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Längst verstummt, neu erwacht? Die Rekonstruktion prähistorischer Klangräume durch archäomusikologische Forschung

Musik scheint untrennbar zum Menschen zu gehören. In jeder bekannten Kultur in geschichtlicher Zeit haben Menschen nachweislich Musik gemacht, gesungen, getanzt, komponiert. (Über einen Carnyx-Fund, der vor Kurzem gemacht wurde, haben wir hier berichtet.)

Aber es wurden auch Funde von Musikinstrumenten bzw. ihren Fragmenten gemacht, die in die vorgeschichtliche Zeit, bis in die Altsteinzeit hinein, reichen. Deutschland hält diesbezüglich einen Rekord, denn die ältesten gesicherten Musikinstrumente, die bislang gefunden wurden, sind die Geißenklösterle-Flöten, die bzw. deren Fragmente in einer Höhle in der Nähe von Blaubeuren in Baden-Württemberg geborgen wurden (Conrad et al. 2009). Die Flöten wurden aus Vogel-Knochen oder Mammut-Elfenbein gefertigt und wurden oft und werden auch heute noch häufig auf ein Alter von ungefähr 35.000 Jahren datiert. Higham et al. haben aber im Jahr 2012 eine Studie veröffentlicht, in der eine Neubewertung der Datierung auf der Basis verbesserter Methoden zur Entfernung von Verunreinigungen erfolgte: die Schichten, in denen die Flöten gefunden wurden, sind demnach 42.000 bis 43.000 Jahre alt.

Die Existenz von Musikinstrumenten – Blas-, Streich- und Schlaginstrumenten – in der tiefen Vergangenheit nachzuweisen, ist das Eine; das Andere ist, eine Vorstellung davon zu formen, wie sie geklungen haben mögen, oder genauer: wie sie gespielt wurden und wo sie gespielt wurden, um welche Art von Tönen oder Klängen zu erzeugen, die ihrerseits bestimmte Gefühle ausgedrückt haben mögen oder in Zuhörern erweckt haben mögen. Die Räume, in denen vorgeschichtliche Menschen ihre Instrumente benutzt haben, existieren heute nicht mehr oder sind, sofern sie noch existieren, teilweise unzugänglich, aber in jedem Fall mehr oder weniger stark verändert, so dass es schwierig ist, zu rekonstruieren, was vorgeschichtliche Menschen tatsächlich gehört haben, wenn, wie und wo ihre Instrumente zum Einsatz gekommen sind.

Geißenklösterle-Flöte; Nachbildung; Von José-Manuel Benito Álvarez, CC BY-SA 2.5, Link

Angesichts des Stellenwertes, den Musik auch für (die meisten von) uns heute einnimmt, ist es vielleicht überraschend, dass die Archäomusikologie eine ziemlich junge Disziplin ist. Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es Versuche, musikalische Praktiken und Musiktraditionen der Vergangenheit in die Archäologie einzubringen. So hat z.B. Leonard Woolley im Rahmen einer von ihm geleiteten Ausgrabung in Ur, die von 1922 bis 1934 stattgefunden hat, die Überreste dreier Leiern und einer Harfe im sogenannten Königsgrab gefunden und die vom verrotteten Holz gelassenen Hohlräume mit Wachs ausgegossen; auf der Basis dieser Abgüsse wurden in den frühen 1930er-Jahren die sogenannte „Bull-headed Lyre“ und im Jahr 1936 die sogenannte „Queen’s Lyre“ rekonstruiert (Schauensee 2002; Woolley et al. 1934).

Queen’s Lyre und Bullheaded Lyre;
By Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg)Own work, CC BY-SA 4.0, Link

Aber solche Versuche waren die Ausnahme und erfolgten unsystematisch. Die Archäologie beschäftigte sich traditionell und fast ausschließlich mit Untersuchungen materieller Kultur bzw. sichtbarer kultureller Ausdrucksformen. Geräusche, Klänge und allgemein die Frage danach, wie materielle Kultur im Zusammenhang mit menschlicher Kommunikation hergestellt und genutzt wurde, blieben außen vor.

Erst seit den 1970er-Jahren hat sich die Archäomusikologie unter dem Einfluss ethnologischer und insbesondere musikethnologischer Studien (die sich ihrerseits erst in den 1950er-Jahren anschickte, sich als anerkannte Unterdisziplin der Ethnologie durchzusetzen) zu etablieren begonnen. Ein diesbezügliches Schlüsselereignis ist die Konferenz der „International Musicological Society“ in Berkeley im Jahr 1977 gewesen, auf der ein Symposium unter dem Titel „Music and Archaeology“ stattfand, bei dem erstmals systematisch über Musik und Archäologie bzw. Musikforschung im Rahmen der Archäologie diskutiert wurde.

In den 1980er- und 1990er-Jahren hat sich zur Musikarchäologie die akustische Archäologie hinzugesellt. Während sich Erstere mit den Instrumenten und der musikalischen Praxis selbst beschäftigen, widmet sich Letztere den akustischen Eigenschaften von Orten – Höhlen, Bauwerken, bestimmten Plätzen in Landschaften – und versucht, diese akustischen Eigenschaften im Zusammenhang mit Ritualen oder allgemein mit dem, was vorgeschichtliche Menschen an diesen Orten getan haben oder getan habe mögen, zu betrachten. Im Anschluss an Chris Scarre und Graeme Lawson, die im Jahr 2006 einen Band mit dem Titel „Archaeoacoustics“ veröffentlicht haben, wird dieser Begriff, also „Archaeoacoustics“ bzw. im Deutschen: „Archäoakustik“, inzwischen als übergreifender Begriff verwendet, der beide, Archäomusikologie und akustische Archäologie, umfasst. Dementsprechend beschreibt Díaz-Andreu „Archäoakustik“ wie folgt:

„Archaeoacoustics comprises two main areas of study: first, sound-producing instruments, primarily musical instruments, and, second, sound in space, both in architectural settings and in natural landscapes. It encompasses, therefore, music archaeology and acoustical archaeology“ (Díaz-Andreu 2025: 114),

d.h.

„Die Archäoakustik umfasst zwei Hauptstudienbereiche: erstens klangproduzierende Instrumente, vor allem Musikinstrumente, und zweitens Klang im Raum, sowohl in architektonischen Umgebungen als auch in Naturlandschaften. Es umfasst daher Musikarchäologie und Akustikarchäologie“.

Die Archäoakustik ist ein multidisziplinäres Forschungsfeld, auf dem sich u.a. Archäologen, Ethnologen, Historiker, Philologen sowie Künstlern, Architekten und Toningenieure engagieren, Letztere, weil die Archäoakustik auf dem Einsatz elaborierter Technologien beruht; um Klang bzw. Klangbilder im Raum untersuchen zu können, müssen akustische Muster, Strukturen und Netzwerke modelliert werden, bevor die Bandbreite der absichtlichen Klangerzeugung untersucht wird, die in solchen Räumen stattfinden kann (Pham & Fletcher 2024: 3).

Gemessen an der kurzen Zeit, seit der Archäoakustik als multidisziplinäres Forschungsfeld existiert, am erforderlichen technischen Aufwand und der erforderlichen Zusammenarbeit von Fachleuten aus sehr verschiedenen Disziplinen, hat sie eine rege Aktivität aufzuweisen: eine Suche in „Google Scholar“ nach den Stichworten „archaeoacoustic study“ ergibt zum aktuellen Zeitpunkt 2.820 Suchergebnisse.

Ħal Saflieni Hypogeum; By Hamelin de GuetteletOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Archäoakustische Untersuchungen wurden bereits an vielen bekannten antiken oder prähistorischen Denkmälern durchgeführt, so z.B. im Ħal Saflieni Hypogeum auf Malta (Debertolis & Bisconti 2014; Stroud 2014; Till 2017), in Stonehenge in Südengland, (Cox 2021; Cox et al. 2020; Till 2010), im Tempel von Dendera (Warusfel & Emerit 2021) und in der Großen Pyramide von Gizeh (Smith et al. 2023) in Ägypten, an antiken Orakelstätten wie der Orakelhöhle von Cuma in Süditalien (Iannace & Berardi 2017) und dem Orakelheiligtum von Dodona in Epirus (Chapinal 2016; Kolotourou 2026), Griechenland, in spezifischen Landschaften, in denen Menschen eine systematische Aktivität entfaltet haben, wie z.B. im Steinbruch von Carn Menyn in den Preseli-Hügeln in Wales (Devereux & Wozencroft 2014) und an Orten, an denen Menschen Felszeichnungen angebracht haben, seien diese Orte an der Erdoberfläche wie im Fall von El Tajo de las Figuras, einem Sandstein-Felsüberhang in dem Momia-Bergen in der spanischen Provinz Cádiz (Díaz-Andreu et al. 2014) oder in echten Höhlen, wie z.B der Chauvet-Höhle in Südfrankreich (Kolar et al. 2022; Valentin et al. 2025) oder in der Höhle von Lascaux in der Dordogne in Südwestfrankreich (Commins et al. 2020).

In Untersuchungen wie den genannten geht es darum, mit Hilfe omnidirektionalen und ambisonischen Mikrofonen hochauflösende Impulsantworten zu erfassen und Messwerte wie Nachhallzeit, Klangklarheit und Echodichte zu extrahieren. Diese akustischen Daten werden in ein geografisches Informationssystem (GIS) integriert, um akustische Merkmale mit den Standorten prähistorischer Kunstwerke und archäologischer Überreste zu korrelieren (s. Kolar et al. 2022). Die Archäoakustik will aber nicht bei der Rekonstruktion akustischer Eigenschaften von Räumen stehenbleiben, sondern möglichst Aufschlüsse darüber gewinnen oder zumindest begründete Hypothesen darüber aufstellen, wie prähistorische Menschen diese Räume genutzt haben. Nur – bereits die Rekonstruktion ist schwierig.

Zum Einen sind bestimmte Räume oder Teilräume von prähistorischen oder antiken Höhlen oder Bauwerken aufgrund von Zugangsbeschränkungen im Interesse ihrer Erhaltung und der Sicherheit von potenziellen Besuchern nicht (mehr) zugänglich und damit eine Messung der akustischen Eigenschaften dieser Räume oder Teilräume nicht (mehr) möglich. So wurde z.B. die Chauvet-Höhle bereits einige Wochen nach ihrer Entdeckung im Jahr 1994 für die Öffentlichkeit geschlossen, und Forscher erhielten oder erhalten ebenfalls sehr selten Zutritt. Seit 2015 können Interessierte ein Replikat der Chauvet-Höhle besuchen, das eigens zu touristischen Zwecken errichtet wurde. Bemerkenswerterweise wurden die akustischen Eigenschaften der Höhle beim Nachbau berücksichtigt, aber diese Berücksichtigung hat ihre praktischen Beschränkungen. U.a. umfasst der Nachbau 3.000 Quadratmeter Bodenfläche, währen die Chauvet-Höhle 8.500 Quadratmeter Bodenfläche umfasst (denn es wurden nur die als die wichtigsten Kammern nachgebaut), und der Mörtel, der im Nachbau verwendet wurde, hat andere Eigenschaften als der Kalkstein, aus dem die Chauvet-Höhle geformt ist.

Chauvet-Höhlenmalerei; By Unknown author – Screenshot from the film „Cave of Forgotten Dreams“, Public Domain, Link

Zum Anderen bilden Messungen wie die oben genannten den Ist-Zustand ab, und die gemessenen Eigenschaften des untersuchten Raums – Nachhallzeit, räumliche Verteilung der Schallreflexion, spektrales Gleichgewicht u.a.m. – sind nicht identisch mit den Eigenschaften, die der Raum in der Prähistorie hatte, weil sich dieser Raum in der Zwischenzeit verändert hat.

Diesbezüglich ist an menschliche Eingriffe zu denken wie die Hinzufügung von Strukturen (z.B. in Stonehenge) oder die Entfernung von Material, und die Entfernung oder Errichtung eines einzelnen großen Steinblocks kann bereits das wahrnehmbare Echomuster verändern. Hinzu kommen natürliche Prozesse, die den Klangraum verändern. Erosion durch Wasser trägt Flächen ab und glättet sie, Teile von Bauwerken oder Höhlen können einstürzen, Sedimente können sich ansammeln oder mineralische Ablagerungen, besonders in Höhlen, rauhen einstmals glatte oder geglätete Flächen auf und machen sie unregelmäßig(er). Dies alles verändert die akustischen Eigenschaft eines Raumes verändern.

Die akustische Signatur eines Raumes bleibt über die Zeit hinweg nicht stabil. Es ist nicht nur so, dass z.B. eine Kammer in einer Höhle heute andere Nachhallzeiten, andere Klarheit etc. aufweist als in der Jungsteinzeit; der Klangraum in der Kammer dürfte auch während der Prähistorie nicht stabil gewesen sein. Ein Beispiel hierfür bietet die Kammer der Höhlenbären in der Chauvet-Höhle, deren Decke bereits in der Prähistorie eingestürzt zu sein scheint.

Kolar et al. (2022) haben dieses Problem mit Bezug auf ihre Untersuchung der Chauvet-Höhle zugestanden und die Notwendigkeit rekonstruktiver Modellierungen betont, um sich prähistorischen Bedingungen im Klangraum anzunähern. Aber wie zuverlässig diese Modellierungen sind (oder sein können), ist fraglich, und selbst dann, wenn sie es wären, bliebe die Frage zu beantworten, ob und ggf. wie sich Veränderungen von Eigenschaften im Klangraum auf den Umgang der Menschen mit diesem Raum, auf ihre Aktivitäten in diesem Raum ausgewirkt haben.

Hat sich z.B. die kulturelle oder ggf. speziell: rituelle Nutzung von Räumen in einer Höhle verändert, wenn sich die akustischen Eigenschaften dieser Räume verändert hatten? Sind Umbauten an Bauwerken vorgenommen worden, ohne dass den Menschen bewusst war, dass der Umbau die akustischen Eigenschaften des entsprechenden Raumes verändern würde, oder sind Umbauten vielleicht gerade zu dem Zweck erfolgt, bestimmte akustische Eigenschaften, die sich verändert hatten wiederherzustellen?

Niemand weiß es.

Es sind aber gerade diese Fragen, die die Archäoakustik nicht nur interessant, sondern relevant für die Archäologie machen, und hinsichtlich dieser Fragen wissen wir nach wir vor sehr wenig. Bislang hat uns die Archäoakustik nur zwei realtiv solide Befunde beschert hat. Der erste ist der Befund, nach dem bestimmte Typen von Gesteinen, die in prähistorischen Bauwerken Verwendung fanden, Gebrauchsspuren aufweisen, die mit absichtlichen Schlägen übereinstimmen, oder akustisch optimiert und ergonomisch überformt wurden (Boivin 2004; Boivin et al. 2007; Caldwell 2017; Devereux & Wozencroft 2014), so dass es sehr wahrscheinlich ist, dass in der Prähistorie bestimmte Steine – unabhängig von architektonischen Erfordernissen – aufgrund ihrer Resonanzeigenschaften ausgewählt und verwendet wurden.

 Der zweite ist der Befund, nach dem ein statistischer Zusammenhang zwischen der in der Prähistorie erfolgten Platzierung von gemalten Motiven und bestimmten akustischen Eigenschaften der entsprechenden Stellen besteht. Dieser Zusammenhang wurde erstmals in den 1980er-Jahren von Reznikoff bzw. Reznikoff und Kollegen in französischen Höhlen beobachtet; sie haben in den Höhlen von Le Portel, Fontanet und Niaux festgestellt, dass Malereien in der Nähe der am stärksten resonanten Punkte konzentriert sind. Reznikoff selbst hat diesen Befund wie folgt auf den Punkt gebracht:

„Most of the caves are highly resonant, remarkable as acoustic vaulted pipes, and can produce quite astonishing echo effects. If the people using these caves chanted or used sound, it would therefore seem likely that they would have chosen for their rites accessible locations with the best acoustics. This acoustical aspect of the caves had never been considered before our study in 1983 at Le Portel (Ariège, France), which luckily happened to be a very resonant cave. The result appeared clearly: there is a link between the locations of the paintings (engravings or signs) and the quality of resonance at these locations in the cave . To state the result simply: the more resonant the location, the more paintings or signs are found at this location“ (Reznikoff 2014: 102).

D.h.

„Die meisten Höhlen sind stark resonant, als akustische Gewölberohre bemerkenswert und können ziemlich erstaunliche Echoeffekte erzeugen. Wenn die Menschen, die diese Höhlen nutzten, [sangen oder] skandierten oder Geräusche [in irgendeiner anderen Weise] verwendeten, wäre es daher wahrscheinlich, dass sie für ihre Riten zugängliche Orte mit der besten Akustik ausgewählt hätten. Dieser akustische Aspekt der Höhlen war vor unserer Studie im Jahr 1983 in Le Portel (Ariège, Frankreich), bei der es sich glücklicherweise um eine Höhle mit sehr viel Resonanz handelte, nie berücksichtigt worden. Das Ergebnis erschien deutlich: Es besteht ein Zusammenhang zwischen den Orten, an denen Malereien (Gravuren oder Zeichen) angebracht wurden, und der Qualität der Resonanz an diesen Standorten in der Höhle. Um das Ergebnis einfach auszudrücken: Je resonanter der Ort, desto mehr Malereien oder Zeichen findet man an diesem Ort“.

Waller et al. (1993) haben in den Höhlen von Lascaux und Font-de-Gaume Nachhall in Kammern beobachtet, in denen in der Prähistorie Huftiere an die Wände gemalt worden waren, während Kammern, in denen Raubkatzen an die Wände gemalt worden waren, akustisch „tote“ Kammern waren.

Im Rahmen des Projektes „Songs of the Caves“ (Fazenda et al. 2017) wurde in fünf spanischen Höhlen mithilfe gitterbasierter Impulsantwortuntersuchungen beobachtet, dass Punkte und Linien eher an Positionen mit mäßigem Nachhall und niederfrequentem Resonanzverhalten auftreten. Auch die artspezifische Korrelation, die et al. beobachtet hatten, konnte hier nicht bestätigt werden.

Inhaltlich betrachtet, ist der Befund also inkonsistent, aber ein Zusammenhang zwischen Platzierung von Motiven und bestimmten akustischen Eigenschaften an den entsprechenden Stellen besteht in den untersuchten Höhlen. Die meisten Höhlen, die steinzeitliche Höhlenmalereien enthalten, sind jedoch bislang nicht auf einen solchen Zusammenhang hin untersucht worden; wir wissen nicht, ob der Befund durch weitere Untersuchungen bestärkt oder geschwächt werden würde. Prinzipiell kann man die Sichtweise umkehren und fragen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür ist, dass die berichteten Zusammenhänge zufällig zustande gekommen sein können. Ich selbst kann diese Wahrscheinlichkeit mangels Fachwissen leider nicht beurteilen, und in der Fachliteratur habe ich keine Behandlung dieser Frage finden können.

Ein Zusammenhang zwischen der Platzierung von Motiven und bestimmten akustischen Eigenschaften an den entsprechenden Stellen besteht auch im Fall frei sichtbarer oder frei zugänglicher Felsvorsprünge oder –überhänge: Waller (2000) stellte bei seiner Untersuchung im Horseshoe Canyon in Utah, USA, fest, dass die fünf Stellen, an denen Malereien angebracht wurden, genau die Stellen mit dem stärksten Echo sind, und hier beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass der Befund zufällig entstanden ist, kleiner 1 zu 10.000.

Malerei im Horseshoe Canyon; By Ken Lund from Reno, Nevada, USA – Great Gallery, Horseshoe Canyon Unit, Canyonlands National Park, Utah, CC BY-SA 2.0, Link

Rainio et al. (2025) haben im finnischen Seenbezirk Messungen der akustischen Impulsantwort an 37 bemalten Klippenstandorten vorgenommen, die zeigten, dass die vertikalen Felsoberflächen mit Malereien den Schall stärker und genauer reflektierten als nahegelegene, unbemalte Felsen am Seeufer. Díaz-Andreu et al. (2021) haben als Ergebnis ihrer Untersuchung von Felskunst im Canyon de Santa Teresa der Baja California im nordwestlichen Mexiko festgehalten, dass es an Wänden entlang des Canyon mit besserer Akustik mehr Felsmalereien gibt als in Abschnitten mit schlechterer Akustik. Aber was für Malereien entlang des Canyon gilt, gilt nicht für teilweise Überhänge in der Felswand des Canyon, die den Menschen als Unterstände dienten; die Autoren stellten keinen Unterschied mit Bezug auf die akustischen Eigenschaften zwischen Felsunterständen fest, die Felsmalereien aufwiesen, und solchen die keine Felsmalereien aufwiesen.

Im Zusammenhang mit der Frage nach einem Zusammenhang zwischen der Platzierung prähistorischer Felsmalereien und akustischen Eigenschaften der Stellen, an denen sie platziert wurden, wird manchmal auf die Untersuchung von Santos da Rosa et al. (2025) hingewiesen. Diese Autoren haben bei ihrer Untersuchung von Felsmalereien in 27 Felsunterständen der San in Südafrika lediglich einen Zusammenhang festgestellt, der ihrer Einschätzung nach als zufällig angesehen werden sollte und kein Muster abgibt. Aber diese Studie ist für den hier interessierenden Zusammenhang irrelevant, denn die San mögen eine lange Geschichte haben, aber ihre kulturellen Praktiken können schwerlich Aufschluss über diejenigen prähistorischer Menschen geben. Die Studie von Santos da Rosa et al. (2025) hat schlichtweg nichts mit der Frage nach prähistorischen Felsmalereien und akustischen Eigenschaften der Stellen, an denen prähistorischen Felsmalereien angebracht wurden, zu tun.

Aus der Zusammenschau der relevanten Befunde kann Folgendes festgehalten werden:

Akustische Erwägungen können in der Mehrheit der bislang (wenigen) untersuchten Fälle als Grund für die Platzierung von Motiven angesehen werden, aber nicht in allen. Es ist plausibel, dass (auch) andere Faktoren (z.B. Schöpfungsmythen, in denen bestimmte lokale Bezüge hergestellt werden,) die Platzierung von Motiven begründet haben, und nichts spricht dafür, dass die Platzierung von Motiven an bestimmten Orten nur einen einzigen Grund gehabt hat oder gehabt haben kann. Der Zusammenhang zwischen der Platzierung von Felsmalereien und akustischen Eigenschaften der Stellen, an denen sie platziert wurden, kann also nicht generalisiert werden, d.h. er besteht nicht immer und überall und vor allem nicht in derselben Weise, aber es gibt ihn, und m.E. (oder in diesem Kontext genauer: gemäß meiner laienhaften Einschätzung) ist er schwierig zu erklären, ohne akustischen Erwägungen bei der Wahl von Orten, an denen Motive angebracht wurden, eine Rolle zuzugestehen.

Bislang hat die Archäoakustik mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass es sich bei ihr um eine junge Disziplin handelt, die gerade erst dabei ist, ihre methodologischen Standards zu entwickeln. Wie in allen anderen Disziplinen, aber besonders in jungen Disziplinen, ist es wichtig, begründbare und überprüfbare Zusammenhänge klar von rein spekulativen, nicht testbaren oder von vornherein unplausiblen Zusammenhängen zu unterscheiden, und das tun nicht immer alle Autoren, die sich im Feld der Archäoakustik engagieren, so dass man genau hinschauen muss, was in einer Arbeit wie untersucht und argumentiert wird.

Ein Beispiel möge diesbezüglich hinreichend sein: Rupert Till, dem man nicht pauschal Nicht-Wissenschaftlichkeit unterstellen kann – er war damals Dozent für Musiktechnologie an der Universität Huddersfield im Vereinigten Königreich –, hat im Jahr 2010 eine Arbeit vorgelegt, in der er behauptet, Stonehenge hätte in der Form, die es im Spätneolithikum hatte, eine Grundresonanzfrequenz von ~10 Hz gehabt, die dem Alpha-Gehirnwellenband entspricht, und diese Resonanz wäre wahrnehmbar und rituell bedeutsam gewesen. Diese Auffassung wurde von Thomas (2014) einer Kritik unterzogen, u.a. durch die Argumente, dass Stonehenge im Spätneolithikum (nach allem, was wir derzeit wissen,) zum Himmel hin offen gewesen ist, während Tills Modell einen umschlossenen Raum annehmen muss, und dass 10Hz Infraschall sind, also unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegen, so dass 10Hz, wenn sie wahrgenommen werden sollten, jedenfalls nicht auditiv wahrgenommen werden können, was die Frage aufwirft wie sie rituell bedeutsam sein konnten.

Gerade weil die Archäoakustik viele Menschen zu faszinieren scheint, besteht die Gefahr, dass die Vorstellungskraft oder die Wunschvorstellungen, die manche mit arachäoakustischen Fragestellungen verbinden mögen, die Oberhand gewinnen bzw. gegenüber einer sachlichen Bestandsaufnahme und Würdigung der Fakten in den Hintergrund treten. Das soll nicht heißen, dass esoterisch oder absurd wirkende Fragen oder Behauptungen, die in Verbindung mit der Archäoakustik gestellt oder aufgestellt werden, von vornherein ignoriert werden sollten – immerhin dürfte die Vorstellung, dass prähistorische Menschen Felsmalereien absichtlich und unter Verwendung diesbezüglich erworbenen Erfahrungswissens an Stellen angebracht haben sollten, die bestimmte akustische Eigenschaften haben, in den 1980er-Jahren, als Reznikoff die entsprechende Hypothese aufgestellt und sich aufgemacht hat, sie zu testen, ebenfalls von vielen Menschen als absurd oder esoterisch oder weitgehend außerhalb wissenschaftlicher Prüfbarkeit liegend angesehen worden sein. Es soll aber auch heißen, dass archäoakustische Hypothesen so schlüssig begründet und so methodisch anspruchsvoll überprüft werden müssen, wie es die Bezeichnung eines Betätigungsfeldes als „Wissenschaft“ voraussetzt.


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