Wir schließen mit diesem Beitrag an einen Beitrag von Dr. habil. Heike Diefenbach an, in dem sie am Beispiel der ad-hoc Gruppe „Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft. Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs“ dargestellt hat, wie Banalitäten oder bestimmte ideologische Vorlieben bestimmter Personen zu sozialen Probleme stilisiert werden und wie sie genutzt werden, um Meinungsvielfalt zu beseitigen.
In diesem Beitrag wollen wir uns dem Thema „soziale Probleme“ von einer anderen Seite, der Seite gesellschaftlicher Macht oder besser: des Zugangs zu und der Beherrschung von Ressourcen und medialer Kommunikation sowie der Fähigkeit, soziale Fakten als soziale Probleme zu definieren und diese Definition durchzusetzen, nähern.
Vorab noch einmal die Definition von sozialem Problem, auf der wir aufbauen:
“Our definition of social problems focuses on the process by which members of society define a putative condition as a social problem. Thus we define social problems as the activities of individuals or groups making assertions of grievances and claims with respect to some putative conditions” (Spector & Kitsuse 1977: 75; Hervorhebung im Original).
Ein kurzes Brainstorming darüber, was derzeit als soziales Problem gilt, hat die folgende Reihe erbracht: (1) der geringere Anteil von Frauen in Führungspositionen von Unternehmen, (2) häusliche Gewalt gegen Frauen, nicht etwa gegen Männer, (3) der geringere Anteil von Frauen auf Lehrstühlen an Universitäten, (4) Rechtsextremismus oder wahlweise auch Rassismus, vielleicht auch Sexismus, (5) Akzeptanz und Toleranz gegenüber Homosexualität oder genereller: sexueller Orientierung in welcher Variante auch immer, (6) das Los von Alleinerziehenden (z.B. dass sie ihre Kinder nicht mit einem Designerranzen zur Schule schicken können), (7) die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Liste wäre problemlos verlängerbar. Wer dazu Bedarf sieht, kann dies über die Kommentarfunktion gerne tun.
Für all die genannten vermeintlichen sozialen Probleme kann festgestellt werden, dass sie nicht wirklich ein soziales Problem darstellen. Die Wirtschaft floriert offensichtlich auch ohne eine Parität zwischen Männern und Frauen auf Führungspositionen oder gerade wegen der nicht vorhandenen Parität. Die Universitäten in Deutschland hatten bevor sie gleichgestellt wurden (man kann auch von Gleichschaltung sprechen) einen international guten Ruf. Seit das Professorinnenprogramm Männer diskriminiert, hat der Ruf erheblich gelitten. Homosexuelle, so hat ein Kommentator vor einiger Zeit geschrieben, waren in den 80er Jahren auch schon vorhanden und prominent, Boy George, die Pet Shop Boys usw. Niemand hat daran Anstoß genommen und sich darum gekümmert, zumal Homosexualität in all ihren Spielarten eine kleine Minderheit betrifft. Seit Toleranz und Akzeptanz für Homosexuelle lautstark gefordert wird, hat sich dagegen der Ton massiv verändert, ist rauher geworden. Auch das Häuflein Rechtsextremer, das richtig geplegt werden muss, um nicht abhanden zu kommen, ist eigentlich kein Missstand, der nach Beseitigung ruft.
Wie kommt es, dass die genannten sozialen Fakten, es gibt Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, es gibt Homosexuelle usw. zu sozialen Problemen falscher Arbeitsteilung oder der Homophobie stilisiert werden?
Zumal, warum ausgerechnet diese soziale Fakten aus dem Meer der sozialen Fakten?
Oder nehmen wir Obdachlosigkeit ein typisch männliches Problem, das in der Regel in Verwahrlosung und Alkoholismus endet. Obdachlosigkeit ist ein sozialer Tatbestand, aber kein soziales Problem. Nicht einmal ein Tausendstel der Mittel, die für die Schaffung von Nottelefonen für häusliche Gewalt und Frauenhäusern bereit gestellt werden, wird bereitgestellt, um Programme und Maßnahmen, die ja in der Helferindustrie so beliebt sind, aufzulegen und darauf hinzuwirken, Obdachlosigkeit als soziales Problem überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn zu beseitigen.
Die beiden Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Wahl dessen, was als soziales Problem angesehen wird, nicht nur selektiv ist, sondern der Regel zu folgen scheint, dass tatsächlich vorhandene Missstände sich nicht zum sozialen Problem eignen.
Warum ist das so?
Charles E. Reason und William D. Perdue (1981) geben hier eine Antwort. Reason und Perdue sehen die Konstruktion sozialer Probleme, also die Umwidmung dessen, was bislang nur ein sozialer Tatbestand war, in ein soziales Problem als Stufenprozess an, der (1) aus der Schaffung, (2) der Institutionalisierung und (3) der Wartung des sozialen Problems besteht. Wichtig für diesen Stufenprozess ist es, dass er innerhalb eines ideologischen Settings abläuft, der für die Schaffung bestimmter sozialer Probleme förderlich ist.
Das Schaffen eines sozialen Problems
Instrumentell bei der Schaffung sozialer Probleme sind soziale Bewegungen, die Reason und Perdue als Gruppen beschreiben, die aus Personen gleicher Beschäftigung, Bildung, Herkunft und Überzeugung bestehen. Eine eingängige Beschreibung, die jeder prüfen kann, wenn er z.B. den Arbeitersohn bei Greenpeace vergeblich sucht oder für die Töchter evangelischer Gemeindepfarrer bei Attac mehr als zwei Hände zum Zählen braucht. Wichtig für soziale Bewegungen sind „soziale Unternehmer“, die Zugänge zu Ressourcen und Medien haben. Ein Beispiel ist hier Alice Schwarzer, ohne die die Medien-Popularität von Feminismus oder Steuerhinterziehung in Deutschland kaum zu erklären ist. Ziel der Phase, in der ein soziales Problem geschaffen wird, ist „Salience“, also öffentliche Aufmerksamkeit, am besten positive öffentliche Aufmerksamkeit.
Es ist diese Verquickung zwischen sozialen Bewegungen und den Torwächtern, die den Zugang zu öffentlicher Information besetzen, die es Interessenvertretern (z.B. den Alten) erschwert, ihre Interessen als soziales Problem zu definieren, denn sie haben nur dann eine Chance, gehört zu werden, wenn sie den ideologischen Hintergrund und die soziale Klasse mit denen teilen, die die Zugänge bewachen.
Die Institutionalisierung eines sozialen Problems
Institutionalisiert wird ein soziales Problem, wenn Gesetze erlassen werden, die dazu dienen sollen, es zu beseitigen. In ihrem Fahrwasser gedeihen Projekte und Programme, werden die Mittel bereit gestellt, die weniger dazu dienen, das soziale Problem zu beseitigen, aber mehr dazu, die sozialen Problembeseitiger zu finanzieren. Hat es ein soziales Problem über die Hürde der Institutionalisierung geschafft, dann ist es etabliert, schafft Arbeitsplätze, Gesprächsstoff beim Rotwein und gibt mannigfaltigen Anlass, die Stirn in tiefe Falten zu legen und weitere Mittel zur Beseitigung immer neuer Folgeprobleme zu fordern.
Die Wartung eines sozialen Problems
Die Folgeprobleme, die sich regelmäßig einstellen, wenn ein soziales Problem institutionalisiert wurde, gehören in den Bereich der Wartung des sozialen Problems. Die Wartung dient dazu, nicht nur dafür zu sorgen, dass das soziale Problem als Arbeitsbeschaffer Bestand hat, sondern auch dazu, die Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen darauf hinzuweisen, dass das soziale Problem nach wie vor vorhanden und nicht beseitigt ist, dass es deshalb notwendig ist, weitere Steuergelder für den Kampf für oder gegen … [bitte beliebige Banalität einsetzen] bereit zu stellen.
Das also ist die Erklärung dafür, warum bestimmte soziale Fakten, die tatsächliche Missstände darstellen, es nicht zum sozialen Problem schaffen, und dafür, warum es soziale Fakten, die an Banalität kaum zu übertreffen sind, schaffen, zum sozialen Problem stilisiert zu werden. Die Erklärung ist eine Mischung aus Opportunismus, Klassenstruktur und dem, was DiMaggio und Powell (1983) Isomorphie genannt haben, jenem Prozess der beschreibt, dass die Zugänge zu Ressourcen in modernen Gesellschaften in immer größerem Ausmaß von denselben farblosen Gestalten mit denselben Interessen, der selben Langeweile und der selben Unfähigkeit oder Unwilligkeit, einen konkreten Missstand zur Kenntnis zu nehmen, besetzt werden.
DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.
Reason, Charles E. & Perdue, William D. (1981). The Ideology of Social Problems. Sherman Oaks: Alfred Publishing.
Spector, Malcolm & Kitsuse, John I., 1977: Constructing Social Problems. Menlo Park: Cummings.
