachs an personaler Macht das allgemeine Bedürfnis oder Streben nach Macht befriedigt im Sinn von sättigt, während dies ein Zuwachs an sozialer Macht nicht tut (Inesi, Botti, Dubois, Rucker, & Galinsky 2011; Lammers et al. 2016).

Schon dies deutet darauf hin, dass das Verhältnis zwischen personaler und sozialer Macht komplex ist, jedenfalls kein einfacher linearer Zusammenhang zwischen beiden Arten von Macht besteht. So haben Leach, Weick und Lammers (2017) in ihrer Studie herausgefunden, dass geringe personale Macht (Autonomie) mit geringer sozialer Macht (Einfluss) einhergeht, aber dass das umgekehrt nicht der Fall ist (Leach, Weick & Lammers 2017: 9). Außerdem haben diese Autoren festgestellt, dass größere personale Macht nicht mit größerer sozialer Macht korreliert, und größere soziale Macht nicht mit größerer personaler Macht einher geht (Leach, Weick & Lammers 2017: 8).

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Gerade dieser zuletzt genannte Befund hat die Forscher überrascht und überrascht vielleicht auch die Leser dieses Textes, ist doch die Vorstellung, dass größere soziale Macht bessere Möglichkeiten bieten würde, auch größere Autonomie zu erwerben, weit verbreitet und „… strongly ingrained in theoretical thinking“ (Leach, Weick & Lammers 2017: 10; s. hierzu auch Keltner, Gruenfeld & Anderson 2003; Van Dijke & Poppe 2006).

Leach, Weick und Lammers machen einen Vorschlag, wie man diesen für sie überraschenden Befund erklären könnte. Sie argumentieren, dass Werte und Normen hinsichtlich des Umgangs miteinander diejenigen, die soziale Macht haben, sozusagen daran hindert, sie in personale Macht oder Autonomie umzumünzen. Am Beispiel von Managern führen sie diesen Gedankengang wie folgt aus:

“Modern leaders are expected to take the interests of their subordinates into account and work hard to advance them – in particular in the modern, Western workplace with its strong focus on a democratic exercise of positions of power. Indeed, almost all modern theories of leadership … stress the need for leaders to be attentive to the ideas and priorities of their followers, in order to be personally successful in their exercise of power. Although these approaches are certainly beneficial to organizations, they undoubtedly restrain leaders in their experience of autonomy. Further, modern evaluation procedures have strongly reduced the degree of autonomy exercised by modern managers in middle and even top-management and have opened them up to increased scrutiny by others in the organization …” (Leach, Weick & Lammers 2017: 6-7).

Die Ergebnisse, die die Autoren erzielt haben, beruhen aber nicht auf einer Stichprobe von Managern, sondern auf einer Stichprobe von Studenten an einer Europäischen Universität und einem Sample von U.S.-Amerikanern und Indern, die durch Amazon Mechanical Turk rekrutiert wurden.



Inwieweit die Teilnehmer an der Studie Erfahrungen damit gehabt haben (oder überhaupt haben konnten), die Ausübung von sozialer Macht an Normen mit Bezug auf die Gestaltung ihrer Machtposition ausrichten zu müssen, ist unbekannt. Leach, Weick und Lammers müssten, um ihren Erklärungsvorschlag plausibel zu machen, angeben, warum bzw. wie es für die Samples in ihrer Studie schwierig oder unmöglich (gewesen) sein soll, soziale Macht in Autonomie umzumünzen.

Für mich persönlich ist der Befund, den die Autoren überraschend fanden, d.h. der Befund, nach dem größere soziale Macht nicht mit größerer personaler Macht einher geht, aber gar nicht überraschend, denn wenn das Machtstreben von Menschen normalerweise ein Streben nach Autonomie, also ein Streben nach personaler Macht, ist, dann ist das Streben nach Einfluss ein sekundäres Machtstreben und stellt vielleicht vor allem den Versuch da, durch Einfluss Autonomie zu erreichen, wenn andere Mitteln – Geld, Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten, „innerer Abstand“ – nicht oder kaum vorhanden sind. Wenn die Vorstellung, soziale Macht würde personale Macht verschaffen, weit verbreitet ist, viele Menschen also diese Vorstellung haben, mag das Streben nach sozialer Macht– in Ermangelung direkter Wege in die Autonomie – einen „Umweg“ darstellen, von dem man sich letztlich die Erfüllung des eigenen Strebens nach Autonomie verspricht.

Van Dijke und Poppe haben eine sehr ähnliche Vermutung in ihrem Aufsatz aus dem Jahr 2006 formuliert:

„… Spector … showed in a meta-analysis containing 88 studies that people who experience insufficient personal power (operationalized as autonomy or as participative decision-making) are not only relatively dissatisfied with many aspects of their job …, but they are more likely to intend to quit working for the organization, and they are more likely to actually leave the organization. Restoring independence to increase personal power, for instance by leaving the situation, is often difficult or undesirable …. Therefore, people may attempt to (re)gain personal power by increasing their social power, because social power can be instrumental for gaining or securing personal power” (Van Dijke & Poppe 2006: 539; Hervorhebung im Original).

Generell kann man Leach, Weick und Lammers schwerlich widersprechen, wenn sie meinen, dass die Ausübung sozialer Macht Normen unterworfen ist (deren Einhaltung sie erst zu einer legitimen sozialen Macht macht), und weil das so ist, dürfte der Zugewinn an Autonomie, der vielleicht durch soziale Macht erreicht werden kann, aufgewogen werden durch neue Verbindlichkeiten und Abhängigkeiten, die die sozial „machtvolle“ Position (und sei es eine Anstellung beim Einwohnermeldeamt oder als Hochschullehrer an einer Universität) mit sich bringt. Ich würde also dem Erklärungsvorschlag von Leach, Weick und Lammers nicht widersprechen, würde ihn aber in einen Kontext einordnen, in dem das Streben nach sozialer Macht vorrangig als eine dysfunktionale Ersatzhandlung von Menschen angesehen wird, die über direkte Wege in die Autonomie nicht oder kaum verfügen.

Wenn das so wäre, würde es implizieren, dass Menschen, die vor allem oder mehr als andere nach sozialer Macht, nach auf Andere, streben, mit Bezug auf diejenigen Eigenschaften oder Güter, die direkte Wege in die Autonomie darstellen, eine Negativauswahl darstellen – vielleicht auch eine psychologische. So wäre es spannend zu erfahren, welche Ergebnisse sich einstellen, wenn man Menschen, die (eher) nach sozialer Macht streben, und Menschen, die (eher oder allein) nach personaler Macht streben, mit Bezug auf die sogenannte dunkle Triade untersucht, oder generell mit Bezug auf ihre (anderen) Persönlichkeitsmerkmale.

Aber solche Studien liegen bislang nicht vor, und daher können wir bislang nur darüber spekulieren, warum wir die Zusammenhänge oder Nicht-Zusammenhänge zwischen sozialer und personaler Macht finden, die wir bislang gefunden haben. Tatsächlich wird das Thema mit Hilfe empirischer Studien erst seit etwa fünfzehn, höchstens zwanzig, Jahren erforscht; diese Forschung steckt also noch in den Kinderschuhen.

Bleibt zu hoffen, dass dieses Forschungsgebiet weiterhin systematisch bearbeitet werden wird, denn es mag uns einiges darüber lehren, wer es ist, der nach möglichst großer soziale Macht und besonders politischer Macht, strebt. Immerhin besteht soziale Macht ja eben darin, andere Menschen zu beeinflussen bzw. in Abhängigkeiten zu bringen – und damit deren personale Macht oder Autonomie zu beschränken. Und wenn das Streben nach sozialer Macht (anders als personale Macht) keinen Sättigungsgrad kennt, kann es schwerlich anders als fahrlässig bewertet werden, wenn wir nicht im Interesse des Erhaltes oder der Vergrößerung unserer personalen Autonomie viel genauer als bisher hinschauen, wer es ist, der aus welchen Gründen soziale Macht zu erwerben und auszuüben gedenkt. Die Forderung nach „mehr Staat“ ist vor diesem Hintergrund nicht mehr nur eine Frage der politischen Ideologie, sondern eine von psychologischer Relevanz.


Literatur:

Cartwright, Dorwin (Hrsg.), 1959: Studies in Social Power. Ann Arbor: University of Michigan.

Foucault 1975: Überwachen und Strafen: Die Geburt der Gefängnisse. Suhrkamp.

Keltner, Dacher, Gruenfeld, Deborah H. & Anderson, Cameron, 2003: Power, Approach, and Inhibition. Psychological Review 110(2): 265-284.

Lammers, Joris, Stoker, Janka I. & Stapel, Diederik A., 2009: Differentiating Social and Personal Power: Opposite Effects on Stereotyping, but Parallel Effects on Behavioral Approach Tendencies. Psychological Science 20(12): 1543-1549.

Leach, Stefan, Weick, Mario & Lammers, Joris, 2017: Does Influence Beget Autonomy? Clarifying the Relationship Between Social and Personal Power. Journal of Theoretical and Social Psychology 1(1): 5-15.

Russell, Bertrand, 1960[1938]: Power, a New Social Analysis. London: Allen & Unwin.

Van Dijke, Marius & Poppe, Matthijs, 2006: Striving for Personal Power as a Basis for Social Power Dynamics. European Journal of Social Psychology 36(4): 537-556.

Weber, Max, 1995[1922]: Schriften zur Soziologie. Stuttgart: Reclam.

Williams, James Mickel, 1922: Principles of Social Psychology as Developed in a Study of Economic and Social Conflict. New York: Alfred A. Knopf.



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