Wenn man sich in Wales auf den Weg zum Pen-y-fan macht, dem höchsten Berg von Südwales mit 886 Metern über dem Meeresspiegel, dann ist das ein mühsames Unterfangen, denn es geht gleich sehr steil los, erst auf den letzten Metern und in Sichtweite des Gipfels lässt wird die Steigung geringer. Aber deshalb würde niemand behaupten, es gehe bergab.
Eine Aufgabe in einer Statistik-Klausur, die Dr. habil. Heike Diefenbach ihren Studenten gestellt hat, verlangte anhand einer vorgegebenen Regressionsgleichung die RegressiongsGERADE in ein Koordinatenkreuz einzuzeichnen. Eine einfache Sache, für den, der es kann, und eine Sache, die durch den Zusatz „GERADE“ erheblich erleichtert wird. Dessen ungeachtet fanden sich in den Klausuren einige Gekrümmte, ein Umstand, der nur dadurch zu erklären ist, dass manche der Studenten den Bedeutungsgehalt von GERADE nicht mehr kennen und denken, auch etwas, was als Gerade bezeichnet wird, könne krumm sein.
Offenkundig ist die Kenntnis nicht nur von Begriffsbedeutungen, sondern auch von dynamischen Konzepten auch unter denen, die sich wohl im Selbsttest als intelligent einstufen würden und in jedem Fall der Ansicht sind, sie seien so kompetent, dass sie andere belehren können, nicht sonderlich weit verbreitet, wie ein Beitrag aus der FAZ zeigt, in dem ein verwunderter Redakteur seine Leser zunächst mit der Erkenntnis beglückt, dass „[d]ie Inflation in Deutschland“ deutlich nachlasse, dennoch vieles teurer als in früheren Jahren sei…
„Die Inflation kann unter anderem anhand des Verbraucherpreisindex für Deutschland gemessen werden, den das Statistische Bundesamt jeden Monat berechnet und veröffentlicht.
Die prozentuale Veränderung des Verbraucherpreisindex gegenüber dem Vorjahreszeitraum wird oft als Inflationsrate bezeichnet. Sie ist ein Maßstab dafür, wie sich innerhalb eines Jahres die Preise für private Verbrauchsausgaben in Deutschland im Durchschnitt verändern. Synonym verwendet werden die Begriffe „Teuerung“ beziehungsweise „Teuerungsrate“.“
Im Prinzip kann eine Inflationsrate auch negativ werden, sie beschriebe dann einen Rückgang der Preise auf breiter Front, denn natürlich ist die Inflationsrate ein aggregiertes Datum, in das die PreisENTWICKLUNG vieler unterschiedlicher Güter einfließt. Insofern ist der Text, den Christian Siedenbiedel für die FAZ verfasst hat, in etlichen Teilen eher unglücklich, schon weil ein Rückgang der Inflationsrate lediglich bedeutet, dass sich die Preissteigerung für das Gesamtmaß verringert hat, sie beträgt nun 3,8% und nicht mehr 4,5%, wie noch im September, dessen ungeachtet sind 3,8% Preissteigerung ein Plus von 3.80 Euro pro 100 Euro Ausgaben.
Es ist, als wäre man auf dem Weg zum Pen-y-fan im Abschnitt mit reduzierter Steigung angelangt. Man schnauft immer noch heftig, aber nicht mehr ganz so heftig, wie bei der Überwindung der vorausgehenden Höhenmeter. Auch der Begriff „Disinflation“, den Siedenbiedel in den Ring wirft, ist unglücklich platziert, denn er beschreibt KEINEN Rückgang von Preisen, er beschreibt die Abschwächung der Teuerung. Es wird alles zusammengenommen, weiterhin teurer, aber nicht mehr so viel teurer, wie im Vormonat.
Indes, wie gesagt, die Preissteigerung, die letztlich zur Inflationsrate verrechnet wird, umfasst eine Vielzahl von Gütern, darunter auch solche, die im Vergleich zum Vorjahresmonat relativ, was die Preissteigerung betrifft, billiger geworden sind und billiger ist eigentlich außer Energie nicht viel im Oktober 2023 und im Vergleich zum Vorjahresmonat geworden – relativ.
Indes, kurzfristige Veränderungen in der Preissteigerung, wie sie aus dem Vergleich zweier Monate resultiert, ändern nichts daran, dass die Inflationsrate die Angewohnheit hat, stetig zu steigen, eine Erfahrung, die viele von uns teilen: Alles wird schnell teurer, aber in der Regel nicht wieder billiger. Das Statistische Bundesamt stellt mit Genesis eine nette Datenbank zur Verfügung, um den Anstieg der Teuerungsrate zu verdeutlichen:
Schön zu sehen: Der rasante Preisanstieg seit 2020, ein Ergebnis idiotischer Lockdown-Politik in Kombination mit einer suizidalen Energiepolitik, beides sorgt mit dafür, dass die Preise konstant steigen, im Aggregat der Inflationsrate, die immer dann, wenn im unteren Teil der Abbildung ein roter Balken zu sehen ist, steigt, also mehr oder weder stetig steigt.
Und es kommt noch schlimmer, nicht nur ist weniger Preissteigerung als im Vorjahresmonat immer noch Preissteigerung, auch ein Preisrückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat muss nicht bedeuten, dass die entsprechenden Produkte wieder billiger als im Vorjahr sind, denn die Berechnung der Teuerung basiert auf Preissteigerungsraten:
„Der Verbraucherpreisindex misst monatlich die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte in Deutschland für Konsumzwecke kaufen. Die Veränderung des Verbraucherpreisindex zum Vorjahresmonat bzw. zum Vorjahr wird als Teuerungsrate oder als Inflationsrate bezeichnet.“
Berechnungsbasis ist demnach eine ENTWICKLUNG, womit wir beim oben angesprochenen dynamischen Konzept sind. Wenn z.B. die Preissteigerung im Oktober 2022 4,5% betragen hat, im Oktober 2023 aber nur 4,366%, dann entspricht dies einem Rückgang der Preissteigerung um 3,2% (-3,2%). Damit ist nichts billiger geworden, die Preissteigerung hat sich nur abgeschwächt.
Das von uns gerade Gesagte wird in Verlaufsdiagrammen des Statistischen Bundesmats für unterschiedliche Produkte eindrücklich bestätigt. Lediglich ein einziges Produkt, der im Folgenden dargestellten, ist seit 2020 billiger geworden: Fernseher.
Kontinuierlich steigende Preise sind ein Indikator dafür, dass Marktmechanismen nicht greifen, von regulativen Eingriffen überlagert werden. Kurz: Kontinuierlich steigende Preise sind ein Ergebnis von politischen Entscheidungen, denn auf Märkten herrschen bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die z.B. das Angebot über Lernkurven (Skalenprozesse) billiger machen und mit einem billigeren Angebot eine höhere Nachfrage zum Ergebnis haben, was wiederum einen preissenkenden Effekt hat. Lediglich Monopolisten, politische Entscheider und Produkte mit fester Nachfrage (und entsprechend keinerlei Nachfrageelastizität) können diesen natürlichen Prozess der Verbilligung von Produkten abschwächen (bei letzteren) bzw. umkehren, bei ersteren.
