Im Jahr 1992 hat John Kenneth Galbraith einen Beitrag in den Proceedings of the American Philosophical Society veröffentlicht, der bis heute eine gewisse Berühmtheit hat. Und mit diesem Beitrag hat eine „neue“ Unterschicht Einzug in zumindest die wissenschaftliche Diskussion angelsächsicher Länder gehalten: Die funktionale Unterschicht (Galbraith selbst spricht von „underclass“).
Entgegen dem Zeitgeist, der heute herrscht, entwirft Galbraith das Bild der funktionalen Unterschicht, derjenigen, die aus Sicht der Mittelschicht unten sind und in Armut leben. Diese Unterschicht, so Galbrait, ist funktional. Sie wird gebraucht, sie wird gebraucht, um alle die Arbeiten auszuführen, die notwendig sind, an denen sich Mitglieder aus der Mittelschicht aber die Hände nicht schmutzig machen wollen:
„… the poor in our economy are needed to do the work that the more fortunate do not do and would find manifestly distasteful, even distressing“ (412)
Galbraith als der Ökonom, der er nun einmal ist, sieht die Zwecke vornehmlich darin, die besagten Arbeiten zu tun und leitet daraus den Schluss ab, dass bei allem guten Willen gegenüber der Unterschicht, ein sozialer Aufstieg ihrer Mitglieder nicht im Interesse der höheren Schichten ist, denn: Irgendwer muss die Drecksarbeit ja machen.
Seit Galbraith’s Beitrag sind nicht nur mehr als 20 Jahre ins Land gegangen, es muss auch festgestellt werden, dass der materielle Nutzen, den die Unterschicht für Mittel- und Oberschicht hat und wie ihn Galbraith beschreibt, nur eine Seite der Medaille ist und diese Seite nicht vollständig duch Galbraith beschrieben wird. Die andere Seite beschreibt einen immateriellen Nutzen, der aus dem Vorhandensein einer unteren Schicht gezogen werden kann.
Die immateriellen Nutzen, die sich mit der Unterschicht verbinden, sind eng mit den materiellen Nutzen verquickt, legitimieren Letztere wenn man so will. Ein immaterieller Nutzen besteht schlicht darin, auf die Unterschicht scheinbar hinunter blicken zu können, sie als inferior zu beschreiben und sich selbst dabei zu erhöhen, als Eigenheimbesitzer (obwohl das Eigenheim der Bank gehört), als jemand, der es nicht nötig hat, körperlich zu arbeiten uvm. Der eigene Status in der sozialen Hierarchie wird durch die Existenz einer Unterschicht, zu der man nicht gehört, verbessert, egal wie prekär der eigene Status auch ist.
Die Existenz einer Unterschicht ist somit für die Psyche und den Unterhalt der Mittelschicht notwendig, und sie ist notwendig, damit Arbeiten getan werden, die gesellschaftlich zwar notwendig sind, die zu tun aber MItglieder der Mittel- und Oberschicht als unter ihrer Würde ansehen. Trotz allem sozialem Gleichheitsgemurmel will also niemand, der sich in der sozialen Hierarchie oben wähnt, dass diejenigen, die er unter sich sieht, vertikal mobil sind. Deshalb greifen bereits in Schulen Mechanismen, die die soziale Ungleichheit zementieren, deshalb kümmern sich soziale Strukturzementierer um die Menschen aus der Unterschicht, damit diese nicht denken, sie seien in der Lage, etwas aus eigener Kraft zu tun und, die Götter mögen es verhindern, sozial aufzusteigen.
Eine wichtige Rolle dabei, die soziale Struktur der Ungleichheit zu zementieren, die Unterschicht zu bewahren und weiterhin als Einkommensquelle für soziale Dienstleistungen zu benutzen, spielen offizielle Statistiken, die regelmäßig zeigen, dass es eine Unterschicht gibt. Dabei darf die Unterschicht nicht zu groß sein und nicht zu klein. Groß genug muss sie sein, um all den sozialen Dienstleistern an der Unterschicht ein Auskommen zu verschaffen, klein genug muss sie sein, um nicht den unteren Rand der Mittelschicht mit der Unterschicht zu verwischen.
Das ist eine Aufgabe, die dafür geschaffen ist, statistisch gelöst zu werden, und zwar so:
Wie aber kommt man zu 13 Millionen oder einem Sechstel der Bevölkerung? Nun, wir haben immer noch die unteren 50% des Medianeinkommens zur freien Verfügung. Von einem Fünftel in Armut lebender Deutscher wissen wir, dass es 75% des Medianeinkommens erfordert, um zu diesem Anteil zu gelangen, wenn man dagegen an „nur“ 16% interessiert ist, dann berechnen wir dies der Einfachheit halber mit einem einfachen Dreisatz. Das getan kommen wir bei 60% des Median- oder Nettoäquivalenzeinkommens an. Um also sicherzustellen, dass rund ein Sechstel der Deutschen permanent in Armut lebt, definieren wir Armut als dann erreicht, wenn 60% des Nettoäquivalenzeinkommens, also des Einkommens erreicht sind, von dem aus gesehen, 50% der Bevölkerung unterhalb und 50% der Bevölkerung oberhalb liegen.
Aber halt: Armut in einem reichen Land wie Deutschland? Ideologisch lässt sich daraus zwar etwas machen, aber 16% der Bevölkerung, die in Armut leben, das würde Deutschland zu einem Entwicklungsland machen und nicht nur dem Ansehen Deutschlands, sondern auch dem Status der Mittelschicht schaden. Nun, wie wäre es damit, wenn wir sagen, die 16% seien von Armut gefährdet? Klingt schon viel besser: Jeder von uns ist irgendwie immer von irgendetwas gefährdert, mit Gefährdungen kann man gut umgehen und, nichtzuletzt benötigt man Sozialdienstleister, um mit Gefährdungen umgehen zu können, auf dass sie niemals real werden.
Galbraith, John Kenneth (1992). The Functional Underclass. Proceedings of the American Philosophical Society 136(3): 411-415.
