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Steigbügelhalter oder Wähler? Die vielleicht wichtigste Nebenwahl „seit Beginn der Aufzeichnungen“

Makerfield.
Rund 76.000 Wahlberechtigte leben in dem Wahlkreis.
Der Wahlkreis gehört zu Wigan, Großraum Manchester, umfasst im Wesentlichen eine ehemalige Bergbau-Gemeinde.

Seit 1906, bis 1983 im Vorgängerwahlkreis „Ince“, ist die Wahl eines Kandidaten von Labour sicher.

Der Wahlkreis gilt als einer der sichersten Wahlkreise für Labour.
Seit 1906 kann die Partei dort einen Besen aufstellen und er wird, ob er nun rot angestrichen ist oder nicht, gewählt.

Auf diese Form von Reflex-Wahl hofft Andy Burnham.

By Cal3000000Own work, CC BY-SA 4.0, Link

Andy Burnham, der von manchen Labour-Enthusiasten wie der Messias, der erschienen ist, um die Welt der Gläubigen vor Keir dem Ketzer zu retten, gefeiert wird, ist eine mehr oder minder farblose Gestalt, bestens dokumentiert in seiner Vorliebe für zumeist schwarze, generell dunkle Kleidung. Burnham ist 1970 (im Januar) geboren. Seine Kleidung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit existentialistisches Mobiliar, Zuordnung zu einer intellektuellen Bewegung, die viel Worte mit wenig Inhalt verbindet, ein Eindruck, der nicht nur in seinen Interviews, sondern auch von seinem Werdegang, er hat Englisch an der University of Cambridge studiert, bestätigt wird.

Nach dem Studium hat der Sohn eines Telefoningenieurs weiterhin keinerlei Anstalten gemacht, eine Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt zu ergreifen. Er ging nahtlos in der Labour Party auf, als „Researcher“, „Berater [in englischer Literatur?]“ und ab 2001 dann als Abgeordneter für den Wahlkreis Leigh. Unter Tony Blair und Gordon Brown hatte Burnham Ministerposten inne, zuletzt den als Gesundheitsminister und in diesem Amt wurde er vom Mid-Staffordshire NHS-Skandal eingeholt. Im Krankenhaus des dortigen NHS-Trusts sind zwischen 400 und 1.200 Patienten verstorben, weil sie vernachlässigt oder schlicht nicht behandelt wurden. Und sie wurden vernachlässigt oder schlicht nicht behandelt, weil den Verantwortlichen die Einhaltung von Zielvorgaben wichtiger war als die Ausübung ihrer medizinischen Tätigkeit. Das Ganze ist gut dokumentiert. Wenn es sie interessiert, dann suchen Sie nach „Mid-Staffordshire NHS-Scandal“.

Burnham hat sich im Verlauf dieses Skandals als politisch Verantwortlicher durch die Eigenschaft hervorgetan, die ihn auch danach am meisten ausgezeichnet hat: Trägheit. Er hat versucht, den NHS-Skandal auszusitzen, hat – nachdem er 2017 zum Bürgermeister of Greater Manchester gewählt wurde, alle Versuche, eine nationale Untersuchung in den Grooming Gang Skandal, den Missbrauch weißer Kinder durch meist pakistanische Banden, durchzuführen, geblockt und Handlung durch Imagepflege ersetzt, gut dokumentiert in der „Umgestaltung“ seines Wikipedia-Profils durch sein „Team“.

Wer denkt, Burnham sei der Macher, der Führer, der den trägen und zerstrittenen Haufen von Labour aus seiner Lethargie und seinem Selbstmitleid erweckt und in eine rosige Zukunft führt, der hat die Rechnung ohne den Langweiler aus Manchester gemacht. Mit oder ohne Burnham, wird Labour das Zeitliche segnen.

Indes, Burnham inszeniert sich natürlich nicht als Konkursverwalter, sondern als Revigorator, der Mund-zu-Mund-Beatmung eines Leichnams verspricht. Bereits am Freitag, einen Tag nach der Wahl in Makerfield, will Burnham in einer Pressekonferenz bekanntgeben, dass er Keir Starmer zu einem Wettbewerb um die Führung von Land und Partei herausfordert. Burnham ist sich seiner Sache sehr sicher und zeigt den Wählern vor Ort, was er von ihnen hält: Sie sind Stimmvieh, das ihm den Weg in Number 10 ebnen soll.

Andy Burnham

Und bisland sprechen alle Umfragen dafür, dass es gelingt, denn Burnham liegt in der Regel mit ein paar Prozentpunkten vor dem Kandidaten von Reform UK, Rob Kenyon. Mit deutlichem Abstand an dritter Stelle rangiert die farblose und von jedem Interview ferngehaltene Kandidatin von Restore UK, Rebecca Shepherd. Restore UK hat keine Chance, den Wahlkreis zu gewinnen, kann aber dazu führen, dass Rob Kenyon von Reform UK nicht genügend Stimmen zusammen bekommt, um Andy Burnham zu schlagen.

Ein Dilemma für Wähler von Restore, die verhindern wollen, dass Andy Burnham den Wahlkreis gewinnt und eines der Themen, die Pieter Snepvangers für den Telegraph im folgenden Beitrag aufnimmt. Ein anderes, im Bericht wiederkehrendes Motiv ist der Ärger ehemaliger Labour Wähler darüber, von Andy Burnham für sichere Plantagenarbeiter gehalten, als Stimmvieh benutzt zu werden, als Steigbügelhalter für einen Mann, der keinerlei Interesse am Wahlkreis hat, weil er Number 10 Downing Street im Fokus hat.

Alle Umfragen, die ich kenne, sehen eine Führung für Andy Burnham.
Alle Umfragen basieren auf einer sehr kleinen Stichprobe.
Generell sind Wahlumfragen umso schlechter, je kleiner der Wahlbezirk ist, auf den sie sich beziehen.
Es ist also noch viel Platz für eine „Überraschung“, vor allem, wenn man den Berg bedenkt, den Burnham besteigen muss, um den Wahlkreis zu gewinnen. Er muss nicht nur den Schatten von Keir Starmer, dessen Unbeliebtheit überwinden, er muss auch aus der Bredouille herausfinden, dass er als Bürgermeister von Greater Manchester zumindest mitverantwortlich dafür gemacht wird, dass Labour immer viel verspricht, aber in der Regel überhaupt nichts tut. Viele Bewohner von Makerfield, die im folgenden Beitrag von Snepvangers zu Wort kommen, sprechen diese Form der Täuschung durch Labour an, als Grund dafür, ihre Stimme NICHT Labour zu geben.

Verstörend am Bericht von Pieter Snepvangers ist, dass weder Restore UK noch Labour bereit waren, ihren Kandidaten ein paar Fragen auszusetzen. Rupert Lowe versteckt Rebecca Shepherd vermutlich deshalb, weil sie bereits in der Vergangenheit zu Schrecken geführt hat, wenn sie den Mund aufmacht. Labour will Interviews mit Andy Burnham verhindern, weil darin Fragen gestellt werden, die, egal, wie Burnham sie beantwortet, ihn Stimmen kosten werden. Etwa: „Herr Burnham, Sie haben eine Rückkehr in die EU nicht ausgeschlossen. Wie stehen Sie heute dazu?“

Die Bewohner von Makerfield haben mehrheitlich für den Brexit gestimmt.

Oder: „Herr Burnham, was wollen Sie tun, um die Invasion von Illegalen über den Ärmelkanal zu stoppen?“

Burnham ist ein Vertreter offener Grenzen und kandidiert in einem Wahlkreis, in dem die Mehrheit der Wähler einen Zuwanderungsstop implementiert sehen will …

Besser, man sagt den Wählern nicht vor der Wahl, womit man sie hinterher betrügen will.
Ein Vorgehen, das schon Keir Starmer erfolgreich praktiziert hat. Burnham steht also für Kontinuität mit demjenigen, den er beerben will.

Es wird eine spannende Nacht werden, eine Nacht, in der sich nicht nur das Schicksal von Keir Starmer entscheidet, denn wenn Burnham Makerfield gewinnt, wird der Druck auf den PM weiter wachsen. Minister werden spätestens mit Beginn der neuen Woche aus seinem Kabinett zurücktreten, die in den Startlöchern kauernden Tyrannenmörder werden sich offen zu erkennen geben, John Healey, der gerade zurückgetretene Verteidigungsminister, Wes Streeting, der schon länger zurückgetretene Gesundheitsminister, Al Carns, der gerade zurückgetretene Minister für Veteranen, und: der Schrecken nimmt kein Ende, Yvette Cooper oder Ed Miliband, sie alle wetzen bereits die Messer, um Keir Starmer – natürlich nur figurativ – an die Kehle zu gehen.

Labour ist mit sich selbst beschäftigt.
Linke tun das, was sie immer tun, wenn man ihnen ein wenig Macht gibt: Sie streiten untereinander.

Eine kleine Episode am Rand:

Count Binface; By JpdfiveOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Die Bedeutung der Wahl in Makerfield wird auch daran deutlich, dass mit Count Binface, aka Jonathan David Harvey, und Alan „Howling Loud“ Hope von der Official Monster Raving Looney Party zwei Urgesteine des politischen Wettbewerbs an den Start gehen. „Die Partei“ in Deutschland ist weitgehend eine Kopie der Monster Raving Looney Party, deren politisches Programm aus einer Ansammlung von Absurditäten besteht, die letztlich als Satire, zuweilen auch Sarkasmus auf das bestehende politische System gedacht sind.

Indes, manche der Absurditäten, wie z.B. der Pass für Haustiere, sind mittlerweile Realität im UK geworden. Ein Grund dafür, dass es für Satire immer enger wird: Politik ist die wahre Satire: Wer, der in den 1960er Jahren Geborenen, hätte es für möglich gehalten, dass Gestalten wie Keir Starmer, Andy Burnham, Emanuel Macron, Friedrich Merz oder Lars Klingbeil einst zu „Spitzenpolitikern“ erklärt werden könnten …

Wir halten Sie über Makerfield auf dem Laufenden.

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