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„AfD-Unterstützer sind ausländerfeindlich“ – wirklich? [ScienceFiles-Faktenfinder]

Selbst an einem Samstag sind wir für unsere Leser im Einsatz [unentgeltlich!], vor allem die Leser, die uns seit gestern Abend mit Hinweisen auf die angebliche Analyse von Martin Schröder überschwemmt haben, der auf Grundlage des SOEP zu dem Schluss kommt, dass „AfD-Unterstützer nicht „abgehängt“ sind, „sondern ausländerfeindlich“.

Kategorische Feststellungen in Texten, die auf probabilistischen Verteilungen basieren, sind immer ein erster Hinweis darauf, dass hier die Ideologie der Vater des Gedankens war.

Martin Schröder, der für diese apodiktische Behauptung im Titel seines Textes verantwortlich ist, denkt vermutlich, er habe den Grundstein gelegt, um im links-alternativen Milieu eine Beschäftigung zu finden, aber hat er auch gemessen, was er behauptet?

Schröder werkelt mit dem SOEP, und zwar mit den Daten, die 2016 gesammelt wurden. 24.339 Angaben zu - wie er meint (dazu unten): Parteipräferenz von im Rahmen des SOEP-Befragten hat er, darunter 517 Befragte, die angeben, „eine Präferenz für die AfD zu haben“. D.h. seine Analysen basieren auf der Kontrastierung von 2,1% der Befragten mit AfD-Präferenz mit 97,9% der verbleibenden Befragten. Das ist eine schiefe Verteilung, bei der auch logistische Regressionen, das Standardmittel aller, die viele Variablen in verschiedenen Modellen berücksichtigen wollen, ins Trudeln kommen werden, vor allem dann, wenn es zwischen den unabhängigen Variablen hohe Korrelationen und Multikollinearität gibt, was Schröder auf Seite 15 seines eher keiner Textgattung zuordenbaren Werkes selbst einräumt.

Man muss also feststellen, dass eine Reliabilität seiner Analyse nicht gegeben ist.

Dass die Validität seiner Analyse auch nicht gegeben ist, das zeigen wir jetzt.

Es fasziniert uns schon länger, dass es Autoren, die sich mit Themen befassen, an denen sie offensichtlich ein ideologisches Interesse haben, regelmäßig gelingt, sich so in Rage zu schreiben, dass sie die ersten sind, die auf ihre Ergebnisse pfeifen und das hineinlesen, was sie von Anfang an hineinlesen wollten.

Schröder ist ein geradezu klassisches Beispiel dafür, wie man sich bei entsprechender ideologischer Anfälligkeit, um den eigenen Verstand und um die wissenschaftliche Lauterkeit schreiben kann, wenn man sie denn je hatte.

Bevor wir ins Detail gehen, ein paar methodische Anmerkungen.

Wenn man Befragte mit AfD-Präferenz mit Befragten vergleicht, die irgendeine andere Parteipräferenz haben, dann sagt dies vielleicht etwas darüber aus, was Personen mit AfD-Präferenz von Befragten mit einer anderen Parteipräferenz, welcher auch immer, unterscheidet, es sagt aber überhaupt nichts darüber aus, ob der entsprechende Unterschied ein Alleinstellungsmerkmal ist oder ob dann, wenn man Personen mit entweder FDP- oder CDU-Präferenz gegen alle Personen mit anderen Parteipräferenzen stellt, nicht dasselbe Ergebnis herauskommen würde. Es sagt nur, dass der, der nicht schaut, auch nicht sieht.

Kurz: Das Ergebnis von Schröder ist so lange nutzlos, solange es nicht in den Rahmen gestellt wird, solange kein Vergleich stattfindet, wie dies in der Wissenschaft eigentlich der Fall ist. Denn in der Wissenschaft geht es darum, Erkenntnis zu gewinnen, nicht darum zu versuchen, politische Gegner zu diskreditieren.

Nun zur Ausländerfeindlichkeit bzw. zum bemerkenswerten Weg, auf dem Schröder die Ausländerfeindlichkeit entdeckt.

Empirische Sozialforschung hat viel mit Operationalisierung zu tun, denn in der Regel ist es nicht möglich, ein Konzept wie Ausländerfeindlichkeit oder Rassismus oder Innovation direkt zu messen. Dazu benötigt man eine Operationalisierung, die den Versuch darstellt, etwas Abstraktes konkret messbar zu machen: Innovation z.B. mit der Anzahl von Patenten, die ein Unternehmen anmeldet.

Bei Konzepten wie Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Extremismus, Postmaterialismus, Lebensfreude usw. ist es üblich, so genannte Batterien einzusetzen, das sind Aussagen oder Fragen, denen Befragte mehr oder weniger zustimmen oder die sie ablehnen können und von denen man sich erhofft, dass sie zusammengenommen für ein latentes Konzept stehen.

Schröder nutzt Aussagen und Fragen, die im Rahmen des SOEP Befragten vorgelegt werden.

Darunter:

  • Wird Deutschland durch Flüchtlinge zu einem schlechteren Ort zum Leben?
  • Ist es im Allgemeinen schlecht für die deutsche Wirtschaft, dass Flüchtlinge hierher kommen?
  • Wird das kulturelle Leben in Deutschland im Allgemeinen durch Flüchtlinge untergraben oder bereichert?
  • Schließlich die Frage: Machen Sie sich Sorgen wegen der Zuwanderung?

Generell haben Befragte die Möglichkeit, ihre Antwort auf jede der vier Fragen auf einer Skala von 1 (gar keine Zustimmung) bis 11 (volle Zustimmung) abzustufen.

Was wird mit diesen Fragen gemessen?

Hier beginnt die merkwürdige Transformation des Martin Schröder vom vielleicht Sozialforscher zum unlauteren Ideologen.

Auf Seite 4 seines Textes ist er der Meinung, die vier Fragen würden „Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen und Zuwanderung“ erfragen. Ob damit Vorbehalte erfragt werden, darüber kann man streiten. Aber das müssen wir gar nicht, denn auf Seite 11, auf der wir diese Fragen wiedertreffen, spricht Schröder davon, dass Befragte mit AfD-Präferenz diesen Fragen eher zustimmen (oder der Ansicht sind, das kulturelle Leben werde durch Flüchtlinge untergraben) und sich „konsequenterweise mehr Sorgen um Zuwanderung“ machen. Auch auf Seite 13 ist Schröder noch dieser Ansicht und zitiert sogar den Text der drei ersten Fragen, um seine Akkuratheit zu dokumentieren. Selbst auf Seite 14 ist noch von „Einstellungen zu Flüchtlingen“ die Rede.

And then it hit him.

Ein ideologischer Blitz muss das Gehirn dessen, der gerne ein Wissenschaftler wäre, getroffen und so in neuronalen Aufruhr versetzt haben, dass Schröder vergessen hat, worüber er schreibt. Dieselben „Einstellungen zu Flüchtlingen“, die auf vorausgehenden Seiten „Sorgen“ und vielleicht auch „Vorbehalte“ zum Ausdruck gebracht haben, werden nun zu „Ausländerfeindlichkeit“ (15). Und die „Ausländerfeindlichkeit“, die schon mit Blick auf die Tatsache, dass Fragen zu Flüchtlingen, also einer Teilmenge von Ausländern gestellt werden, eine wilde Assoziation ist, sie gefällt Schröder so sehr, dass er vergisst, dass er keine Ausländerfeindlichkeit, sondern legitime Sorgen, die man sich als Mensch angesichts der Veränderung seiner Umwelt machen kann, gemessen hat. Ab Seite 15 ausländerfeindet es im Text von Schröder. Befragte sind „überdurchschnittlich ausländerfeindlich“ (16), AfD-Unterstützer halten „Ausländerfeindlichkeit für weniger schlimm als sonstige Befragte“ (17) und schließlich sind AfD-Unterstützer „Ausländern gegenüber feindlich eingestellt“ (18).

Was den Einsatz von Phantasie angeregt und Schröder dazu veranlasst hat, den Boden seiner Daten für den ideologischen Freiflug zu verlassen, wir wissen es nicht. Wir wissen nur:

Schröder hat keine Ausländerfeindlichkeit gemessen. Er hat Sorgen wegen Zuwanderung und Einschätzungen über Konsequenzen von Zuwanderung erhoben.

Schröder hat auch keine AfD-Unterstützer erhoben. Er hat Personen mit einer Präferenz für die AfD erhoben, denn im SOEP wird danach gefragt, welcher Partei man „zuneigt“, nicht danach, welche Partei man unterstützt. Schröder sollte daraus lernen, dass man als Nachwuchsforscher nicht immer den Labeln im Datensatz glauben soll, sondern die Fragebogen (rechts) lesen muss.

Zwischen der Angabe, einer Partei zuzuneigen und der Unterstützung oder Wahl der entsprechenden Partei, besteht ein himmelweiter Unterschied, wie die entsprechende Forschung zeigt, die man als Politikwissenschaftler kennt und als jemand, der die entsprechenden Fragen nutzen will, kennen sollte, um sich nicht als Dilettant herauszustellen. Ebenso besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen Einstellungen und Verhalten.

Auch nach rund 100 Jahren Einstellungsforschung ist es nicht gelungen, den Graben zwischen dem, was Befragte als ihre Einstellung angeben und dem, was sie tatsächlich tun, zu überbrücken. Befragte bezeichnen sich als loyale Kunden von VW, geben dem Auto von VW, das sie derzeit fahren, die beste Bewertung, sagen von sich, sie würden VW mögen und gehen dann hin und kaufen einen Nissan. Andere sagen von sich, sie würden zur Bundestagswahl gehen und die AfD wählen und gehen dann einfach nicht wählen, sehr zum Ärger der Wahlforscher.

Man könnte die Liste der entsprechenden Ärgernisse im täglichen Leben eines Sozialforschers problemlos verlängern und käme letztlich zu der Frage, was man mit rein deskriptivem Krempel, wie dem, den Schröder abgeliefert hat, eigentlich aussagen kann.

Man kann wenig bis gar nichts damit aussagen. Man kann es für kurze Zeit in die Schlagzeilen der Ideologen schaffen, die immer auf der Suche nach Denunziationsmaterial sind, aber man kann es mit Junk, wie dem, den Schröder verbreitet, nicht in wissenschaftliche Kreise schaffen, denn dort will man als Sozialforscher erklären, nicht denunzieren. Dort legt man erheblichen Wert darauf, den Befragten nicht Dinge in den Mund zu legen, die sie nicht gesagt haben. Dort ist man mit Sicherheit nicht bereit, Befragte, die einem Interviewer vertraut haben und ihm gegenüber ehrliche Angaben gemacht haben, nachträglich in den Hintern zu treten und sie ohne Grund und aus reiner Lust als Ausländerfeinde zu denunzieren.

Schröder hat keine Ausländerfeindlichkeit gemessen, um das noch einmal zu wiederholen, sondern legitime Sorgen, die sich manche machen und Konsequenzen, die sie befürchten.

Aber selbst wenn er Ausländerfeindlichkeit gemessen hätte, so müsste man fragen: Und jetzt? Nun wissen wir, dass 517 Befragte im Datensatz von Schröder, die der AfD zuneigen, sich im Ausmaß ihrer Ausländerfeindlichkeit (auf einer Skala von 1 bis 11, bei der die Extremkategorie weitgehend unbesetzt ist) höhere Werte erreichen als 23.822 andere Befragte im Durchschnitt. Derartiger Blödsinn ist zwar bestens dazu geeignet, die seichten Gehirne von Mainstream-Journalisten zu überrennen, aber er sagt eben  gar nichts über die Wirklichkeit aus, denn die Wirklichkeit ist komplexer als es die künstliche Dichotomie von Schröder zu fassen vermag. Anders formuliert: Wiederholte man dasselbe Verfahren für Personen mit einer Parteineigung für die CDU und stellte diesen wieder alle anderen Befragten gegenüber, so käme das selbe dabei heraus. Diese Wette halten wir!

Schröders Junk ist somit weder reliabel noch valide, die Messung ist nicht wiederholbar, und er hat nicht gemessen, was er behauptet, gemessen zu haben ABER selbst wenn er gemessen hätte, was er behauptet, gemessen zu haben, dann müsste man abschließend konstatieren, dass eine Welt, in der es eine Meldung ist, dass es in einem Datensatz 517 Personen mit höheren Durchschnittswerten bei vermeintlichen Maßen für Ausländerfeindlichkeit gibt, eine Welt ist, in der Hysterie offensichtlich zur Normalität geworden ist oder in der politische Denunziation zum Mittel geworden ist, seine eigene Karriere befördern zu wollen. In Marburg ist man wohl noch nicht bei der Erkenntnis angekommen, dass ideologische Mätzchen ein denkbar schlechtes Mittel sind, um sich anzudienen. Sie sind im Gegenteil ein gutes Mittel, um sich nach Gebrauch durch die ideologische Manipulationsmaschinerie in der Gosse und unter denen wiederzufinden, die in vorausgehenden Andienversuchen auf der Strecke geblieben sind.

In einer Demokratie ist es darüber hinaus normal, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Meinungen und Einstellungen haben. Insofern hat Forschung zu Einstellungen keinerlei Neuigkeits- und sonstigen Wert, sie ist einfach nur langweilig und überflüssig, denn dass Deutsche in ihrem Denken auch nach Jahren der öffentlich-rechtlichen Belästigung nicht gleichgeschaltet sind, das wissen wir bereits.

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