Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zu Hause, das Telefon klingelt und die Stimme am anderen Ende bittet Sie, an einer Befragung teilzunehmen, in der es um die Erforschung von Alltagsverhalten geht. Sie sind gerade in guter Laune und haben etwas Zeit. also nehmen Sie an der Befragung teil. Sie beantworten eine Reihe von Fragen zu ihrem Gesundheitszustand, zu ihrem Alter, geben ein paar Einschätzungen über sich ab, z.B. dass Sie Neues gerne ausprobieren und nett und freundlich sind, und dann fragt Sie die Stimme am anderen Ende:
Und wie oft haben Sie Geschlechtsverkehr: (1) Gar nicht, (2) ein bis zweimal im Jahr (3) einmal im Monat, (4) zwei bis dreimal im Monat, (5) zwei bis dreimal die Woche oder (6) mehr als viermal die Woche?
Die Häufigkeit von Geschlechtsverkehr, so die zentrale Hypothese von Drydakis, ist vergleichbar mit Maßen des Gesundheitszustand und gibt Aufschluss über ein „Set“ produktiver Fähigkeiten, die ein Individuum hat und die seinen Lohn beeinflussen. Sexuelle Aktivität ist, wie Drydakis weiter weiß, mit guter Gesundheit, erhöhter physischer und psychischer Kompetenz, psychischem Wohlbefinden und bestimmten Eßgewohnheiten verbunden. Personen, die häufiger Geschlechtsverkehr haben als andere, sind stärker und haben eine größere Ausdauer.
Geprüft hat Drydakis indes nicht, ob die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs tatsächlich Bestandteil der Produktivkraft eines Menschen ist, sondern ob ein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr und der Höhe des Entgelts besteht. Geprüft hat er es mit griechischen Daten und auf der Basis der Angaben von 6.317 Befragten. Geprüft hat er seine Hypothese mit multivariten Regressionen und herausgekommen ist, wie Drydakis meint, das Folgende:
„The estimates suggest that there is a monotonic relationship between the frequency of sexual activity and wage returns. Those employees having sex more than four times a week receive statistically significant highest wages. Moreover, the outcomes suggested that wage returns to sexual activity are statistically significant higher for those between 26 and 50 years of age. … Conversely, wage returns to sexual activity are not affected by higher educational status, occupation or sector of employment (21).“
Wem sein Gehalt zu gering ist, der muss demnach in Sex und nicht in Bildung, Fähigkeit oder Kompetenzen investieren. Aber damit nicht genug. Drydakis sucht zudem nach einer theoretischen Fundierung für seine Ergebnisse und findet sie ausgerechnet bei Maslow und in dessen Bedürfnishierarchie. Man ahnt schon, was kommt: Je weniger sexuell depriviert Menschen sind, je mehr Geschlechtsverkehr sie haben, desto besser sind ihre Grundbedürfnisse erfüllt und um so mehr können sie sich ins Zeug legen, um ihre sonstigen Bedürfnisse und die ihres Arbeitgebers zu befriedigen. Im Ergebnis führt dies alles dann irgendwie zu einem höheren Entgelt – oder so ähnlich.
Interpretiert man die Ergebnisse der linearen Regression entsprechend, dann zeigen sie, dass ältere, sexuell aktive, Heterosexuelle, die verheiratet und keine Migranten sind, keine Behinderung haben, nicht täglich Arzneimittel zu sich nehmen, die keine Diabetes haben, auch keine Herzkrankheit, keine Arthritis, keinen Krebs, keine psychiatrischen Symptome, die über einen Universitätsabschluss und über Arbeitserfahren verfügen, in einem Angestelltenverhältnis und vorzugsweise der öffentlichen Verwaltung arbeiten und extrovertiert sind, höhere Löhne erhalten als alle diejenigen, auf die das alles nicht zutrifft.
Nun relativiert dieses Ergebnis, das man in table 6 des Beitrags von Drydakis findet, die Aussage, die Drydakis trifft, in erheblichem Umfang und vielleicht hat er deshalb davon abgesehen, die Regression als lineare Funktion und somit richtig zu interpretieren. Aber selbst wenn er es vorzieht, seine eigenwillige Interpretation der Ergebnisse vorzunehmen, ist es doch so, dass jeder einzelne, der berichtetet Effekte (mit Ausnahme der Extrovertiertheit) stärker ist, als der Effekt, der von sexueller Aktivität auf die Höhe des Entgelts ausgeht. Vor allem ist der Effekt, der von Alter, Universitätsabschluss und Arbeitserfahrung auf das Entgelt ausgeht, deutlich höher als der sexueller Aktivität und das ist dann die schlechte Nachricht. Sexuelle Promiskuität reicht also nicht, um ein hohes Gehalt zu bekommen, es bedarf weiterhin der Bildung und der Arbeitserfahrung.
Im übrigen kann man sich fragen, ob nicht gilt, was Dr. Diefenbach mit „Erfolg macht sexy“ beschreibt, nämlich ein Effekt, der von beruflichem Erfolg auf Erfolg im Privatleben ausgeht und nicht etwa umgekehrt.
Drydakis, Nick (2013). The Effect of Sexual Activity on Wages. Bonn: Institute for the Study of Labour, IZA DP. No. 7529.
