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„Fanatischer Dogmatismus“: Deutsche Wissenschaft wohl weitgehend im Katastrophenmodus

Bei uns um die Ecke, in Bangor, an der dortigen Universität lehrt Raimund Karl Archäologie. Seit 2003 tut er das. Er ist, so kann man daraus schließen, wie wir real Welsh. Genau wie wir, kann er es jedoch nicht lassen, die Missstände, die er in Deutschland und vor allem in der deutschen Wissenschaft sieht, anzuprangern, und zwar mit deutlichen Worten: "Wider die zahmen Worte" heißt ein bemerkenswerter Beitrag, der in diesem Sinne von Raimund Karl verfasst und auf seinem Blog und Online Journal „Archäologische Denkmalpflege“ veröffentlicht wurde.

[caption id="attachment_71398" align="alignright" width="363"] Bangor[/caption]

Karl beobachtet fanatischen Dogmatismus in der deutschen Wissenschaft. Das Besondere: seine Fanatiker finden sich in der Archäologie, nicht in den Sozialwissenschaften. Das ist aber auch der einzige Unterschied. Diesem einen Unterschied stehen viele Gemeinsamkeiten gegenüber, die die Fanatiker der Archäologie mit denen in den Sozialwissenschaften verbinden und die Zerstörung von Wissenschaft zu beider Projekt machen.

Wissenschaft, soviel zur Erinnerung, ist ein dem Erkenntnisfortschritt gewidmetes Projekt. Erkenntnis ist ein flüchtiges und vor allem temporäres Phänomen, einfach deshalb, weil man heute nicht wissen kann, was morgen entdeckt wird. Deshalb sind alle, die behaupten, sie wüssten genau, wie es sich in ihrer Wissenschaft verhält, Scharlatane, besser: religiöse Fundamentalisten, die vorgeben, was sie nicht wissen können:

„…der Mensch kann nicht nur irren, sondern irrt oft; wenn nicht sogar beinahe immer. Das liegt schon allein daran, dass selbst der vernünftigste Mensch mit der schärfsten Beobachtungsgabe in zweierlei Hinsicht begrenzt bleibt: er kann unmöglich alles beobachten, das es gibt; und unmöglich alles bedenken, was man bedenken müsste, um der Komplexität des Universums, in dem wir leben, gerecht werden zu können. Alle menschliche Erkenntnis ist daher zwingend und stets nicht mehr als Vermutung“, schreibt Karl.

Und weil dem so ist, haben die Wissenschaften eine Methode entwickelt, um ein Maß dafür zu gewinnen, welche Vermutung in der Realität am besten bewährt ist. So bilden Wissenschaftler Hypothesen, also Aussagen, die etwas über die Realität behaupten und an dieser überprüft werden können und an der Realität scheitern können. Und sie testen diese Aussagen. Und Wissenschaftler streiten, sie streiten darum, wessen Hypothese am besten von der Empirie getragen, am besten begründet ist. Damit sie streiten können, ist es notwendig, dass jeder mit seiner Hypothese, dass jede begründete Aussage über die Realität Zugang zum wissenschaftlichen Diskurs hat. Wir haben dies vor einiger Zeit in unserem Beitrag: Wissenschaft und Liberalismus beschrieben und gezeigt, warum Wissenschaft für jede begründete Aussage offen sein MUSS.

In einer offenen Wissenschaft herrscht der Streit, der Streit darüber, welche Hypothese die bessere von zwei konkurrierenden ist. Dieser Streit zeichnet sich dadurch aus, dass er ein Streit ohne Kompromiss ist. Wenn eine Hypothese etwas über die Realität behauptet und eine andere Hypothese über dieselbe Realität etwas anderes behauptet, kann nur eine richtig sein. Man kann sich auch nicht in der Mitte treffen und behaupten, beide träfen zur Hälfte zu. Karl beschreibt den wissenschaftlichen Streit in seinem Text sehr anschaulich. Wir empfehlen ihn abermals unseren Lesern zur Lektüre.

Was uns besonders gefällt: Karl versucht, die gute alte Polemik zu rehabilitieren. Im Zeitalter der linken Glaubenskrieger ist die Polemik in Misskredit geraten. Unter Polemik wird heute ein unsachlicher Angriff auf die Person oder das Gesagte verstanden. Selbst der Duden versteht Polemik so. Polemik ist jedoch in der klassischen Rhetorik der begründete Versuch, den eigenen Argumenten zum Durchbruch zu verhelfen und jene der Gegenseite zu entwerten. Das geschieht in pointierter, aber stets begründeter Weise. Deshalb ist es richtige Polemik von Pseudo-Polemik, wie sie z.B. Politiker anwenden, so leicht zu unterscheiden: Pseudo-Polemik dient lediglich dazu, den Gegner lächerlich zu machen oder zu diffamieren und dieser Versuch wird generell ohne jeden Bezug zu einem Argument unternommen, unter Begehung einer Vielzahl von Fehlschlüssen, z.B. dem argumentum ad hominem, dem argumentum ad metum, dem argumentum ad baculum und vielen mehr.

Das Schöne am Text von Karl ist, dass er versucht, Begriffe für ihren rechtmäßigen Besitzer zu reklamieren und denen, die sie nicht bedienen können oder nur missbrauchen, zu entziehen. Der Begriff der Polemik ist ein solcher, weshalb wir uns noch ein wenig damit aufhalten wollen. Der Unterschied zwischen Polemik und Pseudo-Polemik besteht darin, dass erstere stets begründet daherkommt, während Letztere auf den billigen Effekt ausgerichtet ist und keinerlei Argument anführt.

Dazu schreibt Karl:

„Ist ein Argument so offensichtlich falsch, dass es lächerlich ist, dann darf und soll man es auch lächerlich machen: das dient dem Zweck, möglichst effektiv zu verhindern, dass es Dritte dennoch übernehmen, weil sie die begründete Feststellung, dass und warum es falsch ist, nicht ausreichend überzeugt hat, es für falsch halten; z.B., weil sie gerne hätten, dass es richtig wäre. Niemand arbeitet völlig vorurteilsfrei, auch nicht (und oft gerade besonders nicht) in der Wissenschaft. Eine tatsächlich sarkastische Vernichtung eines Arguments, das zwar offensichtlich und gut begründeter Maßen falsch, aber dennoch für manche Wissenschaftler aus ideologischen oder anderen Gründen attraktiv ist, wirkt solchen vorurteilsbedingten Tradierungen falscher Fachmeinungen entgegen. Zahme Worte schaden hier, nur harte und eventuell auch ironische, satirische oder sarkastische Worte erfüllen den Zweck, den die wissenschaftliche Polemik erfüllen soll und muss.“

Der Mann spricht uns aus dem Herzen.

Fassen wir kurz zusammen:

  • Wissenschaft findet öffentlich, nicht im Verborgenen statt.
  • Wissenschaft sucht nach Erkenntnis und bildet zu diesem Zweck Hypothesen über die Realität.
  • Der heftige Streit darüber, welche von widersprechenden Hypothesen die richtige ist, ist das Lebenselixier von Wissenschaft. Gibt es diesen Streit nicht, dann gibt es keine Wissenschaft.
  • Damit es diesen Streit geben kann, darf keine begründete Hypothese aus der wissenschaftlichen Arena ausgeschlossen werden.

Die Wirklichkeit der deutschsprachigen Wissenschaft, wie wir sie für die Sozialwissenschaften beschreiben und Karl für die Archäologie beschreibt, ist davon meilenweit entfernt.

Anonyme Gutachter versuchen, mit Fehlschlüssen und Scheinargumenten jeder Art und geschützt durch ihren Status der Anonymität, Arbeiten, gegen die sie keine argumentativen Mittel ins Feld führen können, zu unterdrücken. Sie versuchen, einen kritischen wissenschaftlichen Diskurs zu verhindern und damit Wissenschaft zu zerstören. Wir haben das in vielen Texten auf ScienceFiles für die Genderista, aber auch für Mainstream-Politikwissenschaftler und Anbiederungs-Soziologen beschrieben, Karl beschreibt es für die Archäologie in fast denselben Worten. Mit Verweis auf den Versuch, abweichende Fachmeinungen zu unterdrücken, schreibt er:

„Derartiges Vorgehen hebelt vielmehr den einzigen echten Selbst- und Fehlerkorrekturmechanismus aus, den die Wissenschaft hat, den öffentlichen, kritischen, wissenschaftlichen Diskurs, und schadet somit der fachlichen Qualitätssicherung ebenso wie der Suche nach der ‚Wahrheit‘, um die es letztendlich geht. Solches Vorgehen ist wissenschaftsfeindlich und -schädlich; ist charakteristisch für fanatischen Dogmatismus, bei dem nicht nur Abweichungen vom wahren Glauben unterdrückt, sondern Häretiker gleich ganz zum Schweigen gebracht werden müssen“.

Und er schreibt weiter für seine Archäologie, was wir für unsere Sozialwissenschaften fast wortgleich geschrieben haben:

„Einzig jene, denen sachliche Argumente fehlen, oder denen es wichtiger ist, mit ihrer Meinung recht zu behalten, als dass sich beste wissenschaftliche Erklärung durchsetzt, können ein Interesse daran haben, die Veröffentlichung anderer als ihrer eigenen wissenschaftlichen Fachmeinungen zu verhindern. Öffentliche, auch scharfe, aber sachliche Kritik brauchen nur jene zu scheuen, die nicht auf dem wissenschaftlich adäquaten Weg, nämlich durch ebenso sachliche wie scharfe Gegenschriften, ihren Kritikern öffentlich entgegenzutreten wagen; weil sie Angst haben, dass sie den wissenschaftlichen Meinungsstreit verlieren könnten (oder sogar wissen, dass sie ihn in Ermangelung irgendwelcher Argumente für ihre Ansicht verlieren werden)“.

Damit sind wir zurück bei den Gläubigen, die zwar nicht wissen, warum sie glauben, was sie glauben, aber wissen, dass ihr Glaube der richtige ist. In den Sozialwissenschaften ist keine andere Gruppe besser als Sekte beschrieben als die Genderista, deren Umgang mit Kritik in genau der von Karl für die Archäologie beschrieben Weise besteht: Fehlschlüsse werden an Scheinargumente gereiht, der Angriff auf die Person des Kritikers ist Normalität, die Einordnung von Kritikern an der Gender-Kirche als Häretikern die Regel und die Verfolgung einschließlich des Versuchs, die Kritiker mundtot zu machen, keine Ausnahme.

Karl ist sicher, dass derartige Praktiken die Wissenschaft zerstören müssen. Wir auch. Karl ist der Ansicht, dass Zensurversuche schonungslos aufgedeckt werden müssen. Wir auch. Und er schließt seinen Beitrag mit den folgenden Sätzen:

„Ich werde daher ab sofort sowohl in meiner herausgeberischen Tätigkeit als auch als Autor, der gelegentlich enorm unsachliche ‚Gutachten‘ auf den Tisch bekommt, auch entsprechend handeln und Verhalten, das für mich einen Verdacht auf schwerwiegendes wissenschaftliches Fehlverhalten begründet, in geeigneter Form behandeln. Und zwar nicht in zarten, sondern in sachlichen, aber ebenso scharfen wie bestimmten, kompromisslosen, d.h. polemischen Worten.“

Wir freuen uns auf entsprechende Veröffentlichungen.

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