
Wer nichts wird, wird Politiker
und vorausschauend für das nächste Jahrzehnt:
Wer nichts wird, wird Hochschulprofessor.
bzw.
Wer nichts wird, wird Rechtsanwalt.
Dies ist nicht etwa eine Laune von mir und der Tatsache geschuldet, dass ich Politiker, Hochschulprofessoren oder Rechtsanwälte nicht leiden kann (tatsächlich teile ich eine tiefe Abneigung gegen Anwälte mit Charles Dickens), nein, es ist das Ergebnis einer empirischen Erhebung, die das Institut für Demoskopie in Allensbach durchgeführt hat.
Seit 1991 legen die Allensbacher mehr als 1.500 Personen im Alter ab 16. Jahren eine Liste von Berufen vor und stellen dazu die folgende Frage:
„Hier sind einige Berufe aufgeschrieben. Könnten Sie bitte die fünf davon heraussuchen, die Sie am meisten schätzen, vor denen Sie am meisten Achtung haben?“
Die Frage, mit der die Allensbacher hier hantieren, ist dazu gedacht, Berufsprestige zu messen. Unter Berufsprestige wird gemäß einer gebräuchlichen Definition von Goldthorpe und Hope Folgendes verstanden:
„Such prestige [occupational prestige] will be related to ‚objective‘ attributes of occupation – their rewards, requisite qualifications, work tasks, work environments etc. – but only indirectly only, that is, in so far as these attributes carry symbolic significance of a kind that is likely to be interpreted as indicative of social superiority or inferiority with corresponding interactional consequences“ (Goldthorpe & Hope, 2001, p.212).
Berufsprestige hat demnach zwei Ebenen, eine „objektive“, die sich
Dass nur 6% der von Allensbach Befragten, Achtung vor Politikern haben, kann man entsprechend und vor dem Hintergrund, dass Politiker sehr gut entlohnt werden, nur als Indikator dafür werten, dass die meisten Deutschen der Ansicht sind, um Politiker zu werden, seien keine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse bzw. Qualifikationen notwendig und Politiker rangierten in der sozialen Hierarchie Deutschlands ganz unten, seinen also inferior zu allen anderen Berufen oder doch zu den meisten anderen Berufen.
Entsprechend ergibt sich die paradoxe Situation, dass viele deutsche Wähler in zugegebener Maßen abnehmender Zahl, aber dennoch in relevanter Menge, zur Wahlurne eilen, um dort Personen zu wählen, die sie nicht achten. Diese Wahl der Verachtung hat zur Konsequenz, dass deutsche Wähler von Personen regiert werden, von denen sie der Ansicht sind, sie seien in der sozialen Hierarchie ganz unten und nicht achtenswert. Demokratie, so scheint es, ist von einer Methode, um Mehrheiten für die beste Politik zu finden, zum Versuch verkommen, diejenigen, die man am meisten verachtet, von der Regierung fernzuhalten.
Ein solches Ergebnis ruft natürlich nach einer Erklärung und ich will an dieser Stelle zumindest Erklärungsvorschläge zur Diskussion stellen.
- Die Verrechtlichung des Alltags, die Zivilgerichte in Klagen ertrinken sieht, hat die Wahrscheinlichkeit, dass Normalbürger mit Anwälten konfrontiert sind, erhöht. Das sinkende Berufsprestige von Anwälten ist eine direkte Folge davon.
- Die Abschaffung des Hochschulprofessors und seine Ersetzung durch den Hochschullehrer hat ebenso wie die vielen Programme, mit denen die Hochschulen zu Erziehungsanstalten, Kindergärten und Stätten gemacht werden sollen, an denen frauenfreundliche Bedingungen vorhandens sind, zum Absturz des Berufsprestiges von Professoren beigetragen. Wer an solchen Stätten arbeitet, wurde entweder gefördert oder er hat es nötig, beides trägt nicht zum Berufsprestige bei.
- Und Politiker? Nun, Politiker kann jeder werden. Um Politiker zu werden, benötigt man in erster Linie Dresitigkeit und wenn man es mit der Wahrheit nicht so ernst nimmt, hilft das auch. Politiker haben vielfach keinen richtigen Beruf erlernt, sich vielmehr an Universitäten herumgedrückt, um anschließend in die Politik zu gehen. Sie zeichnen sich in der Regel durch keine besonderen Kenntnisse und Qualifikationen aus und fungieren fast als Pausenclown, dem man sich dann widmet, wenn nichts anderes geboten wird oder es die Zeit erlaubt. Folglich ist die Politik ein Market for Lemons, auf den sich niemand begeben will, der entweder eine Ausbildung oder mehr als rudimentäre Ansätze von Intelligenz (oder Bauernschläue) vorzuweisen hat.
Goldthorpe, John H. & Hope, Keith (2001). Occupational Grading and Occupational Prestige. In: Grusky, David B. (ed.). Social Stratification: Class, Race and Gender in Sociological Perspective. Boulder: Westview, pp.212-217.
