Website-Icon SciFi

„Man schafft sich seinen Nachruf selbst“: Abrechnungen mit Toten als Inszenierungen subjektiver „Wahrheit“

„Die Adoptivmutter meiner Mama war eine böse Frau. Das ist eine Tatsache, und es ist völlig unabhängig davon, dass sie vielleicht gute Seiten gegenüber anderen Menschen hatte oder als Kind anders war oder selbst Sorgen hatte. Diese Frau schmort hoffentlich auf alle Zeiten in der Hölle. Nicht nur rede ich berechtigterweise schlecht über sie, sondern ich würde ihr sogar aufs Grab bieseln [vermutlich meint sie: pieseln]. Das hat sie sich nicht nur selbst zuzuschreiben, sondern verdient. Womit wir bei der subjektiven Sicht der Dinge sind. Steht nicht sogar in der Bibel „Man erntet, was man sät“? Wenn sich also jemand im Leben mies verhalten hat, andere verletzt, vor den Kopf gestoßen oder gar Macht + Gewalt ausgeübt hat, muss er damit sterben. Man schafft sich seinen (Nach)Ruf selbst“,

so schreibt eine Frau namens Gitte Härter in aller atemberaubenden Selbstgerechtigkeit auf dem „Totenhemd“-blog am 6. November 2015 und findet in drei von vier Kommentaren Zustimmung, sogar von einer – anscheinend ehemaligen – Gemeindepfarrerin, die nach eigener Aussage „gelernt“ hat,

„… dass es gut ist, auch den negativen Seiten in der Trauerrede Beachtung zu schenken, achtsam. Nach einem Trauerfall in der Nachbarschaft lerne ich: es ist möglich, ehrlich über einen Toten zu sprechen. Respektvoll, aber ohne den ganzen Mist, den es gab[,] zu unterschlagen“. Danke, Gitte, für deinen unterhaltsamen, wunderbar – und mutig – bebilderten Beitrag! Herzlich, Annegret“.

Was (zumindest mich) an solchen Äußerungen verstört, ist m.E. weniger („weniger“, aber dennoch verstörend), dass es bei manchen Leuten anscheinend einen Willen gibt, mit jemandem, der sich nicht mehr verteidigen kann (weil er tot ist), im eigenen Namen oder dem von Verwandten des Toten verbal abzurechnen und dennoch zu meinen, das könne „respektvoll“ und „achtsam“ oder „gut“ sein, wobei Annegret nicht schreibt, für wen es „gut“ sein soll oder wem gegenüber es „respektvoll“, „achtsam“ sein soll.

(Noch) Verstörender finde ich, dass dem die erklärte Auffassung zugrundeliegt, dass die negativen Äußerungen die Realität abbilden würden und nicht – bestenfalls – einen Teil der Realität. So spricht die ehemalige Gemeindepfarrerin von dem „… ganzen Mist, den es gab“ (Hervorhebung durch mich) und über den „ehrlich“ gesprochen werden könne, wobei sie die ggf. vorhandene Ehrlichkeit, mit der sie oder andere Personen über ihre Erfahrungen mit dem Verstorbenen sprechen oder ihre Meinung über ihn sagen, mit der Qualität des (ganzen) Menschen verwechselt, der der Verstorbene gewesen ist.

Gitte Härter schlägt ihrerseits andere Einschätzungen einer verstorbenen Person als ihre eigene, negative, umstandslos in den Wind, wenn sie behauptet, dass es eine „Tatsache“ sei, dass jemand „eine böse Frau“ gewesen sei und dies „völlig unabhängig davon [sei], dass sie vielleicht gute Seiten gegenüber anderen Menschen hatte“ (Hervorhebungen durch mich), d.h.: diese Frau war für Härter tatsächlich „böse“, auch, wenn sie zu Anderen oder für Andere „gut“ gewesen sein mag. Das ist eine Verabsolutierung der eigenen Einschätzung, die bemerkenswert egoman, wenn nicht narzisstisch, und – wie oben bereits bemerkt – m.E. unerträglich selbstgerecht ist.

Offenbar geht es hier darum, Antipathien oder Verletzungen der Noch-Lebenden zu bedienen oder – schlimmer – eigene Konflikte mit oder Antipathien dem Verstorbenen gegenüber auszuleben oder sie als der vermeintlichen Tatsache geschuldet zu rechtfertigen, nach der der Verstorbene eben „böse“ war oder er „den ganzen Mist“, den es „gab“, zu verantworten habe.

Es sollte selbstverständlich sein, dass nicht jeder als rundum guter Menschen gelten kann oder dargestellt werden sollte, nur, weil er tot ist; es geht hier darum, dass negative Erfahrungen, die man mit jemandem gemacht hat, Probleme, die man mit ihm hatte, Dinge, die einem an ihm nicht gefallen haben, etwas sind, was ebenso viel mit einem selbst zu tun hat wie mit dem Verstorbenen. Und deshalb kann das Urteil, das man über die menschlichen Qualitäten eines Verstorbenen fällt, nicht den ganzen Menschen abbilden, der der Verstorbene war, auch dann nicht, wenn sich das eigene Urteil auf Dinge stützen kann, die man mit dem Verstorbenen erlebt hat oder die man mit Sicherheit von ihm weiß, also auf Tatsachen, wie das der Fall sein sollte, wenn Urteile ernstgenommen werden sollen, denn selbst dann, werden diese Erfahrungen, wird das Wissen um bestimmte Dinge oder Umstände von demjenigen, der sich ein Urteil bildet, interpretiert.

Wenn Abrechnungen mit Verstorbenen im Privaten bzw. bei privaten Totenfeiern eine höchst fragwürdige Angelegenheit sind, dann sind sie es im Zusammenhang mit Nachrufen auf eine bestimmte Persone, die im öffentlichen Leben eine Rolle gespielt hat oder einer riesigen Anzahl von Menschen aufgrund einer bestimmten Funktion, die sie übernommen hat, oder einer bestimmten Leistung, die sie erbracht hat, bekannt ist, nicht weniger fragwürdig oder eher fragwürdiger, eben weil die verstorbene Person der überwältigenden Anzahl von Menschen, die einen Nachruf auf die verstorbene Person lesen oder hören, keinerlei eigene Erfahrung mit dieser Person gemacht hat und diese Person aufgrund von deren Verhalten oder Leistungen lediglich in einem ganz bestimmten Bereich wertschätzen (oder ggf. eben nicht wertschätzen). Deshalb sollten Äußerungen über eine einer breiten Öffentlichkeit bekannten verstorbene Personen mit besonderer Verantwortlichkeit getroffen werden.

Aber leider geschieht dies nicht immer, im Gegenteil.
Ein Beispiel: Leute, die von Margaret Thatcher nichts wussten, aber von sich selbst wussten, dass sie mit Thatchers Politiken oder nur einer ihrer Politiken nicht einverstanden waren, sahen in ihrem Tod einen Anlass zum Feiern mit Sekt und Musik, einen Anlass dazu, u.a. auf Plakaten zu kommentieren „The bitch is dead“, d.h. etwa „Die Schlampe ist tot“. Ein brasilianischer (!) Fernsehmoderator gefiel sich darin, festzustellen, dass er ihren Tod nicht bedaure, sondern tatsächlich bedaure, dass sie jemals geboren wurde („I’m not mourning her death, I’m actually mourning her being born“ (Kommentar zum untenstehenden Video).

Und wer erinnert sich nicht an die erst vor Kurzem erfolgte heimtückische Erschießung von die Charlie Kirk durch einen Studenten, der die Weltanschauung und die Argumente von Charlie Kirk nicht teilte und ironischerweise gesagt hat, er habe „enough of his hatred“, „genug von seinem [Charlie Kirks] Hass“ gehabt, während sein eigener Hass, der bis zum Mord an Charlie Kirk reichte, für ihn anscheinend kein Problem darstellt?!

Wer erinnert sich nicht an die vielen öffentlichen, abstoßenden verbalen und nicht-verbalen Äußerungen von Freude über Charlie Kirks Ermordung – u.a. von Lehrern – über Charlie Kirks Tod, die der Trauer seiner Witwe und und der Nunmehr-Vaterlosigkeit seiner beiden kleinen Kinder offenbar keinerlei Relevanz zuschrieben?!

In ihrer Hasserfülltheit, Geschmacklosigkeit und Selbstgerechtigkeit drastische Äußerungen der Freude über den Tod von Menschen wie im Fall von Margaret Thatcher und Charlie Kirk sind (bislang noch?) nicht die Regel. An der Tagesordnung sind aber leider schon subtiler daherkommende, aber dennoch leicht erkennbare, Versuche, Verstorbene zu diskreditieren, ihre Leistung/en, für die sie bekannt sind, zu schmälern oder den Ruf von Verstorbenen durch Hinweis auf irgendwelche Verfehlungen gegen die Weltanschauung dessen, der meint, sich zum Tod der jeweiligen Person äußern zu müssen, möglichst zu beschädigen.

In den nächsten Tagen werden wir über ein aktuelles und höchst prominentes Beispiel für diese Strategie der (versuchten) subtilen Diskreditierung von Personen nach ihrem Tod bzw. anlässlich ihres Todes liefern, nämlich des Biologen James D. Watson, dem Mitentdecker der Doppelhelix-Struktur der DNA und Mitempfänger des Nobelpreises für diese Leistung, der am 6. November diesen Jahres im Alter von 97 Jahren gestorben ist.

Die mobile Version verlassen