Kleines Europawahlrätsel aus dem Vereinigten Königreich

Im Vereinigten Königreich werden EU-Regulationen, obwohl wir ja eigentlich nicht mehr dazugehören, sehr ernst genommen, ernster als z.B. in Österreich. Deshalb gibt es in Britannien keine Ergebnisse von Exit-Poll-Befragungen zur Europawahl, die Auszählung der Stimmen beginnt erst heute Abend um 22.00 GST, nicht einmal die Wahlbeteiligung ist bislang für des Vereinigte Königreich bekannt.

Die Ausnahme machen bislang 43 Wahlkreise in Wales und England, für die wir in der folgenden Abbildung die Veränderung in der Wahlbeteiligung zwischen den Europawahlen 2014 und 2019 dem Anteil der Wähler, die 2016 mit Leave gestimmt haben, gegenübergestellt haben.

Dabei zeigt sich eine erstaunlich satte Korrelation von -.73, d.h. je höher die Wahlbeteiligung relativ zu 2014 ausgefallen ist, desto geringer war 2016 der Anteil der Leave-Wähler.

Europawahlen haben in Großbritannien traditionell eine geringe Wahlbeteiligung. 2014 waren es magere 35,4%. 2019 scheint die Wahlbeteiligung etwas höher ausgefallen zu sein, wenn man den Daten, die bislang vorliegen, einen Trend entnehmen kann.

Und nun zu unserem Rätsel, das eigentlich eine Frage ist, die die Probleme, die sich mit Aggregatdaten und Korrelationen zwischen Aggregatdaten verbinden, auf den Punkt bringt:

Was bedeutet es, dass in Wahlkreisen, in denen 2016 der Anteil der Leave-Wähler hoch war, die Wahlbeteiligung 2019 im Verglich zu 2014 weniger zugenommen oder gar abgenommen hat, während in Wahlkreisen, in denen der Anteil der Leave-Wähler 2016 geringer war, eine Zunahme der Wahlbeteiligung zu verzeichnen ist?

Heißt das, dass in Leave-Wahlkreisen Wähler, die in der EU bleiben wollen, an der EU-Wahl dennoch nicht teilnehmen?

Heißt es, dass in Leave-Wahlkreisen Wähler, die aus der EU austreten wollen, aus Frust über den nicht erfolgten Austritt zuhause geblieben sind?

Heißt das, dass es der Brexit Party in Remain Wahlkreisen gelungen ist, die Wähler, die die EU verlassen wollen, stärker für den Ladenhüter „Europawahl“ zu mobilisieren als es den anderen Parteien gelungen ist?

Heißt das, dass vor allem Labour Wähler in den Midlands, die mit ihrer Partei unzufrieden sind, zuhause geblieben sind (z.B. in Derby, wo die Wahlbeteiligung gesunken ist)?

Heißt es, dass es die Tory Wähler im Süden, in Wiltshire und Bath & North East Sommerset, in beiden Wahlkreisen ist die Wahlbeteiligung um 7,1% bzw. 6% gestiegen, zu den Wahlurnen eilen, um ihrer Partei einen Denkzettel zu verpassen? Oder sind es die Wähler der Liberal Democrats, die in Wiltshire eine kleine Hochburg haben, die sich tummeln, um ihre Stimme abzugeben?

Diese Fragen bringen die Probleme, die sich mit Aggregatdaten verbinden, auf den Punkt. Man weiß nicht wirklich, was die Korrelation, die man auf Aggregatebene gefunden hat, tatsächlich bedeutet. Schon deshalb nicht, weil die Nichtwähler die Mehrheit darstellen und es keine Informationen darüber gibt, wer zur Wahl gegangen ist und wer zuhause geblieben ist.

Aber: Ganz so ahnungslos sind wir ja nicht. Die Wahlforschung hat regelmäßig herausgefunden, dass es anlässlich von Nebenwahlen, also Wahlen, die von Wählern als weniger wichtig eingeschätzt werden, die Europawahl ist eine solche Nebenwahl, den Gruppen, die sich in Opposition zur Regierung befinden, leichter fällt, die eigenen Wähler zu mobilisieren. Das würde dafür sprechen, dass Labour und Tories die Abreibung erhalten, die ihnen die Umfragen vorhergesagt haben.

Was richtig ist? Spätestens morgen wissen wir es.


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