
Hintergrund
Gemeinschafts-Sucht findet sich in zunehmendem Maße unter jungen und mittelalten Personen, deren Sozialisation beginnend mit den 1980er Jahren und unter dem Einfluss der herrschenden pädagogischen Ansätze von Kommunitarismus und Konstruktivismus erfolgt ist. Der Kommunitarismus geht bekanntlich davon aus, dass ein Individuum nur im Rahmen einer Gemeinschaft seine Fähigkeiten entfalten kann. Menschen, so kommunitaristische Autoren wie Amitai Etzioni oder Alasdair MacIntyre, seien soziale Wesen, die nur im Bezug auf andere Menschen und mit anderen Menschen Glück und Zufriedenheit finden und erleben könnten. Der Kommunitarismus richtet sich damit gegen die Vereinzelung und Atomisierung von Individuen, wie sie aus der Sicht von Kommunitaristen von individualistischen liberalen Theorien hervorgebracht wird.
Wirkung
Negative Auswirkungen und Erscheinungsbild der Störung
Eine Reihe von Forschungsergebnissen aus den USA zeigt, dass Kommunitarismus, die unbedingte Ausrichtung des Individuums auf die Gemeinschaft, auf seine soziale Funktion in der Gemeinschaft, sich negativ auf die Individualität von Personen auswirken kann und dass die negativen Effekte bis hin zur Sucht reichen können, bei der die davon betroffenen Individuen ihr gesamtes Dasein in den Dienst der Gemeinschaft stellen und ihrem eigenen Leben keinerlei Sinn mehr zu geben vermögen, jenseits des Daseinszwecks, den sie in der Gemeinschaft anderer erleben. Wie der Psychiater Ervin G. Hausman bei einer Reihe seiner Patienten festgestellt hat, sind die Folgen von Gemeinschafts-Sucht erheblich und gehen bis zur Selbstverleugnung und Selbstschädigung. So klagten die Patienten von Hausman regelmäßig über Schlaflosigkeit und Alpträume und zeigten generell eine phobische Angst vor dem Alleinsein. Die Angstzustände, die manche an Gemeinschafts-Sucht leidenden Patienten erlebten sowie die Schlaflosigkeit hatten zur Folge, dass die akademischen und beruflichen Leistungen der Patienten schlechter wurden. Im Extremfall hatte die Gemeinschafts-Sucht Arbeitslosigkeit und in einem Fall den kompletten Zusammenbruch und die Institutionalisierung des Patienten zur Folge. For diesem Hintergrund hat sich Dr. Hausman mit einer ersten Liste von Symptomen, die einer Anamnese zu Grunde gelegt werden können, an die American Psychiatric Association gewendet und die Prüfung der Aufnahme von „Gemeinschafts-Sucht“ in die überarbeitete Version der DSM-IV beantragt.
Anamnese
Das Krankheitsbild der „Gemeinschafts-Sucht“ untergliedert sich in fünf Bereiche:
- Ein Kontrollverlust, der sich darin niederschlägt, dass Patienten sich nicht selbst beschäftigen können und einen Lebenssinn nurmehr mit Bezug auf die Gemeinschaft generieren können;
- Entzugserscheinungen, die den Patienen nervös, gereizt und unfähig machen, außerhalb einer Gemeinschaft zu funktionieren;
- Eine Toleranzenwticklung, die immer höhere „Dosen von Gemeinschaft“ notwendig macht, um Erfüllung zu finden und alleinige Beschäftigung immer unerträglicher werden lässt;
- Negative Konsequenzen auf die Arbeit/Leistung des Patienten;
- Negative soziale Konsequenzen;
Wir haben bei ScienceFiles in den letzten Tagen intensiv daran gearbeitet, das englische Original der standardisierten Erfragung von „community addiction“ in eine deutsche Form zu übertragen und haben eine Online-Befragung entwickelt, die zum ersten Mal für Deutschland die Verbreitung von Gemeinschaftssucht untersuchen soll. Die Ergebnisse der Untersuchung werden wir in einem wissenschaftlichen Beitrag zusammenfassen, den wir im American Journal of Psychiatry veröffentlichen wollen. Die Leser von ScienceFiles werden nach Abschluss der Online-Befragung und nach Erstellung des Beitrags einen Exklusiv-Beitrag auf ScienceFiles zu lesen bekommen.
Damit die erste Studie, in der für Deutschland die Existenz und Verbreitung von Gemeinschafts-Sucht nachgewiesen und untersucht werden soll, ein Erfolg wird, bitten wir die Leser von Sciencefiles sich an unserer Online-Befragung zu beteiligen. Die Online-Befragung findet sich unter dem folgenden Link:
Hier geht es zur ersten deutschen Befragung
zum Thema „Gemeinschafts-Sucht“.
Wir danken schon jetzt für Ihre Teilnahme!
©ScienceFiles, 2013/2012
Literatur
Hausman, Ervin G. (2008). Can’t Live Without Them: Community Addiction is a New Mental Disorder. New York: NYU School of Medicine.
