Ungleiche Einkommensverteilung befördert Kooperation

reichtum fuer alleGleichheit ist ein Fetisch, der in den verschiedensten Kontexten gewedelt wird. Die Gleichheit der Geschlechter, die als Köder ausgelegt wird, um die Anbeißenden dann mit Ergebnisgleichheit zu überraschen, ist ein Beispiel; die Gleichheit in Einkommen, der Reichtum für alle, den linke Ideologen immer für die jeweilige Gesellschaft gefordert haben, von dem sie sich selbst aber regelmäßig, ob in Babelsberg oder in Moskau und Pjöngjang ausgenommen haben, ein anderes. Im Anschluss an das gestrige Post könnte man sagen, dass Gleichheit das Opium ist, mit dem die besitzlose Klasse oder, heute vermutlich richtiger, die weniger besitzende Klasse so lange benebelt wird, bis sie dem Neidmotiv, das den Gleichheitsfetisch immer begleitet, zum Opfer fällt und nach Reichtum für alle ruft, was regelmäßig mit der Forderung höherer Abgaben und Steuern für alle “Reichen” und größerer Kontrolle und damit geringerer Freiheit für alle einhergeht (In der Umsetzung entpuppen sich die Reichen, dann regelmäßig als Durchschnittsverdiener…).

Eine österreichische Studie, durchgeführt von Ádàm Kun und Ulf Dieckmann, beide am International Institute for Applied Systems Analysis beschäftigt, hat den Fetisch der Gleichheit mit wissenschaftlichen Ergebnissen ramponiert, wissenschaftliche Ergebnisse, die zeigen, dass Kooperation in lokalen Gruppen dann wahrscheinlicher ist, wenn Einkommen unter den Gruppenmitgliedern ungleich verteilt ist. Dagegen führt in lokalen Gruppen eine Gleichheit der Verteilung von Einkommen dazu, dass Defektion an die Stelle der Kooperation tritt.

“Resource heterogeneity [ungleiche Einkommensverteilung] allows cooperation to persist even when the temptation to defect is so high that full defection is observed in the homogeneous case [gleiche Einkommensverteilung]. This key finding of our study is broadly related to an earlier research, demonstrating that asymmetries among players can facilitate the spread of cooperation. … Interpreting our results in a wider context, it is tempting to ask whether they might contribute an explanatory facet to the scientific understanding of more or less egalitarian social norms. Our results suggest that the level of cooperation can be managed by changing the distribution of wealth” (7) [Hervorhebung durch mich].

Warum steht am Ende von wirklich guten Forschungsarbeiten in vielen Fällen die Ableitung von Konsequenzen, die einem das Gruseln lehren? Warum gefallen sich viele Wissenschaftler heute in einer Rolle des Sozialklempners, dessen Aufgabe darin besteht, die richtigen Bedingungen und Überzeugungen bei Mitmenschen herzustellen, damit das herauskommt, was der jeweilige Sozialklempner gerade für gut befindet, seine Form der Kooperation in diesem Fall?

Die Evolution der KooperationDoch zunächst zum Ergebnis. Das Ergebnis basiert auf einer Computersimulation, in der ein so genanntes Public Good Game gespielt wird, bei dem es darum geht, vorhandene Ressourcen in Güter zu investieren, die allen zu Gute kommen (Kooperation) oder die entsprechenden Ressourcen für sich zu behalten (Defektion). Public Good Games sind so etwas wie der Nukleus, auf dessen Grundlage Wissenschaftler seit Jahrzehnten versuchen, die Bedingungen, unter denen Kooperation zwischen Akteuren zu Stande kommt bzw. nicht zu Stande kommt, auszuloten. Die Grundlagen für diese Forschung wurden bereits vor Jahrzehnten gelegt, z.B. durch Robert Axelrods Forschung zur Kooperation oder durch Mancur Olsons Untersuchung über die Logik des kollektiven Handelns.

Während Mancur Olson u.a. gezeigt hat, dass die Herstellung öffentlicher Güter als eine Form von Kooperation freiwillig erfolgt, wenn selektive Anreize vorhanden sind, die es für manche Akteure interessant machen, ein öffentliches Gut, von dem alle einen Nutzen haben, bereit zu stellen, hat Robert Axelrod gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit in einer Kooperation nicht ausgenutzt zu werden und somit die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Kooperation zwischen Akteuren kommt, dann am höchsten ist, wenn Folgendes gilt:

„Soll sich Kooperation als stabil erweisen, dann muss der Schatten der Zukunft hinreichend groß sein. Das bedeutet, dass das Gewicht der nächsten Begegnung zweier Individuen groß genug sein muss, um Defektion für den Fall zu einer unprofitablen Strategie zu machen, dass der andere Spieler provozierbar ist. … Es muss also ein bestimmtes Maß an Gruppierungen von Individuen geben, die Strategien mit zwei Eigenschaften verwenden: die Strategien werden zuerst kooperieren, und sie werden diskriminieren zwischen denjenigen, die auf Kooperation reagieren und denen, die es nicht tun” (Axelrod, 1995, S.157-158)

Kombiniert man die Ergebnisse von Olson und Axelrod dann zeigen sich Kooperationen dann als wahrscheinlich und stabil, wenn Ressourcen ungleich verteilt sind (die Konsequenz aus den selektiven Anreizen bei Olson, denn wenn Ressourcen gleich verteilt sind, gibt es keine selektiven Anreize) und ein “Goodwill”, eine grundsätzliche Bereitschaft zur Kooperation besteht. Beides wird man in einer ungleichen Gesellschaft finden, in der die verschiedenen Mitglieder ihre jeweilige Situation dadurch verbessern können, dass sie miteinander kooperieren. Beides wird man in einer gleichen Gesellschaft nicht finden, denn eine Verbesserung der eigenen Situation durch Kooperation ist ausgeschlossen, da Kooperationspartner nichts zu bieten haben, was man selbst nicht bereits hätte.

Olson Logik kollektiven HandelnsEntsprechend sind gleiche Gesellschaften nicht die Utopie, zu der linke Ideologen sie so gerne stilisieren. In Wirklichkeit sind gleiche Gesellschaften eine Dystopie. Sie sind Gesellschaften, in denen die Akteure atomisiert und für sich den Kampf führen, den Hobbes bereits beschrieben hat: homo homini lupus. Da mit Kooperation nichts zu erreichen ist, muss auf Defektion zurückgegriffen werden, um sich vermeintlich besser zu stellen. Erste Ansätze davon zeigen sich z.B. wenn in Deutschland eine Jagd auf Steuerverweigerer stattfindet oder gefordert wird, Reiche besonders stark zu besteuern. In beiden Fällen treibt der Neid die Zustimmung, denn niemand hat direkt einen Nutzen, wenn Reiche höher besteuert werden bzw. wenn Steuerverweigerer Steuern nachzahlen müssen. Von den Geldern, die “der Staat” einnimmt, kommt nichts bei denjenigen an, die am lautesten danach schreien, “Reiche” zur Kasse zu bitten.

Es geht demnach darum, zu defektieren und anderen zu schaden, denn Kooperation würde Bürger sich gegen ihren Staat verbünden und z.B. fragen sehen, was mit all den Steuergeldern geschieht und ob es nicht zunächst das Beste wäre, die Finanzierung von politischen Stiftungen und weitere Formen der Selbstbedienung durch politische Parteien zu beenden, bevor man Bürger weiter zur Kasse bittet. Dass eine deratige Kooperation nicht zu Stande kommt, ist Ergebnis einer Gleichheitskultur, die – wenn man so will – ein intellektuelles Dasein führt und Basis einer Kultur der Nichtkooperation zwischen Bürgern ist.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als bedauerlich, wenn Kun und Dieckmann ihr Ergebnis dadurch entwerten, dass sie danach rufen, das richtige Ungleichheitslevel quasi am Ungleichheitsregler einzustellen, um ein gesellschaftliches Optimum an Kooperation herbeizuführen. Es ist nicht nur bedauerlich, es ist absurd und überschreitet die Grenze zum Unsinn, und es stellt ein weiteres wichtiges Ergebnis der Untersuchung von Kun und Dieckman in den Schatten:

“Our results show that cooperation can be maintained in a heterogeneous environment [ungleiche Einkommensverteilung] when this is impossible in the corresponding homogeneous environment [gleiche Einkommensverteilung]. So far, however, we have assumed that players either always cooperate or always defect. In an attempt to encompass more real-world complexity, we now extend our model by allowing gradual evolution in the individual-level probability of players to cooperate. We can thus show that cooperation is not only maintained, but can also emerge from scratch through gradual evolution…” (6).

Mit anderen Worten: Kooperation ist ein evolutionäres Ergebnis ungleicher Einkommensverteilung. bzw. ungleicher Ressourcenverteilung. Es bedarf demnach keiner regulativen Eingriffe, um Kooperation zwischen Menschen herzustellen. Um Kooperation zu ermöglichen, ist es somit nicht notwendig, Gesetzeswerke von mehreren Tausen Seiten zu erlassen, die in sich widersprüchlich und selbstreferentiell sind, wie das Sozialgesetzbuch, das schon vor Jahren Landrichter Manfred Ommeln in Leipzig ob seiner Fehler zur Verzweiflung brachte. Es ist vielmehr notwendig, sich der regulativen Eingriffe zu enthalten. Das allerdings sorgt dafür, dass Horden von Juristen und Sozialdienstleistern, von Politikern und politischen Beratern arbeitslos werden. Aber das macht nichts: In einer unregulierten Welt haben selbst sie eine gute Chance, einen Kooperationspartner zu finden.

Axelrod, Robert (1995). Die Evolution der Kooperation. München: Oldenbourg.

Kun, Ádám & Dieckmann, Ulf (2013). Resource Heterogeneity Can Facilitate Cooperation. Nature Communications.

Olson, Mancur (1992). Die Logik des kollektiven Handelns. Tübingen: Mohr Siebeck.

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2 Responses to Ungleiche Einkommensverteilung befördert Kooperation

  1. Oh je, das ist aber eine etwas “kurz” geratene Theorie, die sicher an den Grenzen der Simulation krankt. Klar, wenn jeder alles hat, was er braucht, dann gibt es keinen Anreiz zur Arbeit, zum Tausch…
    Diese Überlegungen gelten aber nur, wenn es keinen Vergleich mit anderen, kein Konkurrenz- und Balzverhalten gibt, keiner eine größere Frau und ein lauteres Auto braucht…
    Sie gelten auch nur, wenn es nur eine Ware gibt oder alle Waren gleich verteilt sind und kein Anreiz zum Tausch besteht. Schon das Vorhandensein von Geld schafft Vergleichsmöglichkeiten und der Frieden ist im Eimer.

    – Sind alle Bedürfnisse befriedigt, dann gibt es keinen Anreiz, aber Konkurrenz und Balzverhalten sind nicht berücksichtigt. Auch bei Gleichverteilung aller Güter wird es keinen Frieden geben.

    – Kooperation entsteht zuerst aus dem Handeln zweier Individuen. Sie kann nicht verordnet werden. Der Strukturaufbau beginnt mit einfachen Beziehungen und das System wird größer und komplexer. Es kann nicht konstruktiv erstellt werden, wie die Behauptung der Existenz einer idealen Planwirtschaft das immer behauptet. Ordnung kann nur langsam schrittweise, folgend den Notwendigkeiten entstehen — und sie muß sich an sich verändernde Bedingungen anpassen. Niemand weiß a priori, wie es geht, wie es optimal ist.

    – Sicher, je mehr Differenzen es gibt, desto mehr Anreiz zum Abbau dieser gibt es. “Widersprüche” treiben die Entwicklung der Gesellschaft an — da war der olle Marx doch ooch schon?!

    – Dem Abbau von Unterschieden beim Besitz stehen aber Unterschiede in den Individuen gegenüber, in ihrem Können, im Fleiß, ihren Ressourcen, ihrem Antrieb. Und vor allem steht dem Abbau von Unterschieden die Kapitalakkumulation gegenüber. Wer viel hat, der kann effektiver arbeiten und er bekommt leichter Unterstützung und Kredite. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, damit muß sich die Gesellschaft abfinden. Diesen Strudel, in dem wir sitzen, müssen wir erkennen und mit dem müssen wir uns arrangieren. Kampf gegen die Kapitalakkumulation ist so sinnvoll wie Kampf gegen die Gravitation.

    – Mit der Gleichheit schwindet der Druck zur Kooperation, die Gesellschaft zerfällt. Die Praxis bewies das eindrucksvoll, der sozialistische Wettbewerb sollte löten, was an Interesse zur produktiven Kooperation fehlte. Überlebt hat das Experiment nur die Beratungsresistenz der sozialistischen Bonzen.

    Außerdem ist es ja das Neidverhalten, das die Gemeinschaft zum Raub an den Reichen hetzt. Die Systeme kämpfen eben mit allen Mitteln, mit allen, das ist nicht verwunderlich. Deshalb müssen sich Reiche nicht nur gegen andere Individuen verteidigen sondern auch gegen die Gemeinschaft, die Organisation konkurrierender Individuen. Sie bilden ein neues System zum Zweck des Raubes.

    Nur wenn beide Partner sich einen Gewinn versprechen, dann entsteht ein Gewinn für die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft rückt ein winziges Stück näher zum Optimum ihres Betriebes. Das passiert nicht, wenn der Vorgang nicht freiwillig ist, nicht zu beiderseitigem Nutzen ist. Deshalb entfernen Zwangs”geschäfte” das Gesamtsystem vom Optimum und ist staatliches Eingreifen gesamtgesellschaftlich immer kontraproduktiv — klar doch, sonst brauchte man keine Gewalt.
    Und natürlich haben solche natürlich entstandenen Beziehungen, an deren Bestand jeder Beteiligte ein Interesse hat, ein stabileres Ergebnis als Geschäfte par ordre du mufti, die der Unterlegene immer zu hintertreiben suchen wird.

    Carsten

    “Die Politik vernichtet den Rechtsstaat”
    Prof. Dr. P.A. Albrecht

  2. Häschen says:

    Das deckt sich auch mit den Beobachtungen in der Praxis. Wenn zwei kooperieren geht das zu lasten eines Dritten. Egal ob sich Wirtschaft mit Banken, Banken mit Staat oder Wirtschaft mit Staat verbünden geht das zwangsläufig zu lasten der Bevölkerung. Deswegen ist es essentiell, dass der Staat nicht mit Banken und Wirtschaft einseitig in Kooperation geht.

    Nehmen sie das simple Beispiel Joseph und der Pharao horten Korn für schlechte Zeiten. Korn wird einkassiert (Steuer) und zurückgelegt. Die schlechten Zeiten ziehen ins Land und die Bevölkerung wird versorgt. Die Idee ist gut an sich. Jeder bekommt das gleiche und keiner verhungert. Ist aber auch davon abhängig wie lange die schlechten Zeiten dauern nachdem sie ins Land gezogen sind.

    Wir leben in schlechten Zeiten – die Umverteilung im Sozialismus ist die Emulation der mageren Jahre. Wenn der Pharo Weizen kann generieren (out of thin air) wird es ihm durchaus recht sein, schlechte Zeiten zu haben. Oder er geht ein Kooperation mit einem der ‘Götter’ ein die Weizen vom Himmel regnen lassen.

    Jetzt kann man ein Argument ins Feld führen. Wenn der Staat nicht hortet, dann lassen es sich Einige zu gut gehen, die haben zu wenig Reserven (Sparguthaben). Was mach diejenen, wenn sie Hunger leiden. Sie gehen zum Nachbarn … der gibt ihnen etwas oder auch nicht.

    Oder der Hungrige entledigt sich des Nachbarn und übernimmt den Kornvorrat. Damit gibt es einen Hungrigen weniger, da er ausscheidet aus dem Wirtschaftsleben durch physische Gewalteinwirkung und einen zweiten der nun genug hat. Nachteil im Modell ohne Umverteilung. Reduktion der wirtschaftlichen Basis in der ‘Krise’.

    Je nachdem scheiden die Hungrigen aus dem Wirtschaftskreislauf aus oder nicht. Korn als Synonym für Geld kann nicht unterscheiden, ob jemand nicht mehr braucht oder zu schwach ist es zu erwirtschaften.

    Wesentliches Element in der Zahlungsmittellogistik. ‘Geld’ sucht sich den Weg wie Wasser zu jenen die Tauschen wollen (ohne Umverteilung). Wenn jemand verhungert, ist das dem Geld vollkommen egal, wer tot ist braucht keine Zahlungsmittel für den Warentausch (sei es ein Konkurs eines Unternehmens).

    Der Nachteil der Umverteilung durch den Pharao wäre … Es hat jeder etwas davon wenn der ein oder andere Nachbar aus dem Weg geräumt wird. Alle haben mehr ohne vorher mehr erwirtschaft zu haben. Ist um nichts besser.

    Wenn man nicht vollkommen dumm ist, wird man gemeinsam mit dem Nachbarn schauen, dass der genug Korn für schlechte Zeiten anbaut und auf Reserve hält unabhängig davon wieviel man selbst hält. Es genügt wenn alle genug haben oder jeder soviel wie er erwirtschaften ‘will’. In einem Kooperativen Modell ist es Unsinn den Nachbarn zu beseitigen, da man sich ins eigene Fleisch schneidet.

    Jeder ist sich selbst Kaiser genug. Peer 2 Peer Monarchy. Man gönnt dem anderen nicht mehr als einem selbst, aber nicht weniger da weniger, seit dem man weiß, dass weniger auch mehr sein kann. Was darüber hinaus geht ist an sich solange irrelevant, solange Partner für die Kooperation zur Verfügung stehen.

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