Wirtschaftlicher Niedergang und Abwertung: Reißt Frankreich die Eurozone mit in den Abgrund?
Michael Klein
Die Eurozone ist eigentlich pleite.
Man kann auch sagen, die Eurozone hängt am Tropf weniger Länder, die den Laden flüssig halten, allen voran Deutschland und die Deutsche Bundesbank.
Die Eurozone ist finanziell Off-Target.
Target II ist das innereuropäisches Zahlungsausgleichssystem der Eurozone, also für die Länder, die mit EURO bezahlen. Im Zentrum von Target steht die Europäische Zentralbank (EZB) als Mittler. Das Ganze ist ein System, wie es nur Bürokraten erdenken können.
Nehmen wir an, X aus Frankreich hat Waren bei Y in Deutschland bestellt und will diese bezahlen.
Zunächst belastet die Geschäftsbank von X dessen Konto und überweist den Betrag an die Geschäftsbank des Verkäufers Y in Deutschland.
Soweit, so gut, denkt man.
Die Überweisung erfolgt über TARGET und das bringt die Banque de France und die Deutsche Bundesbank ins Boot. Die Banque de France belastet das RTGS-Konto [Real-Time Gross Settlement] der französischen Geschäftsbank von X und die Deutsche Bundesbank schreibt dem Betrag dem RTGS-Konto der deutschen Geschäftsbank von Y gut.
Dadurch verändert sich die Summe der Bestände auf RTGS-Konten, die von Zentralbanken geführt werden und am Ende eines Geschäftstages werden diese Summen ausgeglichen, und zwar dadurch, dass eine Forderung [Deutsche Bundesbank im Beispiel] oder eine Verbindlichkeit [Banque de France im Beispiel] gegenüber der EZB entsteht, die als Mittler im Target System fungiert.
Die Idee dabei ist, dass die Salden gemeinhin ausgeglichen sind, d.h. keine Verbindlichkeiten bzw. keine Forderungen gegenüber der EZB als Mittler zwischen den Zentralbanken der Länder der Eurozone bestehen. Indes, die Realität weicht von diesem Ideal seit Anfang 2008 derart dramatisch ab, dass man feststellen kann: Die Eurozone ist eine Insolvenz, die darauf wartet, als solche bezeichnet zu werden.
Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung der OFFENEN TARGET-II Forderungen der Deutschen Bundesbank gegenüber der EZB, also ausgebliebene Ausgleichszahlungen anderer Zentralbanken.
Die ersten Jahre von 1999 bis 2008 zeigen ein funktionierendes TARGET II System mit weitgehendem Zahlungsausgleich zwischen den Zentralbanken und der EZB. Ab 2008, ab dem Zeitpunkt, zu dem Geschäftsbanken, die sich am internationalen Kapitalmarkt verspekuliert haben, auf Kosten mancher der Europäischen Steuerzahler „gerettet“ wurden, man nannte das: Finanzkrise, funktioniert das TARGET-System nicht mehr.
Anstatt eines weitgehenden Zahlungsausgleiches, wie er in einer funktionierenden und gesunden Wirtschaft normal ist, gerät das Zahlungssystem der Eurozone immer mehr in Schieflage und ist heute so schief, dass wenige Länder, allen voran Deutschland mit 1.049 Billion Euro (genau sind es 1.049.600,155.068,69 Euro), die Eurozone flüssig halten, gemeinsam mit den Zentralbanken von Luxemburg (242 Milliarden Euro Forderungen gegenüber der EZB), Irland (91 Milliarden Euro), den Niederlanden (76 Milliarden Euro) und Belgien (68 Milliarden Euro).
Man kann sich vorstellen was passiert, wenn die Deutsche Bundesbank nicht mehr als großer Gläubiger auftreten kann, der das Geld in die Europäische Zentralbank schießt, das dort mit zwei Händen ausgegeben wird, um finanzielles Hazardeurtum, miserable Wirtschaftspolitiken oder erhebliche Wettbewerbsnachteile, wie sie die Mitgliedschaft im Euroclub vor allem für Griechenland und Spanien mit sich bringt, auszugleichen oder zu belohnen, je nach Sichtweise, und die Eurozone am Leben zu erhalten.
Indes: Das klappt nur, solange die Löcher, die gestopft werden müssen, kleiner sind als das Finanzmaterial, das zum Stopfen vorhanden ist.
SciFi-Support
Nun hat sich zum Club der Schuldner neben Italien (650 Milliarden Euro Verbindlichkeiten gegenüber der EZB), Spanien (450 Milliarden Euro Verbindlichkeiten gegenüber der EZB), Griechenland (100 Milliarden Euro Verbindlichkeiten gegenüber der EZB), Portugal (80 Milliarden Euro Verbindlichkeiten gegenüber der EZB) auch FRANKREICH gesellt, bislang ein Träger der Eurozone, mit 150 Milliarden Euro Verbindlichkeiten, die als offene Posten von den Zentralbanken vornehmlich Deutschlands und Luxemburgs getragen werden müssen.
Eine Katastrophe, die man in Echzeit beobachten kann.
Dass die Deutsche Bundesbank einen Ausfall, der derzeit „nur“ auf dem Papier besteht, bei Zusammenbruch der Eurozone aber „zahlbar“ wird, in Höhe von 1. BILLION Euro nicht ohne erheblich ins Trudeln zu kommen, verkraften kann, sollte offenkundig sein. Indes: die Mitgliedsstaaten der Eurozone balancieren weiterhin am Abgrund entlang. Kein Land sieht sich genötigt, zu sparen, die eigenen Ausgaben zurückzufahren. Im Gegenteil: Es hat sich die Ansicht verbreitet, das Geld komme von der Zentralbank.
Diese schon weitgehend aussichtslose Situation wird nun weiter eingetrübt, denn S&P hat die Kreditwürdigkeit von Frankreich abgewertet, d.h. Frankreich muss für die vielen Schulden, die angehäuft wurden, derzeit entspricht die Schuldenhöhe 1,13 Mal dem Bruttosozialprodukt Frankreichs (zum Vergleich: Deutschland: 0,69GDP, Portugal: 0,98GDP, Spanien: 1,02GBP, Italien: 1,35GDP, Griechenland: 1,54GDP) mehr Geld als bisher aufbringen, mehr Zinsen, mehr Tilgung, um den Gläubigern des Landes, das erhöhte Risiko, das sie eingehen, wenn sie Staatsobligationen erwerben, zu entschädigen. Damit wird Frankreich immer mehr zur Belastung der Eurozone, die weitgehend von der niedergehenden deutschen Wirtschaft und der Bundesbank, die Target-II Ansprüche an andere Eurozonen-Länder hortet, getragen wird.
Die Entscheidung, die Kreditwürdigkeit Frankreichs abzuwerten und von A+/instabil auf AA-/stabil zu senken, wird von S&P im Wesentlichen damit begründet, dass die Verschuldung Frankreichs weiter steigen wird, 2028 bei 1.21GDP liegen soll, während die wirtschaftlichen Aussichten des Landes bestenfalls stagnieren und das politische Durcheinander in Macrons „letzter“ Republik negative Effekte auf Investoren und ansässige Unternehmen hat:
„On Oct. 14, newly reappointed Prime Minister Sébastien Lecornu submitted a 2026 budget proposal to the National Assembly. The parliament has until Dec. 23 to debate and amend the legislation. The passage of a budget by year-end would help give greater clarity on how France will manage its rising debt burden, projected to end 2028 at 121% of GDP versus 112% of GDP at end-2024. Nevertheless, in our view, uncertainty on public finances remains elevated ahead of the 2027 presidential elections. One example of this is the new government’s decision to suspend France’s landmark pension reform, originally introduced into law in 2023.
We expect policy uncertainty will affect the French economy by dragging on investment activity and private consumption, and therefore on economic growth. S&P Global Ratings projects real economic growth this year of 0.7%, with a muted recovery in 2026, as consumers and businesses save more and spend less ahead of potential tax increases. Additional risks to our growth forecast are considerable, particularly given the possibility of a pass-through of higher government borrowing costs into the cost of financing for the rest of the French economy.“
Bei S&P hat man wenig Hoffnung, dass sich die finanzielle Situation Frankreichs mittelfristig verbessern wird. Mit anderen Worten: steigende Staatsschulden werden dazu führen, dass auch die Target II Bilanz nicht ausgeglichen wird, und das wird weiterhin die Bilanz der Bundesbank belasten, die schon in den letzten Jahren, von einer Bank, die jährlich Milliardenbeträge in zweistelliger Höhe in den Staatshaushalt überführt hat, zu einer Bank geworden ist, die Defizite schreibt. Dies vor dem Hintergrund einer stetig sich verschlechterten wirtschaftlichen Lage in Deutschland ist ein Rezept für Disaster, eine Katastrophe mit Ansage.
Ob Herr Klingbeil schon einmal von Target II und Standard and Poor’s gehört hat?