Lügen sind im ZDF wie weit verbreitet? ZDF-Politbarometer: Schade um die Forschungsgruppe Wahlen

Manfred Berger ist tot.

Dieter Roth und Wolfgang Gibowski sind ausgeschieden.

Von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen ist nicht viel geblieben. Einst war die Forschungsgruppe das Aushängeschild der Wahlforschung in Deutschland, die Hochrechnungen nach den Landtags- und Bundestagswahlen waren regelmäßig besser als die der Konkurrenz von Infas oder Infratest. Die Befragungen waren in Methodik und Umsetzung mit das Beste, was man an Wahlforschung in Deutschland bekommen konnte. So gut, dass selbst Redaktionsangehörige von ScienceFiles ihre Magisterarbeit mit den Daten der Forschungsgruppe Wahlen bestritten haben

Das ist lange her.

Heute ist die Forschungsgruppe Wahlen zum Lieferanten gewünschter Ergebnisse geworden. Das ZDF bestellt, die Forschungsgruppe liefert. Das ZDF bestellt die Einschätzung, dass die AfD rechtsextrem ist, die Forschungsgruppe liefert. Anders als über einen solchen Ablauf lässt sich die folgende abgrundtief dumme Frage, die gegen jeden Grundsatz der empirischen Sozialforschung verstößt, nicht mehr erklären:

“Was meinen Sie: Rechtsextremistische Ansichten sind in der AfD sehr weit, weit, nicht so weit, gar nicht verbreitet?”

Es genügt bereits zwei eherne Grundsätze der empirischen Sozialforschung anzuführen, um zu zeigen, dass diese Frage einzig und allein der Stimmungsmache (oder Hetze?) gegen die AfD dient.

Grundsatz 1:

Fragen müssen einen klar benennbaren und eindeutigen Gegenstand haben, vom dem sicher ist, dass ihn die meisten Befragten kennen.

Grundsatz 2:

Fragen müssen vollständig sein.

Fangen wir hinten an.

Vollständigkeit

Die Forderung nach Vollständigkeit soll u.a. ausschließen, dass Ergebnisse von Befragungen manipuliert werden können. Aber das ist nur sekundär. Primär soll Vollständigkeit gewährleisten, dass man auf Grundlage der eigenen Ergebnisse auch etwas aussagen kann.

Das ist im vorliegenden Fall nicht möglich.
Die Frage ist vergleichbar mit dem Versuch, die Position eines Schiffes mitten im Ozean dadurch zu bestimmen, dass man ein Lineal ins Wasser wirft. Auf Grundlage der Antworten kann man KEINE relevante Aussage machen. Damit man eine relevante Aussage machen kann, benötigt man eine Vergleichsgruppe. Die Vergleichsgruppe kann man z.B. dadurch schaffen, dass man fragt:

Was meinen Sie: Rechtsextremistische Ansichten sind in der CDU sehr weit, weit, nicht so weit, gar nicht verbreitet?

Oder:

Was meinen Sie: Rechtsextremistische Ansichten sind in der SPD sehr weit, weit, nicht so weit, gar nicht verbreitet?

Zu Vergleichszwecken muss man mit funktionaler Äquivalenz zu arbeiten:

Was meinen Sie: Linksextremistische Ansichten sind in der LINKE sehr weit, weit, nicht so weit, gar nicht verbreitet?

Oder

Was meinen Sie: Linksextremistische Ansichten sind bei Bündnis90/Grüne sehr weit, weit, nicht so weit, gar nicht verbreitet?

Wer eine Frage wie die stellt, die die Forschungsgruppe Wahlen gestellt hat, hat einzig und allein die Diskreditierung des Frageobjekts zum Ziel.

Oder ein anderes Beispiel: Was meinen Sie: Gewaltbereitschaft ist in der LINKE sehr weit, weit, nicht so weit, gar nicht verbreitet?

Als Ergebnis der Antworten auf diese Frage können wir dann die LINKE als gewaltbereite Nachfolgepartei der SED, die ja auch schon gewaltbereit war, darstellen. Dass wir das können, ist jetzt schon sicher. Es ist Ergebnis der Art und Weise der Frageformulierung und der Unvollständigkeit der Frage.

Punkt 2:

Eindeutigkeit

Was nutzen Fragen oder Items in Befragungen, bei denen man nicht weiß, was damit gemessen wird? Sie nutzen natürlich dem, der die Vagheit seiner Fragen ausnutzen will, um allen Befragten seine Interpretation dessen, was gefragt wurde, unterzuschieben. Sie nutzen dem, der manipulieren will.

Rechtsextremismus.
Was ist Rechtsextremismus?

  • Ist Rechtsextremismus die NSDAP?
  • Ist Rechtsextremismus die NPD?
  • Ist Rechtsextremismus, wenn man Ausländer nicht mag?
  • Ist Rechtsextremismus, dass man Linke nicht mag?
  • Ist Rechtsextremismus, dass man denkt, manche Menschen seien, weil sie mehr leisten, mehr wert als andere, die weniger leisten?
  • Ist Rechtsextremismus dasselbe wie “Neoliberalismus”?
  • Ist Rechtsextremismus die extreme Variante von Rechtsradikalismus, die Gewaltbereitschaft voraussetzt?
  • Ist Rechtsextremismus eine andere Bezeichnung für Patriotismus?
  • Ist Rechtsextremismus alles, was nicht Linksextremismus ist?

Wir könnten die Reihe der Frage fast endlos fortsetzen, aber der Punkt ist gemacht: Jeder von uns hat eine Vorstellung davon, was Rechtsextremismus ist. Die wenigsten von uns werden übereinstimmen. Tatsächlich ist es so, dass nicht einmal Politikwissenschaftler in der Frage, was unter Rechtsextremismus verstanden werden soll, übereinstimmen.

Rechtsextremismus ist als Begriff demnach vollkommen unbestimmt. Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was Rechtsextremismus ist. Die wenigsten wären in der Lage, diese Vorstellung in konkrete Begriffe zu fassen.

Und nun werden 1000 Befragte gefragt, ob etwas, von dem sie keine genaue Vorstellung haben in der AfD weit verbreitet, verbreitet usw. ist. Sie werden also, um den manipulativen Unsinn auf die Spitze zu treiben, aufgefordert, eine Einschätzung auf Basis einer Vollerhebung zu machen, einer Vollerhebung über die Mitglieder der AfD, Funktionsträger der AfD, die kleinen und großen Anfragen der AfD im Sächsischen Landtag, die Rede von von Meuthen in Regensburg usw. Wer Befragte vor eine solche Aufgabe stellt, hat offensichtlich kein Interesse daran, eine sinnvolle und brauchbare Frage zu stellen. Sein Interesse besteht darin, eine Frage zu formulieren, deren Ergebnisse sich gegen das Befragungsobjekt verwenden lassen.

Das hat nichts mit empirischer Sozialforschung, ja nicht einmal mit Umfrageforschung zu tun. Es ist Manipulation auf Grundlage einer Ideologie, Manipulation mit dem Ziel, eine politische Partei zu diskreditieren.

Und was misst die Frage letztlich? Ob es gelungen ist, Rechtsextremismus zu einer Art Catch-All-Begriff zu machen, mit dem man Objekte, Parteien, Personen, die ideologisch nicht passen, etikettieren und negativ bewerten kann.  Letztlich wird gemessen, ob wir fähig sind, an einem Sprachspiel teilzunehmen: Wir reden über etwas, von dem wir keine Ahnung haben, und behaupten, es sei in einer Partei, von der wir nur wissen, was uns die Medien präsentieren, vorhanden. Was man also misst ist, ob die Indoktrination durch öffentlich-rechtliche Medien in Deutschland erfolgreich war.

Es ist schade und eine Schande, was aus der Forschungsgruppe Wahlen geworden ist.

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Ist Gewalt in der Pflege an der Tagesordnung?

Vor einigen Tagen haben wir einen Post veröffentlicht, in dem wir auf eine mutige Befragung eingegangen sind, die die B. Braun Stiftung und das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung durchgeführt haben. Befragt wurden Auszubildende und Schüler der Gesundheits- und Krankenpflege u.a. zu ihrer Erfahrung mit Gewalt in der Pflege. Erschreckende 30,8% der 402 Befragten haben angegeben, dass sie sehr häufig oder eher häufig Zeuge davon wurden, wie gegen den Willen von Patienten Pflegemaßnahmen durchgeführt werden.

Derzeit führen Politiker häufig den Begriff der Menschenwürde im Mund. Bislang ist keiner auf die Idee gekommen, die Frage zu stellen, wie Mehrbettzimmer in Altenheimen, Fixierungen und Behandlungen gegen den Willen von Patienten mit der Menschenwürde, die angeblich so wichtig ist, vereinbar ist. Es zeigt sich einmal mehr, dass es nicht darum geht, konkrete Situationen von Menschen zu verbessern, sondern darum, sich mit Begriffen zu schmücken und virtue signalling ohne jegliche empirische Basis zu betreiben.

Zwischenzeitlich hat uns ein Feedback eines Lesers erreicht, in der er seine Erfahrungen mit der Normalität von und der Art und Weise, mit der Gewalt in der Pflege angewendet wird, beschreibt. Es ist ein erschreckender Bericht von dem, was offensichtlich Normalität in deutschen Krankenhäusern ist:

„Gewalt in der Pflege: Als Zivildienstleistender habe ich im Jahr 2000 die Gewalt selber miterlebt und zu meiner eigenen Scham heute, auch teilweise selber mal angewandt. Als junger naiver 19-Jähriger komme ich in ein Krankenhaus und stehe quasi unter Befehlszwang. Von einigen Schwestern höre ich ständig Sätze wie, “wäre der mal lieber zum Bund gegangen, dann hätte er gewusst, wie man Befehle befolgt.” Da wird einem z.B. dann von den Schwestern vorgemacht, wie renitenten Patienten die Tabletten verabreicht werden: Nase zu halten und warten bis dieser Mensch Luft holen muss… Mund geht auf, Tabletten rein, Flüssigkeit mit der Schnabeltasse dazu und fertig. Die Schwestern verhielten sich zu meinem Entsetzen auch untereinander sehr feindselig. Keine gönnte der Anderen was. War man die ersten Monate noch froh über meine Hilfe, wurde sie später als Waffe gegen andere Schwestern eingesetzt. Wurde ich am Anfang noch auf alles Mögliche angelernt, schwärzten sich die selben Krankenschwestern dann an, wenn ich was in deren Auftrag tat, es aber wohl rechtlich nicht erlaubt war. Auch erlebte ich wie man fast sehenden Auges einen Arzt im Praktikum (AIP) einen Fehler machen lassen wollte, der den Patienten verletzt hätte. Im letzten Monat sagte ich als Zivi dann Stopp, und wies den AIP auf seinen Fehler hin. Der war sichtbar dankbar, aber die wütenden Blicke (Oberarzt, Stationsarzt, Chef-Stationsschwester und einige andere Schwestern) der mir galten, weil ich die “Zirkusvorstellung” vorzeitig beendet hatte, die werde ich nicht vergessen.

Seid damals sind viele Jahre vergangen, und ich habe diese dominante menschenverachtende Art der Medizin auch an mir selbst als Patient und bei Verwandten erleben müssen. Den Ärzten, Schwestern und Krankenhäusern vertraue ich nicht mehr wirklich. Gleichzeitig muss ich bei vielen meiner Mitmenschen feststellen, dass sie diese “Medizin-Profis” immer noch für die Götter in weiß halten. Gruß ein ehemaliger Zivildienstleistender (Pflegezivi jeweils für ein halbes Jahr auf der Intensivstation und halbes Jahr einer Neurologie-Station)“

Rollenmodell „Mann“ – Rent a Teacherman und anderer Unsinn

In Bremen gibt es seit fünf Jahren ein Projekt „Rent a Teacherman“, das der Erziehungswissenschaftler Christoph Fantini ins Leben gerufen hat: Männliche Lehramtsstudenten werden an männerlose Grundschulen vermietet. Denn: Bremer Grundschulen sind männerfreie Zonen. Das ist schlecht, fehlten den Jungen doch dadurch die männlichen Rollenmodelle.

Rollenmodell.
Rolle.
Soziale Rolle.
Kaum ein Begriff ist seit dem Aufkommen des Feminismus so derangiert und entkernt worden, wie der Begriff der sozialen Rolle. Wie so oft, wenn Begriffe „populär“ werden, wird nur der Begriff, aber nicht die Bedeutung populär. Und so kommt es, dass viele über etwas reden, aber nur wenige eine Idee davon haben, wovon sie eigentlich reden.

Sir Ralf Dahrendorf kommt das Verdienst zu, den Begriff der sozialen Rollen (das soziale, ohne das der Begriff „Rolle“ nur als solche rückwärts einen Sinn macht, wird in der Regel vergessen) in Deutschland gebrauchsfähig gemacht zu haben. Hier seine Bestimmung dessen, was „soziale Rolle“ beschreibt:

„Von den beiden Begriffen der Position und der Rolle ist der der Rolle bei weitem der wichtigere: die Unterscheidung beider ist dennoch nützlich. Während Positionen nur Orte in Bezugsfeldern bezeichnen, gibt die Rolle uns die Art der Beziehung zwischen den Trägern von Positionen und denen anderer Positionen desselben Feldes an. Soziale Rollen bezeichnen Ansprüche der Gesellschaft an die Träger von Positionen, die von zweierlei Art sein können: einmal Ansprüche an das Verhalten der Träger von Positionen (Rollenverhalten), zum anderen Ansprüche an sein Aussehen und seinen Charakter (Rollenattribute). […] Obwohl die soziale Rolle, die zu einer Position gehört, uns nicht verraten kann, wie ein Träger dieser Position sich tatsächlich verhält, wissen wir doch, wenn wir mit der Gesellschaft, die diese Rolle definiert, vertraut sind, was von ihrem Spieler erwartet wird. Soziale Rollen sind Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen.“

Grundschullehrer ist also eine Position.
Der individuelle Mensch, der die Position füllt, übernimmt die Rolle, die mit dieser Position verbunden ist.
Die Rolle wird von Erwartungen an sein Verhalten und seinen Charakter usw. bestimmt, ist also eine soziale Rolle.

Welche Erwartungen werden an einen Grundschullehrer gestellt?
Dass er Kindern Rechnen, Schreiben und Lesen beibringt.
Dass er in Rechnen, Schreiben und Lesen selbst kompetent ist.
Dass er sein Augenmerk auf den Erfolg aller seiner Schüler legt.

Irgendwie kommt Geschlecht nicht vor.
Geschlecht kommt nur dann vor, wenn man denkt, dass es für die Erwartungen an die Performanz einer Person in der Rolle eines Grundschullehrers einen Unterschied macht, ob diese Person weiblich oder männlich ist.

Das legt natürlich den Verdacht nahe, dass manche Zeitgenossen, die so fixiert auf Geschlecht sind, der Ansicht sind, dass es eine biologische Determinierung von Fähigkeiten gibt. Andere nennen das Sexismus.

Die Rettung vor dieser Art des Biologismus soll durch den Begriff „Rollenmodell“ erreicht werden.
Ein Grundschullehrer soll ein Rollenmodell für seine Schüler sein.

Von Albert Bandura stammt das Konzept des Modelllernens.

Kinder und Jugendliche lernen am Modell, imitieren, was ihnen Bezugspersonen vorleben.
Was kann man vom Rollenmodell „Grundschullehrer“ übernehmen?
Welches seiner Verhalten kann man übernehmen?
Offensichtlich kann man als Grundschüler von einer Person in ihrer Rolle als Grundschullehrer übernehmen, wie man die Position des Grundschullehrers ausfüllt. Sonst nichts.
Mit anderen Worten: Diejenigen, die von Grundschullehrern erwarten, ein Rollenmodell für ihre Schüler zu sein, sehen
Grundschullehrer nicht in der Position „Grundschullehrer“ und nicht in der sozialen Rolle „Grundschullehrer“, sondern als etwas anderes. Z.B. als Angehöriger eines Geschlechts.

Insofern behaupten sie, dass Grundschullehrer „Rollenmodell“ für ihre Grundschüler im Hinblick auf das Verhalten einer Person, der die soziale Rolle eines Mannes oder einer Frau zugewiesen wird, sind. Sie sind also der Ansicht, dass sich Schüler ausgerechnet Grundschullehrer aussuchen, um die Rollenerwartungen und die Erwartungen an Charakter und Eigenschaften dessen, der sich als Mann darstellt, zu erlernen.

Das, mit Verlaub, ist ziemlicher Unsinn. Jeder Winnetou-Film ist besser geeignet, die Rolle „Mann“ zu vermitteln als der männliche Pauker mit der hohen Stirn, der in der Grundschule gelandet ist, weil er es nicht zum Gymnasium geschafft hat. Tatsächlich ist die Erwartung, dass Lehrer für Schüler in der Regel Anti-Rollenbilder sind, die ihnen vermitteln, wie sie nicht sein wollen, begründeter als die Erwartung, Schüler würden ausgerechnet Grundschullehrer als Rollenmodell wählen.

Wie kommt es zu dieser Überschätzung von Rolle und Position?

Durch Inkompetenz, Unverständnis, Phantasie und Manie.
Dem Bericht des Spiegel, in dem es um „die Männer“ geht, die an Grundschulen „vermietet“ werden, nicht etwa um die Lehrer, haben wir die Aussagen, die direkt oder indirekt von Christoph Fantini stammen, dem Verleiher von „Männern“, entnommen und zusammengestellt:

„Viele Kinder würden in der Kita und der Grundschule nicht auf einen einzigen Mann treffen. ‚Dadurch entstehen sehr stereotype Bilder in ihren Köpfen: Männer sind stark und machen was mit Maschinen. Frauen sind schlau. Deshalb können sie studieren und Lehrerin werden“, sagt Fahini.

Zwei logische Schlüsse drängen sich auf: Fahini ist eine Frau, oder Fahini hat nicht studiert. Die Bewertung der Aussage von Fahini ist sehr einfach: Grober Unfug. Rollenbilder werden über Beobachtung, nicht über nicht Beobachtung gewonnen. Und wie Kinder aus der Abwesenheit von Männern in der Grundschule und der Kita schließen sollen, dass Männer etwas mit Maschinen machen und wie sie – wider ihre eigene Anschauung – aus der Beobachtung von weiblichen Grundschullehrern schließen sollen, dass „Frauen schlau“ sind, sind nur zwei Fragen, die man auf Basis einer derart unsinnigen Aussage, wie der von Fahini stellen muss. Tatsächlich sagt die Aussage viel über Fahinis Stereotype „richtige Männer machen etwas mit Maschinen“, „richtige Frauen haben keine Ahnung von Technik“, als dass sie etwas über Grundschüler aussagen würde. Sie belegt einfach nur die vollkommene Unkenntnis, mit der das Konzept der sozialen Rolle im Gehirn von Fahini behandelt wird.

Weil es noch nicht reicht, Faihin zum Zweiten:

„Auch deshalb sind männliche Lehrkräfte nach Ansicht von Fahini so wichtig. Sie sind nicht nur Rollenvorbilder für die Jungen, sondern auch Vertrauenspersonen – mit denen sie über Sexualität sprechen können oder durch die sie sich auf Klassenfahrten aufgehoben fühlen“.

Offensichtlich herrscht im Rollenbild von Fahini erhebliche Konfusion. Denn seine Erwartungen an die Position „Grundschullehrer“ umfasst nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern auch den Aufbau einer Vertrauensbeziehung zu allen Schülern desselben Geschlechts und Gespräche über Sexualität. Kann man Manie noch deutlicher zum Ausdruck bringen?

Männliche Grundschullehrer sind also deshalb notwendig, weil an deutschen Grundschulen eine Sexualisierung stattgefunden hat, als deren Ergebnis Geschlecht von Schüler und Lehrkraft relevant geworden ist. Nicht mehr das Vermitteln von Wissen ist Aufgabe von Grundschullehrern, sondern das mit Überlegungen im Hinblick auf Geschlecht und Sexualität konfundierte Vermitteln von was auch immer. Daraus muss man dann wohl den Schluss ziehen, dass die Variable Geschlecht in Grundschulen eine Prominenz erreicht hat, die man nur als ungesund bezeichnen kann. Nicht mehr die erfolgreiche Vermittlung von Lerninhalten durch Lehrer an Schüler steht im Zentrum, sondern, ja was eigentlich? Über Sexualität sprechen? Sich aufgehoben fühlen? Die Präsentation von Geschlecht als Variable, die im Leben von Relevanz ist, obwohl kaum etwas über weniger Relevanz im täglichen Leben verfügt als Geschlecht?

Zu welcher Antwort auch immer man kommen wird, normal ist es nicht, dass bereits in Grundschulen die Vermittlung von Inhalten an das Geschlecht von Lehrern und Schülern gekoppelt ist – es ist manisch. Man sieht, wohin Jahrzehnte des Feminismus geführt haben. Die Abnormalität beginnt bereits in Kindergärten und Grundschulen, in denen eine Vermittlung von Wissen ohne Konfundierung mit Lehrer- oder Schülergeschlecht nicht mehr möglich zu sein scheint.

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Die Dummheit lebt: Auch nach 100 Jahren kein Lerneffekt

Unter denen, die sich für progressive Wissenschaftler halten, weil sie im 20. Jahrhundert das sozialwissenschaftliche Rad entdeckt zu haben glauben, ist ein Irrglaube kaum auszurotten, nämlich, dass (richtige) Wissenschaftler davon ausgingen „… dass Wissenschaft wertungs- und haltungsfrei, also ‚objektiv„ [sei]“ (Dirim et al. 2016: 88). Selbst derartigen Unsinn kann man noch steigern, z.B. mit Köhnen, der meint, dass Kritiker der sogenannten Gender Studies wissenschaftliche Objektivität auffassen würden „als normative Neutralität und Interesselosigkeit“ (Köhnen (2014: 51, zitiert nach Dirim et al. 2016: 90).

Dr habil. Heike Diefenbach hat diesem Unsinn in ihrem Beitrag „Die Dämonisierung der Anderen und die Inszenierung von Kritik als Häresie“ ein Kapitel (5.1) gewidmet und sich damit in der Gegenwart zu den großen Soziologen und Wissenschaftlern gesellt, die sich seit 1917 gegen diesen Irrsinn, gegen diese „Missverständnisse“, die man nur noch auf Dummheit zurückführen kann, gewendet haben. Wir zitieren an dieser Stelle René König, den Großmeister der deutschen Soziologie, der im Jahre 1964 in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie einen Beitrag mit dem Titel „Einige Überlegungen zur Frage der ‚Werturteilsfreiheit‘ bei Max Weber“ veröffentlicht hat, einen Beitrag der zeigt, wie zeitlos Dummheit ist, denn der Zustand „zutiefster Deprimierung“, der König beim Blick auf Teile der deutschen Sozialwissenschaften ereilt, er entspricht dem Zustand zutiefster Deprimierung, den wir erreichen, wenn wieder einmal ein pseudo-wissenschaftlicher Dünnbrettbohrer sein Unverständnis über wissenschaftliche Probleme formuliert, die schon vor nunmehr einem Jahrhundert gelöst wurden.

Übergeben wir René König das Wort:

„Schon Max Weber war sich klar darüber, dass die Diskussion um die ‚Wertfreiheit der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften‘, die er ja selber ausgelöst hatte, von Anfang an schiefgelaufen war. So schreibt er in dem erwähnten Aufsatz [Der Sinn der ‚Wertfreiheit‘ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften]: ‚Unendliches Missverständnis und vor allem terminologischer, daher gänzlich steriler Streit hat sich an das Wort Werturteil geknüpft, welches zur Sache offenbar gar nichts austrägt. Es ist … ganz unzweideutig, dass es sich bei diesen Erörterungen für unsere Disziplinen um praktische Wertungen sozialer Tatsachen als ‚unter ethischen oder unter Kulturgesichtspunkten oder aus anderen Gründen‘ wünschenswert oder unerwünscht handelt. Dass die Wissenschaft 1. ‚wertvolle‘, d.h. logisch und sachlich gewertet richtige und 2. ‚wertvolle‘, d.h. im Sinne des wissenschaftlichen Interesses wichtige Resultate zu erzielen wünscht, dass ferner schon die Auswahl des Stoffes eine ‚Wertung‘ enthält – solche Dinge sind trotz alles darüber Gesagten allen Ernstes als Einwände aufgetaucht. Nicht minder ist das fast unbegreiflich starke Missverständnis immer wieder entstanden: als ob behauptet würde, dass die empirische Wissenschaft ‚subjektive‘ Wertungen von Menschen nicht als Objekt behandeln könne (während doch die Soziologie und die Nationalökonomie aber die ganze Grenznutzenlehre auf der gegenteiligen Voraussetzung beruht). Aber es handelt sich doch ausschließlich um die an sich höchst triviale Forderung: dass der Forscher und Darsteller die Feststellung empirischer Tatsachen (einschließlich des von ihm festgestellten ‚wertenden‘ Verhaltens der von ihm untersuchten empirischen Menschen) und seine praktisch wertende, d.h. diese Tatsachen (einschließlich etwaiger zum Objekt seiner Untersuchung gemachten ‚Wertungen‘ von empirischen Menschen) als erfreulich oder unerfreulich beurteilende, in diesem Sinne ‚bewertende‘ Stellungnahme unbedingt auseinanderhalten sollte, weil es sich da nun um heterogene Probleme handelt‘.

Es kann den interessierten und beteiligten Betrachter nur zutiefst deprimieren, wenn man neueste Äußerungen zum gleichen Thema liest und plötzlich feststellen muss, dass ausnahmslos alle von Max Weber erwähnten ‚Missverständnisse‘ heute noch genauso lebendig sind wie vor einem halben Jahrhundert“ (König 1964: 1-2).

Als René König diesen Text geschrieben hat, waren 47 Jahre seit der Veröffentlichung des Aufsatzes von Max Weber vergangen. Weitere 53 Jahres später ist das Jahrhundert voll, aber geändert hat sich weiterhin nichts: Immer noch gibt es Personen, die sich Urteile, Werturteile und Aussagen über Dinge anmaßen, von denen sie überhaupt nichts verstehen. Immer noch gibt es Personen, die den wissenschaftlichen Fortschritt dadurch behindern, dass sie Unsinn niederschreiben und veröffentlichen, der dazu beiträgt, dass die sozialwissenschaftliche Diskussion um 100 Jahre zurückversetzt wird und erneut die Kämpfe austragen muss, die bereits zu Max Webers Zeiten die Intelligenten von den Dummen getrennt haben, jene Dummen, die nicht zu verstehen im Stande sind, die „höchst triviale Forderung … empirische Tatsache“ und die (Be-)Wertung derselben auseinanderzuhalten.

Indes, damals war es nicht so einfach, seine Dummheit in Worte zu gießen und zu publizieren und natürlich war damals der Genderismus und seine Abarten in Anti-Rassismus, Whiteness-Studies, Gender Studies und sonstigen Ansammlungen akademischer Halbgebildeter noch nicht existent.

Die Dummheit lebt.

Dirim, Inci, Castro Varela, Maria do Mar, Heinemann, Alisha M. B., Khakpour, Natascha, Pokitsch, Doris & Schweiger, Hannes, 2016: Nichts als Ideologie? Eine Replik auf die Abwertung rassismuskrititscher Arbeitsweisen. In: Castro Varela, Maria do Mar & Mecheril, Paul (Hrsg.): Die Dämonisierung der Anderen: Rassismuskritik der Gegenwart. Bielefeld: transcript, S.85-96.

Literatur

König, René (1964). Einige Anmerkungen zur Frage der ‘Werturteilsfreiheit’ bei Max Weber. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 16(1): 1-29.

Weber, Max (1917). Der Sinn der Wertfreiheit der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften.

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Bertelsmann-Studie: Weibliche Muslime schlechter integriert als männliche Muslime

Derzeit geht die Bertelsmann-Studie „Muslime in Europa – Integriert, aber nicht akzeptiert?“ durch die Medien. Eine Reihe von Lesern hat uns auf diese Studie und die dazugehörige Berichterstattung hingewiesen, deren Tenor weitgehend lautet: Muslime sind gut in die deutsche Gesellschaft integriert. Angesichts eines nunmehr mehrere Jahrzehnte dauernden Aufenthalts von Muslimen in Deutschland, die oft in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, wäre alles andere auch mehr als bedenklich.

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Wir haben ein paar Abbildungen zusammengestellt, die die wichtigsten deskriptiven Ergebnisse aus der Befragung von für Deutschland 1.114 Muslimen und 1.453 Deutschen zeigt. Für uns ist jedoch nicht der deskriptive Firlefanz, der in den Medien berichtet wird, von Interesse sondern der in der Bertelsmann-Studie unternommene Versuch, die Integration von Muslimen der zweiten Generation in den Arbeitsmarkt als alleinigen Indikator für deren gesellschaftliche Integration zu erklären.

Diese Erklärung basiert zunächst auf einer mehr oder weniger verballhornten Übernahme von vier Dimensionen der Integration, die Esser zugeschrieben werden, der sie allerdings bei Berry entliehen hat. Die vier Dimensionen im originalen Akkulturationsmodell von Berry lauten Segregation, Marginalisierung, Assimilation und Integration. Bei Bertelsmann hat man die Segregation und die Marginalisierung vermutlich schon deshalb gestrichen, weil beide negativ und politisch nicht erwünscht sind und durch Platzierung und Interaktion ersetzt. Nimmt man noch Akkulturation und Identifikation hinzu, dann kommt man zu dem, was bei Bertelsmann als Modell der sozialen Integration bezeichnet wird.

Aufgelöst in die Bestandteile wird alles wieder etwas trivialer:

  • Platzierung wird durch Erwerbstätigkeit operationalisiert,
  • Akkulturation auf Spracherwerb und Schulbildung verkürzt,
  • Interaktion als Freizeitkontakt mit Einheimischen definiert und
  • Identifikation als Verbundenheit mit der Aufnahmegesellschaft angesehen (was letztlich eher Akkulturation als Identifikation misst, aber lassen wir das);

Aus Gründen, die nicht angegeben sind und von uns auch nicht nachvollzogen werden können, gilt den Bertelsmännern nur die Platzierung als erklärungsbedürftig, als multivariat erklärungsbedürftig. Multivariat scheint heute vornehmlich mit logistischer Regression einher zu gehen und die Berechnung derselben, die zum Ziel hat, auf Grundlage der abhängigen Variablen „Platzierung“ die Determinanten einer erfolgreichen Integration in die deutsche Gesellschaft zu bestimmen, ergibt Folgendes:

Alles, was in der letzten Spalte keine Sterne aufweist, kann vergessen werden, weil es n.s., also nicht signifikant ist.

Bleiben die signifikanten Ergebnisse:

Akkulturation, also bei den Bertelsmännern Sprachkenntnisse und ein formaler Bildungsabschluss erhöhen dann, wenn sie hoch sind, die Wahrscheinlichkeit von Platzierung, also von Erwerbstätigkeit, denn letzten Endes erklären die Bertelsmänner hier Erwerbstätigkeit und nicht Integration oder Platzierung.

Viele Freizeitkontakte zu Deutschen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit.

Der Unsinn, den logistische Regressionen dann produzieren, wenn sie von Unbedarften bedient werden, kommt darin zum Ausdruck, dass Befragte, die sich Deutschland als eher verbunden erklären, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen als Befragte, die von sich sagen, sie seien Deutschland sehr verbunden. Dass hier Unbedarfte am Werk sind, zeigt sich schon daran, dass Sie den Referenzkategorien Signifikanzen zuweisen, im Ergebnis stellt sich bei statistisch Bedarften Schüttelfrost ein.

Mit zunehmender Religiosität sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit (also von Platzierung für die Bertelsmänner).

Schließlich wirkt sich auch Geschlecht auf die Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, aus. Weibliche Muslime haben eine deutliche, um 60% geringere Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen als männliche Muslime.

Die Bertelsmänner berücksichtigen in ihrer Analyse ausschließlich Angehörige ab der zweiten Migrantengeneration also Befragte, die bereits in Deutschland geboren wurden.

Übrigens: Das Modell ist insofern ein sinnloses Modell als die Analysen auf Muslime beschränkt bleiben. Wollte man tatsächlich Aussagen darüber machen, ob Muslime integriert sind und wenn ja, wie gut sie integriert sind, dann muss man sie in Relation zur deutschen Bevölkerung analysieren und Letztere auch als Referenzgruppe wählen.

Folgt man den Bertelsmännern dennoch in ihrer Ansicht, dass die Platzierung auf dem Arbeitsmarkt letztlich die Variable ist, die eine gelungene Integration signalisiert, dann muss man daraus folgern, dass dieselbe bei weiblichen Muslimen in geradezu spektakulärer Weise misslungen ist. Da die weiblichen Muslime, die in der logistischen Regression berücksichtigt sind, alle in Deutschland geboren sind und alle das deutsche Bildungssystem durchlaufen haben, stellt sich die Frage: What went wrong?

Das ist doch einmal eine Frage, die die Gender Studierten beantworten könnten – oder?

Und für den Fall, dass die Gender Studierten auf ihre Lieblingsvariable springen: Es hat nichts mit Diskriminierung zu tun, denn von Diskriminierung geht keinerlei Effekt auf die „Platzierung“ aus.

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