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Stalinisierung der Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz

„Der Versuch, den Himmel auf Erden zu errichten, erzeugt stets die Hölle.“


(Popper, Karl Raimund, 2003: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. Tübingen: Mohr Siebeck, S.277).

 

Das Verhängnis beginnt wie so oft mit Marx: „Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“, so seine 11. These über Feuerbach aus dem Jahre 1845. Seitdem gibt es keinen Mangel an Selbst-aggrandisierenden, unverdaute Halbwahrheiten durchsetzenden kleinen und großen Weltverbesseren, die anderen zeigen wollten, was es heißt, die Welt zu verändern, zum Richtigen, zum Guten zu verändern. Die Massengräber des Sozialismus und des Nationalsozialismus geben ein beredtes Zeugnis vom Erfolg dieser Versuche.

Das Kennzeichen einer wissenschaftlichen Haltung ist es, dass Aussagen, die sich als falsch erwiesen haben, die der Realität widersprechen, revidiert werden. Das Kennzeichen einer ideologischen Haltung ist es, dass die Realität den Aussagen der Ideologie, die der Realität widersprechen, angepasst werden soll.

In diesem Sinne ziehen ideologische, vermeintliche Weltverbesserer eine Blutspur durch die Jahrhunderte nach sich, die zu keinerlei Umdenken geführt hat. Im Gegenteil: Je größer das Scheitern, je größer die Anzahl der Opfer ideologischer Experimente, desto verbissener arbeiten die Ideologie-Gläubigen daran, das Heil nun endgültig über diejenigen zu bringen, die einfach nicht einsehen wollen, was gut und richtig für sie ist.

In modernen Zeiten beginnt die Vermittlung der Heilsvorstellungen regelmäßig bereits im Kindesalter.

Drei-, Vier, Fünf- und Sechsjährige werden zum Gegenstand der Erziehung zum richtigen und guten, zum Heil, das dieses Mal als „Demokratie“ bezeichnet, als „wertgebundene parlamentarische Demokratie“ umschrieben und durch eine Vielzahl von hehren Motiven ausgezeichnetes Etwas dargestellt wird.

„Demokratisches Handeln [beginnt] in der Kindertagesstätte und „Demokratie lebt … von gemeinsam geteilten [!sic] Werten aller … Bürger“, so verkündet der derzeitige rheinland-pfälzische Darsteller eines Bildungsministers, Stefanie Hubig.

Weil Demokratie nur ganz bestimmte Werte umfasse, weil Demokratie nicht nur die Herrschaft der Mehrheit, sondern auch der Schutz von Minderheiten sei, weil Partizipation grundlegend für eine Demokratie sei, deshalb müsse man schon in „Kindertageseinrichtung“ „Selbstwirksamkeit im Kindesalter“ herstellen und eine „bewusste Nutzung von Medien“ vermitteln. Demokratisches Handeln beginne in der Kindertagesstätte, Mündigkeit sei die Grundlage für demokratisches Handeln, gesellschaftliche Entwicklungen seien aus dem Sozialraum Kindertagesstätte heraus zu beeinflussen, die „Partizipation von Kindern unter 3 Jahren“ dazu bereits notwendig.

Die Stalinisierung der Kindheit schreitet voran.

Richtige Kindheit umfasst das Erlernen der richtigen Form politischer Partizipation, die Vermittlung der richtigen demokratischen Werte: „Bildung beginnt mit der Geburt – Partizipation ebenso!“, steht im „Programm der Fachforen Demokratiepädagogik in Kindertagesstätten“ zu lesen. Irit Wybrobnik, an der Hochschule Koblenz für frühkindliche Bildung zuständig, befasst sich in diesem Redebeitrag vermutlich mit den Problemen, die sich damit verbinden, Zwei- und Dreijährige zur Erstellung eines Kreuzes in einem vorgegebenen Kreis zu „empowern“.

Die Feinde der offenen Gesellschaft, so hat Karl-Raimund Popper in beiden Bänden seiner Offenen Gesellschaft an vielen Stellen argumentiert, das sind immer die, die wissen, was für andere richtig ist, das sind immer die, die die Welt verbessern und alles zum Guten wenden wollen, das sind immer die, die überzeugt sind, dass sie genau wissen, was das Gute für Andere ist, immer die, die vor lauter Überzeugung nicht einmal vor Zwei- und Dreijährigen Haltmachen. Wenn es darum geht, der Welt den Segen zu bringen, dann kann man keine Altersbegrenzung einführen.

Die Travestie von Demokratie, der Erziehungsstalinismus, der sich als demokratische Wertegemeinschaft ausgibt, er kommt einmal mehr als strikte Vorgabe des richtigen demokratischen Denkens, der richtigen demokratischen Inhalte, der richtigen demokratischen Bewertung der richtigen demokratischen Themen. Auch der Erziehungsstalinismus „frühkindlicher Erziehung“ zum demokratischen Automaton ohne Freiheit, die eigene Einstellung zu überdenken oder von der Vorgabe des Richtigen abzuweichen, steht als Korsett des richtigen Denkens bereit, um abweichende Gedanken zu brandmarken, auszuschließen und an jeder Stelle Vorgaben darüber zu machen, was gut und richtig ist.

Der mündige Bürger, den der Erziehungsstalinismus produziert, gleicht den Menschen aus Platons Höhlengleichnis (das er Sokrates zuschreibt): Gefesselt an Kopf und Gliedern und nur mit dem Blick auf eine Wand, die im Feuerschein Schatten einer Außenwelt, die ihnen nicht erreichbar ist, zeigt, dümpeln sie vor sich hin. Dieses Ideal scheint auch denen vorzuschweben, die eine „wertgebundene parlamentarische Demokratie“ bereits in die Hirne von Drei- und Vierjährigen hämmern wollen, die mit Demokratie überhaupt nichts zu tun hat.

Denn Demokratie lebt von der Konkurrenz der Ideen. Das setzt voraus, dass es mehrere Ideen gibt und keine der Ideen als richtige, gute oder was auch immer bewertet wird. Demokratie setzt voraus, dass der Zugang zum demokratischen Markt frei ist und nicht auf der Vergabe von Privilegien basiert, die nur dem gegeben werden, der sich als gleichgeschalteter Repetierer ausgezeichnet hat und mit dem Stempel „staatlich erzogener Demokratie-Darsteller“ versehen ist. In einer Demokratie steht die Antwort auf die Frage, welche Idee, die richtige ist, am Ende eines Prozesses, in dem Ideen miteinander konkurrieren. Die Antwort steht gerade nicht am Anfang der Diskussion.

Demokratien basieren also darauf, dass vorab weder eine Bewertung noch ein Ausschluss bestimmter Ideen vom Markt der Ideen erfolgt. Demokratien basieren darüber hinaus auf einer Reihe von Verfahrensregeln, die notwendig sind, um ungehinderten und gleichen Zugang zum Markt der Idee zu gewährleisten. Sie basieren abermals nicht auf der Idee, man können vorab ausschließen, was einem nicht genehm ist, und sie basieren mit Sicherheit nicht auf der Vorstellung, dass es einen festen Korpus inhaltlicher Ideen gibt, die für alle Zeiten als gut befunden wurden und nunmehr jeglicher Diskussion und Kritik entzogen werden.

Die Erziehung zur richtigen Art „Staatsbürger“, die auch als „Erziehung zur Mündigkeit“ bezeichnet wird, obwohl es nicht um Mündigkeit, sondern um Determinierung, um Begrenzung der Willensfreiheit geht, hat, wie oben bereits gesagt, eine lange Geschichte, die im Stalinismus so etwas wie eine Vollendung erfahren hat, Vollendung dahingehend, dass Ideen, die vom Korpus dessen, was als richtig vorgegeben wurde, abweichen, ohne jeden Anflug von menschlicher Empathie und Verständnis bestraft wurden, Vollendung dahingehend, dass es gelungen ist, ein menschenverachtendes System und dessen Narration als Inkorporation der Herrschaft der Arbeiter und Bauern und der Befreiung der Menschen gleichzeitig zu etablieren.

Wir haben ein wenig in den Archiven gekramt und den folgenden Text „Das Programm für die Erziehung und Bildungsarbeit im Kindergarten“, wie es die SED im Jahre 1985 verabschiedet hat, herausgekramt. Er zeigt, was denjenigen in Rheinland-Pfalz vorschwebt, die bereits in der Kindertagesstätte damit beginnen wollen, freies Denken und damit auch kreatives Denken, zu beseitigen und Kinder zu Parteisoldaten, dieses Mal der richtigen demokratischen Gesinnung zu erziehen.

Die Stalinisierung der DDR-Erziehung in Kinderkrippen erfolgte in drei Wellen: Welle 1 umfasst die jüngste Gruppe der 3 bis 4jährigen, die in der Kinderkrippe u.a. folgendem Regime unterzogen werden:

„Sie erfahren, dass die große Sowjetunion und andere sozialistische Länder unsere Freund sind. Es sind Gefühle der freundschaftlichen Verbundenheit der Kinder mit den Menschen dieser Länder herauszubilden. Die Kinder sollen erfahren, dass es Menschen gibt, die unsere Feinde sind und gegen die wir kämpfen müssen, weil sie den Krieg wollen“ (nach: Schneider, 1995: 63).

Der Aberwitz gegen Hass anzuhassen, der sich letztens in Berlin Bahn gebrochen hat, hat demnach historische Vorläufer.

Die zweite Welle der Stalinisierung in der Kinderkrippe erfasst Vier- und Fünfjährige und vertieft, was bis dahin vermittelt wurde. Schließlich sehen sich die Fünf, Sechs- und Siebenjährigen der älteren Gruppe mit den folgenden Erziehungszielen konfrontiert:

„In der älteren Gruppe hat die Erzieherin die Aufgabe, die von den Kindern bereits erworbenen Kenntnisse über die DDR zu festigen und zu erweitern und die Liebe zu ihrem sozialistischen Vaterland weiter auszuprägen. Die Kinder sollen wissen, dass die DDR ein sozialistisches Land ist, das mit der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern eng verbunden ist, in dem es keine Unterdrücker und Feinde des Volkes gibt. Sie sollen verstehen lernen, dass die Kinder und Erwachsenen im Sozialismus sicher und geborgen leben, weil viele Menschen, insbesondere die Genossen der Partei der Arbeiterklasse, durch ihre verantwortungsbewusste Arbeit, die DDR stärken, für die Erhaltung des Friedens kämpfen und das sozialistische Vaterland vor Feinden schützen …“

Und schließlich:

„Die Kinder sind zur Verachtung der Feinde der Völker zu erziehen, die den Frieden, die Sowjetunion und alle sozialistischen Länder bedrohen und die schuld daran sind, dass noch immer Menschen unterdrückt und ausgebeutet werden und deshalb in Not und Elend leben“. (aus: Schneider, 1995: 65-66)

Der pathetische Unsinn, der in der DDR gebraucht wurde, um bereits Kleinkinder zu indoktrinieren und am freien Geist und Willen zu schädigen, ist einmal mehr den Weg aller Sozialismen und unter gegangen. An seiner Stelle finden wir heute pathetischen Unsinn, der in Deutschland gebraucht wird. Wieder soll bereits Kleinkindern das richtige Wertsystem vermittelt werden, die richtige Haltung zur Verfassung des Staates und der politischen Kaste, die ihn repräsentieren will, anerzogen werden, und wieder besteht das Ziel darin, eine Travestie dessen zu schaffen, was als politische Ordnung der Demokratie bekannt ist, als jene Ordnung, die darauf basiert, dass Meinung frei von Vorgaben ist, dass Mündigkeit darin besteht, eigene Gedanken und Schlussfolgerungen formulieren zu können und nicht darin, Vorgegebenes richtig zu erinnern und wiederzukauen, ohne dabei auf die Idee zu kommen, man könnte etwas Vorgegebenes hinterfragen oder gar in Frage stellen.

Und natürlich ist es müßig darauf hinzuweisen, dass nur sozialistische Systeme in der Enteignung und Entmündigung ihrer Bürger soweit gehen, dass sie staatliche Indoktrination über das Recht von Eltern, ihre Kinder zu erziehen, stellen. Wo das Heil bekannt ist, kann es keine Abweichungen geben, das hatte schon die Inquisition als Grundsatz. In Rheinland-Pfalz wollen Politdarsteller diesen Grundsatz wieder leben.

Demokratiepädagogik in Kindergärten, will die Landesregierung in Rheinland-Pfalz betreiben. Erziehung zum anti-demokratischen Automaton ohne abweichende Ideen, wäre die treffende Bezeichnung.

Schneider, Ilona Katharina (1995). Weltanschauliche Erziehung in der DDR. Normen - Praxis - Opposition. Opladen: Leske & Budrich.

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