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Der Kampf um den moralischen Heiligenschein: War Rumpelstilzchen ein Nazi?

In einem sehr langen Essay müht sich „Gerhard Henschel“, Jacob und Wilhelm Grimm des Antisemitismus zu überführen. Die Anklageliste in Kürze:

Am 27. Dezember 1814 habe Jacob Grimm im Rheinischen Merkur von Judenseelen geschrieben. Die judenfeindliche Theaterposse „Unser Verkehr“ habe Jacob Grimm gar gemocht und darüber geschrieben: „Unser Verkehr wurde gegen die Juden, die es auf alle Weise zu hindern strebten, durchgesetzt und bei übervollem Hause gegeben. Die Juden stehen überhaupt, seitdem sie unklug auf völliger Gleichheit mit Christen bestanden haben, nun in ganz Deutschland weit schlechter als vor der französ. Periode.“ Im April 1817, so berichtet Hentschel weiter, habe Wilhelm seinem Bruder gestanden, einen Doktor erst als „Juden angesehen“ zu haben, fälschlich, wie sich herausgestellt habe. Der Jude im Dorn, die Geschichte von einem Menschen, der gequält und gehängt wird, habe Wilhelm Grimm mehrfach umgeschrieben, berichtet Henschel, und dabei „deutlich verschärft, wobei vor allem die Charakterisierung der Physiognomie des Juden und die Imitation seiner Sprache ausgebaut“ worden sei.

Der jüdische Schriftsteller Joseph Mendelssohn habe im Jahr 1845 bemerkt, dass Jacob Grimm eben nicht besonders judenfreundlich gesinnt gewesen sei. Gegen Daniel Sanders, der die philologischen Fähigkeiten der Grimms in Zweifel gezogen habe, solle Jacob Grimm den Rufmord beauftragt haben. Karl Weigand, so Henschel, habe im Auftrag von Grimm, den Kritiker Sanders des unwürdigen Betragens bezichtigt, was Zweifel daran wecke, dass deutsches Blut in den Adern von Sanders fließe.


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Und so geht es weiter.

Mit erstaunlicher Akribie stellt Henschel die Anklageschrift gegen Jacob und Wilhelm Grimm zusammen, die da lautet: Antisemiten.

Und woran erkennt man den wahren Antisemiten: Er zeugt und erzieht weitere Antisemiten. Ergo führt Henschel den publizistischen Hermann Grimm, Sohn von Wilhelm Grimm, gegen den Vater ins Feld:

„In seinen Briefen an den Germanisten Wilhelm Scherer äußerte er [Hermann Grimm] sich noch freimütiger. Er habe Berlin zuletzt kaum wiedererkannt »vor Gestank, Juden, Judenthum und jüdischer Anschauungsweise«, vertraute Herman Grimm ihm im September 1872 an, und im Juni 1877 legte er Scherer dar, was er von den öffentlichen Äußerungen des jüdischen Germanisten Theodor Creizenach halte: Es sei unerträglich, »dass man solche freche Judenfürze sich doch unter der Nase muß abfeuern lassen mit dem Anschein als sei es Luft wie andre Luft. Daß diese Bande noch einmal zu Brei gestampft werden wird, ist eine Überzeugung die zu hegen ich eingestehe.« Hierfür sind Wilhelm und Jacob Grimm selbstverständlich nicht haftbar zu machen, aber Herman Grimms Pöbelei erlaubt doch bedrückende Rückschlüsse auf die Kinderstube, die er genossen hat.“

Wenn man tatsächlich aus dem Geschreibsel der Söhne auf die Kinderstube, also die Erziehung durch die Väter, Mütter kommen im Weltbild von Henschel nicht vor, schließen kann, was sagt dann der derbe „Barbier von Bebra“ über die Kinderstube von Gerhard Henschel und über seinen Vater aus…

Michael Kothes hat dem Barbier von Bebra in der ZEIT das folgende Denkmal gesetzt:

„In einer kruden Mischung aus gespreiztem Puristendeutsch, Szenejargon und greller Revolverprosa richten die Autoren [Wiglaf Droste & Gerhard Henschel] ein Sprachmassaker an. Die totale Mobilmachung des Schunds, die Verwurstung des schlechten Geschmacks zur literarischen Schleuderware funktioniert aber nicht. Des klatschträchtigen Name-droppings ist man bald ebenso überdrüssig wie einer Diktion, die unentwegt den vulgären Verrenkungsstil bemüht: "Zornig knöterten die Fahrer der blockierten Lastkraftwagen aus den Seitenfenstern heraus und hupten bitterlich, während sich der Verkehr staute." Was am Anfang der Lesestrecke noch Witz und Komik hat, erreicht seine Halbwertszeit doch schneller, als ein Brummifahrer auf die Bremse treten kann.“

Wer den „Schund“ nicht gelesen hat, hat offenkundig nichts versäumt.

In jedem Fall bringt ein Essay, in dem längst Verblichene, die zu einer Zeit lebten, als Widerstand noch Konsequenzen hatte, einen Eintrag im Deutschlandfunk. Dort ist man immer auf der Suche nach Dreck, den man auf den Gräbern der Toten abladen kann, eine Art rituelle Reinigung, denn natürlich erwartet der, der den Dreck ablegt, dadurch als besonders sauber zu erscheinen.



Ob man beim Deutschlandfunk, wie es im Pfälzischen so schön heißt, noch ganz sauwwer isch, ist indes eine andere Frage, die uns nicht weiter interessieren soll. Wir wollen darauf hinweisen, dass sich der Versuch, Jacob und Wilhelm Grimm, die 1859 (Wilhelm) und 1863 (Jacob) bereits verstorben sind, den Makel des Antisemitismus anzuheften, nicht nur gegen die Grimms richtet, die Märchen gesammelt und überliefert haben. Er richtet sich auch gegen die Grimms, die ein „induktiv empirisches Verfahren“ entwickelt haben, um ihre gesamte vergleichende Sprachforschung darauf zu bauen. Die methodische Neuerung der beiden Antisemitischen Verdachtsfälle ist nur eine der Leistungen, die ihr Leben geprägt hat, ein prägender Einfluss auf die deutsche Grammatik, ein anderer. Sprache war für die beiden Grimms ein Vehikel, in dem einerseits ein universelles Menschheitserbe seinen Niederschlag gefunden hat, andererseits nationale Besonderheiten prägend Einfluss genommen haben.

Die logisch daraus folgende vergleichende Erforschung von Sprachen, mit dem Ziel, nationale Besonderheiten aufzudecken, ist eine methodische Folge dieser Ansicht, die Sonderegger wie folgt beschrieben hat: „Was wäre unsere Grammatik geworden ohne das umfassende philologische und sprachgeschichtliche Wirken der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, in dessen Zentrum das Ringen um ein historisches Verständnis des Wortes nach allen Seiten steht und das wir mehr und mehr unter dem Gesichtspunkt einer national gebändigten Universalität zu begreifen haben. Ja, was wäre unser Fach geworden, ohne die europäisch ausgerichtete literarische Universalität der Gebrüder Grimm?“ (Sonderegger 1985: 1). Dass die Gebrüder Grimm die Begründer des Deutschen Wörterbuches sind, ist daher nur konsequent.

Diese Leistungen, sie verblassen jedoch, sind irrelevant, wenn es nach denen geht, denen man wünschen würde, sie wären dazu in der Lage, Sprache und deren Verwendung in einen historischen Kontext zu stellen. Aber das scheint ihnen unmöglich, was erstaunlich ist, angesichts des Ausmaßes, mit dem sie sich beim Zeitgeist anbiedern.

Das Anbiedern, das war wiederum nicht die Sache der beiden Grimms, die Henschel auf die Anklagebank gesetzt hat. Dort saßen sie schon einmal. Ernst August I, König von Hannover, hat sie dorthin gesetzt. Ernst August bestieg im Jahr 1837 den Thron und hatte nichts Besseres zu tun, als die freiheitliche Verfassung Hannovers, die im Deutschen Staatengewirr fast einmalig war, das Staatsgrundgesetz, aufzuheben. Dagegen wandten sich sieben Göttinger Professoren. Damals hatten Professoren noch Rückgrat. Unter den sieben Professoren, die als Göttinger Sieben in die Geschichte eingegangen sind: Jacob und Wilhelm Grimm. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern wandten sie sich an ihren neuen König mit dem Vorwurf, die „durch seinen vorgänger geebnete, im lande zu recht bestätigte und beschworne verfassung eigenmächtig“ umgestürzt zu haben (Grimm 1999/1854: i).

Der Vorwurf war Grundlage der Forderung, die Verfassung wieder einzusetzen.

Eine solche Haltung erfordert etwas, das die moralischen Krieger, die posthumen Rufmord betreiben, nur noch vom Hörensagen kennen: Mut.

Ernst August I hat sich die Renitenz der Professoren nicht bieten lassen. Sie wurden ihrer Ämter enthoben, drei, Friedrich Dahlmann, Jacob Grimm und Georg Gottfried Gervinus des Landes verwiesen. Ein hoher Preis dafür, sich für Liberalität und Freiheit eingesetzt zu haben. Freilich gab es damals konkurrierende Fürsterei, weshalb die beiden Grimms auch postwendend in Berlin eine neue Anstellung bei Friedrich Wilhelm IV gefunden haben. Heute unvorstellbar.

Die Grimms sind somit nicht nur die Märchenerzähler. Sie sind nicht nur diejenigen, die eine neue Sicht auf Sprache begründet haben. Sie sind nicht nur die Gründer des Deutschen Wörterbuches. Sie sind Liberale, die für ihre Überzeugung persönliche Nachteile in Kauf genommen haben.

Sie sind Antisemiten, sagt Henschel und wischt damit selbst die in Fairness normalerweise vorzunehmende Abwägung dessen, was negativ zu Buche schlagen könnte, mit dem, was positiv zu Buche schlägt vom Tisch.


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Der Vorwurf, Antisemit zu sein, 1826 auf Seite 63 eines kleinen Breviers von „Negern“ geschrieben zu haben, er wirkt heute wie bakteriologische Kriegsführung. Ist der Zweifel erst einmal gesät, dann vermehrt sich die Zahl derer, die hoffen, durch den Kampf gegen die Antisemiten, Eingang in den Olymp des Gutmenschen, den Dom der Anbiederung zu finden, die moralische Erhöhung durch das Werfen von Dreck suchen, wie von Geisterhand geführt.

Gleichwohl muss die Verzweiflung, Antisemiten zu finden, immens sein, wenn nunmehr die Geschichte durchsucht und Namen von Grabsteinen abgeschrieben werden müssen, um sie eingehender Prüfung zu unterziehen.

Wie bigott und verlogen diese Form der posthumen Zerstörung der Leistung Anderer ist, lässt sich an nur einer einzigen Frage deutlich machen: Und nun?

Was wenn Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Juden nicht mochten?

Was, wenn Jacob und Wilhelm Grimm Antisemiten gewesen sein sollten, woran erhebliche Zweifel angebracht sind.

Wird Rumpelstilzchen dann zum Nazi und der böse Wolf zur vorweggenommenen AfD?

Welcher Nutzen resultiert daraus, Jacob und Wilhelm Grimm des Antisemitismus zu überführen?

Nur ein Nutzen entsteht daraus. Der Chefankläger wird mit seiner Anklageschrift durch politisch korrekte Medien gereicht, erhält Publicity, verkauft vielleicht ein Buch, vielleicht auch zwei und kann, wie all diejenigen, die in den Chor der Entrüsteten einstimmen, für sich den moralischen Heiligenschein reklamieren, den indes nur Sykophanten und Bigotte überhaupt beanspruchen wollen – die übermorgen vergessen sind – im Gegensatz zu den Grimms.


Literatur:

Grimm, Jacob (1999[1854]). Einführung. In: Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (1999[1854]). Deutsches Wörterbuch. München: Dtv, i-lxviii.

Sonderegger, Stefan (1985). National gebändigte Universalität. Die historische Wortforschung als pragmatische Erkenntnis und sprachwissenschaftliches Vermächtnis der Brüder Grimm. In: Hildebrandt, Rainer et al. (Hrsg.). Brüder-Grimm-Symposium zur historischen Wortforschung. Berlin: deGruyter, 1-23.



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