
Unter dem Titel: „Political Leaders‘ Socioeconomic Background and Fiscal Performance in Germany“ suchen die beiden Autoren nach der Antwort auf die Frage warum die Höhe der öffentlichen Schulden und die Höhe der öffentlichen Ausgaben zwischen den deutschen Bundesländern so unterschiedlich ist. Die Antwort auf diese Frage suchen Hayo und Neumeier auf einem anderen Erklärungsweg als dies Wissenschaftler vor ihnen getan haben. Vor Hayo und Neumeier wurden Unterschiede im Niveau öffentlicher Ausgaben und öffentlicher Kreditaufnahme zwischen Staaten entweder als (1) Opportunismus vor Wahlen (die so genannten Wahlgeschenke, um die Wiederwahlwahrscheinlichkeit zu erhöhen) , (2) als in irgendeiner Weise die Wohlfahrt förderndes, wohlmeinendes Ausgeben öffentlicher Mittel bzw. Machen öffentlicher Schulden oder (3) als Konsequenz der politischen Ausrichtung der jeweiligen Regierungspartei erklärt (Linke Parteien machen Schulden und blähen den öffentlichen Sektor auf, rechte Parteien sind sparsam und reduzieren öffentliche Ausgaben). Die benannten Erklärungswege haben alle ein gemeinsames Problem, denn sie führen nur halb zum Ziel, sie erklären zumeist einen Teil, aber nicht die gesamte beobachtete Varianz zwischen z.B. Bundesländern.
Wer in die politische Landschaft Deutschlands blickt, in Bund wie in Länder und die Ausgaben bzw. Politiken von Bund und Ländern miteinander vergleicht, kann dies auch unmittelbar nachvollziehen: Parteien unterscheiden sich, da sie alle Schulden machen, nicht voneinander, Regierungen versuchen unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung, kurz vor der Wahl durch finanzielle Wahlgeschenke die Wahrscheinlichkeit der Wiederwahl zu erhöhen, und die Ausgaben für Aufgaben, die der „Wohlfahrt“ zugeschrieben werden, sind bislang noch unter jeder Regierung gestiegen. Kurz: Eine andere Erklärung für das dennoch unterschiedliche Ausmaß von öffentlicher Kreditaufnahme, Verschuldung und Höhe öffentlicher Ausgaben ist notwendig.
Hayo und Neumeier prüfen diese Hypothese auf der Grundlage von Daten, die sie für alle deutschen Ministerpräsidenten (abzüglich der Ministerpräsidenten der Stadtstaaten) und den Zeitraum von 1985 bis 2009 zusammentragen, d.h. u.a. die soziale Herkunft der jeweiligen Ministerpräsidenten, deren formaler Bildungsgrad, ihr beruflicher Werdegang usw. Und siehe da, die Hypothese wird bestätigt: Je höher der soziale Status der Herkunftsfamilie eines Ministerpräsidenten um so geringere öffentliche Schulden werden in seiner Amtszeit angehäuft und um so weniger öffentliche Mittel werden in seiner Amtszeit verteilt. Wichtiger noch als die soziale Herkunft ist der soziale Aufstieg: Je höher ein Ministerpräsident die Leiter des sozialen Aufstiegs erklommen hat und je weiter er sich dabei von seiner Herkunftsfamilie entfernt hat, desto weniger Schulden und desto weniger Ausgaben werden in seiner Amtszeit gemacht. Dieses Ergebnis klingt vertraut – die Schuldenbuckel kommen aus der Unterschicht, aus Schichten mit geringem sozialen Status, daher eben, wo man den Konsum nicht aufschieben kann, da wo man nicht an die Folgen denkt, wenn man Kredite nicht nur aufnimmt, sondern auch das geliehene Geld schnell wieder verteilt. Aber ist das wirklich das Ergebnis der Analysen von Hayo und Neumeier?
Ministerpräsidenten sind eine selegierte Population. Es ist kaum zu erwarten, dass Ministerpräsidenten einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung darstellen. Daher ist zu erwarten, dass das Ergebnis von Hayo und Neumeier ein selektives Ergebnis ist, das noch einer Einordnung in den notwendigen Rahmen harrt. Deshalb habe ich mir auf der Grundlage von Munzingers Online Biographie die Mühe gemacht, Bildungsabschluss, beruflichen Werdegang und soziale Lage des Elternhauses aktueller Ministerpräsidenten zu rekonstruieren. Das Ergebnis ist in vielerlei Hinsicht interessant: 7 der 16 derzeitigen Ministerpräsidenten sind Juristen, 14 haben ein abgeschlossenes Hochschulstudium hinter sich und nur zwei, nämlich Kurt Beck (Realschulabschluss) und Horst Seehofer (Mittlere Reife) sind keine Akademiker. 8 der 16 Ministerpräsidenten waren beruflich als im weitesten Sinne Verwaltungsangestellte tätig, zwei waren Lehrer, ein Anwalt, ein Pastor, ein Unternehmensberater und ein Konstrukteur (einer unbekannt) vervollständigen die Phalanx. Der Sample der Ministerpräsidenten ist demnach alles andere als repräsentativ. Er ist höchst selektiv.
Bourdieu, Pierre, & Passeron, Jean-Claude (2000 [1977]). Reproduction in Education, Society and Culture (2nd). London: Sage.
Hayo, Bernd & Neumeier, Florian (2011). Political Leaders‘ Socioeconomic Background and Fiscal Performance in Germany.
Bildernachweis:
Bund der Steuerzahler
Trading Economics
