Hält Gehässigkeit Gesellschaften zusammen?

Gesellschaften sind Gebilde, in denen Akteure Tag für Tag aufs Neue miteinander kooperieren. Entsprechen hat die Frage, wie Kooperation entsteht und warum Menschen kooperieren, Philosophen und Sozialwissenschaftler seit Jahrhunderten interessiert.

LeviathanDie wohl am weitesten auseinandergehenden Antworten haben Thomas Hobbes und die katholische Soziallehre gegeben. Für Hobbes ist Kooperation das Ergebnis rationaler Überlegung, die jeden mit normalem Verstand begabten Menschen zu der Einsicht kommen lässt, dass er durch Kooperation mit anderen besser fährt, jedenfalls dann, wenn sichergestellt ist, dass sein Kooperationspartner sich auch fair verhält. Entsprechend benötigt Hobbes den Leviathan als Drohung, der Fairness in Kooperationen garantiert und gegebenenfalls auch durchsetzt, denn Hobbes vertritt einen Naturpositivismus: Menschen von Natur aus weder gut noch böse, sondern auf ihren Vorteil bedacht.

Die katholische Soziallehre lehnt sich an Aristoteles an und sieht den Menschen als soziales Wesen, das die Gesellschaft anderer sucht und von Natur aus gut ist. Entsprechend ergeben sich Kooperationsprobleme nur durch den Einfluss des Bösen also dann, wenn ein an sich guter Mensch durch Einfluss böser Mächte eben nicht gut ist.

Eine brandneue Untersuchung zweier US-amerikanischer Philosophen bringt nun eine ganz neue Variable ins Spiel, um die Evolution und die treibende Kraft hinter der Kooperation von Menschen in Gesellschaften zu erklären: Gehässigkeit. Damit, so kann man jetzt schon vorhersagen, werden Patrick Forber und Rory Smead eine intensive Diskussion auslösen, schon weil ihre Ergebnisse nicht in Bausch und Bogen vom Tisch gewischt werden können; Schon weil jeder von uns die alltägliche Gehässigkeit seiner Mitmenschen kennt und damit zuweilen auch kalkuliert.

So haben wir im Blog einen Besucher, der nur auftaucht, um Beiträge schlecht zu bewerten. Es ist dies eine Handlung, die alle Insignien der Gehässigkeit, die Forber und Smead genannt haben, beinhaltet: Sie ist sinnlos, nur darauf bedacht, Dritten zu schaden und hat für denjenigen, der sie ausführt, außer einem psychologischen keinerlei Nutzen. Aber Forber und Smead gehen noch weiter: Sie definieren gehässiges Handeln auch als ein Handel, das dem gehässig Handelnden selbst einen Schaden zufügt. Auch solcherart Zeitgenossen kennt jeder von uns: Zeitgenossen, die etwas zerstören, weil sie es nicht haben können und ausschließen wollen, dass es anderen zu Gute kommt …

MissgunstBis hierhin hat die Untersuchung von Forber und Smead also tiefe Wurzeln im Alltagsverstand. Kern der Untersuchung der beiden Philosophen ist ein so genanntes Ultimate Game, das Spieltheoretiker gerne spielen lassen. Dabei interagieren zwei Spieler miteinander. Ziel ist es, eine Geldsumme zu teilen, wobei ein Spieler einen Vorschlag zum Teilen macht, den der andere ablehnen oder annehmen kann. Nimmt der Spieler den Vorschlag an, wird das Geld entsprechend geteilt, lehnt er ab, erhalten beide Spieler nichts. Ein dynamisches Ultimate Game besteht aus einer Abfolge dieser Spielsequenz, so dass Spieler vergangene Erfahrungen in neue Spielsituationen übertragen können. Ziel des Spiels ist es, so viel Geld wie möglich zu sammeln, die Spielerpaare, die sich gegenübersitzen, werden von Sequenz zu Sequenz neu bestimmt.

Die Kontinuität im Spiel hat es Forber und Smead erlaubt, zunächst vier Arten von Spielern zu identifizieren: rationale Spieler, faire Spieler, Easy Rider und gehässige Spieler. Rationale Spieler sind bemüht, die Wahrscheinlichkeit, dem selben Gegenüber wieder zu begegnen, in ihren Vorschlag einzubauen, faire Spieler schlagen immer die hälftige Geldsumme vor und erwarten einen solchen Vorschlag, Easy Rider sehen alles nicht so eng und akzeptieren auch einmal eine geringere Summe, gehässige Spieler dagegen, lehnen selbst faire Summen ab, wenn sie “meinen”, dass ihnen in der Vergangenheit Unrecht getan, sie Opfer eines unfairen Vorschlags geworden sind.

Die Simulation, die Forber und Smead auf Basis ihrer Daten gerechnet haben, zeigt nun, dass sich rationale und faire Spieler nicht durchsetzen können. Faire Spieler werden ausgenutzt, rationale Spieler von gehässigen Spielern beseitigt. Beide, rationale wie faire Spieler sterben aus. Es bleiben, gehässige Spieler und Easy Rider, wobei Forber und Smead das Überleben Letzterer als Anpassungsleistung interpretieren, und zwar als Anpassungsleistung an die gehässigen Spieler, von denen bekannt ist, dass sie selbst vernünftige Vorschläge ausschlagen und damit beide Spieler schädigen, wenn ihnen danach ist.

Die Anpassung der Easy Rider erfolgt entsprechend aus Angst vor den gehässigen Spielern und nicht aus Altruismus oder Menschenfreundlichkeit. Die Angst, wieder auf einen gehässigen Spieler zu treffen, der eine Kooperation zerstört, einfach um seinem Gefühl, unfair behandelt worden zu sein, Luft zu verschaffen, treibt also die Kooperation in der Gesellschaft.

Ein spannendes und weitreichendes Ergebnis, denn ein faires Verhalten zwischen Mitgliedern einer Gesellschaft hängt in diesem Fall davon ab, dass die Angst, Opfer von Gehässigkeit in Kooperationen zu werden, allgegenwärtig und aufgrund des Vorhandenseins gehässiger Spieler auch relevant ist.

blinde zerstoerungswutEin Indiz dafür, dass die beiden Philosophen mit ihren Ergebnissen nicht allzu weit daneben liegen, kann man aus der Art und Weise ableiten, wie Anhänger bestimmter Glaubensrichtungen, Rechte, Linke oder Feministen auf Menschen reagieren, die anderer Meinung sind (die Betonung liegt auf anderer Meinung). Wo man als normaler Mensch nun einen Austausch der Meinungen (eine Kooperation) erwarten würde, findet ein Abschotten statt. Die Träger anderer Meinung werden zu Feinden stilisiert und müssen zum Teil wüste Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Dabei nehmen diejenigen, die die Beschimpfungen aussprechen oder im besten Fall die Diskussion mit Andersmeinenden vermeinden, in Kauf, dass sie Beobachtern wie Kinder erscheinen, die für ein gesellschaftliches Zusammenleben nicht bereit sind oder wie Flegel, die eine große Klappe, aber kein Wissen haben, um die vollmundigen Behauptungen zu unterfüttern. Sie schaden sich also selbst, ganz so, wie Forber und Smead dies dargelegt haben.

Ein weiteres lässt sich an diesem Beispiel zeigen, denn die Angst vor denjenigen, die laut schreien, beleidigen oder gesellschaftlich ächten, schafft eine große Zahl von Schweigern, die die Schreihälse unwidersprochen gewähren lassen.

evolution-cooperation-robert-axelrodNur eines scheint die Simulation falsch darzustellen: Robert Axelrod hat in seinen Arbeiten regelmäßig gezeigt, dass rationale Spieler, die eine Strategie des Tit-for-Tat verfolgen, die also dann, wenn sie einmal ein Opfer eines gehässigen Spielers geworden sind, eine Kooperation mit diesem Spieler ablehnen, evolutionär erfolgreich sind. Entsprechend wäre die Simulation von Forber und Smead um die Möglichkeit einer Kooperationsverweigerung zu ergänzen.

Da Rationalität etwas ist, das nach Meinung der meisten Philosophen, z.B. nach Meinung von Kant, Menschen erst zu Menschen macht, ist darüber hinaus zu erwarten, dass rationale Spieler nachkommen, die Auseinandersetzung zwischen rationalen und gehässigen Spielern also zu einer Mehrheitsfrage wird, bei der wiederum die Easy Rider, die schweigenden Akzeptierer eine ausschlaggebende Rolle spielen, denn so lange sie schweigen und das Treiben gehässiger Spieler ermöglichen, ja mit diesen kooperieren, so lange ist die Gehässigkeit eine erfolgreiche Strategie.

 Forber, Patrick & Smead, Rory (2014). The Evolution of Fairness Through Spite. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 281(1780).

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