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Das Ende des britischen Parteiensystems? Gehen Tories und Labour ihrem Ende entgegen [Wahlanalyse]?

Die Überschrift mag den einen oder anderen irritieren.

Immerhin finden sich heute Schlagzeilen wie: „Labour’s win in Wellingborough second biggest swing since World War II“ in Britischen Medien, in denen allgemein der „Erfolg“ von Labour und zuweilen der tatsächliche Erfolg von Reform UK hervorgehoben wird.

Dagegen hält man es in deutschen Medien eher mit dem einen Verlieren, mit Ausnahme der Alpenprawda, die natürlich auf den „Sieg“ von Labour verweist.

Um das Ergebnis, das wir gleich darstellen, einordnen zu können, ist es zunächst einmal notwendig, den Charakter von Nebenwahlen, den Wahlforscher in den 1970er und 1980er Jahren untersucht haben, in Rechnung zu stellen. Nebenwahlen sind insbesondere in Mehrheitswahlsystemen, wie dem britischen, eine Möglichkeit, der regierenden Partei einen Denkzettel zu verpassen, z.B. dann, wenn allzuviele Wahlversprechen nicht eingehalten werden, wie dies derzeit der Fall ist.

Die Regelmäßigkeit, mit der Nebenwahlen mit einem Verlust der Regierungsparteien einhergehen, hat eine Reihe von Forschern dazu veranlasst, eine Theorie der Nebenwahl aufzustellen, die die Stimmenverluste der regierenden Parteien UND Stimmengewinne der Oppositionsparteien als eine Funktion der zeitlichen Entfernung von der letzten Hauptwahl beschrieben haben. Bis zur Mitte einer Legislaturperiode werden die Verluste regierender Parteien in Nebenwahlen immer größer, je näher die nächsten ordentlichen Wahlen, hier zum House of Commons rücken, umso geringer werden die Verluste bzw. Gewinne von Regierungs- und Oppositionsparteien. Wer die Theorie, die Rainer Dinkel aufgestellt hat, nachlesen will, der kann das hier tun:

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Dinkel, R. (1978). The relationship between federal and state elections in West Germany’. In: Kaase, M. & von Beyme, K. (eds.). Elections and Parties. London: Sage, pp. 53–65

Dinkel, R. (1977). Der Zusammenhang zwischen Bundes- und Landtagswahlergebnissen’. In: Kaase, M. (Hrsg.), Wahlsoziologie heute. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1976. Opladen: Westdeutscher Verlag, pp.348–59.

Da insbesondere die Europawahl nach wie vor als eine Nebenwahl gilt, findet sich die meisten empirische Anwendung der Theorie von Dinkel im Kontext der Wahlforschung am Gegenstand der Wahlen zum Europäischen Parlament, aber nicht nur.

Reif, K. (1984). National electoral cycles and European elections 1979 and 1984. Electoral studies, 3(3): 244-255.

Reif, K., Schmitt, H. and Norris, P. (1997). Second‐order elections. European Journal of Political Research 31(1‐2): 109-124.

Šaradín, P. (2012). Regional Elections are really Second Order Elections. Contemporary European Studies 2:5-13.

Teperoglou, E. (2004). Applying the second-order elections model on the European Election of 13 th June 2004 in Greece.

Im Rahmen der zuvor genannten Forschung sind einige zentrale Merkmale zusammengetragen worden, die eine Nebenwahl, eine zwischen zwei nationalen Hauptwahlen stattfindende Wahl determinieren, darunter:

Das sind die Merkmale, die für die Analyse der gestrigen Nachwahlen zum House of Commons in Wellingborough und Kingswood relevant sind. Steigen wir also in die Analyse einer Wahl ein, von der man erwarten muss, dass die Labour Party Stimmengewinne verbunden wird, die in ihren Stammgebieten höher ausfallen als in Gebieten, in denen die sozialstrukturelle Komposition der Wähler eher die Konservativen bervorteilt.

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Damit wir alle wissen, um welche Gebiete es geht:

Northhamptonshire
Wellingborough
Gloucestershire
Kingswood

Für die Analyse des Wahlergebnisses vor dem Hintergrund der Nebenwahltheorie ist die sozialstrukturelle Zusammensetzung beider Wahlkreise von Bedeutung. Wir haben die drei wichtigsten Variablen im Vergleich beider Wahlkreise zusammengestellt.

Die folgenden Tabellen zeigen:

 

Quelle: NOMIS, Office for Nationalt Statistics

Diese Variablen reichen bereits, um festzustellen, dass es für Labour in Wellingborough bessere Bedingungen für einen Wahlerfolg gibt als in Kingswood. Indes beide Wahlkreise waren bislang durch einen Abgeordneten der Tory Party vertreten. Peter Bone saß für Wellingborough seit 2005 im House of Commons und hatte bei der letzten Wahl 2019 eine komfortable Mehrheit von 62,2%. Chris Skidmore hat Kingswood seit 2010 im House of Commons vertreten, zuletzt mit einer deutlichen Mehrheit von 56,2%. Und dennoch sind am 15. Februar 2024 beide Wahlkreise von einem Kandidaten der Labour Party gewonnen worden. Indes, gewonnen worden ist die falsche Umschreibung, denn wie die folgende Gegenüberstellung der Wahlergebnisse für beide Wahlkreise zeigt, hat Labour nicht gewonnen, nur weniger verloren…

Im Vergleich zum Wahlergebnis von 2019 hat es die Labour Party in Wellingborough gerade einmal geschafft, 107 Stimmen hinzuzugewinnen, um nunmehr mit einem Anteil von 17,4%, gerechnet auf alle Wahlberechtigten (N = 79.376) den Wahlkreis zu gewinnen, vornehmlich deshalb, weil 24.869 ehemalige Tory Wähler der Partei den Rücken gekehrt haben, die meisten davon sind nun im Lager der Nichtwähler zu finden, nicht etwa bei Labour. Ein nicht geringer Anteil hat Reform UK gewählt. Die Partei ist aus dem Stand auf 3.919 Stimmen gekommen, das entspricht einem Anteil von 4,9% gerechnet auf alle Wahlberechtigten. Man muss sich die Dimension der Tory-Flucht einmal deutlich machen: 24.869 Wähler, die der Partei den Rücken gekehrt haben, entsprechen 31,3% der Wahlberechtigten, genug, um jede Wahl für sich zu entscheiden. Entsprechend sind die Nichtwähler, die ihren Anteil in Wellingborough von 35,7% auf 61,9% steigern konnten, die eigentlichen Gewinner dieser Nachwahl zum House of Commons.

In Kingswood, einem Wahlkreis, der für die Wahl der Labour Party schlechtere Bedingungen aufzuweisen hat, zeigt sich die Unfähigkeit der Partei, selbst bei Nebenwahlen von der eklatanten Schwäche der Tories zu profitieren, noch deutlicher. In Kingswood hat Labour 5.316 Wähler verloren, mehrheit an Nichtwähler. Das entspricht, wiederum gerechnet auf alle Wahlberechtigte (N = 61.103), einem Verlust von 7,9%. Abermals sind die Wähler der Tories in Scharen davongelaufen. Wieder zu Reform UK (2.578, 3,8% der Wahlberechtigten) und zu den Nichtwählern. Letztere konnten ihren Anteil von 28,5% bei der Wahl 2019 auf 62,9% bei der Wahl 2024 steigern. Beeindruckend und ein Beleg für die These, die wir in der Überschrift bereits preisgegeben haben: Das britische Parteiensystem, sofern es die etablierten Parteien betrifft, zerfällt.

Die Indikatoren dafür sind offenkundig:

Sofern sich dieses Phänomen bei den Wahlen zum House of Commons wiederholen sollte, die wohl Ende des Jahres stattfinden werden, kann man davon ausgehen, dass das Westminster Sysstem im Umbruch, die Parteienlandschaft erheblicher Veränderung ausgesetzt sein wird.

Welche Rolle Reform UK dabei spielen wird, ist nach wie vor offen. Die Partei hat es zumindest geschafft, den eigenen Anteil unter den Wenigen, die wählen gegangen sind auf 10,4% (Kingswood) und 13,0% (Wellingborough) zu steiegrn, und somit auf Werte, die in etwa das widerspiegeln, was die Partei an Zuspruch in Wahlumfragen erhält bzw. darüber liegen.

In jedem Fall feiert Reform UK das Ergebnis als Sieg, und natürlich ist die Partei nun erstmals mit einem nennenswerten Anteil aus Nachwahlen zum House of Commons hervorgegangen. Ein Ergebnis, das weitere ehemalige Tory-Wähler den Weg zu Reform UK gehen lassen wird.

Die nächste by-election steht bereits am 29. Februar 2024 an. Dann wird es in Rochdale um die Nachfolge von Tony Lloyd, Labour, gehen, der kürzlich verstorben ist. Die Vorzeichen für diese Wahl stehen einmal mehr für Reform UK günstig, denn die Labour Party hat offiziell die Unterstützung des eigenen Kandidaten Azhar Ali zurückgezogen, mit George Galloway hat die Workers Party einen namhaften altlinken Recken, der Labour Stimmen kosten wird und mit Simon Danczuk schickt Reform UK einen Mann als Kandidaten ins Rennen, der von 2010 bis 2017 Rochdale als Abgeordneter von Labour im House of Commons vertreten hat, somit vor Ort kein Unbekannter ist.

Es bleibt spannend.


 

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