Politiker lieben mehr Risiko als Wähler – behauptet eine Studie

RISIKO!


Mit diesen Fragen wird im Sozioökonomischen Panel die Risikobereitschaft von Befragten gemessen. Risikobereitschaft ist hier als Einstellung konzipiert, d.h. ob sich die Befragten tatsächlich so verhalten, wie sie behaupten, also mit Risiko 6 beim Autofahren und Risiko 7 bei der beruflichen Karriere, das ist eine vollkommen andere Frage, wenngleich es die entscheidende Frage ist, denn wenn Einstellungen mit Verhalten nichts zu tun haben, dann sind sie im Leben irrelevant und muss man sie auch nicht messen.

Vier Mitarbeiter aus dem DIW in Berlin und ein Gerontologe aus Dortmund haben die oben dargestellten Fragen, d.h. die Antworten auf die entsprechenden Fragen, wie sie in den Jahren 2009 und 2012 von SOEP-Befragten gegeben wurden, genommen und mit den Antworten von Bundes- und Landtagsabgeordneten (letztere aus Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Niedersachsen) verglichen. Um die Risikobereitschaft von Bundes- und Landtagsabgeordneten zu erfragen, haben die fünf Autoren schriftliche Fragebögen an 1132 Bundes- und Landtagsabgeordnete verschickt. Ein Sample von 298 ausgefüllten Fragebögen (26,3% Rücklaufquote) ist dabei herausgekommen. Die Rücklaufquote, die vergleichsweise gut ist, ist jedoch mit einem Problem behaftet, wie die vier aus Berlin und der Gerontologe aus Dortmund eingestehen, denn sie wissen nicht, wer den schriftlichen Fragebogen tatsächlich ausgefüllt hat, der angeschriebene Abgeordnete in Bundes- oder Landtag oder einer seiner Mitarbeiter.

Eigentlich ist die Forschung hier beendet. Denn wenn man, wie Heß und die anderen eingestehen, nicht sicherstellen kann, dass Abgeordnete die Fragebögen ausgefüllt haben, dann kann man auch keine Angaben über Abgeordnete machen. Die fünf Autoren haben den entsprechenden Mut zur Lücke, eine sehr hohe Risikobereitschaft und machen die Angaben dennoch.

Die ganze Forschung ist natürlich dazu gedacht, die Risikobereitschaft von Abgeordneten und ihren Wählern zu vergleichen. Um dies zu tun, müsste man sicherstellen, dass die 298 Antworten, die eingegangen sind, eine so genannte Quotenstichprobe darstellen, d.h. den Parteiproporz abbilden. Leider haben die fünf vom DIW die Parteizugehörigkeit des Abgeordneten oder seines Mitarbeiters oder wer auch immer den Fragebogen ausgefüllt hat, nicht erfragt. Noch ein Grund, die Befragung in den Mülleimer zu werfen.

Auch das tun Heß und die anderen nicht. Sie beweisen eine unglaubliche Flexibilität, wenn es um Reliabilität von Ergebnissen geht. Wozu sich mit derartigen methodischen Standards belasten, wenn man gerade dabei ist, Geschichte zu schreiben, naja, die ersten Ergebnisse zur Risikobereitschaft von Abgeordneten zu präsentieren. Denn das tun Heß et al., obwohl sie nicht wissen, ob Abgeordnete ihren Fragebogen ausgefüllt haben und obwohl sie keine Idee davon haben, ob ihr Sample von Abgeordneten verzerrt oder sehr verzerrt ist. Heß und seine vier Mitstreiter beweisen das, was man als sozialwissenschaftliche Risikobereitschaft bezeichnen muss, sie sind fast schon quantitative Hazardeure, die das Risiko, Unsinn, weil Ergebnisse zu erzählen, die durch die Daten nicht gedeckt sind, freudig eingehen. „10“ auf der Skala nach der Frage. Wie risikobereit sind Sie im Bezug auf wissenschaftliche Lauterkeit?

Aufwendiges Matching, das sicherstellen soll, dass Abgeordnete mit einem bestimmten sozialen Profil (Einkommen, Alter, Geschlecht etc.) mit vergleichbaren Wahlberechtigten aus dem SOEP gepaart werden, wird sodann eingesetzt, um dem Leser vorzugaukeln, die im folgenden präsentierten Ergebnisse ließen einen Vergleich zwischen Bundes- und Landtagsabgeordneten auf der einen Seite und Wahlberechtigten auf der anderen Seite zu. Sie lassen es nicht zu, wie wir oben bereits ausgeführt haben. Heß et al., hoch risikobereit auch was den Fehlschluss der falschen Verallgemeinerung angeht, vergleichen die Ergebnisse dennoch.

Ergebnis in ihrer Diktion: Bundes- und Landtagsabgeordnete schätzen sich in allen Bereichen, aber vor allem bei „Karriere“ und „Vertrauen in andere Menschen“ als risikobereiter ein als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Die Formulierung der Ergebnisse, die mit dem Anspruch auf wissenschaftliche Lauterkeit erfolgt, lautet: Diejenigen, die die Fragebögen beantwortet haben, die an Bundestagsabgeordnete und Landtagsabgeordnete in vier Bundesländern verschickt wurden, schätzen ihre Risikobereitschaft in allen erfragten Bereichen höher ein als die SOEP-Befragten, mit denen sie gepaart wurden.

Dieses bescheidene Ergebnis, das die wissenschaftliche Lauterkeit nahelegt, lässt natürlich keine umfangreichen und weitreichenden Schlüsse zu. Deshalb ignorieren Heß et al. die wissenschaftliche Lauterkeit und begeben sich auf den riskanten Pfad des sozialwissenschaftlichen Hazardeurtums, das darin besteht, Ergebnisse mit einer Mischung unterschiedlichster Fehlschlüsse, von falscher Verallgemeinerung bis zu genetischem Fehlschluss aufzubauschen und daraus die folgende, weitgehend erfundene Erzählung zu weben:

Politiker, so die fünf Auguren, seien häufig mit riskanten Entscheidungen konfrontiert, die sie unter Unsicherheit treffen müssen, nicht nur häufig, nein auch häufiger als Normalbürger, denn Normalbürger, die träfen seltener riskante Entscheidungen, so die Autoren. [Einschub: Deshalb gibt es in Deutschland kaum Unfälle auf den Straßen, niemanden, der Pleite macht oder ein Unternehmen begründet und auch ansonsten nur Sicherheitsapostel, die im grellgelben Hemdchen mit Blaulicht auf dem Sturzhelm auch bei gleisender Sonne durch die Straßen laufen, um in jedem Fall erkannt zu werden.] Politiker, wie gesagt, sind hier anders. Sie lieben das Risiko. Heß und die vier anderen sind gar der Meinung, Politiker seien eine eigene Spezies, die sich durch genetische Faktoren und ihre Sozialisation von der normalen Bevölkerung unterscheide (Seite 5). Sie gingen Risiken ein, wo der Normalbürger davor zurückschrecke. Und weil diese Risikobereitschaft im Blut der Politiker liege, deshalb würden die besonders Risikofreudigen vom Fach des Politikers angezogen.

Wir ergänzen hier die Tautologie zur Reihe der Fehlschlüsse.

Warum nun aber ist die Tätigkeit eines „Politikers“ so mit Risikofreude assoziiert? Auch hier sind Heß und die anderen nicht um eine Antwort verlegen, auch hier gehen sie das hohe Risiko, sich lächerlich zu machen, mit Freude ein. Politische Entscheidungen, so ihre Ansicht, seien mit viel mehr Unsicherheit verbunden als andere Entscheidungen. Politiker hätten, im Gegensatz zu anderen Werktätigen, ständig die Gefahr, im Beruf zu scheitern, vor Augen. Das Risiko, nicht gewählt zu werden, abgewählt zu werden, die Notwendigkeit mit Konkurrenten zu wetteifern, das zeichne Politiker aus, übe seine Anziehung auf die genetisch für Risiko Prädisponierten und für Risiko Sozialisierten, die dann, wenn sie erst einmal Politiker sind, auch eine höhere Bereitschaft haben, ein Risiko einzugehen.

Der Bundestag besteht derzeit in seiner Mehrheit aus Personen, die im Vorberuf Lehrer, Rechtsanwalt, Verwaltungsangestellter, Gewerkschaftssekretär, wissenschaftlicher Mitarbeiter usw. waren. Das sind kaum die Berufe, von denen man erwarten würde, dass sie von Menschen, denen Risiko im Blut liegt, wie Heß et al. behaupten, aufgenommen werden. Risiken gehen Selbständige ein, Freiberufler, die sich nicht an den Staat und die Beamtenhoffnung der sicheren Pension verkaufen.

Die ganze Geschichte der Politiker und des für sie angeblich gegebenen höheren Risikos, im Beruf „Politiker“ zu scheitern, trägt nicht weit, wie jeder weiß, der jemals anwesend war, wenn der Landeslistenproporz, der letztlich über den Einzug von Kandidat X in den Bundestag entscheidet, zwischen den Bezirken und Unterbezirken der SPD ausgekungelt wurde. Die Tätigkeit „Politiker“ zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass sie weitgehend ohne Risiko auskommt, denn Risiko, vor allem Risikobereitschaft ist etwas Individuelles. Risiko ist nur dann ein Risiko, wenn der, der es eingeht, auch die Folgen eines eventuellen Scheiterns zu tragen hat. Welcher Politiker ist in letzter Zeit mit den Folgen seiner Entscheidungen konfrontiert worden? Politiker zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie keinerlei Risiko eingehen. Sie gehen Risiken für andere ein, haben keine Kosten, wenn sich eine Entscheidung als falsch herausstellen sollte. Kein Wunder, dass sie oder ihre Mitarbeiter risikobereiter sind. Sie zocken mit dem Geld der Steuerzahler, nicht mit ihrem eigenen Geld.

Und sie treffen keine Entscheidungen. Fraktionen treffen Entscheidungen, wie hinlänglich bekannt sein dürfte. Die Zeiten, in denen Abgeordnete das Risiko einer von der Fraktionsrichtlinie abweichenden Meinung eingegangen sind, die sind lange vorbei. Der heutige Abgeordnete ist risikoavers und angepasst. Er stimmt mit der Meute und hat nicht den Mut, das Risiko einer eigenen Meinung einzugehen, die sich am Ende als nicht im Einklang mit der vorgegebenen Fraktions-Meinung herausstellen könnte.

Nein, die Geschichte von Heß und den vier anderen, die Politiker als risikobereite Entscheider, die über ihre Genetik von der Normalbevölkerung unterschieden werden können, stilisieren wollen, ist eben das: Eine Geschichte. Keine aus 1001 Nacht, aber eine aus Berlin.

Das ist fast so gut. Der Unterschied ist kaum vorhanden.

Heß, Moritz, von Scheve, Christian, Schupp, Jürgen, Wagner, Aiko & Wagner, Gerd G. (2018). Are Political Representatives More Risk-Loving Than the Electorate? Evidence From German Federal and State Parliaments. Palgrave Communications.

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Das Elend der Almende: Wenn Soziologen die Lust verlieren

The Tragedy of the Commons“, das Elend der Almende, das Garrett Hardin 1968 beschrieben hat, besteht in aller Kürze zusammengefasst darin, dass immer mehr Menschen in immer kürzerer Zeit kollektive Güter zu Grunde richten, weil alle Angst haben, dass sie zu kurz kommen.

Das Elend der Almende gibt es auch in einer anderen Variante: Als Trittbrettfahrerproblem, das darin besteht, dass alle sich gütlich an einem kollektiven Gut tun wollen, aber keiner dafür Arbeit investieren will. Deshalb gehen gute Ideen, wenn sie von Institutionen und nicht von motivierten Einzelnen getragen werden, vor die Hunde. Deshalb sterben Projekte, die mit viel Aussicht auf Erfolg gestartet werden, langsame Tode, weil niemand etwas dafür tun will und man investieren müsste ohne sicher sein zu können, den daraus resultierenden Nutzen privilegiert für sich zu haben und nicht mit anderen (Trittbrettfahrern) teilen zu müssen.

Das Elend der Almende in der gerade dargestellten Form ist eine Beobachtung, die man auch unter Soziologen regelmäßig machen kann.

So hat man bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie einmal gehört, dass man mit der Zeit gehen und einen eigenes Blog, in dem Soziologen versuchen, mit ihrer menschlichen Umwelt in Kontakt zu treten, betreiben müsse. Die gute Idee wurde mit viele Elan in Angriff genommen, geriet schon nach kurzer Zeit in institutionelles Stottern, das nur durch das Herausdeuten von Blog-Autoren kurzzeitig behoben werden konnte und nun zum vollständigen Erliegen des „Soziologen-Blog“ geführt hat. Der letzte Eintrag stammt vom 18. Dezember 2017.

RIP- DGS-Blog. Dass man Arbeit investieren muss, um sich präsentieren zu können, hat den Soziologen niemand gesagt.

Auch die Abspaltung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die Akademie für Soziologie ist von den Problemen, die sich aus der Kombination von menschlicher Trägheit mit menschlichem Opportunismus ergeben, hart getroffen. Die Abspaltung war notwendig, um Soziologie vor den Genderfurien zu retten. Der Elan war da. Der Vorstand wurde gewählt, Pöstchen wurden vergeben und eine Webseite ins Leben gerufen, eine mit „aktuellen Meldungen“, um Außenwirkung und Transparenz und soziologisches Leben zu beweisen. Die letzte „aktuelle Meldung“ stammt aus dem März 2018.

Auch die Akademie der Soziologie scheint am Elend der Almende in seiner zweiten Variante verendet zu sein: Alle wollen sich im Glanz der neuen Idee, der Aufbruchsstimmung durch Abspaltung sonnen, ein Pöstchen ergattern und … ja, was dann? Nichts tun.

RIP – Akademie für Soziologie. Das Gastspiel dauerte nur ein Semester. Dass man Arbeit investieren muss, um etwas ans Laufen zu bringen, das hat man den Beteiligten wohl nicht gesagt. Sie haben – wie so oft – mimetische Isomorphie praktiziert, Anderer Ideen übernommen und dabei vergessen: Nicht nur von der Idee allein lebt der Soziologe: Er muss sie auch zu Papier bringen, sprich: Etwas tun, jenseits der Theorie der Handlung.

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Soziale Diskriminierung an Gymnasien und Grundschulen

Nicht alles, was aus dem DIW kommt, ist schlecht. Aber das meiste.

Dennoch berichten wir heute von einer Arbeit, die nicht schlecht ist, deren Autoren interessante Ergebnisse berichten, die Ergebnisse eher unbeholfen interpretieren (wenn überhaupt), die ihre Leser mit ihrem manischen Innen-I nerven und sich ansonsten durch einen gewissen und völlig unwissenschaftlichen Mystizismus, was die Datengrundlage angeht (so fehlt jeder Hinweis auf die Operationalisierung, Fallzahlen muss man erschließen, Methoden nach Plausibilität zuordnen), auszeichnen, aber wir wollen diese Unzulänglichkeiten, die die Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern häufig auszeichnen, nicht weiter ausbreiten, denn die Ergebnisse, die Sophie Horneber und Felix Weinhardt auf Grundlage des NEPS, des Nationalen Bildungspanels (NEPS = National Educational Panel Study) berichten, sind zu wichtig, als dass man sie durch Unzulänglichkeiten in der Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse verwässern sollte.

Horneber und Weinhardt untersuchen für Grundschüler und Gymnasiasten, wie sich soziale Herkunft auf die Benotung auswirkt und sie machen etwas, was man in diesen Zeiten, in denen die methodischen Kenntnisse in quantitativer Sozialforschung weitgehend qualitativem Geschwätz aus der wie-es-mir-vorkommt-Schachtel gewichen sind, sehr sehr selten zu lesen bekommt, in deutscher Sprache jedenfalls. Sie benutzen einen Längsschnittdatensatz und werten diesen Längsschnittdatensatz auch als Längsschnitt- und nicht als Querschnittdatensatz aus.

Horneber & Weinhardt (2018: 482)

Längsschnittdatensätze (englisch: Panel) erheben zu unterschiedlichen Zeitpunkten Daten von denselben Befragten, so dass es möglich ist, einen Zeitverlauf, eine Entwicklung für diese Befragten zu beschreiben. Im NEPS sind die Befragten Schüler und der Panel-Charakter des Datensatzes erlaubt es, die schulische Entwicklung anhand von Noten in z.B. Mathematik und Deutsch für diese Schüler und über Zeit zu verfolgen. Und genau das tun Horneber und Weinhardt und kommen zu den folgenden Ergebnissen:

Schüler, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau aufweisen, werden seltener als Schüler, deren Eltern ein hohes formales Bildungsniveau aufweisen, „viel besser als der Durchschnitt“ der Schüler bewertet, während sie häufiger „viel schlechter als der Durchschnitt“ bewertet werden. Im Verlauf der Grundschulzeit nehmen diese Unterschiede zu, d.h. Grundschüler, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau aufweisen, fallen relativ zu Schülern, deren Eltern ein hohes formales Bildungsniveau aufweisen, weiter zurück, wenngleich der Anteil der Schüler, die als „viel besser als der Durchschnitt“ bewertet werden und deren Eltern ein geringes formales Bildungsniveau aufweisen, steigt (aber eben weniger als er bei Kindern, deren Eltern ein hohes formales Bildungsniveau aufweisen tut).

Soweit, so gut und so bekannt.
Das Neue an der Arbeit von Horneber und Weinhardt ist nun, dass sie die Schüler durch fünf Klassen am Gymnasium verfolgen und feststellen, dass sich (1) nicht nur der Abstand zwischen Schüler, deren Eltern ein hohes formales Bildungsniveau haben und denen, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau haben, sukzessive vergrößert, sie können (2) auch zeigen, dass die besten unter den Schülern, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau aufweisen, im Verlauf ihrer Schulzeit am Gymnasium am weitesten zurückfallen, dass sie am meisten an Boden verlieren.

Kurz: Wenn Kinder Eltern haben, die einen niedrigen formalen Bildungsabschluss oder weniger erreicht haben, dann zeigen sie seltener überdurchschnittlich gute Leistungen in der Grundschule als Kinder, deren Eltern einen hohen formalen Bildungsabschluss erreicht haben, und selbst wenn sie in der Grundschule zu den besten Schülern gezählt haben, fallen die entsprechenden Kinder mit Eltern niedriger formales Bildung im Verlauf ihrer Schulzeit am Gymnasium zurück.

Wie erklärt man ein solches Ergebnis?
Horneber und Weinhardt erklären es gar nicht. Ob sie sich drücken oder ob ihnen nichts einfällt, das sei einmal dahingestellt. Dass ihnen nichts einfällt, dafür spricht das, was ihnen einfällt, nämlich die Empfehlung, gute Schüler, deren Eltern mit niedrigen formalen Bildungsabschluss ausgestattet wurden, zu Beginn ihrer Schulzeit an Gymnasien zu fördern.

Das ist Standard-Empfehlung 25/1092.
Eine solche Empfehlung ist ungefährlich und sie schreibt fest, was in der deutschen Bildungsforschung von denen, deren Phantasie nicht über die eigene Schuhspitze hinausreicht, sowieso behauptet wird:

Kinder, deren Eltern ein niedriges formales Bildungsniveau erreicht haben, (nicht gleichbedeutend mit geringer Bildung), erhalten zuhause nicht die notwendige Unterstützung, bekommen nicht vorgelesen, ihre Eltern gehen nicht zum Elternabend (z.B. weil die Eltern“ABENDE“ um 16 Uhr stattfinden und sie da noch arbeiten müssen, im Gegensatz zu Mittelschichtseltern), bla bla bla.

Diesen Sermon predigen Bildungsforscher der phantasielosen Art seit Jahrzehnten. Und sie kommen sich nicht blöd vor, wenn sie nach der Predigt ins Feld gehen und dort dieselben Ergebnisse in ihren Daten finden, die sie vor der Predigt gefunden haben. Nein. Sie predigen dasselbe noch einmal. Horneber und Weinhardt reihen sich nahtlos in diesen Chor der Phantasielosen ein, die seit Jahren auf die eine Idee warten, die sich partout nicht einstellen will.

Sie kommen nicht einmal auf die Idee, Fragen wie die folgenden zu stellen:
Wieso sollten Eltern ihre Kinder überhaupt unterstützen? Ist die Schule nicht dazu da, Kindern das beizubringen, was Eltern ihnen (aus Zeitgründen) nicht beibringen können?

Ist, wenn Schulen angeblich auf die Mitarbeit der Eltern angewiesen sind, um Schülern etwas beizubringen, dies nicht ein eklatanter Beleg für deren vollständiges Scheitern?

Wozu bezahlt man Lehrer, wenn Eltern nacharbeiten und lehren sollen?

Und bezogen auf die Ergebnisse von Horneber und Weinhardt:
Wie kann es sein, dass in der Grundschule überdurchschnittlich gute Schüler, deren Eltern einen formal niedrigen Bildungsabschluss erreicht haben, gegenüber überdurchschnittlichen Schülern, deren Eltern einen formal höheren Bildungsabschluss erreicht haben, zurückfallen, sobald sich die Tür des Gymnasiums hinter ihnen schließt?

Intelligenz, kognitive Leistungsfähigkeit oder sonstige Bestandteile dessen, was man heute „Kompetenz“ nennt, können es nicht sein. Die Schüler aus Elternhäusern mit niedrigem formalen Bildungsniveau haben in der Grundschule bewiesen, dass sie zu überdurchschnittlichen Leistungen fähig sind.

Die Ursache dafür, dass sie zurückfallen, muss also woanders gesucht werden.

Schmökern wir doch einmal in Ergebnissen der Bildungsforschung, die Letztere in mehreren Dekaden angehäuft hat. Das hilft immer und ist allemal sinnvoller als sinnlose Standardempfehlungen zu geben, wie Horneber und Weinhardt das tun. Wenn man schmökert, wird man schnell fündig. Bei Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron, die schon vor vielen Jahren ein ähnliches Phänomen beschrieben haben, wie es Horneber und Weinhardt gemessen haben. An Universitäten verlieren Studenten, deren Eltern ein formal niedriges Bildungszertifikat vorzuweisen haben, schnell an Boden und geben oft auf. Nicht, weil sie die geforderten Leistungen nicht erbringen. Nicht weil sie intellektuell überfordert wären. Nicht weil ihnen das Verständnis für den Lehrstoff fehlt. Nein: Weil sie nicht die Sprache sprechen, die an Universitäten gepflegt wird: Die Sprache der Mittelschicht.

Diese Sprache ist eine symbolische Sprache.
Was eine symbolische Sprache ist, das haben wir im Dezember 2012 schon einmal deutlich zu machen versucht.

Wir wiederholen das kleine Experiment.
Betrachten Sie das folgende Bild.

Fat Battery 1963 by Joseph Beuys 1921-1986


….
…..

Sind Sie in der Lage, das Kunstwerk zu erkennen, es wortreich zu beschreiben, es zu bewerten, sich in eine Form der Ekstase zu sprechen, in der sie den künstlerischen Gehalt der außergewöhnlichen Schöpfung würdigen können?

Wenn ja, dann haben sie symbolisches Kapital. Symbolisches Kapital ist zwar ökonomisch wertlos, aber es lässt sich in anderer Weise tauschen: Als Erkennungszeichen. Es schafft Zugehörigkeit, schließt „Fremde“ aus.

Schulen sind eine Institution der Mittelschicht. Dort herrschen die Vorstellungen der Mittelschicht. Dort herrscht die Sprache der Mittelschicht. Dort wird über das symbolische Kapital der Mittelschicht selegiert. Wer es mitbringt und die zugehörige Sprache beherrscht, der hat eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Wer es nicht mitbringt, die Sprache nicht spricht, sie nicht beherrscht (oder nicht bereit ist, die Sprache zu sprechen), der hat eine geringere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg.

Die Ergebnisse von Horneber und Weinhardt bestätigen die Ergebnisse, die Bourdieu und Passeron berichten. Betrachtet man den Erfolg einer Schulkarriere als Anpassungsleistung und Beleg dafür, dass ein Schüler gelernt hat, die Sprache der Mittelschicht zu emulieren, dann wird die soziale Selektion im deutschen Bildungssystem, die dazu dient, die Fremden aus niedrigen Bildungsschichten von den Töpfen der Mittelschicht fernzuhalten, sofort plausibel. Bereits in der Grundschule macht das entsprechende symbolische Kapital einen Unterschied. Es sorgt dafür, wie Horneber und Weinhardt zeigen, dass Kinder mit Eltern, die es mit mit einem niedrigen Bildungszertifikat haben bewenden lassen, viel seltener auf ein Gymnasium gehen als Kinder von Eltern, die sich für gebildet halten. Die erste Stufe der Selektion lautet: fernhalten. Nun schaffen es dennoch knapp ein Viertel der Kinder, deren Eltern nicht das haben, was in der Mittelschicht als hoher Bildungsabschluss angesehen wird, auf ein Gymnasium. Dort treffen sie nun auf die zweite Stufe der Selektion: Aussortieren. Das Mittel, um sie auszusortieren, ist die Sprache, die sie nicht oder nur unzureichend sprechen oder die sie nicht sprechen wollen, das symbolische Kapital, das sie nicht haben (wollen). Wer sich nicht vom Mitglied der Arbeiterschicht zum Surrogat der Mittelschicht entwickelt, hat an Gymnasien keinen Erfolg.

Man muss deutsche Schulen nur in ihrer Funktion als Gatekeeper für die Mittelschicht, deren Ziel darin besteht, Kinder aus der Arbeiterschicht von den Berufen und Töpfen der Mittelschicht fernzuhalten, sehen und schon hat man ein prüfbare Hypothese für die soziale Segregation im Bildungssystem.

Horneber, Sophie & Weinhardt, Felix (2018). Gymansiasten aus Elterhäusern mit niedrigem Bildungsniveau verlieren im Laufe der Schulzeit deutlich an Boden. DIW-Wochenbericht 23/2018.

Bourdieu, Pierre & Passeron, Jean-Claude (1996) Academic Discourse: Linguistic Misunderstanding and Professional Power.

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Retro-Volksempfänger: Die Gleichschaltung der Printmedien – Kartellamt im Tiefschlaf

Es kommt selten vor, dass wir mit der taz einer Meinung sind, aber heute sind wir es. Unter dem Titel „Zentralredaktionen im Trend“, berichtet die taz heute davon, dass Madsack, einer der großen Player auf dem Markt deutscher Lokalzeitungen mit insgesamt 15 Zeitungen – von der Leipziger Volkzeitung bis zu den Lübecker Nachrichten, von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bis zu den Dresdner Neuesten Nachrichten – mit DuMont fusioniert und ein gemeinsames Hauptstadtbüro “Redaktionsnetzwerk Deutschland” gründet. DuMont verlegt 12 lokale Zeitungen, vom Berliner Kurier bis zur Hamburger Morgenpost, von der Kölnischen Rundschau und dem Kölner Stadtanzeiger bis zur Frankfurter Rundschau. Mit dem neuen Hauptstadtbüro von Madsack und DuMont ist sichergestellt, dass die Leser von 27 lokalen Zeitungen im überregionalen Mantelteil genau dasselbe lesen.

Hugenbergs Zeitungen haben die Machtergreifung überlebt.

Nun ist eine Diversität des deutschen Blätterwalds nicht wirklich gegeben, dafür sorgen dpa und die Tatsache, dass sich in den Politikredaktionen der Zeitungen erstaunlich wenig ideologische Diversifikation findet, was sich z.B. darin niederschlägt, dass in der Bevölkerung umstrittene Themen in den Politikredaktionen regelmäßig gleich bewertet werden und in der Regel im Einklang mit der Marschroute, die aus Kanzleramt oder den Parteizentralen von CDU oder SPD vorgegeben wird.

Madsack und DuMont werden als „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ ein Berliner Büro betreiben, von dem aus das, was man am nächsten Tag in seiner Zeitung lesen kann, verteilt wird, gleichlautend (und wie bisher) an die 15 lokalen Zeitungen von Madsack und (nunmehr zusätzlich an) die 12 lokalen Zeitungen von DuMont und die 40 lokalen Zeitungen, die bereits heute vom „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ beliefert werden. Eine Gleichschaltung, wie man sie zuletzt zu Zeiten von Alfred Hugenberg für Deutschland sehen konnte.

Und das Bundeskartellamt schläft.

„Das Bundeskartellamt ist eine unabhängige Wettbewerbsbehörde, deren Aufgabe der Schutz des Wettbewerbs in Deutschland ist. Dieser Schutz ist eine zentrale ordnungspolitische Aufgabe in einer marktwirtschaftlich verfassten Wirtschaftsordnung.“

Offensichtlich fällt journalistischer Wettbewerb nicht in den Zuständigkeitsbereich, den sich das Bundeskartellamt selbst gibt, was kein Wunder ist, denn die Gleichschaltung der Presse ist das, was Politiker mögen. So ist es wohl auch kein Wunder, dass im Beitrag der taz ein Interview, das Heiko Maas zu – wie könnte es anders sein – dem “Kampf gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit” dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gegeben hat, lakonisch damit kommentiert wird, dass die Märkische Allgemeine an sich kein Interview mit Maas zum Aufmacher hätte machen können. Nun, als Teil des zentralen Redaktionsnetzwerks kann sie es. Und Heiko Maas kann seine Betroffenheitsmiene breitenwirksam in 27 lokalen Zeitungen zur Schau stellen.

Kartellbildung wird gewöhnlich unter dem Aspekt von Preisabsprachen betrachtet. Es ist an der Zeit, dass Wissenschaftler sich der Meinungskartellbildung annehmen, der Absprache und Vorgabe der Meinungen, die den Lesern von Tageszeitungen landauf landab als politisch korrekte Meinung gleichlautend und in Absprache aufgetischt werden sollen.

Mit derartiger Kartellbindung gehen in der Regel unappetitliche Verquickungen zwischen politischen Akteuren und Journalisten einher. Journalisten des Redaktionsnetzwerks Deutschland, die Gatekeeper 27 lokaler Zeitungen von Madsack und DuMont sind und weiterer 40, die vom Redaktionsnetzwerk beliefert werden, haben plötzlich Zugang zu 2,3 Millionen Abonnenten und ca. 7 Millionen Lesern. Sie werden für Politiker interessant, zum Gegenstand besonderer Gefallen. Erst ein Exklusivinterview, dann die bevorzugte Vorabinformation, ein Mittel, mit dem Politiker und Ministerien schon heute gerne arbeiten, um Journalisten zu binden. Es folgen die kleinen politischen Gefallen und die „eine-Hand-wäscht-die-andere“ Szenarien, die aus Netzwerken der Korruption bekannt sind. Man muss kein Hellseher sein, um dies vorherzusehen.

Die wissenschaftliche Literatur zu Korruption ist voller Beispiele, die zeigen, wie Zentralisierung und die Beseitigung von Wettbewerb zu Korruption führen. Wer Strukturen schafft, die opportunistisches Verhalten befördern, der muss sich nicht wundern, dass der Opportunismus blüht, die Gefälligkeitsberichterstattung, der Austausch von Gefallen auf Gegenseitigkeit. Das Bundeskartellamt wurde eigens gegründet, um derartige einseitige Absprachen von Akteuren zu Lasten der Bevölkerung zu verhindern, um sicherzustellen, dass ein Wettbewerb um Preis und Leistung stattfindet, so dass es bestimmten Akteuren nicht möglich ist, Absprachen zu treffen und ein Monopol zu etablieren.

Derzeit wird in Berlin unter der Nase des Bundeskartellamts ein solches Monopol geschaffen und der Wettbewerb um die politische Meinung beendet. Das, was Deutsche landauf landab in ihren Lokalzeitungen zu lesen bekommen, wird gleichgeschaltet, und es werden Vehikel geschaffen, Retro-Volksempfänger in Print, der ganz Deutschland zu einem kontrollierten Tal der Ahnungslosen macht, Retro-Volksempfänger, die Politikern den gleichlautenden Zugriff auf Millionen Leser gewähren. Was wohl die Gegenleistung ist, die Politiker wie Maas dafür erbringen, dass sie über das Redaktionsnetzwerk ihre Betroffenheit millionenfach zur Schau stellen können?

Ein kleiner Twist, vielleicht auch ein großer Twist in dieser Geschichte, den hat man bei der taz verpassthat oder dessen man sich sich vielleicht gar nicht bewusst ist: Madsack ist kein unabhängiges Zeitungsimperium. Die SPD ist über ihre ddvg AG und mit 26% an Madsack beteiligt, wie der neueste Rechenschaftsbericht der Partei einmal mehr zeigt. Zudem gehören der SPD eine Fülle lokaler Zeitungen (z.B. Neue Westfälische, Nordbayerischer Kurier, Neue Presse Coburg, Sächsische Zeitung, Frankenpost …), deren Mantel aus Berlin bezogen (werden) wird. Von wo wohl? Na von Madsack, aus dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Spätestens hier wird die ganze Geschichte widerlich.

Die Beseitigung von Wettbewerb unter der verstopften Nase des Bundeskartellamts ist eine Sache. Dass die Gleichschaltung der deutschen Lokalzeitungen von einem Verlagshaus betrieben wird, an dem die SPD zu 26% beteiligt ist und die Zeitungen der SPD an dieser Gleichschaltung (wohl) beteiligt sind, das ist etwas ganz anderes. Aber nichts Unbekanntes.

Das gab es schon einmal. Nicht unter Alfred Hugenberg. Später. Tatsächlich wäre Hugenberg wohl vor Neid erblasst, hätte er gesehen, welche Meinungskonzentration und Gleichschaltung der Presse ohne Zwang und unter der Mimikry eines demokratischen politischen System möglich ist, in einem System, in dem es mit der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich eine Institution gibt, die wohl auch nur eines kann: Gute Miene zum bösen Spiel machen.

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Warum unkontrollierte Masseneinwanderung allen schadet – Theorie der Akkulturation

Wir sind der Ansicht, dass es den vorsätzlichen Versuch gibt, die Sozialwissenschaften zu diskreditieren. Wie Popper, so leisten wir uns hier unseren eigenen kleinen Dogmatismus. Einen Dogmatismus, der zur These entwickelt werden kann die gestützt wird durch die willentliche Art und Weise, in der Gender Studies, Queerstudies, Post Colonial Studies, um nur drei Formen der derzeitigen akademischen Tunnelblicks zu nennen, in den Sozialwissenschaften installiert wurden und werden, um Sozialwissenschaften, die noch Ende der 1980er Jahre auf einen festen Korpus von Methoden und Theorien verweisen konnten, systematisch der Lächerlichkeit willkürlichen Gebrabbels, wie es regelmäßig aus Gender Studies etc. zu hören ist, preiszugeben und auf diese Weise sozialwissenschaftliche Ergebnisse, die mit politischen Ideologien inkommensurabel sind, zu unterdrücken.

Dass Sozialwissenschaften weit mehr zu bieten haben als das, was heute in den Medien als Sozialwissenschaft verkauft werden soll, mehr als den akademisch Erregten, der über Rassismus schwadroniert oder den akademischen Beleidiger, der politische Ideologien, die ihm nicht passen, diffamiert, wollen wir heute am Beispiel der Massenzuwanderung zeigen, der sich Deutschland seit etlichen Jahren gegenübersieht.

John W. Berry hat in den 1990er Jahren seine Psychologie der Akkulturation entwickelt und in diesem Zusammenhang ein Modell, das weit über die Grenzen der Psychologie hinaus Verbreitung gefunden hat (In der Soziologie haben Dr. habil. Bernhard Nauck und Dr. habil. Heike Diefenbach das Modell von Berry bekannt gemacht.)

Berry unterscheidet vier, wenn man so will, Ausgänge (oder Formen) des Zuwanderungsprozesses:

  • Assimilation,
  • Integration,
  • Akkulturation und
  • Marginalisierung oder Separation;

Assimilation beschreibt einen Zuwanderer, der in seinen täglichen Lebenszusammenhängen von der autochthonen Bevölkerung nicht mehr zu unterscheiden ist. Integration beschreibt einen Zuwanderer, der die kulturellen Praktiken und die Abläufe, die das tägliche Leben in der Aufnahmegesellschaft strukturieren, beherrscht, der in die Aufnahmegesellschaft eingebunden ist, aber seine kulturelle Identität beibehält. Chinatown in Montreal ist ein Beispiel für Integration. Man taucht in ein chinesisches Reservat, mit chinesischen Geschäften, chinesischen Gärten und chinesischer Infrastruktur ein, hat aber keinen Moment den Eindruck, nicht mehr in Kanada zu sein. Die geteilte kanadische Kultur folgt selbst in den chinesischen Laden, in dem Objekte verkauft werden, gegen die jeder westliche Magen rebellieren muss.

Akkulturation ist die Voraussetzung für sowohl Integration als auch Assimilation. Akkulturation beschreibt die Bereitschaft der Zuwanderer, sich auf die neue Gesellschaft einzulassen, sich zu integrieren, vielleicht sogar zu assimilieren. Gleichzeitig ist Akkulturation die Scheidelinie, die zwischen der Aufnahme der Zuwanderer in die Aufnahmegesellschaft und deren Separation unterscheidet. Separation beschreibt die Bildung einer Parallelgesellschaft, den Versuch von Zuwanderern, unter sich zu bleiben, ihre Abneigung gegen eine Integration oder Assimilation in die Aufnahmegesellschaft.

Zwei Dinge, die die Gutmenschen, die sich derzeit darin gefallen, Unterschiede zwischen Zuwanderern zu nivellieren und ein neues primitives Bild des edlen Wilden zu verbreiten, nicht auf der Rechnung haben, zeichnen die Theorie von Berry aus:

  • Zuwanderer sind Menschen mit einem eigenen Willen;
  • Zur Akkulturation und damit zur Integration und Assimilation bedarf es der Bereitschaft eines Zuwanderers, sich zu assimilieren (und nicht nur der Bereitschaft der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft, dies zuzulassen);

Ob ein Zuwanderer in eine Aufnahmegesellschaft assimiliert oder integriert ist, ist – anders als die robuste Ignoranz der Gutmenschen dies behauptet – keine alleinige Frage der Aufnahmebereitschaft der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft, es ist vielmehr (im doppelten Sinne von vielmehr) eine Frage der Bereitschaft der Zuwanderer sich auf eine neue Gesellschaft einzulassen.

Diese Bereitschaft ist wiederum von zwei Faktoren abhängig:

  • Von der Frage, ob die Mitglieder der Aufnahmegesellschaft eine Parallelgesellschaft, die Separation der Zuwanderer akzeptieren;
  • Von der kulturellen Distanz zwischen der Herkunfts- und der Aufnahmegesellschaft;

Man kann hiervon ausgehend, die folgenden Hypothesen formulieren: Je weniger Druck auf Akkulturation eine Aufnahmegesellschaft ausübt, desto höher die Wahrscheinlichkeit von Separation. Je größer die kulturelle Distanz, desto höher die Wahrscheinlichkeit von Separation.

Warum ist das so?

Ein Migrant, der in eine Gesellschaft kommt, die er sich nicht ausgesucht hat, weil er die Funktionsweise der entsprechenden Gesellschaft, die Werte, für die sie steht, die Abläufe des täglichen Lebens, die sie auszeichnen, positiv bewertet, sondern der in einer Gesellschaft angekommen ist, die ihm fremd ist, von der er sich falsche Vorstellungen gemacht hat bzw. von der er, je mehr er von ihr erfährt, sich immer mehr entfremdet, der hat keinen Anreiz, sich zu akkulturieren und damit den Weg zur Integration oder Assimilation zu gehen. Er hat einen Anreiz, sich zu separieren, einen Anreiz, der umso stärker ist, je geringer die Kosten sind, die er tragen muss, wenn er sich nicht akkulturiert.

Berry Inside

Dass linke Gutmenschen wie es so die Gewohnheit sozialistischer Menschenfeinde ist, alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren, sie zu edlen Wilden erklären, die alle nach Deutschland gekommen sind, um hier ihrem Traum von Freiheit, Arbeit und einem selbstbestimmten Leben nachzugehen, hat insofern negative Effekte auf die Akkulturationswilligkeit von Flüchtlingen, als es einerseits ein Scheitern der Akkulturation und ein Ausbleiben von Integration oder gar Assimilation ausnahmslos den Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft anlastet – in der dümmsten aller primitiven Behauptungen, der massenhaften Fremdenfeindlichkeit der alten weißen Männer.

Damit wird allen Flüchtlingen signalisiert, dass ein ausbleibender Versuch, sich zu akkulturieren, für sie keine negativen Folgen hat. Und den Flüchtlingen, die tatsächlich nach Deutschland gekommen sind, um sich in die Gesellschaft einzupassen, wird signalisiert, dass ihre entsprechende Motivation und Anstrengung durch Mitglieder der Aufnahmegesellschaft keinerlei Wertschätzung erfährt. Beide Male ergeben sich Anreize zur Separation.

Anreize, die durch kulturelle Distanz zwischen Flüchtlingen und Aufnahmegesellschaft noch verstärkt werden, kulturelle Distanz wie sie sich aus unterschiedlichen kulturellen Praktiken, Ritualen, verschiedenen Moralvorstellungen oder unterschiedlichen Wertsystemen ergibt.

Auch hier wirken linke Gutmenschen zerstörerisch auf die Chancen einer Akkulturation von Flüchtlingen. Sie lassen keinerlei Abweichung von dem Wertsystem zu, das Linken als heilige Kuh gilt, das aber vor allem in arabischen Ländern wie Syrien auf erhebliche kulturelle und moralische Widersprüche treffen muss, genannt sei hier nur die verordnete Liebe, die man Homosexuellen entgegenbringen muss und die unterschiedlichen Vorstellungen darüber, was eine Lebenspartnerschaft auszeichnet bzw. an welchen Insignien man eine emanzipierte Partnerschaft erkennen kann.

Egal, welche Facette des Akkulturationsprozesses man betrachtet, immer ist die Wahrscheinlichkeit für Flüchtlinge, sich zu separieren, maximiert:

Die unkontrollierte Zuwanderung sorgt dafür, dass der Anteil der Flüchtlinge, die sich nicht akkulturieren wollen, sehr hoch ist, weit höher als er durch Selbstselektion oder entsprechende Aufnahmekriterien wäre.

Die große kulturelle Distanz zwischen z.B. Muslimen aus Syrien und dem, was deutsche Linke als den Prototyp des „schon länger hier Lebenden“ ansehen, sorgt dafür, dass Akkulturation für Flüchtlinge mit hohen Kosten verbunden ist, was abermals Separation (oder Marginalisierung) befördert.

Die Tatsache, dass eine Akkulturation und nachfolgende zumindest Integration keine Voraussetzung dafür ist, dauerhaft öffentliche finanzielle Leistungen zu beziehen, senkt die Bereitschaft zur Akkulturation weiter.

Die Nivellierung individueller Unterschiede durch die Schablone des „edlen Wilden“, in die linke Gutmenschen Flüchtlinge pressen, sorgt dafür, dass Anstrengungen von Flüchtlingen, die sich akkulturieren wollen, nicht positiv sanktioniert werden, nicht als die Leistung angesehen werden, die sie nun einmal darstellen. Damit reduzieren die Gutmenschen den Anreiz von Flüchtlingen, sich zu akkulturieren, weiter.

Dass eine Erzählung bereitsteht, die die edlen Wilden der linken Phantasiewelt von jeder Verantwortung für ein Scheitern der Akkulturation freispricht, weil in der absurden Vorstellungswelt der Linken Flüchtlinge keine normalen, keine handelnden Menschen sind, sondern Spielbälle der Aufnahmekultur, schließt den Kreis der Anreize für Flüchtlinge, sich auf einen Akkulturationsprozess gar nicht erst einzulassen.

Das Ergebnis ist die Separierung vieler Flüchtlinge und das zwangsläufige Entstehen einer Parallelgesellschaft, die über kurz oder lang in Konflikt mit der Mehrheitsgesellschaft treten muss, schon weil gesellschaftliche Ressourcen begrenzt sind. Es ist also vorhersehbar, welche perversen Effekte die linken Gutmenschen mit ihren Träumen vom edlen Wilden, der ohne ihre Hilfe nicht bestehen kann, produzieren werden. Es bleibt zu hoffen, dass diese vorhersehbaren Konsequenzen im Rahmen friedlicher Konfliktlösung behandelbar sind. Indes, wenn man die Unfähigkeit deutscher Linker in Betracht zieht, die Existenz andere Meinungen auch nur zu akzeptieren, dann ist man bestens beraten, mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Es ist wie mit dem Genderismus: Wenn die Individualität, die Unterschiedlichkeit von Menschen, ihren Lebensvorstellungen, Zielen und Werten nicht akzeptiert wird, dann werden Entscheidungen auf Grundlage eines ideologischen Zerrbilds der Realität gefällt, die keinem gerecht werden, und zwangsläufig in die Krise oder Katastrophe führen müssen. 

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