#keingeldfürrechts: Operation gelungen, Patient tot

Melodramatik gibt es heute auf MEEDIA und beim Stern. „Angriff auf mein persönliches Leben“, heißt es bei MEEDIA: „Gerald Hensel verlässt Scholz & Friends“.

davaidavaiEin Shitstorm ist angeblich über Gerald Hensel hereingebrochen. Der Shitstorm, der Hensel scheinbar völlig unvorbereitet getroffen hat, ist das Ergebnis eines „so großen“ Erfolges der Aktion #keingeldfürrechts, dass sich Gerald Hensel entschlossen hat, Scholz & Friends zu verlassen. Er habe alles richtig gemacht, so sagt Hensel und bestätigt, dass sein ehemaliger Arbeitgeber rückhaltlos hinter ihm stehe und dass der große Erfolg von #keingeldfürrechts ein „systematischer, konzertierter Shitstorn ist, der zu einem Angriff auf mein persönliches Leben und mein Arbeitsumfeld, meine Kollegen, meinen Arbeitgeber geworden ist“. Und natürlich erhält Gerald Hensel Hass-Tweets – einfach so, denn er hat ja nichts falsch gemacht: „Ich habe alles richtig gemacht“, so sagt er.

Nun denn: Offensichtlich sind Tausende von Twitter-Nutzern, die täglich Hensel das schicken, was er Hass-Tweets nennt, gar nicht der Meinung, dass Hensel „alles richtig gemacht“ habe. Vielmehr sind sie wohl der Meinung, dass Hensel alles falsch gemacht habe, dass sein Aufruf, Werbung nur noch auf gesinnungskonformen Seiten zu schalten, die nicht das sind, was Hensel für rechts hält, das Überschreiten einer Grenze darstellt, das sie nicht hinnehmen wollen.

Machen wir also einmal wieder eine kleine Analyse in Empathie, in Logik und in Komplexität.

Empathie

GarfinkelDer von uns schon oft zitierte Harold Garfinkel hat eine Reihe von Experimenten durchgeführt, die er als Erschütterungsexperimente bezeichnet hat. Erschüttert hat Garfinkel in seinen Experimenten regelmäßig kulturelle Erwartungen, kulturelle Selbstverständlichkeiten. Die Reaktionen waren immer und ausnahmslos heftig. Die Erwartung, fair behandelt zu werden, ist eine grundlegende Erwartung, die man als menschliches Erbe, als psychologische Selbstverständlichkeit ansehen kann. Der Aufruf nur noch Webseiten mit der richtigen Gesinnung mit Werbung zu unterstützen, ist ein Bruch dieser grundlegenden Erwartung an Fairness und fairen Wettbewerb. Und wie so oft, wenn grundlegende Erwartungen enttäuscht oder gar mutwillig zerstört werden, ist die nachfolgende Reaktion heftig, sehr heftig. Das war Hensel sicher bewusst oder will er andeuten, er wurde in einer anderen Welt sozialisiert, in der man nicht heftig darauf reagiert, wenn kulturelle Normalitäten, wie z.B. das Gebot der Fairness gebrochen werden?

Ob sich die heftigen Reaktionen in 1000 täglichen Hass-Tweets niederschlagen, muss man angesichts des bei Hensel offensichtlich nicht sonderlich weit entwickelten Urteilsvermögens wohl eher bezweifeln. Dass sich unter den Tweets, die er bekommt, deftige Tweets, in denen er als „ekelhafter Denunziant“ oder als „Propaganda glorifizierender Giftzwerg“ bezeichnet wird, befinden, ist sicher keine Frage. Es ist schon eher eine Frage, ob es sich bei diesen Tweets um Hass-Tweets oder um deskriptive Tweets handelt, die die Meinung dessen, der sie verschickt hat, wiedergeben. Und da die NoHateSpeech Bewegung Deutschland verkündet hat, dass Hass keine Meinung ist, muss man folgern, dass die Giftzwerg-Meinung kein Hass sein kann.

Logik

Damit sind wir bei der Logik bzw. dem Widerspruch zur Logik angekommen, den Hensel formuliert, wenn er die Lösung seines Arbeitsverhältnisses als „großen Erfolg“ bewertet und behauptet, er habe alles richtig gemacht, was voraussetzt, dass er geplant hat, bei Scholz und Friends auszuscheiden und deshalb die Aktion #keingeldfürrechts ins Leben gerufen hat. Dass ein Arbeitgeber rückhaltlos zu einem Arbeitnehmer steht, von dem er sich gerade getrennt hat, ist ebenfalls eine Mär aus dem Reich der Widersprüche, denn rückhaltlos wäre eine Unterstützung genau dann, wenn sie nicht darin münden würde, sich in Zukunft aus dem Weg zu gehen, sondern darin, die Arbeitsbeziehungen beizubehalten oder gar auszubauen. Dass jemand „hinter jemandem steht“ hat oft den Grund, dass er diesem jemand nicht in die Augen blicken, sondern in den Hintern treten will.

Der „große Erfolg“, den Hensel damit erreicht hat, dass er alles richtig gemacht hat, er besteht in einem systematischen, konzertierten „Shitstorm, der zu einem Angriff auf mein persönliches Leben … geworden ist“. Wie wohl ein Misserfolg für Hensel aussieht?

Egal.

Komplexität

prigogine-order-out-of-chaosHensel sieht sich also als Opfer einer zentral dirigierten, einer „konzertierten Aktion“, bei der, sagen wir der allgegenwärtige Henryk M. Broder per Knopfdruck und täglich aufs Neue mindestens 1000 Nutzer von Twitter in die Bahn setzt und dazu verführt, den armen Gerald Hensel, der lediglich dafür sorgen wollte, dass anderen mit aus seiner Sicht falscher Gesinnung die Existenzgrundlage entzogen wird, mit Hass-Tweets zu bombardieren. Nun, das ist etwas zu viel der Egomanie.

Nehmen wir einmal an, die Aktion #keingeldfürrechts ist bei all denen, die Fairness noch für einen wichtigen Baustein demokratischer Gesellschaften halten, auf Widerspruch gestoßen, Nehmen wir weiter an, für etliche derer, die an Fairness glauben, hat Hensel eine Demarkationslinie überschritten, die für sie großen Wert hat. Nehmen wir schließlich an, dass sich dieser große Wert in einer großen Empörung darüber niederschlägt, dass ein Hensel des Weges kommt, und anderen vorschreiben will, wen sie bewerben dürfen und wen nicht.

Komplexe Systeme, die heutzutage nicht nur in der Komplexitätstheorie, sondern im Management und selbst in der Gesundheitsforschung thematisiert werden, zeichnen sich dadurch aus, dass es viele Akteure gibt, die miteinander interagieren und mit ihrer Interaktion etwas Neues produzieren. Dan Briklin hat in diesem Zusammenhang von „The Cornucopia of the Commons“ gesprochen, das sich darin ausdrückt, dass viele einzelne Akteure im Internet die Möglichkeit haben, sich selbst zu organisieren und durch ihr Arbeiten am selben Projekt, z.B. am Projekt „Fairness gegenüber Hensel verteidigen“, einen entsprechenden Effekt zu erzielen in der Lage sind. Shirky hat diesen Effekt z.B. im Hinblick darauf diskutiert, unterschiedliche Nutzer das Etikettieren (tagging) von Exponaten in virtuellen Museen übernehmen zu lassen, in der Überzeugung, dass das korrekte Tagging sich mit der Zahl der Nutzer, die sich daran beteiligen, einstellen muss.

Insofern sind hohe Zahlen von Tweets, die an die Adresse von Gerald Hensel gerichtet sind, zum einen ein Beleg dafür, dass er es tatsächlich geschafft hat, kulturelle Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen (hier: Fairness). Insofern war seine Aktion tatsächlich ein Erfolg. Zum anderen sind sie ein Beleg dafür, dass es die Öffentlichkeit in Deutschland nicht gerne sieht, wenn jeder Hensel denkt, er könne Dritten vorschreiben, was nach seiner Ansicht politisch korrekt ist und was nicht. Die vielen Tweets, die Hensel und sein Arbeitgeber erhalten haben, sind somit ein Beleg dafür, dass Hensel in der wirklichen, also nicht in seiner eingebildeten Welt, eben nicht alles richtig gemacht hat, sondern dass er ziemlich viel falsch gemacht hat.

Entsprechend sind die Tweets auch kein Shitstorm, sondern eine Rückmeldung, die ein rationaler Akteur benutzen würde, um sein Verhalten zu modifizieren. Wohlgemerkt: ein rationaler Akteur – nicht Gerald Hensel, denn Hensel hat ja alles richtig gemacht, wie er meint.

Bleibt noch festzustellen, dass die Art und Weise, wie Schuld in Mainstream-Medien zugeschrieben und die Guten und Bösen voneinander unterschieden werden, revisionsbedürftig ist, denn die alte Masche, Widerspruch und Empörung als Shitstorm disqualifizieren zu wollen, sie hat sich überlebt. Niemand wird die Empörung, die er angesichts von Übergriffen auf seine kulturellen Selbstverständlichkeiten empfindet, deshalb herunterschlucken, weil in Mainstream-Medien anschließend wieder von einem Shitstorm gefaselt wird. Wenn Mainstream-Medien nicht noch mehr Leser verlieren wollen, sollten sie sich wieder in deskriptiven Bahnen bewegen und damit aufhören zu versuchen, ihre Leser bereits durch die Wortwahl zu manipulieren, denn in der Regel sind die Leser intelligenter als die Schreiber.

Übrigens: Weihnachtszeit ist Spendenzeit!

Den Seinen nimmt’s der Staat im Schlaf

Richtig informative und interessante Statistiken haben es heute schwer, wenn es darum geht, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Öffentlichkeit wird in Unsinns-Statistiken ertränkt, mit denen Gender Pay Gaps herbeigelogen werden sollen oder erfasste Straftaten in Kriminalität umgedeutet werden sollen.

DestatisDabei veröffentlicht irgend ein subversiver Mensch beim Statistischen Bundesamt immer einmal wieder eine Statistik, die es so richtig in sich hat.

„Durchschnittliche Rückerstattung lag bei 873 Euro“, so lautet eine dieser Pressemeldungen, die bislang ohne Wirkung verpufft sind.

Warum?

Eine Erklärung dafür, dass relevante Statistiken keine Wirkung zeitigen, liegt darin begründet, dass Sozialwissenschaftler ihre Arbeit verweigern. Die meisten von ihnen sind von innovativen Denkern und Kritikern am Status Quo zu Verteidigern des Status Quo und nützlichen Instrumenten in den Händen von Politikern degeneriert, die gerade einen Sozialwissenschaftler benötigen, um ihre neueste Marotte zu rechtfertigen.

Sozialwissenschaften, deutsche Sozialwissenschaften, sie hatten einst einen gesellschaftlichen Einfluss, sie waren von Vordenkern und Querdenkern durchsetzt, die gesellschaftliche Routinen in Frage gestellt haben. Um gesellschaftliche Routinen in Frage zu stellen, muss man natürlich in der Lage sein, einen Schritt zurück zu treten und das, was einem als Normalität präsentiert wird, gegen den Strich zu bürsten, eine Fähigkeit, der Kindern und Jugendlichen durch die Vorgabe des richtigen Denkens weigehend beraubt werden, und eine Fähigkeit, die in den Sozialwissenschaften, die von genderistisch-staatslegitimierend-sozialistischer Langeweile erstickt werden, mit Sicherheit nur noch vereinzelt vorhanden ist.

Und so bleiben Pressemeldungen, wie die oben zitierte, unbearbeitet, versinken im Meer der unsäglichen, stupiden und uninformativen Pressemeldungen.

Doch aus diesem Meer haben wir sie herausgefischt:

Destatis_Steuer„2010 gab es in Deutsch­land rund 13,1 Millionen unbeschränkt Steuer­pflichtige mit Einnahmen aus nicht­selbst­ständiger Arbeit und eventuell Kapital­einkünften. 11,4 Millionen dieser Steuer­pflichtigen erhielten im Rahmen der Einkommen­steuer­veranlagung eine Steuer­erstattung. Diese lag im Durch­schnitt bei 873 Euro. Besonders häufig waren Rück­erstattungen zwischen 100 und 1 000 Euro (62 %). Bei rund 10 % der Betroffenen fiel die Rück­zahlung geringer als 100 Euro aus. Beträge über 5 000 Euro erstatteten die Finanz­ämter in 1 % der Fälle.

Eine Nach­zahlung an das Finanz­amt mussten 1,4 Millionen Steuer­pflichtige leisten – der durch­schnittliche Betrag lag bei 897 Euro.“

Mit anderen Worten: Der deutsche Finanzminister, dessen Häscher sehr kleinlich und mit Gebührenforderungen reagieren, wenn bei ihnen nicht zum korrekten Termin eine Zahlung eingeht, von der sie denken, sie würde ihnen zustehen, arbeitet monatelang seinerseits mit Geld, das ihm nicht zusteht.

Der Zahlungsirrtum zu Gunsten des Finanzministers findet in 87% aller Fälle statt und summiert sich auf rund 10 Milliarden Euro. Gnädiger Weise geben die Finanzämter diese 10 Milliarden, die sie zu Unrecht kassiert haben, an diejenigen zurück, die eine Steuererklärung erstellen, auf Antrag und nicht freiwillig. Ein Zustand, der mündige Bürger eigentlich auf die Palme bringen müsste, eigentlich.

Den 10 Milliarden Steuergeldern, die die Finanzämter vorsorglich zu viel kassieren, die sie nur auf Antrag und ohne Zinsen zurückgeben (bei nur 2% Verzinsung müssten die Finanzämter 890 Euro und nicht 879 Euro im Durchschnitt zurücküberweisen), womit sie sicherstellen, dass die entsprechenden Bürger mit Sicherheit finanziell geschädigt wurden, stehen gut 1,2 Milliarden Euro gegenüber, die nachgezahlt werden müssen.

Ein eklatantes Missverhältnis.

Aber: Wo kein Kläger ist, ist bekanntlich kein Richter, und auf den Sozialwissenschaftler, der darauf hinweist, dass Statistiken, wie die berichtete, zeigen, dass deutsche Finanzämter abhängig beschäftigte Bürger bestehlen und finanziell dadurch schädigen, dass sie dann, wenn sie beim Diebstahl ertappt werden, nicht einmal eine Zinsentschädigung erstatten, vielmehr erwarten, dass Bürger ihren Diebstahl mit Hilfe vorgegebener Formulare und unter Einsatz von Zeit und Geld, häufig für einen Steuerberater, erst aufdecken, auf diesen Sozialwissenschaftler warten wir bis heute vergeblich.

Es soll ja Deutsche geben, die gerne Steuern zahlen, die entsprechend kein Problem damit haben, ganz uneigennützig zu geben, dem Finanzamt im vorliegenden Fall.

Sind Sie glücklich, und wenn ja, sind Sie das, obwohl Sie in einem „Wohlfahrtsstaat“ leben?

Glücksforschung oder happiness research ist der neue Hype in der internationalen Sozialforschung. Und es sind längst nicht nur Psychologen, die sich mit dem Glück der Anderen befassen und die Bedingungen, Ursachen und Folgen von „Glück“ untersuchen. Zu den am häufigsten untersuchten Fragen zählen der Zusammenhang materieller Dinge oder mehr profan, der Zusammenhang von Geld, zumeist in Form von Haushaltseinkommen, und Glück sowie die psychologischen Grundlagen von Glück. Wie immer, wenn viele Forscher in einem Brei rühren, so finden sich auch in der Glücksforschung bereits erste Differenzierungsbemühungen, ausgedrückt z.B. in einem Trend „authentisches Glück“ zu bestimmen und von „falschem Glück“ zu differenzieren (z.B. Seligman, 2002).

happinessBei so viel Forschung lohnt es sich, für einen Moment zurückzutreten und zu fragen, was da eigentlich erforscht wird. Was ist Glück? Wer über die Frage, was Glück ist, nachdenkt und sich die Unterscheidung in Happiness und Luck, die es in der englischen Sprache gibt, vergegenwärtig, kommt schnell zu der Feststellung, dass Glück in Deutsch, einmal einen Zustand und einmal ein Ereignis und somit zwei ganz unterschiedliche Dinge beschreibt. Zu sagen, man ist glücklich ist etwas völlig anderes als festzustellen, man habe Glück (gehabt).

Glück haben, kann man bei der Ziehung der Lottozahlen. Man kann feststellen, dass man Glück gehabt hat, wenn man aus dem Wrack des Autos klettert, das man gerade in den Graben gefahren hat. Glück kann man in Prüfungen haben, in denen man nur einen Teil des Prüfungsstoffs gelernt hat, glücklicherweise genau den, der abgefragt wurde. Glück haben, meint generell ein Ereignis, dessen Ausgang sich dem Einfluss dessen, den es trifft, entzieht.

Glücklich sein, ist etwas gänzlich anderes. Glücklich sein ist ein Zustand, der eng mit zufrieden sein zusammenhängt und insofern das Ergebnis eigener Leistung beschreibt. Man kann glücklich sein, weil man ein lang gestecktes Ziel erreicht hat. Man kann glücklich sein, weil man die Früchte harter Arbeit einstreicht. Man kann glücklich sein, weil man sich an dem freut, was zuvor getroffene Lebensentscheidungen ermöglichen. Dieses Glück ist das Ergebnis einer eigenen Anstrengung. Dieses Glück wird herbeigeführt, wenn eigene Anstrengungen in einem für sie fairen Ergebnis resultieren. Dieses Glück ist das Ergebnis eigener Entscheidungen.

happiness-2Nun, da die Bedeutungswelt von „Glück“ geklärt ist, kann ich feststellen, dass wissenschaftliche Forschung, die sich mit „Glück“ befasst, in der Regel mit dem Zustand „Glück“ und nicht mit zufälligen Ereignissen von „Glück“ befasst ist. Umso erstaunlicher ist es, dass Wissenschaftler, wenn sie die Frage untersuchen, was den Zustand „Glück“ herbeiführt, immer und unweigerlich bei materiellen Werten, bei Einkommen, Status und bei (psychologischer) Gesundheit ankommen – so als wäre Glück ein Zustand, den man per Rezept erreichen kann: Man nehme einen Teil Einkommen, würze ihn mit einem Teil Status, versehe das Ganze mit zwei Teilen Eigenheim und kröne es mit einer Einheit Familie und heraus kommt ein glücklicher Papa.

“Happiness is not something ready made. It comes from your own actions”, so sagt der derzeitige Dalai Lama und verweist darauf, dass Glück eine Zustand ist, den man nur durch sein eigenes Handeln herbeiführen kann, also explizit kein Zustand, der von außen in Menschen herbeigeführt werden kann.

Dies ist der große Irrtum aller Wohlfahrtsstaatsapostel, die denken, wenn sie Menschen mit Almosen und Transferleistungen beglücken, dann machen sie die entsprechenden Menschen glücklich. Und damit offenbaren sie nur ihr illusionäres Weltbild. Wer denkt, er sei seines Glückes Schmied, der will und braucht keine Transferleistungen. Wer von sich denkt, er sei das Opfer der gesellschaftlichen Umstände und deshalb auf Transferleistungen angewiesen, der findet offensichtlich Gefallen daran, von anderen ausgehalten zu werden (oder er hat sich einreden lassen, dass er ein Recht darauf hat, sich von anderen aushalten zu lassen, einreden lassen, von Leuten, die ihr Auskommen damit bestreiten, dass sie anderen einreden, sie könnten an ihrem Zustand nichts ändern, sie seien Opfer des Systems, des Neoliberalismus, des Marktes, der Anderen …).

Kaesler
Und weil er sich als Opfer definiert, unterliegt er einer psychologischen Zwangsläufigkeit, die George C. Homans die Deprivations-Sättigungs-Hypothese genannt hat: „Je häufiger eine Person in der jüngsten Vergangenheit eine bestimmte Belohnung erhalten hat, desto weniger wertvoll wird für sie jede weitere Einheit dieser Belohnung“ (Opp & Wippler, 2002, S.134). Diese Zwangsläufigkeit ist der Grund für das Scheitern aller Wohlfahrtsstaaten, denn durch ihre Transferleistungen wecken sie ständig wachsende Begehrlichkeiten, die sie selbst nicht zu decken in der Lage sind. Entsprechend können Transferempfänger, die sich mit ihrem Zustand der Alimentierung abgefunden haben, die ihren Opferstatus akzeptiert haben, nicht glücklich sein, bestenfalls können sie denken, dass sie Glück haben im 21. Jahrhundert zu leben, aber das werden sie nicht denken, statt dessen, werden sie voll Neid auf andere blicken und andere für den eigenen Zustand verantwortlich machen.

Doch zurück zum Glück: Happiness is when what you think, what you say, and what you do are in harmony.” Mahatma Ghandi hat dies gesagt und damit Glück auf eine transzendentale Stufe gestellt. Glück ist Harmonie, stellt sich dann ein, wenn man im Einklang mit sich selbst und mit seinen Zielen lebt. Dies bringt mich zurück zu der Definition von Glück als Zufriedenheit mit einem erreichten Zustand, und es führt zu der Aussage, dass man nur dann glücklich sein kann, wenn die eigenen Entscheidungen und Handlungen auch eine Chance haben, zu den mit ihnen beabsichtigten Zielen zu führen. Je mehr also Staaten in das Leben ihrer Bürger eingreifen, je mehr sie das tägliche Leben, die tägliche Handlungsfreiheit ihrer Bürger durch Vorgaben, Ratschläge, Anreize und sonstige Formen des Übergriffs gängeln, um so mehr produzieren sie entweder unglückliche Bürger oder sie produzieren sich aus dem öffentlichen Raum zurückziehende Bürger.

BartholomewDer Grund dafür ist etwas, das Dr. habil. Heike Diefenbach gewöhnlich „Selbstwirksamkeit“ nennt. Selbstwirksamkeit beschreibt in seiner grundlegendsten Variante ein eigenverantwortliches Handeln, das eine beabsichtigte Folge zum Ergebnis hat. Diese Selbstwirksamkeit, an der in modernen Wohlfahrtsstaaten ein Großteil der Bevölkerung durch die tägliche amtliche Entmündigung gehindert wird, ist der Kern von Glück. Wer Selbstwirksamkeit behindert oder gar unterbindet, ist ein Feind des individuellen Glücks, und deshalb sind Wohlfahrtsstaaten dazu verurteilt,  den Neid der Transferempfänger zu schüren und diejenige, die Gegenstand des Neids und der steuernden und steuerlichen Eingriffe ihres Staates sind zu entfremden. Mit anderen Worten, ein Wohlfahrtsstaat ist der beste Weg zum Unglücklichsein.

Wie immer hat dieser Text von der Frühstücksdiskussion mit Dr. habil. Heike Diefenbach profitiert, und ich bitte Heureka47 uns ausnahmsweise einmal mit allem Feinstofflichen zu verschonen.

Epilog

Den Anlass dazu, über Glück nachzudenken, hat ein Buch gegeben, das den Titel trägt (kein Witz:), „Machen Kläranlagen glücklich?“ Ein Panorama grenzüberschreitender Infrastrukturforschung. Eigentlich wollte ich dieses Buch rezensieren, aber die Rezension wäre unweigerlich nach kurzer Zeit in eine Satire und Betrachtungen darüber, wie manche Autoren mit Sprache ringen und sich in ihrer gezwungenen Lustigkeit verhäddern ausgeartet. Was anderes kann dabei herauskommen, wenn man Sätze liest wie „Dieses Buch richtet sich an Praktiker, Leute, die im richtigen Leben richtige Probleme lösen. Oder schaffen“. oder: „Es werden keine Methoden diskutiert und keine Wahrheiten verkündet. Das folgt in den Bänden II bis X“. Und obwohl man hier deutlich das Gefühlt hat, die Autoren wissen nicht, was sie schreiben, was im Hinblick auf die Wahrheiten, die sie in den Bänden II bis X verkünden wollen, misslich ist und vielleicht der Tatsache geschuldet ist, dass sie zu den Praktikern gehören, die laufend Probleme schaffen, und obwohl man geneigt ist, diese Probleme ob der Inhalte zumindest zeitweise zu übersehen, hat der ganze gute Vorsatz ein Ende (Marke implodierender Luftballon) wenn ein Text damit beginnt, dass sein Autor und in vollem Ernst erzählt, dass die Bekannten, mit denen er im Restaurant sitzt, immer dann, wenn er von den Vorteilen, die es hat, mit Urin den Dachgarten zu bewässern, redet, das Thema wechseln. Und ganz so als wäre das noch nicht genug, schließt derselbe Autor daraus, dass man nicht bei Lasagne mit ihm über Urin im Dachgarten reden will, dass man eben über so wichtige Themen nicht reden wolle. Und spätestens dann ist es vorbei mit all den guten Vorsätzen und mit der Absicht, dieses „Buch“ zu rezensieren.

Literatur

Opp, Karl-Dieter & Wippler, Reinhard (2002). George Caspar Homans (1910-1989). In: Käsler, Dirk (Hrsg.). Klassiker der Soziologie. Von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu. München: Beck, S.130-151.

Seligman, Martin E. P. (2002). Authentic Happiness: Using the New Positive Psychology to Realize Your Potential for Lasting Fulfillment. New York: Schuster & Schuster.