Einmal mehr geht eine Forschung durch das Internet, bevor sie ordentlich veröffentlicht ist:
Nnadi, Ekenedilichukwu, Maureen Masara, Rita Offor, Selin Unal, Rebhi Rebah, Muhammed Atere, Bisrat Nigussie, and Suzette Graham-Hill (2025). Effect of Long-term Melatonin Supplementation on Incidence of Heart Failure in Patients with Insomnia. Circulation 152(Suppl_3): A4371606-A4371606.
Gegenstand der Forschung, die recht ausführlich bei der American Heart Association besprochen wird, ist Melatonin, ein Hormon, das in der Zirbeldrüse produziert wird, wenig, wenn es hell ist, viel wenn es dunkel wird. Melatonin gilt in den USA als Supplement, als Zusatzstoff und kann „over the counter (OTC)“, also im freien Handel verkauft werden.
In Europa im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen, ist Melatonin verschreibungspflichtig, kann also nur auf Rezept erworben werden, als Circadin, Melatonin AL oder Melatonin ratiopharm. Grund der Verschreibung: Schlaflosigkeit (Insomie) oder ADHS, eine Diagnose, die offenkundig dazu führt, dass Betroffene (vor allem Jungen) mit allem Möglichen abgefüllt werden.
Zu diesem Zweck haben Ekenedilichukwu et al. (2025) Angaben zu 130.828 Personen, die unter Schlaflosigkeit / Schlafstörung leiden, aus der internationaln TriNetX-Datenbank gezogen, 65.414 davon haben mindestens ein Jahr lang ihre Schlafstörung mit Melatonin zu bekämpfen versucht, 65.414 ohne Melatonin Schlaf gesucht.
Das Ergebnis der Forschung liest sich in relativen Wahrscheinlichkeiten erschreckend:
Wer Melatonin für mindestens ein Jahr eingenommen hat, hat eine um 90% höhere Wahrscheinlichkeit auf Herzstillstand als derjenige, der auf Melatonin verzichtet, eine um das 3.5fache höhere Wahrscheinlichkeit, wegen eines Herzstillstands hospitalisiert zu werden und eine um das 2fache erhöhte Wahrscheinlichkeit, zu sterben, egal, woran.
Das letzte Ergebnis, spätestens das letzte Ergebnis muss stutzig machen, denn „All cause mortality“, um die es sich hier handelt, beinhalten vom Selbstmord über den Unfalltot bis zum Versterben an Krebs alles und man ist geneigt zu fragen, was dieses Ergebnis tatsächlich aussagen soll. Eine Frage, die letztlich zu den relativen Häufigkeiten führt: 4,6% von 65.414 Schlafgestörten mit Melatonin erleiden einen Herzstillstand (N = 3.009) innerhalb von fünf Jahren nach Einnahmebeginn, 2,5% (N = 1.635) der auf Melatonin verzichtenden Schlafgestörten erleiden ebenfalls einen Herzstillstand. Das scheint für einen Zusammenhang zu sprechen, sofern man annimmt, dass ein Herzstillstand Gegenstand eines ceteris paribus ist, d.h. sich alle sonstigen Gründe, die es für einen Herzstillstand gibt, GLEICH auf die Melatonin-Einnehmer und die Verzichter auswirken.
Warum sollte man das annehmen?
Weil es alle so machen?
Weil die Forschung, deren Ergebnis in einem matched-group Koeffizienten besteht, der etwas aussagt oder nicht, langsam zum Standard, die Prüfung der Wahrscheinlichkeit des entsprechenden Koeffizienten, etwa dadurch, dass man prüft, wie bekannte Ursachen für Herzstillstand sich auf diejenigen, die Melatonin einnehmen und diejenigen, die darauf verzichten, auswirken – eigentlich eine naheliegende Vorgehensweise, mittlerweile die Ausnahme und nicht mehr die Regel ist.
Entsprechend sind wir skeptisch, was dieses Ergebnis angeht, schon weil OTC-Produkte Pharmafia natürlich ein Dorn im Auge sind, weil sie zu billigem Preis feilbieten, was Pharmafia gerne teuer verkaufen würde.
Es würde helfen, wenn man die methodische und technische Qualität der statistischen Auswertungen, die zu den Ergebnissen geführt haben, prüfen könnte. Indes, die Vorabveröffentlichung eines bislang in Cirulation nur angekündigten Beitrags macht dies unmöglich, so dass man sich fragen muss, warum Fachorganisationen wie die American Heart Association ein solches Ergebnis vorab verbreiten, ohne dass die Leser die Möglichkeit haben, die Qualität der Studie, die die Ergebnisse erbracht hat, zu prüfen, eine Frage, die vielleicht dadurch beantwortet wird, dass rund 25% des 1,3 Milliarden USD-Budgets der American Heart Foundation von Pharmafia beigesteuert werden – und wer zahlt, der bestimmt bekanntlich.
