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Öffentlich-rechtliche Wettbewerbsverzerrung: Tagesschau gibt Anschub für Start-up

Kennen Sie Gnu Social?
Haben Sie schon einmal etwas von der Diaspora-Foundation gehört?
Wie ist das mit Friendica? Schon einmal davon gehört?
Oder mit VK oder RENREN?

In jedem, der genannten Fälle handelt es sich um soziale Netzwerke, um Konkurrenzveranstaltungen zu Facebook.
Können Sie sich daran erinnern, dass die ARD jemals über einen der fünf Facebook-Konkurrenten berichtet hat?

Wir auch nicht.
Und Google kann es auch nicht. Es findet sich nicht ein Beitrag zu einem der fünf existierenden Konkurrenten.

Dafür findet sich heute ein Beitrag zu Openbook.
Openbook so hieß eine Suchmaschine für Facebook, die 2012 geschlossen wurden.
Nun gibt es wieder ein Openbook. Dieses Mal in direkter Konkurrenz zu Facebook: "Wie Facebook, aber ohne Datenhandel", so schreibt David Zajonz vom WDR in seinem Werbebeitrag.

Der vorab verteilte Lob für das Openbook, das Nutzer „nicht zu Geld machen“ will, wie Joel Hernández, der Gründer von Openbook verspricht, ist groß: Im Gegensatz zu Facebook wolle Openbook, die „Daten seiner Nutzer schützen und komplett auf Werbung verzichten. Auch eine Abogebühr wollen die Gründer nicht erheben“, schreibt Zajonz.

Und wundert sich. „Wo soll das Geld herkommen?“

Nun kommt das, was man wohl nur als satten Verstoß gegen die zumindest ansatzweise vorhandene Pflicht zur objektiven, ausgewogenen und unparteilichen Berichterstattung ansehen kann, wie sie in § 11 des Rundfunkstaatsvertrags festgeschrieben ist:

„(2) Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben bei der Erfüllung ihres Auftrags die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen“.

„Zunächst gehe es darum, Nutzer in das Netzwerk zu ziehen, sagt Openbook-Gründer Hernández. Langfristig wolle man dann eine Art digitalen Geldbeutel einführen. Damit soll es möglich werden, in der digitalen und in der realen Welt zu bezahlen - von Konzertkarten bis zum Kaffee in der Bäckerei. Mit diesem System will Openbook Geld verdienen.”

Der Erfolg des Geschäftsmodells von Openbook hängt also davon ab, dass möglichst viele Nutzer auf das Netzwerk aufmerksam werden. Allerdings gibt es Openbook noch gar nicht, denn das Projekt soll durch Crowdfunding finanziert werden: 100.000 Euro sind das Zeil der Kampagne, die gerade erst angelaufen ist und 29 Unterstützer hatte, als wir die entsprechende Kickstarter-Seite aufgerufen haben.

Auf der Seite der tagesschau, wird also Werbung für ein Projekt gemacht, das

  • es derzeit noch nicht gibt,
  • dessen Erfolg davon abhängt, dass möglichst viele Menschen es kennen und vielleicht auch nutzen,
  • dessen Geschäftsmodell niemand kennt,
  • das nur dann aktiv wird, wenn 100.000 Euro per Crowdfunding eingesammelt werden können.
  • Und das sich als Alternative zu Facebook ausgibt, wenn auch niemand so wirklich weiß, wie diese Alternative funktionieren soll.

Openbook ist eher ein schwarzes Loch als ein Openbook, eine große Unbekannte, für die in der Tagesschau dennoch bereits Werbung gemacht wird.

„Beim Angriff auf Facebook hilft den Gründern die neue Datenschutzverordnung der EU. Durch sie sind große Plattformen dazu verpflichtet, Nutzern Zugang zu ihren Daten zu geben und so den Wechsel zu einem Wettbewerber zu erleichtern“, schreibt Zajonz.

Und damit es diesen Angriff auf Facebook auch geben kann, macht er schon einmal Werbung für ein Projekt, das nur dann verwirklicht wird, wenn 100.000 Euro zusammen kommen.

Wir haben uns an dieser Stelle schon öfter über die Themen gewundert, die die tagesschau aufgreift bzw. die sie wegen überregionaler Irrelevanz nicht aufnimmt.

Offensichtlich ist man bei der tagesschau der Ansicht, dass ein Projekt, das es (1) noch nicht gibt, von dem (2) nicht sicher ist, dass es jemals in die Tat umgesetzt werden wird, dessen (3) Realisation davon abhängt, dass 100.000 Euro über Crowdfunding eingeworben werden können, eine Wahrscheinlichkeit, die sich mit der Verbreitung der Kunde vom Projekt natürlich erhöht, ein Projekt, das (4) kein benennbares Geschäftsmodell hat und (5) außer Datenschutz eigentlich nichts verspricht, (6) ein holländisches Projekt, zu den Themen gehört, die überregionale Bedeutung genießen und über die deshalb berichtet, für die deshalb die Werbetrommel gerührt werden muss.

Für uns ist das ein eklatanter Verstoß gegen den Rundfunkstaatsvertrag.

Für die tagesschau-Redaktion vermutlich nur „business as usual“, denn die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote ist nicht wirklich das, was die Berichterstattung von tagesschau.de auszeichnet.

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