Man kann darauf gehen, dass dann, wenn Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach Gesetzentwürfe in den Bundestag einbringt, am Ende dieser Gesetzentwürfe ein satter Profit für Pharma-Unternehmen steht, für die Pharmafia.
Aber natürlich bieten Gesetz, in denen „die Gesundheit der Menschen“ zum Gegenstand, zum Schutzgegenstand gemacht wird, vielfältige Möglichkeiten, um die Bereicherung von Pharmafia in ein sprachliches Bouquet aus wohlklingenden Schutzworten, die vor guter Intention und besorgter Heuchelei nur so triefen, zu packen.
Im Focus klingt das wie folgt:
„Krankenkassen seien demnach künftig verpflichtet, all ihre Versicherten im Alter von 25, 35 und 50 Jahren auf ihr Herzinfarkt-Risiko hin zu untersuchen. „Wir wollen deutschlandweit bei Kindern und Jugendlichen, bei 25-jährigen, bei 35-jährigen und bei 50-jährigen mit einem Gutschein-System alle auffordern, sich die Werte messen zu lassen: den Blutdruck, auch den Risikofaktor Zuckerkrankheit“, sagte Lauterbach der „Bild am Sonntag“. Er wolle damit die in Deutschland im internationalen Vergleich sehr hohe Zahl an Herz-Kreislauferkrankungen deutlich senken. Lauterbach weiter: „Sie kriegen so etwas wie einen Gutschein. Darüber hinaus sollten die Kosten für „Cholesterin-Senker“, vor allem für so genannte „Statine“, viel umfangreicher von den Kassen übernommen werden. „Wir werden die Erstattungsfähigkeit der Medikamente deutlich ausdehnen, sodass hier keiner mit diesem Risikofaktor hoher Cholesterinwerte leben muss“, so der Minister weiter.“
Statine (Statins), die als lebensrettende medizinische Produkte aufgebaut wurden, etwa den COVID-19 Shots vergleichbar, waren über die letzten Jahrzehnte eine Cash Cow für Pharmafia. Der Kreis derer, die mit Statins VORSORGLICH, um sie vor einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, im Wesentlichen einem Herzinfarkt zu schützen, abgefüllt wurden, wurde stetig erweitert. Und wenn wir Lauterbach richtig verstehen, dann ist er der Ansicht, man müsse nun auch Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Statins ermöglichen. Interessanterweise kommt der Vorstoß von Lauterbach, mit dem er den Absatz von Statins erhöhen will, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Mittel, die als Cholesterin-Senker vermarktet werden, obschon es im Wesentlichen um LDL-Cholesterin, Low-Densitiy Lipoproten Cholesterin [Lipoprotein niedriger Dichte] geht, ins Gerede gekommen sind, die Euphorie ob ihrer lebensrettenden Qualitäten längst nicht mehr von allen Ärzten geteilt wird. Tatsächlich mehren sich in den letzten Jahrzehnten die kritischen Stimmen, Ärzte und Mediziner und Wissenschaftler, die erhebliche Zweifel daran anmelden, dass Statins auch nur den geringsten VORBEUGENDEN Wert besitzen.
Newman, D. (2015). Statin drugs given for 5 years for heart disease prevention (without known heart disease). The NNT.
Wie gesagt, das sind die positiven Nachrichten, die es über Statins zu berichten gibt. Aber Lauterbach will nicht dafür sorgen, dass Statins für die zugänglicher gemacht werden, die bereits einen Herzinfarkt hinter sich haben, er will sie denen eintrichtern, die auf Basis irgendwelcher Werte und Verhaltensweisen als Menschen klassifiziert werden, die ein erhöhtes Risiko haben, eine HerzäKreislauferkrankung zu entwickeln, einen Herzinfarkt zu erleiden.
Und das ist ein ganz anderes Spiel.
So sind Abramson et al. (2013) nach einer umfangreichen Aufarbeitung des Stands der Forschung zu dem Schluss gekommen, dass von Statins keinerlei Nutzen für Patienten ausgeht, denen – weil sie eben noch keinen Herzinfarkt hatten – aufgrund sonstiger Faktoren ein Risiko von rund 20% oder weniger, in den nächsten 10 Jahren ein Herz-Kreislaufleiden oder einen Herzinfarkt zu entwickeln/zu erleiden, zugeordnet wird. Um überhaupt bei einem Schlucker von Statins einen Nutzen zu erzielen, müssten 139 weitere mit Statins behandelt werden. Eine eher schlechte Bilanz.
Abramson, John D., Harriet G. Rosenberg, Nicholas Jewell, and James M. Wright (2013). Should people at low risk of cardiovascular disease take a statin?. British Medical Journal 347.
Eine Reihe von Forschern hat darauf hingewiesen, dass das Design der meisten klinischen Trials auf das Auffinden von Nutzen ausgelegt ist, was Nebenwirkungen, die nicht gewünscht sind, schon im Design vernachlässigt. Folglich werden sie in klinischen Trials unterschätzt. Darüber hinaus wird durch die Auswahl der Teilnehmer am klinischen Trial Sorge dafür getragen, dass Personen, die den Nutzen dadurch verwässern könnten, dass sie Schaden durch ihre Behandlung mit Statins nehmen, ausgeschlossen werden. Im Rahmen einer großen britischen Studie wurden 36% derjenigen, die daran teilnehmen wollten, bereits im Vorfeld ausgeschlossen: Man muss davon ausgehen, dass die Gründe dafür nicht darin zu suchen sind, akurate und reliable Ergebnisse sicherzustellen, Ergebnisse, die die Risiken, die mit Statins verbunden sind, wiederspiegeln.
Dazu:
Heart Protection Study Collaborative Group (2002). MRC/BHF Heart Protection Study of cholesterol lowering with simvastatin in 20 536 high-risk individuals: a randomised placebocontrolled trial. The Lancet 360(9326): 7-22.
Das, was in klinischen Trials vernachlässigt wird, kommt dann nach der Einnahme von Statins zum Vorschein: Mehr als 50% derjenigen, die Statins einnehmen, brechen die Einnahme innerhalb von einem Jahr ab, 62% davon, weil sie die erheblichen Nebenwirkungen nicht tragen wollen, die in vielen Fällen Einschränkungen in der physischen Fitness zur Konsequenz haben, die in Mattigkeit und erheblichen Einbrüchen physischer Leitungsfähigkeit resultieren.
Mann, Devin M., Mark Woodward, Paul Muntner, Louise Falzon, and Ian Kronish (2010). Predictors of nonadherence to statins: a systematic review and meta-analysis. Annals of Pharmacotherapy 44(9): 1410-1421.
The USAGE survey. (2013). Statin usage: understanding statin use in America and gaps in education.
Indes, das wichtigste Argument gegen den Einsatz von Statins zur VORBEUGE von Herz-Kreislauferkrankungen ist nicht, dass Statins keinerlei nachgewiesenen Nutzen zur Vorbeuge vor z.B. Sterblichkeit an einem Herzinfarkt haben, es besteht vielmehr aus zwei Teilen:
- Erstens gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass Herz-Kreislaufleiden KEINERLEI bis sehr wenig Zusammenhang mit LDL-Cholesterin, sondern in Insulinresistenz ihre Ursache haben;
- Zweitens sind rund 80% der Herz-Kreislaufleiden ein Ergebnis von Ernährung und Lebensstil, wobei die Ernährung mehr Effekt auf die Entwicklung oder das Vermeiden einer Herz-Kreislauferkrankung und Tod durch Herzinfarkt hat als Alkoholkonsum, Rauchen und physische Inaktivität zusammengenommen;
Dazu:
Newton, John N., Adam DM Briggs, Christopher JL Murray, Daniel Dicker, Kyle J. Foreman, Haidong Wang, Mohsen Naghavi et al. (2015). Changes in health in England, with analysis by English regions and areas of deprivation, 1990–2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013. The Lancet 386(10010): 2257-2274.
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Tatsächlich haben Forscher gezeigt, dass Personen, die in die Gruppe der Patienten mit Risiko, aber mit geringem Risiko für einen Herzinfarkt eingeordnet wurden [also letztlich alle die (noch) keinen Herzinfarkt hatten und denen Lauterbach „Vorsorge“ in Form von Statins angedeihen lassen will …], mit dem täglichen Verzehr von einem Apfel genau dieselbe Reduktion ihres Herzinfarktrisikos erreichen konnten, der in einem klinischen Trial für Statins gezeigt wurde. Und das ganz ohne Nebenwirkungen.
Für Patienten, die nach einem Herzinfarkt in die Risikogruppe (hohes Risiko) für einen weiteren fallen, wurde gezeigt, dass sie ihr Risiko auf einen weiteren Herzinfarkt um 33% reduzieren können, wenn sie sich an eine Mediteranean Diet halten, also viel Obst und Gemüse, ganze Getreidekörner, essentielle Fettsäuren (Olivenöl), sehr wenig Fleisch und keinerlei verarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen, dazu 30 Gramm Nüsse pro Tag essen oder vier Esslöffel Olivenöl – wie auch immer konsumieren – eine größere Risikoreduktion als sie mit Statins möglich ist.
Dazu:
Estruch, Ramón, Emilio Ros, Jordi Salas-Salvadó, Maria-Isabel Covas, Dolores Corella, Fernando Arós, Enrique Gómez-Gracia et al. (2018). Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet supplemented with extra-virgin olive oil or nuts. New England journal of medicine 378(25): e34.
Estruch, Ramón, Emilio Ros, Jordi Salas-Salvadó, Maria-Isabel Covas, Dolores Corella, Fernando Arós, Enrique Gómez-Gracia et al. (2013). Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet.New England journal of medicine 368(14): 1279-1290.
Mit anderen Worten, große Teile der Bevölkerung auf Medikamente zu setzen, um sich selbst als größter Gesundheitsminister aller Zeiten inszenieren zu können, ist kontraproduktiv, denn es werkelt an den Symptomen herum und lässt die Ursachen unberührt. Und, wenn sich die Forschung bestätigt, und es sieht alles danach aus, dass sie das tut, die zeigt, dass Herzinfarkt und Herz-Kreislauferkrankungen wenig bis gar nichts mit LDL-Cholesterin zu tun haben, aber viel mit Insulinresistenz und dass diesen Erkrankungen durch die Aufnahme von Alpha-Linolsäure, Polyphenolen und Omega-3 Fettsäuren, die alle Entzündungen, Thrombosen und Arteriosklerose hemmen, besser vorgebeugt werden kann als mit jedem Medikament, dann ist Lauterbach einmal mehr auf dem falschen Dampfer.
Und man muss sich fragen, warum?
Die Forschungsergebnisse, die wir hier präsentiert haben, sind ein erster Einstieg in das Feld der Statins und der Herzkreislauf-Erkrankungen. Man kann sich diesen Überblick relativ leicht verschaffen, wenn man in wissenschaftlicher Methode trainiert ist. Im Ministerium von Lauterbach sollte jemand zu finden sein, der das ist – vielleicht unter den Referenten… Wer sich einen Überblick über Statins und ihre Effekte auf die Gesundheit macht, kommt sehr schnell zu der Erkenntnis, dass Statins sehr wenig an positivem Effekt vorzuweisen haben, dafür mit gesicherten Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten einhergehen, die 50% derjenigen, die Statins schlucken, im Verlauf von einem Jahr davon überzeugen, dass es besser ist, das Zeug abzusetzen. Wegen dieser Nebenwirkungen und wegen der geringen Schutzwirkung, die Statins zu bieten haben, sind die Medikamente Gegenstand heftiger Kritik, und weil Kritik oft mit verändertem Verhalten einhergeht, geht auch der Absatz von Statins weltweit zurück. Dass der Absatz zurück geht, hängt auch damit zusammen, dass neuere Forschung zeigt, dass Herz-Kreislauferkrankungen nicht allzuviel, wenn überhaupt etwas, mit LDL-Cholesterin zutun haben.
Übrigens: Eines der Pharmafia-Unternehmen, dessen Statins zu den am häufigsten verschriebenen gehören, heißt: PFIZER.
Aber das haben Sie sich wahrscheinlich bereits gedacht …
Lauterbach und Pfizer scheint ein besonderers Loyalitätsprogramm zu verbinden.
Das war der erste Teil einer Beitragsserie zum Thema Statins, die wir in den nächsten Tagen und Wochen fortsetzen werden. Einblicke wie diesen in die Forschung zu gesundheitsrelevanten Themen können wir nur ermöglichen, weil uns Leser unterstützen, unsere Forschung finanzieren. Wenn Sie unseren Texten einen Gewinn nehmen, dann würden wir uns freuen, wenn auch Sie uns unterstützen würden (falls Sie das nicht bereits tun). In jedem Fall: Herzlichen Dank!
