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Merkel: "Multikulturalismus ist gescheitert"

Durch das englischsprachige Web geht derzeit die Meldung, dass Angela Merkel am Wochenende den Multikulturalismus als „utterly failed“ bewertet habe. 

“Speaking to a meeting of young members of her Christian Democrats (CDU), Merkel said allowing people of different cultural backgrounds to live side by side without integrating had not worked in a country that is home to some four million Muslims.

"This (multicultural) approach has failed, utterly failed," Merkel told the meeting in Potsdam, south of Berlin.”

Das kann man auf Zerohedge seit heute, 4:15 Uhr, nachlesen. Zerohedge scheint die Quelle dieser erstaunlichen Aussage von Merkel zu sein. Nach Zerohedge hat die Online News Agency (Sitz: Baku) den Beitrag übernommen, und von hier aus ist er nun bereits auf dem Weg durch das Internet.

Fragen wir zunächst, ob Merkel meint, was sie hier sagt? Das setzt eine Bestimmung des Begriffs "Multikulturalismus" voraus.

Ausgehend von Charles Taylor, der in seinem Essay „Multiculturalism and the Politics of Recognition” mehr oder weniger die Grundlage der heutigen Misere gelegt hat, in dem er seinen Multikulturalismus auf die beiden Pfeiler der Akzeptanz der Andersartigkeit und der aktiven Förderung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen durch z.B. die Vergabe von Privilegien gestellt hat, wurde Multikulturalismus zu dem Konzept weiterentwickelt, das er heute ist:

Multikulturalismus ist nicht nur der Oberbegrifft, unter dem der Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen diskutiert wird, Multikulturalismus ist in den letzten Jahren zum Oberbegriff der kompletten Agenda linker Identitätspolitik geworden.


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Wenn Multikulturalismus also gescheitert ist, wie Merkel das gerade verkündet haben soll, dann sind linke Identitätspolitiken mit Bezug auf ethnische und religiöse Minderheiten, LSBTQ+, Frauen usw. gescheitert. Wenn Merkel das, was sie gerade verkündet hat, ernst meint, dass müssen die ganzen Programme, in denen die entsprechende „Andersartigkeit“ der genannten gesellschaftlichen Gruppen anerzogen bzw. durchgesetzt werden soll, gestrichen werden, also die Programme, die der von Dr. habil. Heike Diefenbach in ihrer Auseinandersetzung mit dem Anti-Rassismus zitierte Richard Bernstein meint, wenn er sich gegen die mannigfaltigen Erziehungsversuche wendet, die heute westliche Gesellschaften auszeichnen:

„Hiding behind the innocuous, unobjectionable, entirely praiseworthy goal of eliminating prejudice from the human heart lies a certain ideology, a control of language, a vision of America that, presented as consensual common sense, is actually highly debatable. By its very nature it thrusts the concepts of „racism‟ and „sexism‟ and the various other issues to the forefront, turning them from ugly aberrations into the central elements of American life and implicitly branding anyone who does not share that assumption to be guilty of the very issues that he feels do not lie in his heart” (Bernstein 1994: 36-37).

Obwohl wir es begrüßen würden, wenn Merkel tatsächlich beabsichtigen würde, der linken Identitätspolitik, die Grundlage der Regierungspolitik ist, den Rücken zu kehren, haben wir doch erhebliche Zweifel daran.

Zur Erinnerung, nach einer Definition von Dr. habil. Heike Diefenbach zeichnet sich die Identitätspolitik dadurch aus, dass ihre Vertreter, die sich zumeist links im politischen Spektrum verorten, ihr ganzes Trachten darauf richten, eine Politik zu vertreten, die sie bereichert und gesellschaftliche Gruppen, Frauen, Migranten, Flüchtlinge, Homosexuelle, Transsexuelle zunächst homogenisiert, sie dann zu Opfern erklärt, um ihnen schließlich zur Hilfe eilen zu können, und zwar mit dem vermeintlichen Ziel, sie anderen Bevölkerungsgruppen gegenüber und ohne Rücksicht auf Leistung gleichzustellen.

Identitätspolitik ist somit ein Unterfangen das in Widerspruch zu Gerechtigkeit steht, und Identitätspolitik ist nichts anderes als die Umsetzung dessen, was als Multikulturalismus bezeichnet wird.

Wenn Multikulturalismus also gescheitert ist, dann ist damit die gesamte Identitätspolitik gescheitert: Professorinnenprogramm ade, Gender Mainstreaming ade, LSBTIQ+-Förderung ade, ungebremste Zuwanderung ade, im Mittelmeer retten zur persönlichen Profilierung ade, staatliche Erziehungsprogramme wie „Demokratie leben!“ ade …

Wenn Merkel es also ernst meint, dann würde dies das Ende der Schwätzperten bedeuten, die sich in Deutschland vornehmlich um den Speckgürtel des Bundesministeriums für FSFJ angesiedelt haben und dort in Saus und Braus und auf Kosten der Steuerzahler leben.

Aber meint Merkel das ernst?

Natürlich nicht.

Es sind hehre Worte, denen gegenteilige Taten gefolgt sind:

Im Jahr 2004 hat Merkel die Idee des Multikulturalismus als „dramatisch gescheitert“ bezeichnet und offen gelassen, was sie damit meint.

Erinnern Sie sich noch an die Diskussion um die deutsche Leitkultur, an eine der Diskussionen über die Leitkultur, z.B. die aus dem Jahre 2000? Damals hat Merkel die Idee des Multikulturalismus im Rahmen eben dieser Diskussion für gescheitert erklärt, damals wusste sie sogar, dass Multikulti eine linke Idee ist:

„In der Union dagegen fürchten viele angesichts der kulturellen Unterschiedlichkeit den Verlust von Werten, Maßstäben oder Spielregeln: In den Aussagen von Meyer bis Goppel erscheinen daher "Ausländer" stets so, als würden sie ununterbrochen das "Gastrecht" missbrauchen, das Grundgesetz malträtieren oder sich respektlos gegenüber den deutschen Gepflogenheiten verhalten. In diesem Sinne hält Angela Merkel auch die "linke Idee" von der multikulturellen Gesellschaft für gescheitert. Doch wie viel Unterschied verträgt Deutschland wirklich?”

Nun mag das Gedächtnis von Merkel nicht bis 2000 zurückreichen. Frischen wir es mit Aussagen aus dem Jahr 2010 aus. Damals hat Merkel den Multikulturalismus für „absolut gescheitert“ erklärt:

"In der Integrationsdebatte hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür ausgesprochen, Zuwanderer stärker in die Pflicht zu nehmen. Es sei wichtig, Zuwanderer zu fördern und zu fordern, sagte die CDU-Vorsitzende auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in Potsdam. Das Fordern sei in der Vergangenheit aber zu kurz gekommen.

Merkel sagte, Zuwanderer müssten nicht nur die deutschen Gesetze achten, sondern auch die deutsche Sprache beherrschen. „Darauf muss absoluter Wert gelegt werden“, sagte sie. Muslimische Mädchen müssten an Schulreisen ebenso teilnehmen wie am Schwimmunterricht. Den „Multikulti-Ansatz“ erklärte sie für „absolut gescheitert“.

Oder wie wäre es damit: 1. Dezember 2003, Parteitag der CDU in Leipzig: Merkel erklärt den Multikulturalismus für gescheitert:

 

Im Jahr 2000 hat Merkel verkündet, dass der Multikulturalismus gescheitert ist.

Im Jahr 2003 hat Merkel verkündet, dass der Multikulturalismus gescheitert ist.

Im Jahr 2004 hat Merkel verkündet, dass der Multikulturalismus dramatisch gescheitert ist.

Im Jahr 2010 hat Merkel verkündet, dass der Multikulturalismus absolut gescheitert ist.

Dann wurde es merkwürdig still um das von Merkel verkündete Scheitern des Multikulturalismus.

Im Jahr 2015 hat Merkel dann im September die Grenzen geöffnet und eine der größten Migrationswellen, die Europa je gesehen hat, ermöglicht. Wenn der Multikulturalismus für Merkel also gescheitert ist, wie man annehmen muss, wenn man Merkel ernst nimmt, dann wollte sie offenkundig im Jahr 2015 durch eines der größten Feldexperimente für alle Welt dokumentieren, dass der Multikulturalismus gescheitert ist.

Und nun, im Jahr 2019 soll Merkel, wie Tyler Durden heute auf Zerohedge schreibt, wohl nachdem das großflächige Scheitern des Multikulturalismus-Feldexeriments aus dem Jahre 2015 überall sichtbar ist, einmal mehr bekräftigt haben, dass der Multikulturalismus gescheitert ist?

Wir haben nach wie vor unsere Zweifel.

Berechtigte Zweifel, wie sich herausstellt, denn die Quelle, auf die sich Durden in seinem Beitrag bezieht, ist ein Text von Reuters aus dem Jahre 2010. Damals hat Merkel in Potsdam verkündet, dass der Multikulturalismus vollständig gescheitert ist.

Und im Jahr 2019 scheint sie die Aussage von damals wieder einzuholen. Das Netz vergisst eben nichts. Sehr zum Ärger von Politdarstellern, die mehr oder minder von den Lügen früherer Tage gejagt werden.



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