Rassismus-Voyeuristen und Rassismus-Blockwarte

Affentheater bei der Fussball-WM in Brasilien, do-gooders on the loose, wie man in Britannien sagt.

NO FIFA 2014Zunächst ein Geständnis: Keiner der Redakteure von ScienceFiles hat bislang auch nur eine Minute von der Fussball-Weltmeisterschaft gesehen und das obwohl die meisten von uns Fussball-Fans sind oder besser: waren. Denn: die politische Korrektheit hat den Fussball übernommen. FIFA und UEFA sind offensichtlich der Ansicht, sie könnten sich durch politisch korrektes Verhalten vom Verdacht der Korruption und Bestechung freikaufen, und entsprechend kann man kein Fussballspiel mehr ansehen, ohne gemahnt zu werden, dass Rassismus im Sport nichts zu suchen hat. Nicht nur das: Seit die Mittelschicht den Fussball entdeckt hat, ist er zur körperlosen Sportart verkommen, bei der nicht mehr getackled werden darf, denn wer seinen Gegenspieler berührt, wird geahndet. Herausgekommen ist ein steriler Sport, der kaum mehr Unterhaltungswert hat. Folglich sind wir zum Rugby abgewandert und Scarlet-Supporters geworden…

Nun zum Affentheater.

Manche Leser werden sich an das Konzept der Salience erinnern, das wir auf ScienceFiles schon einmal besprochen haben. Es wurde u.a. von Paul Slovic (1992) in die Sozialpsychologie eingeführt, und seine Erforschung hat eine Reihe interessanter Ergebnisse erbracht.

Salience beschreibt die Tatsache, dass Akteure dazu tendieren, Ereignisse, die prominent und herausgehoben sind, höher zu bewerten und länger zu erinnern als alltägliche Ereignisse; Die Folgen von Contergan sind entsprechend bekannter als die (quantitativ erheblicheren) Nebenwirkungen von Salizylsäure (Aspirin) (Ferner, 1992, S.126)

Salience verzerrt  die Wahrnehmung und führt dazu, dass bestimmte Dinge, z.B. Risiken, die sich mit bestimmten Verhaltensweisen verbinden, abweichend von deren tatsächlichem Risiko bewertet werden. Slovic Fischhoff und Lichtenstein (1981: 20) haben untersucht, warum bestimmte Dinge z.B. als prominenter oder als wichtiger oder als verbreiteter wahrgenommen werden als sie es tatsächlich sind. Eine der wichtigsten Variablen, die sie dabei entdeckt haben: einseitige Berichterstattung in den Medien.

Ein weiteres Konzept, das mit Salience eng verwoben ist, wird von uns in der Regel als Helfersyndrom bezeichnet. Man kann es konzeptionell wie folgt fassen: Helfer, die sich z.B. um Gruppen delinquenter Jugendlicher kümmern, machen sich selbst zum integralen Bestandteil dieser Jugendgruppen und sorgen dafür, dass die entsprechenden Jugendlichen einen Anreiz haben, in ihrer Gruppe zu verbleiben. Ohne den entsprechenden Anreiz hätten sich die entsprechenden Jugendgruppen vermutlich längst aufgelöst.

Schließlich benötigen wir noch das Phänomen der negativen Stereotypisierung, die Stereotypisierung dadurch hervorbringt, dass sie regelmäßig vor den Folgen von Stereotypisierung warnt, was voraussetzt, dass mit Stereotypen herumhantiert werden muss: Wer gegen Rassismus agitieren will, muss notwendig und ständig Rassismus beschwören.

SwastikasUnd damit sind wir endgültig beim Affentheater.

Zwei deutsche Fans, so berichtet Spiegel Online , also zwei (2), seien in Brasilien und im Spiel gegen Ghana dadurch aufgefallen, dass sie sich die Gesichter schwarz angemalt hätten. Davon berichtet auch die Daily Mail, aber offensichtlich hat die Daily Mail einen anderen Bilderlieferanten, denn die beiden deutschen Fans von Spiegel Online und Daily Mail stimmen nicht miteinander überein.

Einigkeit besteht darüber, dass derjenige, der im Spiel zwischen Deutschland und Ghana für eine Spielunterbrechung gesorgt hat, seinen Oberkörper mit Zeichen bemalt hat, die man einerseits als Telefonnummer und email-Adresse interpretieren kann, anderseits als Zahlen und Buchstaben, die rund um zwei SS-Runen angeordnet sind.

Wir reden also von diesen drei Fans, und es sind diese drei Fans, die bei FARE, einem Netzwerk, dessen Mitglieder gegen Diskriminierung und für Inklusion streiten, für Aufregung gesorgt haben. Die beiden Deutschen, die ihre Gesichter angemalt haben, erinnern die FAREler an Blackfacing, von dem man wiederum bei Spiegel Online , folgendes zu wissen meint:

“Bei dieser Schauspielpraxis aus dem 19. Jahrhundert schminkten sich in den Südstaaten der USA weiße Darsteller das Gesicht schwarz, um sich in stereotypen Darstellungen über Schwarze lustig zu machen.”

Wie einfach die Welt für manche doch ist, vor allem, wenn sie gegen Rassismus zu Feld ziehen und dabei ihren eigenen Rassismus so offen zur Schau stellen. Natürlich muss es für Spiegel-Online der Süden der USA sein, in dem Blackfacing betrieben wurde, denn der Süden der USA, das waren die Staaten, in denen auch Sklaven gehalten wurden, von weißen Rassisten: Weiße rassistische Südstaaten eben. Nur mit der Realität hat das ganze nichts zu tun, denn Blackfacing ist nicht per se eine Methode komischer Ku-Klux-Klan-Mitglieder, um sich über Schwarze lustig zu machen. Nein, Blackfacing ist etwas, was man sich bei Spiegel Online und bei sonstigen einfach gestrickten Anti-Rassisten nicht vorstellen kann, Blackfacing ist ein Mittel weißer Komödianten, das eingesetzt wurde, um sich über die weiße Mehrheitsgesellschaft und ihre Mitglieder lustig zu machen, also z.B. über die jenigen, die damals mit Redakteuren von Spiegel-Online vergleichbar waren.

Behind the cork maskWilliam J. Mahar, der mit Sicherheit deutlich mehr über Blackfacing weiß, als Spiegel-Redakteure und alle, die sich heute darüber aufregen, zusammengenommen, schreibt in seinem Buch “Beyond The Burned Cork”, das das Phänomen des Blackfacing zum Gegenstand hat:

“Even though racism was its underlying reason for exploiting the low status of African Americans as a comic device, blackface comedy stressed the use of caricatures and stereotypes because they provided the best vehicles for criticizing the differences between what society promised and what it delivered. The sketches overemphasized the importance of perceived and real racial differences to ridicule the contradictions lower- or middle-class Americans found in their daily lives …” (186).

Soweit zum Blackfacing.

Zurück zu den drei Fans, die FARE Aktivisten aufgefallen sind und von den Aktivisten genutzt werden, um bei der FIFA zu protestieren. (Den kolumbianischen Fan, der mit einer Mönchkutte bekleidet gesehen wurde, auf der angeblich Hakenkreuz-Schmierereien zu sehen waren, lassen wir einmal außen vor. Das Hakenkreuz, die Swastika ist übrigens in vielen Kulturen ein religiöses Symbol…).

Wem wären die drei aufgefallen, wenn es nicht FARE-Aktivisten gäbe?

Welchen Niederschlag in der internationalen Presse hätten die drei Aktivisten gefunden, gäbe es nicht geradezu eine Sucht auf Fans, die ihrer Aufmachung nach den Verdacht begründen könnten, hier handele es sich um Rassisten?

Und selbst wenn es sich bei den Dreien um Rassisten handelt: Welche Bühne für ihren Rassismus hätte sich ihnen ohne die vielen Rassismus-Voyeure, die sich selbst als Antirassisten bezeichnen, geboten, die die Fussballweltmeisterschaft nur aus einem Grund anzusehen scheinen: In der Hoffnung einen Fan zu sehen, den man dann als Rassisten brandmarken und international durch die Presse treiben kann?

Drei Figuren sind heute in der Lage, die internationale Presse dazu zu veranlassen, die Schlechtigkeit der Welt zu besingen und den Rassismus-Notstand auszurufen. Drei Figuren sorgen dafür, dass eine Horde von Rassimus-Hysterikern, die sich als Blockwarte am Eingang ins antirassistische Paradies zu verstehen scheint, auffährt und mit lautem Geschrei durch die Gegend läuft.

Man hat nicht nur irgendwie das Gefühl, hier wedelt der Schwanz mit dem Hund, hier wedelt der Schwanz mit dem Hund: Hier wird eine Begebenheit, die vollkommen belangslos ist, weil die zwei Figuren mit schwarzem Gesicht nur denen aufgefallen wären, die in ihrer unmittelbaren Nähe sind, wenn sie nicht von Rassismus-Voyeuren prominent gemacht worden wären, zum moralischen Monstrum aufgebläht. Die Anti-Rassisten von FARE und ihre Helfer bei internationalen Medien, die mehr am Publikum als am Fussball interessiert sind, machen also Rassismus erst prominent. Sie sorgen für Salience, dafür, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Welt ist voller Rassisten.

ScarletsUnd das muss die Welt ja auch sein, schließlich müssen Gelder losgeeist werden, um den Kampf gegen Rassismus zu finanzieren, und Zeitungen, so scheinen manche zu denken, verkauften sich auch besser, wenn man darin politisch korrekt den furchtbaren Rassismus der Proleten vor Ort, die sich Fan nennen, zur Schau stellt. Wir finden das eine so widerlich wie das andere, und während man den Fans, so sie denn nicht nur dumm, sondern auch rassistisch sind, nur ankreiden kann, dass sie dumm und rassistisch sind, muss man denen, die versuchen mit ihnen Geschäfte zu machen, einen sekundären Rassismus, gepaart mit Voyeurismus und Heuchelei zum Vorwurf machen. Schließlich reden sie eine Kleinigkeit zum Problem hoch, um es dann dazu zu benutzen, sich zuerst als moralisch überlegen auszuweisen, wo sie doch nichts anderes sind als kleine Spanner, und dann zu beklagen, dass nichts gegen den Rassismus getan wird – was auch immer, man weiß nicht so richtig, was ihnen vorschwebt, aber vermutlich wären sie der Idee, vermeintliche Rassisten im Namen der guten Welt standrechtlich zu erschießen, nicht abgeneigt.

Es sind diese Widerlichkeiten, die sich in den Fussball eingeschlichen haben, seit die Mittelschicht den ehemaligen Proletensport entdeckt hat, die uns den Spaß am Fussball vergällt haben. Sie werden durch die FIFA-Heucheleien und politischen Korrektheiten rund um das Spielfeld verstärkt und durch den Voyeuerismus derjenigen, die sich für Kämpfer gegen den Rassismus halten und der Medienschaffenden, die mehr Interesse daran haben, die Kamera ins Publikum zu richten und daran, die Verwandtschaftsverhältnisse der Spieler zu verbreiten, als daran, von einem Spiel zu berichten verstärkt.

Man muss vor diesem Hintergrund Mitleid mit Fussballspielern haben. Sie sind die modernen Gladiatoren, die von vielen, die ihnen zusehen, für ganz andere Zwecke benutzt werden. Sie sind nur der Anlass der genutzt wird, um ganz andere Dinge als das Spiel der 22 Mannen zu verbreiten, andere Dinge, die bei politischer Korrektheit beginnen und bei öffentlicher Entrüstung über einen vermeintlichen Biss, der in Lynchjustiz mündet, die selbst die bislang berichteten Widerlichkeiten noch toppt, nicht endet – aber natürlich ist es etwas anderes, wenn Gutmenschen öffentlich hinrichten, intentional zumindest.

Deshalb haben wir keinerlei Interesse an der Fussballweltmeisterschaft.

P.S. Ein Season Ticket für die Scarlets (RABO-Direct) kostet £150.

P.P.S. Vielen Dank an den Leser von ScienceFiles, der uns auf die Berichterstattung in Spiegel Online hingewiesen hat.

Ferner, R. E. (1992). Hazards, Risks and Reality. British Journal of Clinical Pharmacology 33: 155-128.

Slovic, Paul (1992). Perception of Risk: Reflections on the Psychometric Paradigm. In: Krimsky, Sheldon & Golding, Dominic (eds.). Social Theories of Risk. Westport: Praeger, pp.117-152.

Slovic, Paul, Fischhoff, Baruch & Lichtenstein, Sarah (1980). Facts and Fears: Understanding Perceived Risk. In: Schwing, Richard C. & Albers, Walter A. (eds.). Societal Risk Assessment: How Safe is Safe Enough? New York: Plenum Press, pp.181-211.

 

 

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