
Wissenschaftstheoretische Vorrede
Nun gibt es die oben angesprochenen Zeitgenossen, die Dritte beobachten und aus dem Beobachteten weitreichende Schlüsse ziehen. Aber es bleibt nicht bei der Beschreibung von Verhalten und der Ableitung von Konklusionen, nein, das Verhalten muss gewertet werden. Hier findet sich dann der Hauptunterschied zu dem, was wir als Erschütterungsexperiment betreiben. Wir beginnen nicht bei Wertungen und suchen die Welt nicht nach denen ab, die unseren Wertungen nicht entsprechen. Wir tragen keine Werterwartungen an Dritte heran und bewerten deren Verhalten dann als konform oder abweichend. Wir tun das deshalb nicht, weil wir Wissenschaftler und keine Moralapostel sind.
Moralapostel
Warum sind sie die schlimmsten Rassisten? Deshalb: Sie tragen ihre eigenen Vorurteile an die Handlungen Dritter heran und bewerten diese Handlungen vor ihrem eigenen Hintergrund. Ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner derjenigen, die sich als Jim Knopf verkleidet haben, jemals etwas von Minstrels oder von Black Face oder Blackfacing gehört hat. Sie fanden es vermutlich lustig, sich als Jim Knopf zu verkleiden und ihr Gesicht zu schwärzen.
Nicht so die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V., von der ich mir nicht so sicher bin, ob sie für oder gegen schwarze Menschen in Deutschland agitiert. Diese Initiative hat einen offenen Brief geschrieben, an das ZDF, und sich bitterlich über das Blackfacing, jenen Ausdruck von Rassismus aus den USA des Antebellum beklagt. Nicht nur das, die Schreiber verlangen eine Entschuldigung vom ZDF. Sie verweisen darauf, dass Blackfacing „Symbol für das Trauma des Rassismus und der Sklaverei“ sei, also deutsche Schwarze Menschenvertreter verweisen auf etwas, was sie nur vom Hörensagen kennen. Sie werfen dem ZDF vor, rassistische Stereotype zu reproduzieren und behaupten, dass „rassistisches Handeln auch dann passiert, wenn dieses nicht intendiert war“.
Soweit, so gut. Fassen wir bis dahin zusammen: Es gibt eine Reihe von Zuschauern von „Wetten, dass…?, die in der Saalwette Rassismus erblicken, die Blackfacing schon einmal gehört haben und die ihr Wissen nun anderen als Intention unterstellen. Soviel zum Thema, es gehe nicht um Intentionen, denn ginge es nicht um Intentionen, was wäre einfacher, als die Handlung deskriptiv als „sich verkleiden“ zu beschreiben. Nein, die Anti-Rassisten tragen ihre eigenen Stereotype, denn sich als Schwarzer zu verkleiden kann nur Rassismus sein, an Dritte heran, unterstellen ihnen niedere Motive und schreien lauthals danach, diesen Rassismus, den sie durch ihre Interpretation erst geschaffen haben, zu bekämpfen. Irrsinn – oder?
Black Faced Comedians
„Even though racism was its underlying reason for exploiting the low status of African Americans as a comic device, blackface comedy stressed the use of caricatures and stereotypes because they provided the best vehicles for criticizing the differences between what society promised and what it delivered. The sketches overemphasized the importance of perceived and real racial differences to ridicule the contradictions lower- or middle-class Americans found in their daily lives …“ (186).
Man kann Star Trek ansehen und einen Aktionfilm sehen, man kann in Star Trek auch als ein Beispiel für Wissenschaftstheorie und Philosophie in Filmform sehen. Ebenso ist es mit den black faced Minstrels. Man kann ihre Travestie als Gesellschaftskritik lesen, man kann sie auch als wüsten Rassismus werten. Letztlich ist die entsprechende Wertung oder Sichtweise eine Frage der Intelligenz und, wie Mahar schreibt, gibt es keine Belege für die Annahme, dass die US-Amerikaner des späten 18. Jahrhunderts so dumm waren, wie die Antirassisten das heute sind:
„No one knows for sure what audiences believe; there are fewer than a dozen testimonials in the literature indicating that individual white observers were duped, whereas the antebellum audiences numbered in tens of thousands. As the sketches show, blatant racism sometimes led to the denigration of African Americans, but just as often the comedians offered messages that had little to do with the costumes they were wearing. If the burnt cork comedians were accepted as surrogate black persons, there is no good explanation of why so little of what blackface characters did or said could be identified as African American Life“ (192)
Kurz: Es mag Komödianten gegeben haben, die ihre Verkleidung genutzt haben, um sich über Schwarze lustig zu machen, aber die Mehrheit der Komödianten, die als black face unterwegs waren, hat die Maske genutzt, um der Mittelschicht den Spiegel vorzuhalten, um die gesellschaftlichen Zustände in den USA zu veralbern und um Gesellschaftskritik zu üben. Dass es heute ausgerechnet Mitglieder der deutschen Mittelschicht sind, die das Blackfacing zum ausschließlich rassistischen Gegenstand stilisieren wollen, ist vor diesem Hintergrund mehr als makaber.
P.S. Es sind genau diese Angehörigen der Mittelschicht, die sich in der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland e.V. zusammengefunden haben, um die deutsche Welt für schwarze Menschen in Deutschland zu verbessern – also für andere schwarze Menschen, nicht für einen selber, denn man selbst ist ja integriert in die deutsche Gutmenschen-Mittelschicht. Und dieser Anbindung entsprechend finden die Mitglieder der Initiative dann auch nichts dabei, die eigenen Vorurteile Dritten zu unterstellen und noch dazu in Anspruch zu nehmen, man spräche für alle schwarzen Menschen in Deutschland, denn so wie klar ist, dass blackfacing nur rassistische Motive haben kann, ist klar, dass alle schwarzen Menschen in Deutschland durch „Wetten, dass …?“ beleidigt wurden. Mehr Anmaßung ist kaum möglich.
Mahar, William J. (1999). Behind the Burnt Cork Mask. Early Blackface Minstrelsy and Antebellum American Popular Culture. Chicago: niversity of Illinois Press.
