Ein wenig Geschichte der Sozialpsychologie aus einer Zeit, als Sozialwissenschaften noch Theorien und Ergebnisse kannten.
Seit Jahren steigt in Deutschland die Depression: Amulante Diagnosen nehmen zu (um das 1,5fache seit 2000 gestiegen) , stationäre Aufenthalte aufgrund der Diagnose “Depression” nehmen zu (um das 2,1fache seit 2000 gestiegen), Tage der Arbeitsunfähigkeit wegen Drepession nehmen zu (um das 2,9fache seit 2000 gestiegen).
Man kann es sich bei der Erklärung solcher Entwicklungen einfach machen, und ein Mehr an Psychotherapeuten, die an Depression verdienen wollen, eine neue Modediagnose “Depression” und gesunkene Diagnosestandards verantwortlich machen. Eine wirklich einfache Erklärung, die vermutlich auch einige Tragkraft entwickeln kann, aber nicht ausreichend wird, um die Beobachtung zu erklären.
Wenn Depression in der Bevölkerung wächst, man Depression als ein generelles Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, das in Passivität, Antriebslosigkeit, kognitiver “Eintrocknung” und Niedergeschlagenheit resultiert, definiert, wie dies Legionen von Sozialpsychologen in der Nachfolge von Abramson, Seligman und Teasdale getan haben, dann bietet sich eine andere Erklärung an.
Eine andere Erklärung, die ihren Ausgangspunkt dort nimmt, wo die Übergriffe des Staates, Kontrolle und Überwachung stetig zunehmen und mit dem Gefühl einhergehen, einem willkürlich zuschlagenden “Staat” hilflos ausgeliefert zu sein, weil eigenes Verhalten, egal, was man tut, keinen Unterschied zu machen scheint. Eine solche Erklärung führt in die historischen Tiefen der Sozialpsychologie und zum Konzept der gelernten Hilflosigkeit, das in den 1960er Jahren seinen Anfang genommen hat. Ein Konzept, das einen Teil zur Erklärung eines dieser modernen Rätsel beiträgt, das darin besteht, dass egal, wie übergriffig Regierungen agieren, egal, wie sehr sie die Lebensqualität ihrer Bürger zerstören, egal, wie schwer sie Bürgern das Leben machen und egal, wie deutlich sie diesen Bürgern zeigen, dass sie auf sie sch … , nichts passiert. Kein Aufstand, keine Unruhen, kein passiver Widerstand, kein Streik, keine umfassende Abwahl der Blockparteien, die sich seit Jahrzehnten die Regierung zuschieben, einfach nichts.
Unsere Geschichte beginnt im Jahr 1967:
Seligman, Martin E., and Steven F. Maier (1967). Failure to escape traumatic shock. Journal of experimental psychology 74(1): 1.
Overmier, J. Bruce, and Martin E. Seligman (1967). Effects of inescapable shock upon subsequent escape and avoidance responding. Journal of comparative and physiological psychology 63(1): 28.
Eine Gruppe von Doktoranden, darunter Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier veröffentlicht die Ergebnisse von Experimenten mit Hunden. Die Experimente, die damals durchgeführt wurden, würden heute vermutlich von Ethikkommissionen nicht mehr zugelassen werden … Und wo ich das so schreibe, kommen mir gleich Zweifel, in Ländern, in denen Halal- oder Koscher-Fleisch verkauft wird, ist eigentlich nichts ausgeschlossen.
Das ethisch Problematische an den Hundeexperimenten von Seligman et al. findet sich in Stromschlägen, die eine Stärke von 4.5 bis 6 Milliampere hatten, für Menschen ist eine solche Stromstärke schmerzhaft, für Hunde, die 64 Mal mit einem entsprechenden Schock auf die Hinterballen traktiert werden, ist eine solche Stromstärke ungleich schmerzhafter. Die Grenze zur Tierquälerei ist hier überschritten.
Seligman, Maier, ergänzt von J. Bruce Overmier und Richard L. Solomon haben ihre Versuchshunde in eine Apparatur gesteckt, aus der sie nicht flüchten konnten. Sie waren auf den ersten Blick hilflos den Stromschlägen ausgeliefert. Indes, 8 Hunde in einer Schockgruppe konnten die Stromschläge dadurch beenden, dass sie mit Kopf oder Nase ein Paneel drückten. 8 weitere Hunde fanden dasselbe Paneel in ihrer Apparatur. Aber das Paneel war wirkungslos. Die Hunde, die per Paneel ihre Schmerzen abkürzen konnten, lernten schnell, das Paneel zu drücken. Die anderen Hunde gaben ihre Versuche, über das Paneel irgend etwas zu erreichen, schnell auf.
Die zweite Runde der Versuche spielt in einer “Shuttle Box”.
Links erhielten die Hunde einen Schock, dem sie durch einen einfachen Sprung nach rechts entgehen konnten. Die Hunde, die in der ersten Phase der Experimente gelernt hatten, die Stromschläge durch Drücken eines Paneels zu beenden, lernten schnell, sich den neuerlichen Stromschlägen durch einen Sprung zu entziehen. Die Hunde, die den Stromschlägen ausgeliefert waren, hatten Hilflosigkeit gelernt und versuchten in der Mehrheit überhaupt nicht, den Stromschlägen durch einen Sprung zu entkommen.
Daraus folgerten Seligman und die anderen drei Defizite bei den Hunden, die aus der ursprünglichen Erfahrung auf die neue Situation übertragen wurden:
- Ein motivationales Defizit: es wird kein / kaum ein Fluchtversuch unternommen;
- Ein kognitives Defizit: Das Erkennen von Fluchtmöglichkeiten ist gehemmt;
- Ein emotionales Defizit: passives depressives Verhalten
Eine Replikation der Hundexperimente am Menschen:
Hiroto, Donald S., and Martin E. Seligman (1975). Generality of learned helplessness in man. Journal of personality and social psychology 31(2): 311.
bei der laute unangenehme Töne an die Stelle von Stromschlägen und das Lösen von Aufgaben unterschiedlicher Schwere als Zielmessung verwendet wurde, kam im Wesentlichen zu denselben Ergebnissen: Wer seine eigene Hilflosigkeit erfahren hatte, stecke bei schwierigen Rätseln schneller auf, verlor die Motivation, überhaupt Rätsel zu lösen und wirkte oft niedergeschlagen.
Die Brücke zur reaktiven Theorie der Depression, wie sie dann von Abramson, Seligman und Teasdale formuliert wurde, war damit geschlagen.
Abramson, Lyn Y., Martin E. Seligman, and John D. Teasdale (1978) Learned helplessness in humans: critique and reformulation. Journal of abnormal psychology 87(1): 49.
Wer, so die Ergebnisse von Abramson, Seligman und Teasdale die Unkontrollierbarkeit einer Situation, sein Ausgeliefertsein bei sich sucht (das liegt an mir: Internalität), davon ausgeht, dass seine Hilflosigkeit Bestand hat (das bleibt so: Stablität) und seine erfahrene Hilflosigkeit in unkontrollierbarer Situation generell auf andere Situationen erweitert (das bleibt so: Globalität), der erklärt seine Hilflosigkeit auf eine Weise, die Depression Vorschub leistet.
Die Verbindung zu Regierungen und ihren Methoden der “Erziehung von Bürgern” besser als Kontroll- und Überwachungsmethoden beschrieben, ist nicht sonderlich schwierig: Stellen Sie sich vor, in ein System eingebunden zu sein, in dem ihr Verhalten, egal, welches Verhalten Sie zeigen, keinerlei Effekt auf das Ergebnis hat. Nehmen wir die eigene Lebensqualität als Ergebnis. Egal, wie sehr sie sich im Job anstrengen. Sie kommen auf keinen grünen Zweig. Was ansparbar wäre, wird weggesteuert. Egal, wie sehr sie sich über diesen Zustand, darüber, dass alles teurer wird und immer weniger bleibt, weil Regierende lieber ideologische Spleens ausleben als den “Wohlstand der Bevölkerung” auch nur zu erhalten, beklagen, nichts ändert sich. Egal, welche Partei sie wählen, die Politik ist dieselbe, die Konsequenzen für Sie gleichermaßen negativ. Egal, ob Regeln eingehalten werden oder nicht, es macht keinen Unterschied, der Afghane, der seine Großfamilie mitgebracht hat, lebt mindestens so gut, obschon er arbeitslos ist, wie Sie, er von Sozialleistungen, Sie von dem, was nach Abzug von Steuern und Abgaben noch übrig bleibt.
Die Voraussetzungen für einen Anstieg der Depression, für einen Rückzug aus der Gesellschaft und ins Private sind damit optimiert und eine weitere Teilerklärung für die Eingangs dargestellte Abbildung ist gegeben. Indes, ich will diesen Post nicht auf einer pessimistischen Note beenden, denn es gibt Robert K. Merton und fünf von ihm unterschiedene Handlungstypen, die generell in jeder Situation bereitstehen:
- Anomie – eine Passivität gegenüber dem gesellschaftlichen Leben, die zwischen Null-Motivation und Gleichgültigkeit alterniert;
- Innovation – die Suche nach Alternativen, die auch illegale Alternativen umfasst, als Ergebnis eines Staates, der seine Legitimation verloren hat;
- Ritualismus – das bezieht sich auf die Sykophanten, die ihren Herrn mit jedem Tritt, den er ihnen versetzt, mehr lieben, ihm noch 100%iger zu Diensten sind;
- Rückzug – ein Leben off the grid und ohne jede Inanspruchnahme staatlicher Leistung – Obdachlosigkeit kann eine entsprechende Reaktion sein;
- Rebellion – muss man nicht erklären, oder?
Merton’s Handlungstypen sind eine andere Geschichte, die wir in Bälde erzählen…

