Gesellschaften sind Gebilde, in denen Akteure Tag für Tag aufs Neue miteinander kooperieren. Entsprechen hat die Frage, wie Kooperation entsteht und warum Menschen kooperieren, Philosophen und Sozialwissenschaftler seit Jahrhunderten interessiert.
Die katholische Soziallehre lehnt sich an Aristoteles an und sieht den Menschen als soziales Wesen, das die Gesellschaft anderer sucht und von Natur aus gut ist. Entsprechend ergeben sich Kooperationsprobleme nur durch den Einfluss des Bösen also dann, wenn ein an sich guter Mensch durch Einfluss böser Mächte eben nicht gut ist.
Eine brandneue Untersuchung zweier US-amerikanischer Philosophen bringt nun eine ganz neue Variable ins Spiel, um die Evolution und die treibende Kraft hinter der Kooperation von Menschen in Gesellschaften zu erklären: Gehässigkeit. Damit, so kann man jetzt schon vorhersagen, werden Patrick Forber und Rory Smead eine intensive Diskussion auslösen, schon weil ihre Ergebnisse nicht in Bausch und Bogen vom Tisch gewischt werden können; Schon weil jeder von uns die alltägliche Gehässigkeit seiner Mitmenschen kennt und damit zuweilen auch kalkuliert.
So haben wir im Blog einen Besucher, der nur auftaucht, um Beiträge schlecht zu bewerten. Es ist dies eine Handlung, die alle Insignien der Gehässigkeit, die Forber und Smead genannt haben, beinhaltet: Sie ist sinnlos, nur darauf bedacht, Dritten zu schaden und hat für denjenigen, der sie ausführt, außer einem psychologischen keinerlei Nutzen. Aber Forber und Smead gehen noch weiter: Sie definieren gehässiges Handeln auch als ein Handel, das dem gehässig Handelnden selbst einen Schaden zufügt. Auch solcherart Zeitgenossen kennt jeder von uns: Zeitgenossen, die etwas zerstören, weil sie es nicht haben können und ausschließen wollen, dass es anderen zu Gute kommt …
Die Kontinuität im Spiel hat es Forber und Smead erlaubt, zunächst vier Arten von Spielern zu identifizieren: rationale Spieler, faire Spieler, Easy Rider und gehässige Spieler. Rationale Spieler sind bemüht, die Wahrscheinlichkeit, dem selben Gegenüber wieder zu begegnen, in ihren Vorschlag einzubauen, faire Spieler schlagen immer die hälftige Geldsumme vor und erwarten einen solchen Vorschlag, Easy Rider sehen alles nicht so eng und akzeptieren auch einmal eine geringere Summe, gehässige Spieler dagegen, lehnen selbst faire Summen ab, wenn sie „meinen“, dass ihnen in der Vergangenheit Unrecht getan, sie Opfer eines unfairen Vorschlags geworden sind.
Die Simulation, die Forber und Smead auf Basis ihrer Daten gerechnet haben, zeigt nun, dass sich rationale und faire Spieler nicht durchsetzen können. Faire Spieler werden ausgenutzt, rationale Spieler von gehässigen Spielern beseitigt. Beide, rationale wie faire Spieler sterben aus. Es bleiben, gehässige Spieler und Easy Rider, wobei Forber und Smead das Überleben Letzterer als Anpassungsleistung interpretieren, und zwar als Anpassungsleistung an die gehässigen Spieler, von denen bekannt ist, dass sie selbst vernünftige Vorschläge ausschlagen und damit beide Spieler schädigen, wenn ihnen danach ist.
Die Anpassung der Easy Rider erfolgt entsprechend aus Angst vor den gehässigen Spielern und nicht aus Altruismus oder Menschenfreundlichkeit. Die Angst, wieder auf einen gehässigen Spieler zu treffen, der eine Kooperation zerstört, einfach um seinem Gefühl, unfair behandelt worden zu sein, Luft zu verschaffen, treibt also die Kooperation in der Gesellschaft.
Ein spannendes und weitreichendes Ergebnis, denn ein faires Verhalten zwischen Mitgliedern einer Gesellschaft hängt in diesem Fall davon ab, dass die Angst, Opfer von Gehässigkeit in Kooperationen zu werden, allgegenwärtig und aufgrund des Vorhandenseins gehässiger Spieler auch relevant ist.
Ein weiteres lässt sich an diesem Beispiel zeigen, denn die Angst vor denjenigen, die laut schreien, beleidigen oder gesellschaftlich ächten, schafft eine große Zahl von Schweigern, die die Schreihälse unwidersprochen gewähren lassen.
Da Rationalität etwas ist, das nach Meinung der meisten Philosophen, z.B. nach Meinung von Kant, Menschen erst zu Menschen macht, ist darüber hinaus zu erwarten, dass rationale Spieler nachkommen, die Auseinandersetzung zwischen rationalen und gehässigen Spielern also zu einer Mehrheitsfrage wird, bei der wiederum die Easy Rider, die schweigenden Akzeptierer eine ausschlaggebende Rolle spielen, denn so lange sie schweigen und das Treiben gehässiger Spieler ermöglichen, ja mit diesen kooperieren, so lange ist die Gehässigkeit eine erfolgreiche Strategie.
Forber, Patrick & Smead, Rory (2014). The Evolution of Fairness Through Spite. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 281(1780).
