Zu wenig Herz: Transplantationsmediziner leiden

Der Tag der Organspende wirft seine Schatten voraus. Kein Tag ohne Pressemeldung, in der beklagt wird, dass die Spendebereitschaft nicht groß genug sei, dass der „Mangel an Spenderherzen weiterhin alarmierend“ sei und so weiter. Wir befinden uns im Bereich der moralischen Erpressung.

human organ tradeDie moralische Erpressung, sie beginnt damit, dass man eine leidende Gruppe konstruiert, die Gruppe derer, die auf ein Spenderorgan warten. Bilder von Kindern sind hier sehr beliebt. Der nächste Schritt in der moralischen Erpressungskampagne besteht darin, die große Zahl der auf ein Spenderorgan Wartenden mit der kleinen Zahl der Spenderorgane zu kontrastieren. Gerne auch gewürzt mit einem Hinweis der Art, jede Stunde sterben X Menschen, weil sie kein Spenderorgan erhalten. Wenn das alles nicht reicht, wird dringend an die Bevölkerung appelliert, sich mit „dem Thema Organspende auseinanderzusetzen“ und mit den „schwerkranken Patienten“, für die eine Transplantation „häufig die einzige Chance für das Langzeitüberleben“ bedeutet.

Eine solche moralische Erpressungskampagne, die nicht nur im Bereich der Transplantationsmedizin angewendet wird, sondern auch im Bereich z.B. des Gender Pay Gaps, hier allerdings mit erfundenen Zahlen, benutzt wird, basiert auf einer Reihe von Annahmen über die menschliche Natur, die man wie folgt zusammenstellen kann:

  • Menschen sind mitfühlend und lassen sich entsprechend über Empathie steuern und ausnutzen.
  • Man kann manchen Menschen einreden, sie hätten eine Verpflichtung, anderen zu helfen.
  • Man kann manchen Menschen sogar einreden, dass Altruismus etwas ist, was sie zu besseren Menschen macht und in den Himmel bringt.

Zunächst ist festzustellen, dass es weder ein moralisches Recht auf ein Spenderorgan noch eine Verpflichtung dazu, ein Organ zu spenden, gibt. Das Spenden eines Organes ist eine Art Caritas, die dem Euro, der dem Bettler gegeben wird, gleichkommt. Es ist eine individuelle Entscheidung, die der Spender für sich treffen muss. Entsprechend gibt es auch keine Rechtfertigung für den Versuch, die entsprechende Entscheidung beeinflussen zu wollen.

Diese Rechtfertigung erwächst auch nicht aus der (geheuchelten) Sorge um die vielen, die auf ein Spenderorgane warten. Wäre diese Sorge real, der Sorgende würde seine Organe spenden und sich umbringen, um dem Organmangel Abhilfe zu verschaffen. Offensichtlich geht niemand der Sorgenden soweit. Also kann man feststellen, dass sie sich nicht um die sorgen, die auf Spenderorgane warten, sondern ein anderes Motiv für ihre Sorge haben.

TK Organspende Schule

Moralische Erpressung beginnt in der Schule: Unterrichtsmaterialien der Techniker-Krankenkasse

Dieses Motiv ist so alt wie die Menschheit und lautet: Profit. Die Sorgenden zeichnen sich nämlich ausnahmslos dadurch aus, dass sie an Transplantationen verdienen. Wie viel sie daran verdienen, ist in Deutschland eine Art Staatsgeheimnis. Aus der Schweiz ist bekannt, dass bei der Transplantation von Herz-, Lunge oder Dünndarm Kosten zwischen 150.000 Franken und 250.000 Franken, also umgerechnet 135.000 Euro bis 225.000 Euro anfallen. Dass die Kosten in Deutschland geringer sind, ist nicht zu erwarten. Entsprechend ist eine Transplantation für Kliniken und Ärzte ein großes Geschäft. Ärzte erhalten darüber hinaus häufig eine Transplantationsprämie von z.B. 2000 Euro pro Transplantation, bei 56 Transplantationen pro Jahr ein nettes Zuverdienst.

Trotz all dieser ökonomischen Vorteile für Kliniken und Ärzte, die sich aus einer Transplantation ergeben, sind die entsprechenden Kliniken und Ärzte natürlich nur am Wohl der auf ein Spenderorgan Wartenden interessiert und nicht am eigenen Verdienst, wenn sie daran appellieren, dass Menschen, andere Menschen als sie selbst, ihre Organe spenden.

Gibt es jemanden, der das glaubt?

Allein die Tatsache, dass man in Deutschland umsonst nach offiziellen Statistiken zu den Kosten sucht, die mit Transplantation verbunden sind, zeigt schon, dass hier etwas im Busch ist, etwas, das nicht herauskommen soll, um nicht noch die wenigen Spender abzuschrecken, die sich bislang nicht haben abschrecken lassen.

Sicher sind ökonomische Vorgänge wie Prämienzahlungen für versierte Ärzte und Kostenerstattungen für Kliniken nicht von den Tätigkeiten, für die sie erstattet werden, zu trennen. Aus Sicht einer praktischen Ethik wäre es jedoch notwendig, den Prozess der Organtransplantation transparent zu machen: Wer verdient was, woran? Wie hoch ist die Überlebenswahrscheinlichkeit für diejenigen, die ein neues Organ verpasst bekommen? Und jenseits aller Gefühlsduselei: Stehen die Kosten einer Transplantation und die immensen Folgekosten, die von der Gemeinschaft der Versicherten zu tragen sind, in einem auch nur ansatzweise zu rechtfertigenden Verhältnis zur Überlebensdauer und zur Lebensfreude derer, die im Besitz eines fremden Organs (noch) leben?

„Für die Krankenkassen sind besonders die medikamentösen Nachbehandlungen teuer. Die Folgekosten für einen Nierenpatienten liegen im Jahr bei etwa 14.000 Euro. Die Pharmaunternehmen erwirtschaften jährlich Milliarden Euro mit dem Verkauf ihrer Präparate. Das Schweizer Unternehmen Novartis etwa soll im vergangenen Jahr mit einem Medikament mehr als 900 Millionen Dollar erwirtschaftet haben. Konkurrent Roche setzte 2011 mit einem ähnlichen Arzneimittel beinahe eine Milliarde Schweizer Franken um.“

Vultures_in_the_nestAnstatt zu appellieren und moralische Erpressungsversuche zu unternehmen, wäre es an der Zeit, in Deutschland eine offene Diskussion darüber zu führen, welche Kosten und welche Chancen mit Transplantationen verbunden sind, welche Interessen sich mit Transplantationen verbinden, und wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, dann ist es gut, dann gibt es keine Appelle und keine Mitleidsorgien mehr, keine Bildchen von lachenden Kindern, die mit neuer Niere leben und mit Medikamenten von morgens bis abends. Dann gibt es ausschließlich individuelle Entscheidungen auf einer ausreichenden Informationsgrundlage darüber, ob jemand ein Organ spenden will oder nicht, und es gibt niemanden, der sich anmaßt, vorzugeben, was moralisch wünschenswert wäre. Und auf Grundlage der Fakten kann man natürlich auch darüber eine Entscheidung treffen, ob es gerechtfertigt ist, teure Eingriffe wie Transplantationen von allen Versicherten finanzieren zu lassen, eine Frage, deren Antwort vornehmlich damit zusammenhängt, wie erfolgreich Transplantationen denn nun wirklich sind – und schon sind wir beim nächsten deutschen Staatsgeheimnis.

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Wir wollen nur Ihr Bestes: Ihre Leber, Ihre Nieren, Ihr Herz, Ihre Augen, Ihre Lunge…

Morgen ist Tag der Organspende. Seit 1983 wird der Tag der Organspende jeweils am ersten Samstag im Juni begangen. Samstags deshalb, weil Organspenden außerhalb der Arbeitszeit erfolgen sollen, schon weil eine Organspende nur dann möglich ist, wenn „der Tod … festgestellt ist“, wie man beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages weiß. Das macht Sinn, denn ohne Herz lebt es sich nicht so gut und nach Erfahrungsberichten ist auch ein Leben ohne Leber ziemlich saftlos.

Morgen ist also Tag der Organspende. Nie war Organspende so einfach und sicher wie heute: Dafür sorgt das Transplantationsgesetz (TPG). Dass es dennoch Organhandel durch Ärzte gegeben hat, kleine Unregelmäßigkeiten, die Ihr Vertrauen darin, dass Ihr Tod von diesen Ärzten korrekt festgestellt wurde, nicht dass man Sie aus Versehen lebend ausnimmt und tot und ausgeweidet zurücklässt, sollte Sie nicht in Ihrer Spendenfreude erschüttern. Es ist kein Grund zum Verzagen, denn: Nie war Nächstenliebe so einfach wie heute. Organspende ist gelebte Nächstenliebe wie Heiko Maas, Minister für … – war es Justiz?- weiß. Also leben Sie Nächstenliebe. Spenden Sie. Spenden Sie Organe. Sie spenden die Organe, wir kümmern uns um den Nächsten.

Die Zahl der Spendenfreudigen ist in Deutschland von 1.296 Organspendern im Jahr 2010 auf 864 Organspender 2014 zurückgegangen.

Schockbilder auch bald auf Fleischerzeugnissen

Heute tritt die neue EU-Tabakrichtlinie in Kraft: Ab sofort sehen Raucher beim Kauf einer Packung schwarze Zahnstümpfe, zerfressene Lungen und schwarze Raucherbeine. Die Schockbilder-Advokaten hoffen, mit den Bildern Raucher vom Rauchen abzuschrecken.

smoking cancerNun ist Rauchen eine Angewohnheit, die nicht umsonst unter der Bezeichnung „Sucht“ läuft, was darauf hinweist, dass die Entscheidung, mit dem Rauchen aufzuhören, bei vielen Abhängigen nicht unbedingt eine Option ist. Hinzu kommt, dass viele Raucher eine soziale Verpflichtung verspüren, nicht nur den Finanzminister über die Tabaksteuer glücklich zu machen, sondern auch die Raucher-Entwöhnungsindustrie auszuhalten. Was soll aus all den Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Medizinern, aus all den Entwöhnungshelfern werden, wenn einfach alle Raucher vom Rauchen abgeschreckt werden? Zum Glück produzieren Raucher das, was Ökonomen eine nicht elastische Nachfrage nennen, d.h. sie Rauchen unabhängig von Preis und Schockbildern auf der Packung.

Es geht auch nicht um die Raucher, sondern um die vielen Jugendlichen, die mit dem Rauchen gar nicht erst anfangen sollen. Sie abzuschrecken, ist das Ziel der Schockbilder, so hört man von den Schockbildphilen. Nun, verbotene Dinge und vor allem mit Schockbildern abschreckende Dinge, sie üben einen besonderen Reiz auf Jugendliche aus, die versuchen, ihre eigene Identität in Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft zu bilden. Insofern wird sich in den nächsten Jahren zeigen, in welche Richtung das Nudgen der noch nicht-Raucher weist. Für die Forscher, die sich mit den unbeabsichtigten Folgen von Entscheidungen befassen, sind die Schockbilder in jedem Fall ein willkommenes quasi experimentelles Setting.

Nun, da die Schockbilder auf den Zigarettenpackungen als neue Richtlinie in Kraft getreten sind, brechen die Brüsseler Bürokraten, die ja nun eine gewisse Regelungsleere verspüren, zu neuen Ufern auf. Und weil Schockbilder in Brüssel und nicht nur dort so beliebt sind, scheint es erste Bestrebungen zu geben, die Verwendung von Schockbildern auszuweiten.

Die Forschung hat eine Unzahl von Belegen dafür angehäuft, dass Fleischkonsum schädlich ist, vor allem rotes Fleisch erfreut das Wachstum der Krebszellen in Organismen und gilt entsprechend als die Ursache hinter einer Vielzahl von Krebserkrankungen. Fleischkonsum ist somit der Gesundheit schädlich, erhöht die Kosten der Gesundheitsversorgung und muss daher eingedämmt werden. Schockbilder bieten sich an, um die Bevölkerung zu gesünderen Nahrungsmitteln zu nudgen.

Gleichzeitig setzt Fleischkonsum eine mit ethischen Grundsätzen nicht in Einklang zu bringende Massentierhaltung voraus, die letztlich eine Objektivierung von Lebewesen zur Folge hat und die menschliche Fleischeslust auf Basis der Qual anderer Kreaturen befriedigt.

Zudem ist Massentierhaltung einer der größten Verschmutzer der Umwelt, trägt Methan in die Atmosphäre und verstärkt damit die Erderwärmung und verseucht Grundwasser mit Phosphaten und Nitraten.

Der Tatbestand ist eindeutig: Fleischkonsum ist schädlich, Fleischerzeugung ist barbarisch und ethisch nicht vertretbar, Massentierhaltung umweltschädlich.

Um Europäer nicht nur vom schädlichen Tabakkonsum fernzuhalten, sondern auch vom noch viel schädlicheren Fleischkonsum, scheint man bei der EU-Kommission nun Pläne in der Schublade zu haben, die nur darauf warten, dass ein Kommissar seinen Mut zusammennimmt, um sie herauszuholen.

Folgerichtig müssten Verbraucher von Fleisch und Fleischerzeugnissen in Zukunft mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert werden, mit Bildern aus der Massentierhaltung, auf den Verpackungen von Schnitzel und Steaks: Bilder davon, wie Küken gleich nach Geburt geschreddert werden, Bilder von Hähnchen, die mit dem Kopf nach unten in ihren Tot gefahren werden. Live-Aufnahmen aus Schlachthäusern dürften besonders geeignet sein, um europäische Konsumenten vom weiteren massenhaften Verzehr von Fleisch abzuhalten. Zudem sollte der Besuch von Schlachthöfen und von Abdeckereien für Kinder im Grundschulalter verpflichtend sein, um sie über die Lebensgrundlagen ihrer nachhaltigen und grünen Gesellschaft aufzuklären. Und natürlich dürfen auch Bilder von durch Krebs infolge von Fleischkonsum zerfressenen menschlichen Verdauungsträckten nicht fehlen.

Die neue Lässigkeit oder die neue Bigotterie?

Vor einigen Tagen haben wir darüber berichtet, dass sich die deutschen Parteien für das Jahr 2016 eben einmal einen Zuschuss von 160,52 Millionen Euro genehmigt haben. Damit Sie die Bevölkerung mit Wahlutensilien, Bleistiften und sinnlosen Broschüren, die niemand lesen will, zu müllen können.

160,52 Millionen Euro sind kein Pappenstil, so sollte man meinen, aber offensichtlich sind sie das für manche Zeitgenossen in Deutschland. So hat uns heute der folgende Kommentar zum oben angesprochenen Beitrag erreicht:

AnonymityDr. Sommer: Naja, davon ab das es nur die direkte Mittelvergabe ist und die ganzen Durchstechereien, der GEZ Betrug, sinnlosen Unifakultäten und die korrupte Mittelvergabe an Spezl und Amigos usw. nicht einschließt sind es nur Peanuts.
160 Mio bei ca. 500 Mrd. Etat sind (500 x 10 ^9 / 160 x 10 ^6) 0,032 Promille bzw 32 ppm.
Das macht den Kohl nicht fett.

Das ist die neue Lässigkeit, die Lässigkeit, die man auch als Form von Unverantwortlichkeit (oder grenzenloser Naivität oder Bigotterie) beschreiben kann, die nach unserer Ansicht daraus erwächst, dass man denkt, persönlich keinen Schaden vom Missbrauch von Steuergeldern zu haben. Letztere fließen üppig, und warum soll man nicht das Geld, das andere hart erarbeiten mussten, für Unsinn aller Art ausgeben? Weshalb sich verantwortlich für das Geld der Leute zeigen, die es erarbeitet haben? Weshalb ihnen Respekt dafür zollen, dass sie so blöd sind, die Peanuts zu erarbeiten, die für anderen den Kohl nicht fett machen, wenn sie veruntreut werden?

Diese neue Lässigkeit, sie hat etwas, logische Konsequenzen nämlich, logische Konsequenzen der folgenden Art:

Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2014 insgesamt 2.179 Morde in Deutschland aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind im Jahr 2014 868.356 Menschen gestorben. Die Ermordeten machen also gerade einmal 0,25% der sowieso Gestorbenen aus. Wozu Mord als Straftat verfolgen? Wozu Geld und Manpower in die Ermittlung der Täter investieren und Letztere auf Kosten der Steuerzahler und bei freier Logis in staatlichen Beherbergungsanstalten unterbringen? 0,25%, die machen den Kohl nicht fett.

Oder der folgenden Art:

Die Steuereinnahmen des Bundes beliefen sich 2014 auf 643,617 Milliarden Euro. Die Höhe der hinterzogenen Steuern betrug nach Schätzungen im Jahr 2014 rund 13 Milliarden Euro. Das sind 2% der Steuereinnahmen. Peanuts also. Wozu die Finanzfahndung unterhalten und gutes Geld ausgeben, um die Steuereinnahmen um Schlappe 2% zu erhöhen?

Seien wir also etwas lässiger, und folgen der Empfehlung, die ein Kommentator, der sich als Dr. Sommer bezeichnet, gegeben hat. Das macht das Leben einfacher. Wozu also darüber nachdenken, ob man an Krebs erkrankt ist. Statistisch betrachtet ereilt Krebs die meisten in der zweiten Lebenshälfte, und die drei Jahre, die man sich durch einen Chemotherapie quält, die machen die Kohl nicht fett. Überlassen wir die Krebserkrankten ihrem Schicksal, denn im Gesamtkontext der Lebenserwartung, die trotz Krebs in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen ist, machen die paar Krebstote den Kohl nicht fett.

Und warum regen sich Deutsche darüber auf, dass Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Das muss man im größeren Kontext sehen. Flüchtlingsströme hat es immer gegeben, Völkerwanderungen so lange es Menschen gibt. Ordnet man die paar Millionen Syrer, die nach Deutschland gekommen sind, in den historischen Kontext, der Milliarden Menschen migrieren sieht, dann fällt die Menge gar nicht ins Gewicht, macht sie den Kohl nicht fett.

Wozu, wie ein anderer Kommentator vor einiger Zeit angemerkt hat, sich über den Genozid, den Chinesen in Tibet angerichtet haben, aufregen. Immerhin wurden die Tibeter aus einem feudalen System in ein sozialistisches kollektiviert. Dass sie dabei gestorben sind, macht im Gesamt der kulturellen Revolution keinen Unterschied und mit Sicherheit den sozialistischen Kohl nicht fett.

Und überhaupt, ihr mickrigen Erdlinge. Was ist schon die Erde im kosmischen Konzert. Anstatt über die vermeintliche Klimaerwärmung zu lamentieren, solltet ihr Euer Leben bis zum nächsten Sonnensturm, zur nächsten geomagnetischen Umpolung der Erde genießen. Denn: Dieser kleine Steinklumpen im Gesamt des Universums, er macht den Kohl nicht fett.

HG Wells zeitmaschineDie Frage des nicht fetten wollenden Kohls, die Frage der neuen Lässigkeit, sie ist eng verknüpft mit der persönlichen Betroffenheit. So kann man annehmen, dass Dr. Sommer sicher nichts dagegen hätte, wenn man ihm das Gehalt pfändet, um die Parteien davon zu finanzieren. Es macht den Kohl ja nicht fett. Er hätte vermutlich auch kein Problem damit, dem Mörder seines Vaters die Hand zu schütteln. Sterben wir nicht alle? Und Steuerhinterziehung, Firlefanz, jeder macht es und es macht den Kohl nicht fett, so wenig, wie Krebsbehandlungen, Letztere sind sowieso unsinnig, verlängern ein sinnloses Leben um wenige durchlittene Monate, Monate, die man besser vergisst, also: Euthanasie von Dr. Sommer bei Krebsdiagnose, denn der vorzeitige Tot hat keinen besonderen Einfluss auf die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung.

Oder hätte Dr. Sommer doch ein Problem damit, wenn er persönlich mit den Folgen seiner Nonchalance konfrontiert würde? Vermutlich schon, denn die neue Lässigkeit, sie ist nur möglich, wenn die Folgen davon, andere zu tragen haben. Diejenigen zum Beispiel, denen Steuern abgezogen werden, die sie besser in die eigene private Alterssicherung investieren würden. Aber das geht nicht, denn sie müssen schon Parteien finanzieren, und Genderlehrstühle, und Netzwerke voller sinnloser Existenzen, die gegen dies und das zu Felde ziehen ohne den Nutzen davon angeben zu können und natürlich all die Profiteure des Systems, die Vereinnahmer von Subventionen für alternative Energie und … alles wichtiger als die eigene Existenzsicherung und alles etwas, das den Kohl nicht fett macht.

 

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Times, they are changing …

Zum Wochenende haben wir wieder einmal einen Anschlag auf die kulturellen Dopes vor, das ist nicht von uns, das ist von Harold Garfinkel, die sich ein Leben ohne Fleischkonsum nicht vorstellen können.

Holy cowLetzterer ist eine Frage der Ethik und einmal ehrlich, wenn man manche satten Gesichter sieht, in die ein Hamburger geschoben wird, dann kann man nicht anders als ärgerlich zu werden, ärgerlich angesichts des Wertes des Tieres, das sein Leben gelassen hat und der in keinem Verhältnis zu dem des Inhabers des Gesichtes zu stehen scheint, der es gerade in Teilen, unbewusst und ohne jegliche Wertschätzung verschlingt.

Fleischkonsum ist eine ethische Frage, die jeder für sich beantworten muss, und zwar mit Blick auf das, was Peter Singer die „capacity to suffer“ nennt und mit der Verantwortung ergänzt, sich darüber bewusst zu sein, wo das Fleisch, das man isst, herkommt, welches Leid notwendig war, um das Steak in die Pfanne zu bekommen.

Ethisch leben zu wollen, erfordert es, sich in die Position anderer Tiere zu versetzen und sich danach zu fragen, wie diese anderen durch das eigene Verhalten beeinträchtigt werden und dann eine Entscheidung über das eigene Verhalten zu treffen.

In Supermärkten werden vegetarische und veganische Angebote immer häufiger.

Die Entscheidung, sich nicht am Leid von Tieren, die in Massentierhaltung gequält werden, beteiligen zu wollen, sie ist immer einfacher zu leben. Wir sehen derzeit einen kulturellen Wandel, der der Abschaffung der Sklaverei entspricht: So wie der Sklavenhandel, ohne den viele nicht leben zu können glaubten, verschwunden ist, so wird auch das Fleischfressen verschwinden.

Warum?

Weil Menschen in der Mehrzahl vernünftige und in Konsequenz davon ethische Tiere sind:

 

Der Mensch als Maßstab-Setzer

eine alte Argumentation zur ebenfalls nicht neuen menschlichen Hubris

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Wie der vorangegangene post auf diesem blog berichtet hat, meinen manche Zeitgenossen, behaupten zu müssen und zu können, „[d]er Maßstab bleib[e] der Mensch“, wobei unklar bleibt, warum dies so sein sollte und wofür der Mensch der Maßstab bliebe. Vielmehr stellt der Satz eine Proklamation dar, die offensichtlich vollkommen unreflektiert und unbelastet von Fragen der Begründbarkeit im Taumel völlig übersteigerten Selbstbewusstseins verkündet wurde.

EARTH in contextTatsächlich kann „der Mensch“ für nichts und niemanden im Universum Maßstab sein. Bestenfalls kann er sich selbst kraft seiner selbst für sich selbst zum Maßstab machen. Zu dieser Schlussfolgerung muss man kommen, wenn man z.B. Immanuel Kant oder Robert Spaemann gelesen hat. Aber m.E. kann man auch durch eigene, recht einfache Überlegungen zu dieser Schlussfolgerung kommen, was es um so unverständlicher macht, dass einige Mitmenschen hierzu nicht im Stande sind – oder nicht willens oder beides. Dass ausgerechnet diese Mitmenschen als Maßstab-Setzer für andere fungieren wollen, indem sie verkünden, dass „[d]er Maßstab“ – anscheinend immer für alles und jeden – „der Mensch“ „bl[ei]b[e]“, kann nicht anders denn als Ironie gewertet werden.

Wie ist es möglich, dass sich jemand zu dem Postulat versteigen kann, der Mensch sei oder bleibe Maßstab für irgendetwas (außer sich selbst)? Oder anders gefragt: Mit welchem Recht, welcher Legitimation kann jemand behaupten, ob Menschen – in der Praxis bedeutet das dann wohl: bestimmte Menschen und bestimmte andere Menschen nicht – der Maßstab für alles und jeden sein sollen oder können?

Man könnte meinen, dass diese Frage für diejenigen einfach zu beantworten ist, die an (einen) Gott glauben, denn sie könnten behaupten, dass es Gott gewesen sei, der dem Menschen zum Maßstab aller Dinge auserkoren habe. Nur – mit dieser Argumentation stimmt etwas nicht:

(Selbst) Dann, wenn man an einen Gott glaubt, und wenn man glaubt, dass es das wichtigste oder einzige Ziel dieses Gottes sei, Menschen mit so viel hubris auszustatten, dass sie auf systematische Weise die eigenen Lebensgrundlagen samt derjenigen ihrer Mitgeschöpfe zu zerstören dürfen glauben (z.B. durch die vollkommene Ignoranz gegenüber den Folgen massiver Überbevölkerung des Planeten), dann stellt sich die Frage, warum dieser Gott dies und nichts anderes tun oder wollen oder auch nur zulassen sollte. Oder anders gesagt: Wozu braucht Gott ein Raumschiff, wie Captain Kirk in Star Trek V fragt, bzw. wozu braucht Gott Menschen? Und aufgrund welcher Qualität(en) von Menschen sollte Gott ihnen ihre hubris durchgehen lassen?

Ist Gott vielleicht sozusagen moralisch dazu verpflichtet, Menschen vor allem und jedem im Universum Vorrang zu geben? Sind Denken und Verhalten von Menschen von so großem Wert oder Adel, dass Gott sich diesem grandiosen Wesen „Mensch“ unterwirft und damit sozusagen abdankt, also aufhört, Gott zu sein, und beginnt, Gott von Menschen Gnaden zu sein, dem nur solange Existenz zugesprochen wird, wie er spurt und Menschen für das Wichtigste und Großartigste im Universum erklärt, wichtiger und großartiger als er selbst? Gibt es Gott also nur um des Menschen willen, so, wie es für einige Menschen Tiere nur um des Menschen willen gibt? Oder erlaubt Gott den Menschen ihre Hubris und in der Folge ihr umfassendes Zerstörungs- und Ausbeutungswerk, weil das eine effiziente Strategie ist, diese seltsam anmaßende Spezies, die meint, besser zu sein als alle anderen Lebewesen, wieder zum Verschwinden zu bringen?

Wie auch immer – der Verweis auf Gott hilft nicht wirklich weiter, wenn man danach fragt, mit welchem Recht Menschen „der Maßstab“ für alles und jeden schlechthin sein könnten oder sollten, und sei es nur, weil es Menschen sind, die Gottes Wort, (sofern jemals mitgeteilt) interpretieren.

god-jokeWoher soll aber dann die Wichtigkeit, Würde oder das sonst wie Grandiose am Menschen kommen, die/das ihn zum Maßstab für alles und jeden im Universum oder auch nur auf dem Planeten Erde machen soll? Offensichtlich handelt es sich hier nur um eine – seltsam infantil anmutende – Selbstzuschreibung mancher Menschen, und zwar derjenigen Menschen, die meinen, sie könnten bestimmen, welche Wichtigkeit, Würde oder Respekt anderen Lebewesen inklusive anderer Menschen zukommen.

Nichts im „Bekennerschreiben“ der angeblichen „kritischen Wissenschaftler_Innen“ legt nahe zu vermuten, dass sie sich die Frage nach der Rechtfertigbarkeit ihrer Postulate gestellt haben (oder auch nur psychologisch oder kognitiv im Stande sind, diese Frage zu stellen), aber hier soll – ihnen gegenüber wohlwollend – gefragt werden: Lässt sich diese Selbstzuschreibung rechtfertigen? Lässt sie sich überhaupt rechtfertigen?

Vielleicht könnte sie gerechtfertigt werden, wenn diese Menschen sich ihr selbst zugestandenes Recht, über Maßstäbe zu entscheiden, irgendwie verdient hätten. Das würde voraussetzen, dass sie sich die Wertschätzung oder Würdigung durch andere Lebewesen auf irgendeine Weise erarbeitet haben, und dies wiederum würde voraussetzen, dass sie – eben um ein Mensch zu sein, der überhaupt ein Maßstab für andere Lebewesen sein kann – , irgendeine Leistung erbracht haben – vielleicht die Leistung, korrekte Schlussfolgerungen aus Argumentationen gezogen zu haben (aber gerade diese Leistung können sie nicht erbringen, wie dieser Text hinreichend klar machen sollte).

Eine weitere Voraussetzung wäre, dass diese Menschen ihre eigene Hubris aufgegeben haben, denn niemand kann jemanden wertschätzen, der sich dem vermeintlichen „Wertschätzer“ gegenüber als überlegene Lebensform geriert; die Wertschätzung wäre in diesem Fall nämlich gar keine, sondern bloß Unterwerfung. Umgekehrt könnte die vermeintlich überlegene Lebensform keine Wertschätzung durch andere erfahren oder Wert auf sie legen, weil andere Lebensformen ja ohnehin niedrigere Lebensformen darstellen und insofern keine Einschätzung vornehmen können, die gleichermaßen relevant sein könnte wie die der Menschen, die in von Selbstüberschätzung getragener Selbstzuschreibung verharren. Schon aus logischen Gründen können diese Menschen ihre Proklamation, „der Maßstab“ zu sein und zu bleiben, also nicht begründen. Empirische Tatsache ist, dass ein Mensch auch das Vertrauen eines Tieres erst einmal verdienen muss, wie jeder, der z.B. Streunerkatzen im Winter ein warmes Plätzchen anbietet, weiß, denn unsere nicht-menschlichen Mitgeschöpfe wissen ihrerseits, dass es unter den Menschen solche und solche gibt (,und sie wissen damit mehr als mancher Mensch über die eigene Spezies zu wissen scheint).

Die eigene Hubris aufgeben, um als Mensch überhaupt ein Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden sein zu können, muss man deshalb, weil man einen Maßstab nicht einfach setzen kann. Auch dann, wenn man meint, man habe die Macht oder das Recht, sich zum Maßstab zu erklären, so würde der Anspruch von anderen Lebewesen doch nicht akzeptiert, und er würde sich selbst pervertieren, wenn er angesichts dieser Tatsache zum Manipulationsprogramm oder gar zur Gewaltherrschaft geriete. Vielmehr kann man nur als Maßstab dienen – und das Wort „dienen“ ist hier mit Bedacht gewählt. Die Frage, die sich dann stellt, ist: warum kann was oder wer wofür als Maßstab dienen?

Kant praktische VernunftIm Anschluss an Immanuel Kant haben viele Denker, Philosophen (einschließlich Richard Spaemann) und viele andere, sich ihrer selbst bewusste, Menschen erkannt, dass die Mindestanforderung, die an einen Menschen gestellt werden muss, der als ein Maßstab (auch oder gerade: für andere) dienen kann, die Mindestanforderung ist, dass dieser Mensch zunächst eine Mindestanforderung an sich selbst – und nicht an andere – stellt. Diese Anforderung ist diejenige, andere Lebewesen nicht als bloße Zwecke für seine eigenen Ziele zu missbrauchen, sondern sie als Ziele an und für sich selbst zu respektieren, ganz so, wie er sich selbst als Ziel in eigenem Recht ansieht und seine Existenz nicht als bloßes Mittel zum Zweck anderer Lebewesen betrachtet.

Warum ist das so?

Wenn der Mensch ein Maßstab sein oder bleiben soll, kann er das zunächst nur für sich selbst sein! Er allein kann sich das eigene Gewissen und die eigene Integrität als Maßstab setzen. Als Maßstab dienen kann er nicht aus eigener Kraft; dies setzt vielmehr voraus, dass jemand anders ihn zum Maßstab nimmt. Wie vorne argumentiert wurde, wird aber kein Lebewesen jemanden zum Maßstab nehmen oder ihm Vertrauen entgegenbringen, der ihn nur als Mittel zu seinen eigenen Zwecken ansieht statt als Ziel an und für sich selbst, also jemanden, der meint, ihn ungehindert ausbeuten zu können. Und nur, wer an der Ausbeutung anderer Lebewesen interessiert ist, muss sich in Hubris flüchten, so dass die bloße Tatsache, dass jemand diese Hubris an den Tag legt, eine hinreichende Bedingung dafür ist, dass er nicht zum Maßstab für irgendjemanden oder irgendetwas taugt.

Wenn ein Mensch nur durch sich selbst und für sich selbst ein Maßstab sein kann, um anderen möglicherweise (!) als Maßstab zu dienen, dann muss er entsprechende Anforderungen, die ihn in seinen eigenen Augen und (ggf.) in den Augen anderer Lebewesen dazu qualifizieren, ein Maßstab zu sein, also zuallererst an sich selbst stellen. Und das führt unweigerlich dazu, dass er sein Verhalten anderen Lebewesen gegenüber anpasst, ungeachtet der empirischen Frage, wie diese Lebewesen ihn nun tatsächlich, also in der Empirie, betrachten oder ob sie im Stande sind, sich überhaupt ein Bild von ihm zu machen. Seine Anforderung an sich selbst ist nämlich seine Anforderung an sich selbst und eine Selbstverpflichtung.

Nur ein Mensch von besonderer Wertigkeit mag das Recht haben, sich über andere Lebewesen zu erheben und sie auszubeuten, aber kein Mensch, der sich so verhält, kann ein Mensch von besonderer Wertigkeit sein, weil er nicht im Stande ist zu erkennen, dass er seine Hubris durch nichts rechtfertigen kann als eben dieselbe: er schreibt sich selbst besondere Wertigkeit zu und leitet aus ihr besondere Rechte ab, die seine Ausbeutung anderer Lebewesen rechtfertigen sollen, und die Begründung für diesen Akt ist die Behauptung, er sei von besonderer Wertigkeit und habe deshalb das Recht, andere Lebewesen auszubeuten.

Damit setzt er, um begründen zu können, voraus, was begründet werden soll; er begeht den logischen Fehler des Zirkelschlusses. Dieser Argumentationsfehler kann nicht irgendwie durch verbale Haarspaltereien oder noch größere Übertreibung der Hubris weggeredet oder gar aufgelöst werden. Man kann ihn nur vermeiden. Und das gelingt, wenn man sich auf seine Grundqualifikation als Mensch besinnt, nämlich auf die Fähigkeit zur Menschlichkeit, die sich in einem Handeln zeigt, das von Empathie (aber nicht durch plakativ vorgegaukelten Altruismus, was etwas gänzlich anderes ist!) bestimmt ist, denn allein diese Qualität darf – bis auf Weiteres und zumindest mit Bezug auf das mögliche Ausmaß dieser Qualität und seiner Funktion als handlungsleitend – als spezifisch menschliches Potenzial gelten. Ein empathisches Handeln schließt die mitgefühlslose Ausbeutung von Lebewesen aus, von Menschen wie von Tieren, und deshalb kann ein Mensch nur insofern über Tieren stehen als er sich ihrer oder anderer Menschen nicht einfach und ohne Mitgefühl bedient.

So betrachtet ist ein Mensch ohne Empathie eine Kreatur von ungeklärtem Status, die es ebenso zu respektieren gilt wie jedes andere Lebewesen, nicht mehr und nicht weniger. Vor allem ist aber keinerlei Grund dafür erkennbar, warum ausgerechnet ein solches Lebewesen für irgendjemanden oder irgendetwas als Maßstab dienen kann, oder anders gesagt: niemand hat einen guten Grund, ein solches Lebewesen, das in Hubris verharrt und zur Empathie nur sehr eingeschränkt oder gar nicht fähig oder willig ist, zu wählen, damit es ihm als Maßstab für ein menschliches Leben dienen möge!

Wer die Hubris hinter sich lässt und zur Empathie fähig und willig ist, der wird mit allen Lebewesen Mitgefühl haben, und wer Mitgefühl (auch) mit Tieren hat, kommt nicht umhin, die Massentierhaltung und die systematische Ausbeutung von Tieren und ihre systematische Ermordung als einen unsäglichen, seit Langem totgeschwiegenen Holocaust zu erkennen, einen Holocaust, bei dem sich Leben in Schmerz erschöpft und Tod nicht einmal den Sinn einer Erlösung haben kann, weil Tiere – nach allem, was wir bisher wissen – keine Konzepte haben, die Leiden im Leben einordnen oder ihm ebenso wie dem Tod irgendeine Art von Sinn geben könnten. Sehr wohl haben Tiere aber ein Empfinden für Schmerz, und das, was wir ihr Leben nennen, ist für sie eine einzige Kette von Deprivation und direktem physischen Schmerz.

Die massenhafte Ermordung von Tieren findet teilweise gleich nach ihrer Geburt statt (z.B., wenn sie das falsche Geschlecht haben, das ihrer Ausbeutung zu einem bestimmten Zweck im Weg steht – hier bestimmt das biologische Geschlecht tatsächlich über Leben bzw. Existenz und Tod), oft aber nach einigen Jahren von „Leben“, das für das Tier zumeist kein solches ist, sondern bloß eine dauerhafte Kette aus physischem Leiden wie z.B. auf einer Kaninchen-Farm, auf der Kaninchen bei lebendigem Leib gehäutet werden, damit ihr Fell „geerntet“ werden kann, oder im Fall der Hündinnen, die als Gebärmaschinen für Hundezüchter ausgebeutet werden, bis sie nicht mehr fruchtbar sind und „entsorgt“ werden können oder während einer der Schwangerschaften oder Geburten von alleine sterben, oder im Fall von Legehennen, die während ihrer gesamten Lebenszeit in engen Käfigen und in Dunkelhaft gehalten werden, ohne dass ihnen ermöglicht würde, ihr natürliches Verhalten wie z.B. Auf-dem-Boden-Scharren, auch nur einmal im Leben zu zeigen. Sie leben länger als die Hähnchen, die gemästet und nach wenigen Monaten als Leichenteile dem Verzehr durch Menschen bereitgestellt werden, die in einem gänzlich direkten Sinn Ihre Körper zu Tierfriedhöfen zu machen bereit sind. Ob das längere Leben der Hennen ein Vorteil oder ein Nachteil gegenüber den Hähnchen darstellt, darüber lässt sich trefflich streiten.

Ein Mensch, der ein Maßstab für sich sein will oder gar für andere Menschen oder sonst ein Lebewesen als Maßstab dienen will, kann, eben weil er dies sein oder tun will, nicht die Augen vor diesem Holocaust an Tieren verschließen, denn dies zu tun, stellt sein Mit- und Verantwortungsgefühl stark in Frage (es steht „nur“ stark in Frage, weil es möglich ist, dass jemand einfach noch kein Bewusstsein für das Massenleiden von Tieren entwickelt hat). Auch sein Denk- und Urteilsvermögen steht stark in Frage, wenn ihm das Massenleiden der Tiere bekannt ist, er sich aber weigert oder sich unfähig erweist, durch Reflexion die oben genannten Zusammenhänge mit Bezug auf den eigenen Wert und den anderer Lebewesen zu durchschauen. Aufgrund der an den Tag gelegten Mängel sind solche Menschen nicht im Stande, einen Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden abzugeben; sie können nur als schlechtes Beispiel für Denkfaule oder Zyniker herangezogen werden.

Maßstab für menschliches Handeln kann nur die Menschlichkeit sein, nicht aber der Mensch an sich und als solcher samt seiner kognitiven Ausfälle, moralischer Schwächen oder psychologischen Befindlichkeiten (inklusive massiver Hubris). Damit ist Menschlichkeit klar im Handeln verortet und nicht im Reden (schon gar nicht im bloßen Behaupten), und weil nur einzelne, konkrete Menschen handeln können, ist sie auch im Individuum verortet. Dementsprechend kann Menschlichkeit nicht in Kollektiven, Institution oder Regelungen liegen oder durch sie verordnet werden. Sie ist eine spezifische, im Handeln erkennbare, Leistung eines einzelnen Menschen (was für mich persönlich übrigens das ausschlaggebende Kriterium ist, wenn es darum geht, die Ungleichheit der Menschen zu beschreiben und zu würdigen); es gibt in diesem Sinn keine spezifische Menschlichkeit einer Ansammlung von Lebewesen, die biologisch der Tierspezies angehören, die wir Menschen nennen.

Deshalb ist es auch sinnlos, von Menschenrechten als Rechten zu sprechen, die Lebewesen, die biologisch der Tierspezies angehören, die wir Menschen nennen, sich selbst zuzusprechen belieben. Es ist nicht nur so, dass es keinerlei Legitimation dafür geben kann, wenn Lebewesen andere Lebewesen mit Rechten ausstatten oder ihnen Rechte vorenthalten wollen, gerade, wenn man animmt, dass diese Lebewesen dem eigenen Selbst gleich seien. Darüber hinaus ist es der Realität vollkommen gleichgültig, ob es irgendwo irgendwelche Lebewesen gibt, die meinen, sie hätten irgendwelche Rechte, die sie bloß einzufordern bräuchten oder die sie einfordern könnten, in der irrigen Annahme, dass, weil sie sich selbst Rechte auf etwas zuschreiben oder sich selbst Rechte einräumen oder anderen Lebewesen Rechte vorenthalten, die Umstände in der Realität und das Verhalten ihrer Mitgeschöpfe auf diese Vorstellung irgendeine Rücksicht nehmen müssten und entsprechend differenziert wirken müssten: Die Rede von Menschenrechten ist angesichts des nächsten Mega-Meteors oder Plasma-Sturmes oder auch nur der nächsten Dürre bestenfalls eine müßige und infantile Beschäftigung. Das Pochen auf Menschenrechte ist in der Realität so vergeblich wie das Kinderweinen im Atlantik (eine Allegorie, die ich Algernon Blackwood verdanke).

Dieselbe Argumentation gilt für Tierrechte, so dass die Konklusion diejenige ist, dass der einzig begründbare Maßstab für den Umgang mit sich selbst und mit anderen Lebewesen, also auch mit Tieren, die eigene Menschlichkeit im oben beschriebenen Sinn oder – auf den Punkt gebracht – Empathie sein kann. Sie ist nicht verzichtbar,  und kein Schriftwerk oder Regelsatz kann sie ersetzen. Wenn sie nicht gelebt wird, also von konkreten Menschen in ihrem Handeln vollzogen, gibt es keine Menschlichkeit.

Aber wenn man schon meint, Lebewesen Rechte zugestehen zu können, dann gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, Tieren nicht dieselben Rechte zuzugestehen wie Menschen, denn (auch auf die Gefahr der Redundanz hin; man kann es anscheinend nicht oft genug erklären):

MEat the truthWer sich weigert, anderen Tieren dieselben Rechte einzuräumen wie dem Menschen-Tier, dem mangelt es an Empathie und Selbsterkenntnis – er verharrt in seiner unbegründbaren Hubris. Und wem es an Empathie und Selbsterkenntnis mangelt, dem fehlt eine, wenn nicht die,  den Menschen definierende Qualität, und wer Menschenrechte fordert, aber keine Tierrechte zugestehen will, und gerade deshalb selbst ein Lebewesen von fragwürdigem Status ist, kann logischerweise kein Interesse daran haben, dass Menschen besondere Rechte eingeräumt werden, anderen Lebewesen dagegen nicht oder nur eingeschränkte Rechte, denn sein eigener Status steht ja in Frage oder lässt sich jederzeit in Frage stellen, auch dann, wenn er das in seiner Hubris nicht versteht. Er schadet sich mit seiner Haltung also u.U. selbst und ist (u.a. daher) für alle anderen Lebewesen erkennbar nicht dazu qualifiziert, ihnen Rechte zu- oder abzusprechen.

Darüber hinaus ließe sich argumentieren, dass andere Lebewesen vor dem Menschen, in deren Potenzial eine nicht rechtfertigbare Hubris liegt, geschützt werden müssen, und wie die alltägliche Erfahrung zeigt, ist dieses Argument leider von erheblicher praktischer Relevanz. Insofern könnte man die Notwendigkeit von Tierrechten aus der spezifischen menschlichen Qualität der Hubris ableiten, während die Einräumung von Menschenrechten durch Menschen lediglich als Ausdruck dieser Hubris gelten muss, weil sie – wie vorne gezeigt – ihrerseits nicht begründet werden kann, es sei denn, man hielte es für notwendig, Menschen vor anderen Menschen zu schützen.

Und leider erscheint das tatsächlich notwendig. Wenn das so ist, gälte es, alle Lebewesen gleichermaßen vor der Hubris zumindest mancher Menschen zu schützen, aber wie gesagt würde kein irgendwie kodifizierter Schutz das Handeln aufgrund von Empathie ersetzen können. Insofern gilt: Der Maßstab für das Handeln des Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen liegt in der Empathie, und ein Ausdruck von Empathie ist zweifellos die Vermeidung von Übergriffen auf und von Schmerz in anderen Lebewesen. Wer ihm gegenüber gleichgültig bleibt, muss anders begründen, warum er zum Maßstab für irgendetwas oder irgendjemanden taugen sollte; wie er das argumentativ korrekt bewerkstelligen will, ist mir ein Rätsel.

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Was macht den Menschen zur Person?

In unserer kleinen Reihe zum Wert des Menschen, sind wir heute bei Peter Singer angekommen und der Frage, was macht aus einem Menschen, also einem Angehörigen der Spezies „Homo sapiens“, eine Person. Diese Frage ist insofern von großer Relevanz, als die Zugehörigkeit zur Spezies „Homo sapiens“ den intellektuellen Überlegenheitsanspruch über andere Spezies, z.B. über Wanzen, den Menschen geltend machen, nicht begründen kann.

Insofern stellt sich die Frage, was den Menschen zur Person macht und ihn – hoffentlich – intellektuell über das Stadium einer Wanze hinausführt.

Peter Singers Antwort:

Singer Praktische Ethik„Eine andere Verwendung des Begriffs ‚menschlich‘ wurde von Joseph Fletcher vorgeschlagen, einem protestantischen Theologen, der viel über moralische Probleme publiziert hat. Fletcher hat eine Liste mit ‚Indikatoren des Menschseins‘ aufgestellt, die folgendes umfasst: ‚Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle [ein K.O-Kriterium für viele], Sinn für Zukunft, Sinn für Vergangenheit, die Fähigkeit, mit anderen Beziehungen zu knüpfen [das nächste K.O.-Kriterium für viele], sich um andere zu kümmern, Kommunikation und Neugier. Diese Bedeutung des Begriffs haben wir vor Augen, wenn wir von jemandem sagen, er sei ein ‚wirklich menschliches Wesen‘ oder zeige ‚wahrhaft menschliche Eigenschaften‘. Damit meinen wir natürlich nicht, dass die Person der Spezies Homo sapiens angehört, was eine biologische Tatsache ist und kaum in Zweifel gezogen wird; wir implizieren vielmehr, dass menschliche Wesen gewisse charakteristische Eigenschaften besitzen und dass die betreffende Person sie in einem hohen Maße besitzt.
[…]
Das Wort ‚Person‘ stammt ursprünglich von lateinisch persona, dem Wort für die Maske, die die Schauspieler im antiken Drama trugen. Indem die Schauspieler eine Maske benützten, zeigten sie an, dass sie eine Rolle spielten. In der Folgezeit erhielt ‚Person‘ dann die Bedeutung eines Menschen, der eine Rolle im Leben spielt, eines Handelnden. Nach dem Oxford Dictionary lautet eine der gegenwärtig gebräuchlichsten Bedeutungen des Begriffs Person: ‚ein selbstbewusstes und rationales Wesen‘. In diesem Sinne ist der Begriff in der Vergangenheit von untadeligen Philosophen verstanden worden. John Locke definiert eine Person als ‚ein denkendes intelligentes Wesen, das Vernunft und Reflexion besitzt und sich als sich selbst denken kann, als dasselbe denkende Etwas in verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten.
[…]
Auf jeden Fall schlage ich vor, ‚Person‘ in der Bedeutung eines rationalen und selbstbewussten Wesen zu gebrauchen, um jene Elemente der landläufigen Bedeutung von „menschliches Wesen“ zu erfassen, die von ‚Mitglied der Spezies Homo sapiens“ nicht abgedeckt werden“.

Als Konsequenz der Forderung, dass sich eine Person durch Selbstbewusstsein und Rationalität auszeichnet, wie dies von Singer dargelegt wurde, ergibt sich zweierlei:

  • Mitglieder der Spezies „Homo sapiens“ sind nicht zwangsläufig oder automatisch Person. Erst wenn sie die oben genannten Merkmale aufweisen, können sie als Person gewertet werden und erwarten, auch entsprechend behandelt zu werden.
  • Nichtmitglieder der Spezies „Homo sapiens“, Tiere, können Person sein, nämlich dann, wenn sie die Merkmale aufweisen, die oben dargestellt wurden.

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Der Wert eines Menschen

Was macht eigentlich den Menschen zum Menschen? Was macht sein Menschsein, seinen Wert aus? Haben alle Menschen den gleichen Wert, sind somit gleichwertig? Wenn ja, wieso gibt es dann Gesellschaften, deren Mitglieder danach streben, sich von anderen zu differenzieren? Sind alle Menschen gleich? Wieso formulieren dann manche Menschen Regeln, die für alle Menschen gelten sollen? Ist man als Mensch a-priori ein Wert an sich oder muss man sich sein Menschsein und somit seinen Wert erst verdienen? Gibt es eine Mindestanforderung an den Status „Mensch“ oder ist alles Mensch, was wie ein Mensch aussieht?

Wir beginnen mit diesem Post eine Reihe zum Wert von Menschen, Posts, die in loser Folge unterschiedliche Perspektiven, wie sie Philosophen durch die Jahrhunderte auf die Fragen gerichtet haben: Was ist der Wert eines Menschen? Was macht den Mensch zum Menschen?

Und weil wir heute schon einmal Thomas Hobbes zitiert haben, geben wir dem alten Philosophen (1588 geboren) aus Englands Süden (genau aus Wiltshire) doch abermals das Wort.

Vorweg schicken müssen wir, dass für Hobbes jeder Mensch das ist, was man am besten als eine Ansammlung von natürlichen und zweckdienlichen Kapazitäten bezeichnen kann. Erstere, die natürlichen Kapazitäten (wie Intellekt, Körperkraft), die hat man von Geburt an, letztere, die zweckdienlichen Kapazitäten (Wissen oder Kampftechnik), die muss man sich erwerben. Beide Formen von Kapazitäten muss man nutzen, um sie zum eigenen Vorteil einzusetzen, wobei man die zweckdienlichen Kapazitäten erst erwerben muss, ehe man sie nutzen kann. Vorteile, die ein Mensch aufgrund seiner natürlichen Kapazitäten vor einem anderen hat, können jederzeit durch zweckdienliche Kapazitäten, die sich Letzterer aneignet, ausgeglichen oder umgekehrt werden. Kurz: Was ein Mensch ist, sein Wert, das ist letztlich die Frage danach, was ein Mensch im Laufe seines Lebens geleistet hat bzw. aus seinen natürlichen Kapazitäten gemacht hat.

In den Worten von Hobbes liest sich das wie folgt:

Leviathan.hobbesDie Macht eines Menschen besteht, allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich. Natürliche Macht ist das Herausragen der körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, wie außerordentliche Stärke, Schönheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Freigebigkeit und Vornehmheit. Zweckdienlich ist die Macht, die durch natürliche Macht oder durch Zufall erlangt wird und als Mittel oder Instrument zum Erwerb von mehr Macht dient, wie Reichtum, Ansehen, Freunde […]

Die Geltung oder der Wert eines Menschen ist wie der aller anderen Dinge sein Preis. Das heißt, er richtet sich danach wieviel man für die Benützung seiner Macht bezahlen würde und ist deshalb nicht absolut, sondern von dem Bedarf und der Einschätzung eines anderen abhängig. Ein fähiger Heerführer ist zur Zeit eines herrschenden oder drohenden Krieges sehr teuer, im Frieden jedoch nicht. Ein gelehrter und unbestechlicher Richter ist in Friedenszeiten von hohem Wert, dagegen nicht im Krieg. Und wie bei anderen Dingen, so bestimmt auch bei den Menschen nicht der Verkäufer den Preis, sondern der Käufer. Denn mag jemand, wie es die meisten Leute tun, sich selbst den höchsten Wert beimessen, so ist doch sein wahrer Wert nicht höher als er von anderen geschätzt wird“.

Liefert Thomas Hobbes hier nicht eine hervorragende Erklärung für Wert-Inszenierungen, wie sie z.B. im Rahmen der derzeitigen öffentlichen Diskussionen stattfinden, in denen der Wert, den bestimmte Personen z.B. Flüchtlingen zuweisen, mit dem Unwert, den sie denen zuweisen, die ihre Wertsetzung nicht teilen, aufgerechnet wird. Ziel ist es natürlich, den eigenen Preis und den Preis des eigenen Leistungsspektrums für z.B. Arbeit mit Flüchtlingen in die Höhe zu treiben, und den Wert all derer, die wiederum am Wert der entsprechenden Leistungen zweifeln, in Abrede zu stellen?

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Münsteraner Parodie auf Ethik: „Nationale Egoismen in der Flüchtlingskrise aufgeben“

Nationale Egoismen in der Flüchtlingskrise aufgeben„, das fordert die „Sozialethikerin und katholische Theologin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘ der Uni Münster“.

Vom Exzellenzcluster! Wir hoffen, Sie sind hinreichend beeindruckt, denn Exzellenzcluster, das meint Exzellenz, Exzellenz in was auch immer, vielleicht Exzellenz in Weltfremdheit?

Spaemann_moralische GrundbegriffeBevor wir diese Frage beantworten, ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass wir durch die intensive Lektüre von Rpbert Spaemann, die Dr. habil. Heike Diefenbach derzeit vornimmt und in der letzten Zeit vorgenommen hat, einen gewissen Standard von Ethik und Argumentation gewohnt sind, einen Standard, wie man ihn bei Spaemann (über den wir nun regelmäßig diskutieren) findet, einen hohen Standard von Denken, logischer Schlussfähigkeit, Urteilskraft und Abstraktionsvermögen.

Ausgehend von diesem Standard waren wir natürlich gespannt auf die Einlassungen zur Flüchtlingskrise, die die „katholische Theologin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘ der Uni Münster“ von sich gegeben hat.

Und ausgehend vom Spaemannschen Standard sind wir sehr stark enttäuscht worden.

Es beginnt damit, dass die Sozialethik von Heimbach-Steins Begriffe enthält wie, „niederschmetternd“, „verheerend“, „perfide“, „anhaltende humanitäre Katastrophe“. Wenn man eine Ethik begründen will, also eine Anleitung zum richtigen Handeln, dann ist es problematisch, Handlungen, die als ethisch gut bewertet werden sollen, ihrerseits durch Bewertungen zu begründen. Man begibt sich damit in einen infiniten Regress, in dem eine Bewertung die nächste ersetzt. Von einem Sozialethiker, der sein Geld wert ist, erwartet man, dass ihm dieses Problem der Begründung bewusst ist. Wenn es ihm bewusst ist, dann verzichtet er auf Begriffe wie „niederschmetternd“, „perfide“, „verheerend“ oder „anhaltende humanitäre Katastrophe“ um damit seine Ansicht der richtigen Handlung zu begründen.

Ein Sozialethiker, der sich überlegt hat, was er schriftlich an andere richtet, der vermeidet auch Sätze wie die folgenden:

„Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe“, so sagt Heimbach-Steins und ergänzt: „Das gemeinsame Menschsein wiegt schwerer als politische Grenzen“.

Vielleicht gibt es für derartige Aussagen Browniepoints im Himmel der Gutmenschen, in der Realität kann man über diese Sätze nur den Kopf schütteln. Gerade einem angeblichen Sozialethiker sollte die Schwierigkeit ethisches Verhalten zu begründen, die sich aus der Begrenztheit von Ressourcen ableiten lässt, bekannt sein. Wenn man aber weiß, dass Ressourcen begrenzt sind, dass es keinen Free Lunch gibt, wie Milton Friedman gesagt hat, denn das, was A gegeben wird, das steht für B nicht mehr zur Verfügung oder muss von B (zusätzlich) aufgebracht werden, dann kann man deratige Sätze nicht von sich geben. Das ist elementare Sozialphilosophie. Ein Sozialethiker, der meint, andere zur Aufgabe nationaler Egoismen anhalten zu müssen, sollte das wissen.

Hat man die Begrenztheit von Ressourcen erst einmal akzeptiert, dann muss man nicht lange weiterdenken, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Aussage „Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe“, ausgemachter Unsinn ist, denn wenn Jeder den entsprechenden Anspruch hat, dann ist es eine Frage der Zeit, dass der menschenrechtliche Anspruch auf Hilfe mit dem menschenrechtlichen Anspruch auf ein gutes Leben derjenigen in Konflikt gerät, die die Hilfe geben sollen. Ressourcen sind nun einmal begrenzt. Daran ändern auch vielleicht gut gemeinte, aber unsinnige Sätze, wie der von Heimbach-Steins nichts.

Folglich kommt man zu dem Schluss, dass nicht „jeder“ einen Anspruch auf Hilfe haben kann, sondern nur manche, was zunächst die Tragweite des Anspruch modifiziert und zu einer freiwilligen Hilfeleistung derer, die Hilfe gewähren, verändert, zum anderen die Frage aufwirft, wie die Manchen, denen Hilfe gewährt werden soll, ausgewählt werden. Diese Frage müsste man öffentlich diskutieren. Absurde Proklamationen wie die eines menschenrechtlichen Anspruchs auf Hilfe für jeden, machen dies unmöglich.

Entsprechende Forderungen sind schon deshalb absurd, weil Menschen doch alle gleich sind – oder? Und wenn alle Menschen gleich sind, wie kann es dann sein, dass manche Menschen Rechte für andere formulieren, sich also über diese anderen erhöhen. Und wie kann es sein, wenn alle Menschen gleich sind und die Ressourcen begrenzt sind, dass einige nicht nur anderen Rechte einräumen, sondern wieder andere dazu bestimmen, die Kosten der eingeräumten Rechte zu tragen?

Ein Sozialethiker, der über Zusammenhänge nachgedacht hat, sollte von selbst zu solchen Einsichten gelangen und nicht Unsinn verbreiten wie: „Jeder Schutzsuchende habe einen menschenrechtlichen Anspruch auf Hilfe“.

Aber Heimbach-Steins hat wohl nicht nachgedacht, sondern ihr Buch, das in einer Pressemitteilung beim idw beworben werden soll, vermutlich weil jeder Autor einen menschenrechtlichen Anspruch auf Tantiemen hat, vielmehr dazu genutzt, um politisch-korrekten Unsinn von sich zu geben, der dem Zeitgeist entsprechend bei manchen, die gerne ohne an sich zu arbeiten, ohne nachzudenken und ohne Aufwand gleichwelcher Art, gut sein wollen, auf fruchtbaren Boden fällt, der aber nichts anderes als politisch-korrekter und anbiedernder Unsinn ist, wie man einige Absätze weiter unten in der Pressemitteilung feststellen kann:

Overcrowded beach„Wer jedoch pauschal darauf pocht, dass die Grenzen der Aufnahmefähigkeit erreicht seien, betreibt einen Alarmismus, der Ängste erst schürt“, so Heimann-Steins. „Rechte politische Kräfte betrieben ein ‚perfides Spiel mit der Unsicherheit in Teilen der Bevölkerung‘.“

Was für eine armselige Sozialethik das, was Heimann-Steins uns hier verkaufen will, doch ist. Wer aufgrund der Begrenztheit von Ressourcen darüber diskutieren will, ob Grenzen der Aufnahmefähigkeit erreicht sind, betreibt Alarmismus und schürt Ängste, denn in der sozialethischen Parodie von Heimann-Steins schürt man Ängste mit Feststellungen.

Und dann erinnern wir uns an das „gemeinsame Menschsein“, von dem Heimann-Steins noch zu Beginn der Pressemitteilung der Ansicht war, es wiege schwerer als politische Grenzen. Das tut es offensichtlich nur, wenn die politischen Grenzen nicht zwischen links und rechts verlaufen, denn rechts steht der Feind, den die angebliche Sozialethikerin in ihrem armseligen Versuch, Sozialethik zu betreiben, ausgemacht hat. Entsprechend erstreckt sich das gemeinsame Menschsein weder auf die „rechten politischen Kräfte“ noch auf die Unsicheren „in Teilen der Bevölkerung“. Erstere sind zum Verstummen zu bringen und Letzteren ist die Unsicherheit z.B. durch staatliche Enteignung zu nehmen, denn wer sein Eigentum erst verloren hat, der muss weder Angst davor haben, es zu verlieren, noch unsicher in seine Zukunft schauen.

Nun schaut die Sozialethik auf eine lange Tradition zurück. Und jedes der philosophischen Werke, die Sozialethik zum Gegenstand haben, ist lesenswerter als das, was im Exzellenzcluster in Münster fabriziert worden ist. Sozialethik ist nämlich etwas anderes als die Äußerung einer unbegründeten Meinung, durch ein Mitglied in einem Ezellenzcluster für was auch immer. Letztlich will Sozialethik Anleitung zum richtigen Leben geben und wenn Heimann-Steins so betroffen vom Alarmismus und von den perfiden Rechten ist, warum spendet sie dann nicht ihr komplettes Gehalt, verkauft ihr Eigentum und spendet den Erlös der Flüchtlingshilfe, um zu demonstrieren, dass Jeder ein Menschenrecht auf Hilfe hat, koste es, was es wolle (oder wie man im Vereinigten Königreich sagt: Put your money were your mouth is!).

Spaemann ist übrigens der Ansicht, dass die Voraussetzung eines gelungen Lebens darin besteht, sein Handel, auch das verbale Handeln am Respekt für andere und der Bedeutung, die Handlungen und Aussagen für andere haben können, auszurichten, kurz: (verbales) Handeln soll sich durch Sorgsamkeit für die Empfindungen und Interessen anderer auszeichnen. Insofern Heimann-Steins meint, Rechte als perfide und ängstlich und in jedem Fall falsch ausgrenzen und denunzieren zu müssen, lässt sie jede Form von Sorgfalt für die Interessen und Bedürfnisse der entsprechenden Menschen, denen sie konsequenterweise auch ihr Menschsein absprechen muss, schon um ihnen kein Menschenrecht auf eigene Interessen zugestehen zu müssen, vermissen. Insofern liefert sie ein Armutszeugnis für einen angeblichen Sozialethiker.

Damit in dieser Zeit, in der angebliche Sozialethiker sich als eine Art Super-Human inszenieren, der über andere richten und bestimmen darf, ein wenig Realität einzieht, hier ein kurzer Abschnitt aus Thomas Hobbes‘ Leviathan:

Leviathan.hobbes„Und weil sich die Menschen, wie im vorhergehenden Kapitel dargelegt, im Zustand des Krieges eines jeden gegen jeden befinden, was bedeutet, dass jedermann von seiner eigenen Vernunft angeleitet wird, und weil es nichts gibt, das er nicht möglicherweise zum Schutze seines Lebens gegen seine Feinde verwenden könnte, so folgt daraus, dass in einem solchen Zustand jedermann ein Recht auf alles hat, selbst auf den Körper des anderen. Und deshalb kann niemand sicher sein, solange dieses Recht eines jeden auf alles besteht, die Zeit über zu leben, die die Natur dem Menschen gewöhnlich einräumt, wie stark und klug er auch sein mag. Folglich ist dies eine Vorschrift oder allgemeine Regel der Vernunft: „Jedermann hat sich um Frieden zu bemühen, solange dazu Hoffnung besteht. Kann er ihn nicht herstellen, darf er sich alle Hilfsmittel des Kriegs verschaffen und sie benützen“. Der erste Teil dieser Regel enthält das erste und grundlegende Gesetz der Natur: Suche Frieden und halte ihn ein. Der zweite Teil enthält den obersten Grundsatz des natürlichen Rechts: Wir sind befugt, uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen“.

Wer Rechte für Menschen begründen will, der muss dies in einer Form tun, die auf alle Menschen in gleicher Weise zutrifft. Das schließt die Gewährung von Rechten für Menschen durch Menschen aus und hat zur Konsequenz, dass es nur gleiche Individualrechte geben kann.

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Die Schule der Unaufrichtigkeit

Dr. habil. Heike Diefenbach liest derzeit Robert Spaemann, mit viel Spass und der Konsequenz, dass in der Redaktion von ScienceFiles oft über Spaemann und seine Philosophie gesprochen wird, denn: Seine Ideen sind bemerkenswert und seine Philosophie ist eine faszinierende, stringent argumentierte Philosophie.

Robert Spaemann ist ein deutscher Philosoph, der in den wissenschaftlichen Anstalten Deutschlands kaum rezipiert wird, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das seiner Philosophie und seiner Arbeit gerecht werden würde. Dagegen sind die Arbeiten von Spaemann ins Englische übersetzt und Spaemann gewinnt international die Anerkennung, die ihm in Deutschland bislang versagt bleibt.

Der Grund dafür, dass Spaemann’s Werk in Deutschland nur selten rezipiert oder bearbeitet wird, liegt wohl in der Geradlinigkeit seiner Argumentation und den Inhalten seiner Argumentation, die Gutmenschen und allen, die sich als gut inszenieren wollen, und davon gibt es in Deutschland wahrlich Legionen, nicht gefallen können.

Spaemann_moralische GrundbegriffeSo ist Spaemann der Ansicht, dass Handlungen, Einzelhandlungen, zwar in einem Kontext erfolgen, immer aber für sich stehen und als solche „diskrete Entitäten“ alleine die Möglichkeit eröffnen, ethische Urteile über die Handlungen anderer Menschen, über die Sittlichkeit von deren Handlung zu sprechen.

Dies kann Leuten nicht in den Kram passen, die Dritte z.B. dazu zwingen wollen, etwas zu tun, was diese Dritten nicht tun wollen und dies damit rechtfertigen, dass die Handlung das Beste für diese Dritten sei. Als Einzelhandlung betrachtet, stellt der Handlungszwang, dem Dritte unterworfen werden, eine unmoralische Handlung dar und führt dazu, wie Spaemann stringent argumentiert, dass das entsprechende ethische Urteil über den Zwingenden oder den Gutmenschen in unserer Diktion negativ ausfallen muss, mehr noch: die Behauptung eine schlechte Handlung sei im Rahmen eines größeren guten Kontextes notwendig, wird von Spaemann im Anschluss an Pascal als „Schule der Unaufrichtigkeit“ offengelegt.

Wir geben im Folgenden Teile seines Beitrags über Einzelhandlungen wider, in dem Spaemann diese Argumentation ausbreitet.

„Wir fragen uns nicht ganz allgemein ‚Wohin soll mein Leben gehen?‘, sondern: ‚Was soll ich jetzt tun?‘. Und diese Frage beantworten wir durch Benennung eines bestimmten Inhalts, der eine bestimmte Handlung zu dem macht, was sie ist, eines bestimmten ‚Objekts‘, wie es in der Sprache der Scholastik hieß. Dieser Inhalt der Handlung ist es, der sie zu einer solchen Handlung macht, und nur indem sie eine solche Handlung ist, ist sie überhaupt eine identifizierbare Handlung.
Nur über solche, durch Universalien bestimmte und identifizierbare Handlungen können wir uns miteinander verständigen. Und nur solche Handlungen können wir voreinander rechtfertigen. Rechtfertigung aber ist jedenfalls dort unverzichtbar, wo andere von den Folgen meines Handelns betroffen sind. Wäre nur das Ganze einer Lebenspraxis beurteilbar, und dies zudem nur unter dem Gesichtspunkt einer universellen Optimierungsstrategie, dann wäre ein die Praxis begleitender sittlicher Diskurs, dann wären auch sittliche Äußerungen wie Lob und Tadel gar nicht möglich. Wir könnten einander nicht in die Karten schauen, und auch jede Mitteilung über den Sinn unseres Handelns, ja jede Kommunikation stünde, statt unter dem Wahrheitsanspruch, unter dem Gebot der Weltoptimierung, also unter einer strategischen Absicht.
[…]
Die menschliche Lebenspraxis aber ist eine Form von Sprache. Handelnd geben wir einander etwas zu verstehen. Ja, handelnd lernen wir erst, uns selbst zu verstehen.
[…]
Im übrigen herrscht eine eigentümliche Asymmetrie zwischen Wahrheit und Falschheit. Für die Wahrheit komplexer Sätze gilt: Eine Konjunktion von Teilsätzen wird durch die Falschheit eines Teilsatzes als Ganze falsch, durch die Wahrheit eines Teilsatzes aber nicht wahr.
[…]
Eine ihrem Typus nach schlechte Einzelhandlung kann nicht durch einen übergreifenden Kontext gutgemacht werden, wohl aber die übergreifende, von einer guten Absicht geleitete Handlungssequenz durch eine schlechte Einzelhandlung schlecht. Mit – ihrem Typus nach – guten Einzelhandlungen verhält es sich umgekehrt: Sie werden durch den schlechten Charakter der Handlungssequenz – also durch deren schlechten ‚Zweck‘ – selbst korrumpiert, statt umgekehrt den sittlichen Charakter des Komplexes zu sanieren. Mit anderen Worten, der schlechte Zweck verdirbt das gute Mittel, aber der gute Zweck heiligt nicht das schlechte.
[…]
Es gibt Handlungen, deren moralische Verwerflichkeit deshalb ohne Ansehung des Kontextes von außen beurteilbar ist, ohne dass deshalb über die Gesinnung, also die moralische Qualität der handelnden Person, ein definitives Urteil gefällt werden muss. Über die Lobwürdigkeit einer Handlung kann – aufgrund des Handlungstypus – häufig ebenfalls von außen geurteilt werden, allerdings nur im Sinne eines prima facie Urteils, das durch die Aufdeckung eines korrumpierenden Kontextes revisionsbedürftig werden kann. Worauf es mir ankommt ist, zu zeigen, dass die Annahme von Einzelhandlungen als diskreten Entitäten die Bedingung eines die Lebenspraxis begleitenden ethischen Diskurses ist.
[…]
Fast jede Handlung steht in einer Anzahl verschiedener Kontexte. […] Jeder dieser Kontexte kann dazu dienen, die Handlung zu beschreiben. Komplexe Handlungen sind Handlungen, die wir beschreiben, indem wir sagen, dass jemand etwas tut, indem er etwas anderes tut oder unterlässt.
[…]
Spaemann personenWichtig ist hier, dass es sich nicht um eine zeitliche Folge von Ursachen und Wirkungen, von Mitteln und Zwecken handelt, sondern um eine Integration von Bedeutung. Das Gelingen des Lebens verhält sich zu den Handlungen, die diesem telos dienen, nicht wie der Zweck zu den Mitteln, sondern wie das Ganze zu den Teilen. Die Teile erfüllen eine Funktion für das Ganze, aber sie bilden zusammen selbst dieses Ganze. Die einzelne Handlung aber ist nur dadurch Teil des Ganzen eines gelungenen Lebens, dass sie selbst bereits ein Ganzes ist, indem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt die handelnde Person zur Erscheinung bringt. Der Mensch ist der, der dies – und das heißt, der ’so etwas‘ – tut.
Die Beschreibung der Handlung, also die Definition des ’so etwas‘ kann, wie wir sahen, verschieden sein, aber sie ist nicht beliebig. Ich kann, …, von jemandem sagen: ‚Er hat Peter eine Mitteilung gemacht‘ oder ‚er hat Hans beleidigt‘ oder ‚er hat sich gerächt‘. Aber diese Beschreibungen stehen in einem eindeutigen Verhältnis der Über- und Unterordnung zueinander. Er hat sich gerächt, indem er Hans beleidigte, und er hat Hans beleidigt, indem er gegenüber Peter bestimmte Äußerungen tat. Diese Reihenfolge ist nicht umkehrbar. Vor allem aber: die jeweils spätere Beschreibung hebt die jeweils frühere, grundlegendere nicht auf. Man kann mit Bezug auf sie nicht, wie es der amerikanische Moraltheologe McCormick tut, von einem ‚expanded object‘ sprechen, das es erlaubt, eine an sich unsittliche Handlung umzudefinieren und in eine sittliche zu verwandeln: so also zum Beispiel die Handlung der Tötung von zehn unschuldigen Menschen in die Handlung der Rettung von 100 anderen, die, wenn diese Tötung verweigert worden wäre, hätten sterben müssen. Diese konsequentialistische oder ‚proportionalistische‘ Sicht läßt nicht nur die identifizierbaren Einzelhandlungen in einem Bedeutungskontinuum untergehen, sie ist auch, worauf schon Pascal hinwies, eine Schule der Unaufrichtigkeit. Die Kunst, die sie lehrt ist: ‚diriger l’intention‘. Wem es am besten gelingt, dem, was er tun will, eine gute Absicht zu unterlegen und alles andere zu verdrängen, der hat einen Freibrief, zu tun, was er will. Die einzelne Handlung hat als solche gar keine Identität und daher auch keine sittliche Qualität.“

Aus: Spaemann, Robert (2000). Einzelhandlungen. Zeitschrift für philosophische Forschung 54(4): 514-531.