Mehr Sex für besseres Verdienst!?

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen zu Hause, das Telefon klingelt und die Stimme am anderen Ende bittet Sie, an einer Befragung teilzunehmen, in der es um die Erforschung von Alltagsverhalten geht. Sie sind gerade in guter Laune und haben etwas Zeit. also nehmen Sie an der Befragung teil. Sie beantworten eine Reihe von Fragen zu ihrem Gesundheitszustand, zu ihrem Alter, geben ein paar Einschätzungen über sich ab, z.B. dass Sie Neues gerne ausprobieren und nett und freundlich sind, und dann fragt Sie die Stimme am anderen Ende:

Und wie oft haben Sie Geschlechtsverkehr: (1) Gar nicht, (2) ein bis zweimal im Jahr (3) einmal im Monat, (4) zwei bis dreimal im Monat, (5) zwei bis dreimal die Woche oder (6) mehr als viermal die Woche?

DrydakisVermutlich fragen Sie sich, welche Art von Verhaltensstudie hier eigentlich gerade gemacht wird, aber, weil Sie nett sind, fragen Sie nicht weiter. Weitergefragt hat aber Nick Drydakis. Was kann man mit Angaben zur Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs Sinnvolles machen?, so hat er sich gefragt, und die Antwort, die er sich selbst gegeben hat und die man in einem Arbeitspapier des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit nachlesen kann, ist die folgende (ob es eine sinnvolle Antwort ist, wäre noch zu zeigen):

Die Häufigkeit von Geschlechtsverkehr, so die zentrale Hypothese von Drydakis, ist vergleichbar mit Maßen des Gesundheitszustand und gibt Aufschluss über ein “Set” produktiver Fähigkeiten, die ein Individuum hat und die seinen Lohn beeinflussen. Sexuelle Aktivität ist, wie Drydakis weiter weiß, mit guter Gesundheit, erhöhter physischer und psychischer Kompetenz, psychischem Wohlbefinden und bestimmten Eßgewohnheiten verbunden. Personen, die häufiger Geschlechtsverkehr haben als andere, sind stärker und haben eine größere Ausdauer.

HUman CapitalJa, das ist, was Drydakis weiß, und das ist, was das Entgelt von Menschen beeinflussen soll, jedenfalls in der Gedankenwelt von Drydakis. Humankapital, Kompetenzen, Fähigkeiten, Bildung als Determinanten der Höhe des Gehalts, das war gestern. Dass die Einstellung an bestimmte Zertifikate gekoppelt war, das war gestern. Der Arbeitgeber von heute fragt nicht nach Ausbildung oder Kompetenzen, nein, ein Arbeitgeber, der auf dem Stand der Forschung ist, fragt: “Äh, Herr Soundso, wie oft haben Sie eigentlich Geschlechtsverkehr: (1) gar nicht (2) ein- bis zweimal im Jahr …” oder in den Worten von Drydakis: “The central hypothesis behind this research is that sexual activity, alike health indicators and mental well-being, may be thought of as part of an individual’s set of productive traits that affect wages”(2).

Geprüft hat Drydakis indes nicht, ob die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs tatsächlich Bestandteil der Produktivkraft eines Menschen ist, sondern ob ein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Geschlechtsverkehr und der Höhe des Entgelts besteht. Geprüft hat er es mit griechischen Daten und auf der Basis der Angaben von 6.317 Befragten. Geprüft hat er seine Hypothese mit multivariten Regressionen und herausgekommen ist, wie Drydakis meint, das Folgende:

“The estimates suggest that there is a monotonic relationship between the frequency of sexual activity and wage returns. Those employees having sex more than four times a week receive statistically significant highest wages. Moreover, the outcomes suggested that wage returns to sexual activity are statistically significant higher for those between 26 and 50 years of age. … Conversely, wage returns to sexual activity are not affected by higher educational status, occupation or sector of employment (21).”

Wem sein Gehalt zu gering ist, der muss demnach in Sex und nicht in Bildung, Fähigkeit oder Kompetenzen investieren. Aber damit nicht genug. Drydakis sucht zudem nach einer theoretischen Fundierung für seine Ergebnisse und findet sie ausgerechnet bei Maslow und in dessen Bedürfnishierarchie. Man ahnt schon, was kommt: Je weniger sexuell depriviert Menschen sind, je mehr Geschlechtsverkehr sie haben, desto besser sind ihre Grundbedürfnisse erfüllt und um so mehr können sie sich ins Zeug legen, um ihre sonstigen Bedürfnisse und die ihres Arbeitgebers zu befriedigen. Im Ergebnis führt dies alles dann irgendwie zu einem höheren Entgelt – oder so ähnlich.

RegressionWir leben in einer Zeit der Quantität, in der Leistung ausschließlich in Menge gemessen wird. Aber gut. Lassen wir uns auf das Spiel von Drydakis ein und betrachten seine Ergebnisse etwas genauer. Er hat Regressionen, eine ganze Reihe davon, gerechnet und dabei herausgefunden, was oben zitiert wurde. Nun hat es mich schon häufig fasziniert, dass multiple Regressionen gerechnet werden, die auf der Annahme basieren, dass ein linearer Zusammenhang zwischen einer abhängigen und einer Kombination unabhängiger Variablen besteht, regelmäßig aber nur eine unabhängige Variable herausgegriffen und so getan wird, als beschreibe keine lineare Kombination, sondern eine Reihe diskreter Variablen die abhängige Variable (in diesem Fall Höhe des Entgelts).

Interpretiert man die  Ergebnisse der linearen Regression entsprechend, dann zeigen sie, dass ältere, sexuell aktive, Heterosexuelle, die verheiratet und keine Migranten sind, keine Behinderung haben, nicht täglich Arzneimittel zu sich nehmen, die keine Diabetes haben, auch keine Herzkrankheit, keine Arthritis, keinen Krebs, keine psychiatrischen Symptome, die über einen Universitätsabschluss und über Arbeitserfahren verfügen, in einem Angestelltenverhältnis und vorzugsweise der öffentlichen Verwaltung arbeiten und extrovertiert sind, höhere Löhne erhalten als alle diejenigen, auf die das alles nicht zutrifft.

Nun relativiert dieses Ergebnis, das man in table 6 des Beitrags von Drydakis findet, die Aussage, die Drydakis trifft, in erheblichem Umfang und vielleicht hat er deshalb davon abgesehen, die Regression als lineare Funktion und somit richtig zu interpretieren. Aber selbst wenn er es vorzieht, seine eigenwillige Interpretation der Ergebnisse vorzunehmen, ist es doch so, dass jeder einzelne, der berichtetet Effekte (mit Ausnahme der Extrovertiertheit) stärker ist, als der Effekt, der von sexueller Aktivität auf die Höhe des Entgelts ausgeht. Vor allem ist der Effekt, der von Alter, Universitätsabschluss und Arbeitserfahrung auf das Entgelt ausgeht, deutlich höher als der sexueller Aktivität und das ist dann die schlechte Nachricht. Sexuelle Promiskuität reicht also nicht, um ein hohes Gehalt zu bekommen, es bedarf weiterhin der Bildung und der Arbeitserfahrung.

Im übrigen kann man sich fragen, ob nicht gilt, was Dr. Diefenbach mit “Erfolg macht sexy” beschreibt, nämlich ein Effekt, der von beruflichem Erfolg auf Erfolg im Privatleben ausgeht und nicht etwa umgekehrt.

Drydakis, Nick (2013). The Effect of Sexual Activity on Wages. Bonn: Institute for the Study of Labour, IZA DP. No. 7529.

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