Website-Icon SciFi

Korrektur von Körperformen in einem Papyrus aus dem Alten Ägypten: Schönheitsoperation per „Tipp-Ex“

Die Nachricht ging bereits im Frühjahr diesen Jahres durch die Presse, allerdings vor allem durch die fachspezifische Presse, so dass die meisten unserer Leser wahrscheinlich noch nicht von dieser Entdeckung gehört haben, und sie zeigt– einmal mehr –, dass neue Entdeckungen an vor langer Zeit Entdecktem zu machen, möglich ist.

Crop from: Picture taken by Marcus CyronOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Es handelt sich sozusagen um eine Schönheitsoperation, die ein altägyptischer Schreiber oder Zeichner in einem Papyrus vorgenommen hat, der irgendwann im Zeitraum von 1.290 bis 1.278 v. Chr. angefertigt wurde. Der Papyrus gehört zum sogenannten „Buch der Toten“, einer Sammlung von Zaubersprüchen und Beschwörungsformeln, die einem Verstorbenen eine sichere Reise in das Reich der Toten garantieren soll, und er wurde für die Beisetzung eines königlichen Schreibers namens Ramose angefertigt. Er wurde bereits im Jahr 1922 von Sir William M. Flinders Petrie im Grab Nummer 134 in der Ausgrabungsstätte namens Sedmant al-Jabal – oft als Sedment el-Gebel (oder Varianten hiervon) geschrieben – am Westufer des Nil im Gouvernorat (arabisch: muḥāfaẓah) Beni Suef, etwa 100km von Kairo entfernt, gefunden:

„From this tomb was a long papyrus of the Book of the Dead; it had been roughly unrolled, and left lying in a heap covered with rubbish, in the tomb doorway. It was brought away so far as possible, and the hundreds of fragments need restoration. The work of it is the most delicate that I have seen, in the drawing and colouring of birds and animals; the face of Osiris and ornaments of the gods are gilded, and this is also very unusual“ (Petrie & Brunton 1924: 27),

d.h.

„Aus diesem Grab stammte ein langer Papyrus aus dem Buch der Toten; er war grob ausgerollt und auf einem mit Müll bedeckten Haufen im Eingang des Grabes liegen gelassen worden. Er wurde so weit wie möglich weggebracht, und die Hunderte von Fragmenten müssen restauriert werden. Die Arbeit im Papyrus ist die delikateste, die ich je gesehen habe, in der Zeichnung und Farbgebung von Vögeln und Tieren; das Gesicht von Osiris und die Ornamente der Götter sind vergoldet, und das ist auch sehr ungewöhnlich“ (Petrie & Brunton 1924: 27).

Noch im selben Jahr, 1922, erwarb das Fitzwilliam-Museum in Cambridge, England, den Papyrus, wo er seitdem aufbewahrt wird. Besonders angesichts der von Petrie und Brunton beschriebenen Ungewöhnlichkeit des Papyrus ist es erstaunlich, dass es bislang keine ausführliche Untersuchung des Papyrus gegeben zu haben scheint, und er erst im Jahr 2007 fast vollständig im Rahmen der Ausstellung „Passport to Egyptian Afterlife“ des Fithwilliam-Museums gezeigt worden ist, dass der Papyrus also für fast ein Jahrhundert einer quasi verlorener war – physisch präsent, aber in einem Museumsarchiv „versteckt“ und ohne eine detaillierte Untersuchung erfahren zu haben wie dies z.B. mit Bezug auf den Papyrus von Ani oder den Papyrus von Hunefer der Fall ist.

Written document. Cursive hieroglyphs and vignettes. Substantial parts of the Book of the Dead of Ramose, supervisor of the royal archives, with highly detailed vignettes. Production Place: Egypt. Find Spot: Sedment, Egypt. Papyrus, length, 20 m, minimum, height, 41 cm, average. New Kingdom, Nineteenth Dynasty. Reign of Seti I. Related Objects: E.43.1921, E.42.1921; Source: Fitzwilliam Museum; CC BY-NC-ND

Als ein Kuratorenteam des Fitzwilliam-Museums unter der Leitung der für die Ägyptische Sammlung des Museums verantwortlichen und leitenden Kuratorin für die „Made in Egypt“-Ausstellung, Helen Strudwick, das Papyrus erneut hervorholte, um es für die Ausstellung „Made in Egypt“, die vom 3. Oktober 2025 bis zum 12. April 2026 zu sehen war, vorzubereiten, stellte es einen Eingriff fest, der beim Zauber 117 vorgenommen wurde und der wohl als Schönheitsoperation am Bild eines Gottes in Schakal-Form – wahrscheinlich des Gottes Wepwawet, eines Gottes des Krieges und der Jagd – gelten muss: an Ober- und Unterkörper der Figur wurden die ursprünglichen Umrisse mit weißem Pigment verändert, um die Körperumrisse zu verschmälern; offenbar erschien jemandem, vielleicht Ramose selbst, für den der Papyrus angefertigt wurde, der Schakal-Gott zu dick (oben links im folgenden Bild).

Written document. Cursive hieroglyphs and vignettes. Substantial parts of the Book of the Dead of Ramose, supervisor of the royal archives, with highly detailed vignettes. Production Place: Egypt. Find Spot: Sedment, Egypt. Papyrus, length, 20 m, minimum, height, 41 cm, average. New Kingdom, Nineteenth Dynasty. Reign of Seti I. Related Objects: E.43.1921, E.42.1921. Source: Fitzwilliam Museum; CC BY-NC-ND

Gemäß eines Berichtes im Smithsonian Magazine hat Strudwick sich hierzu – in unserer Übersetzung ins Deutsche – wie folgt geäußert:

“Es ist, als ob jemand die ursprüngliche Art und Weise, in der der Schakal gemalt wurde, angesehen und gesagt hätte: ‚Er ist zu dick; mach‘ ihn dünner‘ …Der Künstler hat also eine Art altägyptisches ‘Tipp-ex’ – auch bekannt als ‘Wite-out’ oder ‘Liquid Paper’ – angefertigt, um das zu tun“.

In dem Bericht heißt es weiter, dass anders als die weiße Farbe auf Ramoses Gewand, die aus Huntit besteht, das altägyptische „Tipp-ex“ aus Kalzit und Huntit besteht, was für das Museums-Team belegt, dass die weißen Linien um die Körperumrisse des Schakals herum als Korrektur angebracht wurden, nicht als darstellerisches Mittel. Unter dem Mikroskop wurden

„[…] außerdem gelbe Farbflecken auf dem Schakal [entdeckt], die dazu beigetragen hätten, die weiße Farbe an die cremefarbene Farbe des Papyrus anzupassen, der vor Tausenden von Jahren wahrscheinlich einen etwas anderen Beigeton hatte“.

Im Gespräch mit Alexander Morrison in „The Art Newspaper“ berichtet Helen Strudwick, dass ihr weitere Beispiele für Korrekturen auf Papyri mit Hilfe ältägyptischem „Tipp-Ex“

„[…] in anderen britischen Museumssammlungen [aufgefallen seien], darunter das Totenbuch von Nakht im British Museum und das Papyrus von Yuya im Ägyptischen Museum in Kairo. ‚Mir ist nicht bekannt, dass es jemals zuvor jemandem aufgefallen ist‘, sagt sie, ‚und daher wurde es meines Wissens noch nie zuvor analysiert. Als ich die Kuratoren [in Museen mit Objekten, in denen die Flüssigkeit vorkommt] darauf aufmerksam machte, waren sie erstaunt‘, fügte sie in der Erklärung hinzu“.

Erstaunt ist auch der interessierte Laie, der vielleicht meint, dass alles, was mit dem Alten Ägypten zu tun hat, seit langer Zeit und detailliert und analyisiert und mehrfach reanalysiert worden wäre. Offenbar ist das ein großer Irrtum; Objekte, die vor einhundert Jahren gefunden wurden, harren noch immer einer ausführlichen Untersuchung und halten – wie das Beispiel dieses Papyrus zeigt – noch die ein oder andere Überraschung bereit.


Literatur

Petrie, William M., & Brunton, Guy, 1924: Sedment II. London: British School of Archaeology in Egypt. (Die digitalisierte Publikation kann unter der Adresse https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/petrie1924bd2 heruntergeladen werden.)

Die mobile Version verlassen