„Grüne sind konservativ“: Wie das ZDF seinen Lesern Ideologen als Wissenschaftler serviert
Michael Klein
„Unsere Demokratie befinde sich in einer globalen Bewährungsphase, sagt Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, der sich schon seit langem mit der AfD beschäftigt.“
Wann immer wir einen solchen inhaltsleeren Blödsinn lesen, der von einem „Politikwissenschaftler“ abgesondert worden sein soll, ist unsere Neugier geweckt. Leute, die Demokratien zum Privatbesitz bestimmter Leute, Ihnen und den Ihren machen, zeigen schon in zwei Worten, dass sie mit Politikwissenschaft ungefähr soviel zu tun haben wie Osama Bin Laden mit der Friedensbewegung. Dass „unsere Demokratie“, zudem eine globale Demokratie ist, was sie notwendig zu einem internationalen Einheitsbrei oder von Lucke zu einem eindimensionalen „Denker“ macht, ist ein zusätzlicher Anreiz, den Text des ZDF zu lesen, in dem Albrecht von Lucke, der Politikwissenschaftler, zitiert wird, als Politikwissenschaftler, als einer, der eine bestimmte und in jedem Fall mehr Kompetenz für sich beansprucht als der Normalbürger, als einer, dessen Urteil zu vertrauen, das ZDF den eigenen Konsumenten nahelegt.
Okay.
Lesen wir, was von Lucke von „unserer Demokratie“ in der „globalen Bewährungsphase“ zu sagen weiß. Sparen wir uns den BS über das angebliche Geheimtreffen, und steigen da direkt ein, wo sich von Lucke als „Elitist“, als jemand outet, der für sich in Anspruch nimmt, kenntnisreicher als der sprichwörtliche Mann auf der Straße zu sein:
„Nachdem sie aufgewacht sei, müsse die Bevölkerung nun begreifen, „dass die AfD Verheißungen macht, die nichts mit der Realität zu tun haben“. Wenn die AfD sage, sie sei „die Partei des kleinen Mannes, dann ist es das Gegenteil“.“
Es zeugt von erheblicher Hybris, wenn man sich in einer Position wähnt, aus der man „der Bevölkerung“, das sind in Deutschland derzeit rund 85 Millionen Menschen, wenn man also der Bevölkerung minus einen Lucke attestieren zu können glaubt, sie sei „aufgewacht“. Wenn man diesen intellektuellen Übergriff, den eigentlich nur Leute sich zu leisten können glauben, deren selbstattribuierte Grandeur nur noch von ihrer Ignoranz gegenüber Fakten übertroffen wird, verdaut hat, hat man gerade Zeit genug, sich auf den nächsten vorzubereiten, den, der zwangsläufig bei Leuten folgt, die denken, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen: Die Belehrung. Die dummen Bürger, die anders als der erwachte von Lucke, der natürlich schon lange weiß, was sich hinter jedem einzelnen der mehr als 30.000 AfD-Mitglieder verbirgt, erst aufgewacht sind, müssen nun „begreifen“, dass „die AfD Verheisungen“, was auch immer sie sein mögen, angeben kann sie der Erwachte offenkundig nicht, nichts mit der Realität zu tun haben. Die AfD sei nicht die Partei des kleinen Mannes.
Ja.
Was soll man dazu sagen?
Die SPD ist auch nicht die Partei des kleinen Mannes.
Die Grünen auch nicht.
Die CDU/CSU schon gar nicht.
Und jetzt?
Die Qualität der Aussagen des „Politikwissenschaftlers“ von Lucke ist, was den Inhalt angeht, eher einer großen Leere anheimgestellt. Sie soll offenkundig über die affektive Komponente wirken: AfD böse, nicht Partei des kleinen Mannes.
Vielleicht überzeugt das den ein oder anderen.
Eher nicht.
Oder?
Wie auch immer.
Damit sind die Erkenntnisse von „Politikwissenschaftler“ von Lucke noch nicht am Ende:
„Sie will eine neoliberale Politik“, sagt von Lucke. „Und wer Migration in Gänze verhindern will, der schadet dem Standort Deutschland. Das muss jetzt klar werden. Und dann werden die Werte der AfD auch wieder sinken.“
Der Mann spricht in Floskeln, wie andere in Zungen reden. Eine neoliberale Politik, das ist sein Feind, will „also Migration in Gänze verhindern“, eine Aussage, die so dumm ist, dass wir sie nicht weiter kommentieren. Der Verweis, dass zum bislang einzigen Zeitpunkt, zu dem es in Deutschland so etwas Ähnliches wie eine neoliberale Politik gegeben hat, unter Erhard in den 1950er und 1960er Jahren, der Zeitpunkt ist, zu dem die Grundlagen für die Zuwanderung derer gelegt wurden, die damals als Gastarbeiter und heute als Eltern der mittlerweile in mindestens dritter Generation in Deutschland lebenden Türken, Griechen, Italiener, Spanier, Portugiesen nach Deutschland geholt wurden. Größeren Blödsinn als von Lucke kann man, wenn es um Migration und neoliberale Politik geht nicht von sich geben. Indes, Lucke geht es auch nicht um den Inhalt. Er hat wie die meisten ultra-Linken eine einfache Meldung: „neoliberale Politik“ ist böse. AfD ist böse. Migration ist gut. Die Welt kann sehr einfach sein, wenn man das eigene Denken in rudimentären Anfängen belässt.
Wer nun denkt, der intellektuelle Tiefpunkt sei bereits erreicht, für den haben wir eine Überraschung. Er ist es nicht. Sie werden nun mit uns die Talsohle dessen, was man eine intellektuelle Offenbarung nennen könnte, durchschreiten müssen:
„Die AfD wolle ein Gesellschaftsbild bewahren, das mit dem „wirklichen Konservatismus, dem Bewahren“ nichts zu tun habe. Konservativ seien zum Beispiel die Grünen, „wenn sie die Schöpfung bewahren wollen, die natürlichen Lebensgrundlagen“.“
„Konservativ“ wird vom Duden als deutsche Ableitung von lateinisch: conservare, konservieren, an Althergebrachtem festhalten beschrieben. Man könnte auch sagen, Konservative zeichnen sich dadurch aus, dass sie etwas bewahren wollen. Und in der Tat, die AfD will etwas bewahren.
Ein Gesellschaftsbild.
Welches?
Nun hören Sie mal, Herr von Lucke ist Politikwissenschaftler und beschäftigt sich schon lange mit der AfD, da muss der Hinweis auf ein nicht näher spezifizierbares „Gesellschaftsbild“ ausreichen.
Die AfD will also etwas bewahren, wie Lucke sagt. Indes ist das Bewahren-Wollen von etwas, zwar die Lehrbuch-Definition von „konservativ“, aber die AfD ist dennoch nicht konservativ, nicht wirklich „konservativ“. Wirklich konservativ sind die „Grünen“, die die Schöpfung und die natürlichen Lebensgrundlagen durch Vogelschredder und Waffenlieferungen in die Ukraine bewahren wollen. Vogelschredder versetzen die Erde zurück in die Zeit, bevor die Vögel aufgetaucht sind, Waffenlieferungen die Ukraine in die Zeit, bevor die Russen das „deutsche Land“ zurückerobert haben.
Das ist wahrer Konservatismus.
Man fragt sich, was „Politikwissenschaftler“ von Lucke so raucht, um dermaßen high on nonsense zu sein. Und das bringt uns zur Frage, wer „Politikwissenschaftler“ von Lucke eigentlich ist. Von Lucke ist kein „Politikwissenschaftler“, er ist Diplom Politologe. Der Begriff „Politologe“, eine Zusammenziehung von Politik und Ideologe, wird außerhalb von Berlin nicht genutzt, um das Fach zu veralbern. In der Tat hat von Lucke an der FU-Berlin studiert, Politologie, also keine Politik-WISSENSCHAFT. Das ZDF lügt – wenn es den eingangs als Politologen ausgewiesenen von Lucke im Verlauf des Textes zum „Politikwissenschaftler“ transformiert. Politologen und Politikwissenschaftler sind inkommensurabel.
SciFi-Support
Von Lucke ist als Publizist tätig, als Redakteur bei den Blättern für Deutsche und Internationale Politik. Das ehemalige Kampfblatt der APO ist heute nichts anderes. Unter seinen Herausgebern findet sich Politikwissenschaft ganz links. Das beginnt mit Claus Leggewie, der neben Attac auch den Rat für Migration mit seiner Anwesenheit beglückt und 2018 dadurch bekannt wurde, dass er die Schaffung eines Staatsfonds zur Bekämpfung des Klimawandel vorgeschlagen hat. Wenn es darum geht, das Geld Anderer Leute auszugeben, dann sind Linke immer sehr erfinderisch.
Neben Leggewie findet sich Jürgen Habermas im Herausgeberkreis der Blätter, muss man nicht weiter kommentieren oder? Frankfurter Schule in der durch Habermas abgewirtschafteten Art? Micha Brumlik ergänzt den linken Kreis, Brumlik ist Mitglied der Grünen, Erziehungswissenschaftler und manchen vielleicht durch den Zwist, in den er Franz Alt verwickeln wollte, bekannt. Schließlich sitzt mit Peter Bofinger der letzte deutsche Direkt-Jünger von John Maynard Keynes im Herausgeberkreis und sorgt dafür, dass in den Blättern kein Hauch von neoliberaler Ökonomie auftaucht.
Ein erlauchter Kreis.
Mit anderen Worten, der „Politikwissenschaftler“ Albrecht von Lucke ist ein Vertreter der politischen Linken, der sich seit seinem Studium in einer linken Blase aufhält. Er ist kein Politikwissenschaftler, er ist Politologe und deshalb ist es nicht verwunderlich, dass er in Floskeln und affektiven Hülsen redet. Politologen haben mit PolitikWISSENSCHAFTlern nichts gemein.
Das ZDF gibt also einen ideologisch eindeutig festgelegten, partikularen Mann als unabhängigen „Politikwissenschaftler“ aus, um die eigenen Leser zu täuschen und den Eindruck zu erwecken, die affektiven Floskeln, die von Lucke über die AfD absondert, seien in irgend einer Weise „Wissenschaft“ und fundiert und relevant.
„In der Januar-Ausgabe analysiert Albrecht von Lucke, wie Putin und die Hamas mit ihrer Logik der Zerstörung die Demokratien in Bedrängnis bringen – und zur Preisgabe ihrer ethischen Standards verleiten. Robert Kagan sieht die USA auf einem klaren Pfad in Richtung Trump-Diktatur. Quinn Slobodian beleuchtet die Entstehung des Anarchokapitalismus aus dem Geist des Rechtsradikalismus. Irina Scherbakowa erklärt, warum ein echter Frieden in der Ukraine mit Putin unmöglich ist. Annette Dittert beschreibt den Rechtsruck bei den Tories und seine Folgen für Großbritannien. Und Yannick Haan plädiert für ein Grunderbe und damit mehr Gleichheit für alle.“
Vor allem der Spaßbeitrag der wie immer kollosal uninformierten Annette Dittert über den „Rechtsruck bei den Tories“ hat uns amüsiert, denn wenn es einen Rechtsruck gäbe, dann wären die Tories in den Umfragen sicher nicht bei 22 Prozent und müssten sich einer neuen Partei rechts von Ihnen, UK Reform, erwehren, die sich anschickt, die Tories überflüssig zu machen.
Indes dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass Albrecht von Lucke alles andere als ein auch nur ansatzweise objektiver Beobachter der AfD ist. Er ist ein ideologischer Gegner der AfD, der im ZDF als Politikwissenschaftler ausgegeben wird.