Münchner Soziologe will, dass Staat Konsum verbietet

Da sitzen wir gemütlich in unserem Office. Genießen unseren Kaffee, den von Nescafé, diesen genialen Dolce Gusto in den Kaffeekapseln, genießen unsere Aussicht auf die Black Mountains und die Brecon Beacons und lesen ein paar Texte, die sich bei uns eingefunden haben, und dann das:

Dolce Gusto Mocha

Der Favorit von Dr. Diefenbach… (also bei Kaffee!)

[Aus dem Interview von “Jetzt.de” mit Stephan Lessenich]: “Es geht uns zu gut. Wir produzieren und konsumieren Dinge, die kein Schwein braucht. Nehmen Sie Kaffeekapseln. Die kannte bis vor zehn Jahren keiner. Es wusste niemand, dass er sie braucht. Jetzt verkauft allein Nestlé davon rund drei Milliarden im Jahr. Purer Luxus. Auch wenn wir zwei besonders privilegiert sind und viele Menschen in Deutschland nicht im Überfluss leben: Uns als Gesellschaft geht es zu gut.“

Stephan Lessenich, Direktor der Instituts für Soziologie an der LMU in München, den viele außerhalb von Attac bis eben vielleicht noch nicht kannten, von dem sie nichts wussten, er hat eine W3-Professur, lebt auf Kosten der Steuerzahler, purer Luxus ist er, und er will uns das Trinken von Dolce Gusto verbieten.

Warum?

Stephan Lessenich: “Die Kaffeekapseln oder besser der Abbau von Bauxit, der für das Aluminium benötigt wird, zerstört zum Beispiel in Brasilien die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Unser Kaffeeglück ist deren Unglück. Sie merken: Wir leben nicht über unsere Verhältnisse. Sondern über die von anderen.”

Weil wir Kaffee trinken, deshalb sind in Brasilien die Menschen unglücklich, und weil in Brasilien die Menschen unglücklich sind, weil sie nämlich Geld verdienen, mit dem Abbau von Bauxit, das sie wiederum als drittgrößte Exportnation von Bauxit auf dem Weltmarkt verkaufen können, deshalb leben wir gerade über die Verhältnisse von anderen. Verrückte Welt.

Unser Dolce Gusto kommt übrigens aus dem UK, aus Tutbury und das Bauxit aus Australien. …

Dennoch: Wir leben über die Verhältnisse anderer, wie der Soziologe Lessenich aus München erkannt hat und deshalb will er, dass der Staat eingreift und uns alles verbietet, was Lessenich für sinnlosen Konsum hält.

Und was hält der Herr Lessenich für sinnlosen Konsum? Konsum, der nach den 1970er Jahren eingeführt wurde, denn:

Dolce Gusto De LonghiStephan Lessenich: “ Es gibt für jeden Verhaltensänderungen, die er ohne Einschränkung seiner Lebensqualität anstreben könnte. Bei mir ist es die Mobilität: Ich besitze kein Auto. Ich ¬fliege nie innerhalb von Europa. Trotzdem lebe ich nicht im Mittelalter, sondern eben eher so um 1970. Und das ist völlig okay.”

Okay. Jetzt geht bitte jeder von Euch durch seinen Kühlschrank, seine Schränke und seine Wohnung und entfernt alles, was Konsum von Produkten darstellt, die nach 1970er Jahren entwickelt wurden. Nicht dass wir noch auf Kosten der Menschen in Brasilien leben. Das wollen wir nicht. Indes, ohne Auto braucht man ein Fahrrad. Fährt Lessenich Fahrrad? Hat ihn schon jemand Fahrrad fahren gesehen. Bitte melden. Fahrräder bestehen aus Aluminium.

ALUMINIUM!

BAUXIT!!

Arme Menschen in Brasilien!!!

So geht das nicht, Herr Lessenich!!!!

Wir trinken jetzt erst einmal einen noch einen „Grande“ und genießen wieder die Aussicht und erinnern uns an die Zeit, als Soziologen noch etwas anderes zu sagen hatten, als „Du sollst nicht ..:“ Als Soziologen noch Wissenschaftler und nicht Wanderprediger waren, als sie damit leben konnten, dass andere anders leben und nicht das Heil des richtigen Lebens verkünden wollten, als sie im Staat noch den, den es zu kontrollieren gilt, gesehen haben, nicht den Pater Familias, den der kleine Soziologe zur Hilfe ruft, damit er diejenigen kontrolliert und überwacht, die dem kleinen Soziologen nicht in den Kram passen, sich falsch verhalten, wie er meint.

Wir leben in absurden Zeiten, Zeiten, in denen wir Personen finanzieren, die sich an Universitäten einnisten um denen, die einer geregelten Arbeit nachgehen, zu erzählen, dass sie falsch leben, auf Kosten anderer. Derartige Personen sind der reine Luxus und es hat sie in den 1970er Jahren auch noch nicht in dem Ausmaß gegeben. Wir sollten darüber nachdenken, zumindest diesen Luxus zu beenden. Einmal ehrlich, wenn Lessenich nicht mehr an der LMU-München beschäftigt ist: Würden Sie einen Unterschied merken?

Dolce Gusto Grande

Michael Klein: “Der Mann von Welt gibt sich nicht mit weniger als “Grande” zufrieden.”

Eben.
Darauf einen Grande!

Es ist erschreckend und in hohem Maße absurd, dass Soziologen wie Lessenich heute Trivialitäten als Erkenntnis verkaufen und damit predigen gehen. Ressourcen sind endlich. Das wussten bereits die Alten in Babylon. Für die meisten Ressourcen gilt: Wenn ich sie konsumiere, dann sind sie weg. Du kannst sie nicht mehr konsumieren. Auch das wussten die Alten in Babylon bereits. Nur haben die Alten in Babylon diese triviale Erkenntnis nicht zum Anlass genommen um tausende von Tontafeln mit dieser Trivialität vollzuritzen. Das wäre für die alten Babylonier ein Luxus gewesen, der sich nicht rechtfertigen lässt, denn diese Trivialitäten sind jedem bekannt. Gut für Lessenich, dass Papier geduldiger ist als Tontafeln.

Deutschland ist eine Erziehungsdiktatur

Der deutsche demokratische Versuch hat ein Richtungsproblem. Er funktioniert in der falschen Richtung. Nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Politiker dirigieren Bürger und nicht etwa umgekehrt. Die politische Obrigkeit, also die Politiker, die sich dafür halten, machen für sich einen Alleinvertretungsanspruch geltend: Sie wissen, was für die Bürger gut ist. Sie fördern bestimmte Verhaltensweisen in Bürgern. Sie wollen Bürger zu staatsdienlichen und vor allem gehorsamen und unauffälligen Bürgern erziehen.

Wenn diese Erziehung versagt und der besagte Bürger sich als die ihm zugestandene Mündigkeit missbrauchender Bürger herausstellt, der Parteien wählt, die populistisch oder gar extremistisch sind, der gegen Planungsvorhaben demonstriert oder der gar der Meinung ist, er könne sagen, denken und tun, was er wolle, so lange er die Verantwortung für das, was er sagt, denkt oder tut, übernimmt, dann tritt der staatliche Krisenmodus in Kraft, dann werden staatliche Programme ausgelobt, die z.B. „Demokratie leben!“ sollen und deren Zweck einzig und allein darin besteht, die Bürger zu erziehen, und zwar zu dem Ideal, das denen, die gut, sehr gut vom derzeitigen Staat leben, vorschwebt.

Kurz: Deutschland ist eine Erziehungsdiktatur, in der nur geduldet wird, wer den staatstragenden Kanon auswendig und ohne darüber nachzudenken, aufsagen kann.

democracy_and_dictatorshipUnd je mehr politische Parteien an Einfluss verlieren, je mehr ihnen die Mitglieder und Wähler davonlaufen und je mehr sie in ihrem Mitwirken bei der Meinungsbildung des Volkes an den Rand geraten, weil die Mehrheit im Volk nur zu gerne auf jede Form parteipolitischer Meinungsvorgabe verzichtet, desto wichtiger werden die Einflussnahmen der politischen Erziehungsdiktatoren an anderer Stelle, z.B. über die Curricula von Schulen, die immer weniger Wissen und immer mehr Ideologie vermitteln. Das ist ein Grund dafür, dass Schüler in der Regel aufsagen können, dass die AfD eine rechtspopulistische Partei ist, aber keine Ahnung haben, was Rechtspopulismus eigentlich ist oder wie man den Satz des Pythagoras ausspricht [Bevor hier Kommentare kommen, das war ein Witz!].

Nicht nur in Schulen werden Schüler mit staatlicher Richtig-Erziehung gegängelt, die Programme der Kinder- und Jugendhilfe, die Maßnahmen der ideologischen Anhängsel von Ministerien, die sich darauf richten, Kinder- und Jugendliche z.B. vom rechtspopulistischen Weg abzubringen und in den Hafen der einzig tolerierten Form von angeblicher Demokratie zu schippern, sie sind Legion. Und selbstverständlich sollen die Kinder- und Jugendlichen, die gezielt auf nur eine einzige Version zu denken getrimmt werden, kreativ, eigenständig und autonom denken, innerhalb der vorgegebenen Richtigkeitsbahnen versteht sich.

Kinder und Jugendliche sind längst nicht die einzigen, die der staatlichen Erziehungsdiktatur ausgesetzt sind. Von der Wiege bis zur Bahre, wie Heinz Marr einst formuliert hat, verfolgt der Staat seine Bürger. Der Kinder- und Jugendindoktrination folgt, was euphemistisch Erwachsenenbildung genannt wird, Erwachsenbildung mit einem kleinen Twist, einem Anreiz, sich auch richtig zu bilden, eigentlich ist das kein Anreiz, sondern eine Drohung: Wer nicht regelmäßig seine Zähne beschauen lässt, erhält nichts von der Krankenkasse. Wer raucht wird geächtet und wenn er in die Nähe von Kindern kommt, kriminalisiert. Bekommt der Raucher Krebs ist ihm die Häme und der Ärger all derer, die finden, er könne seine Krankenkosten ruhig selbst bezahlen, ungeachtet der Tatsache, dass er seit Jahren gezwungen ist, seine Beiträge in die Gesetzliche Krankenkasse abzuführen, sicher. Und wehe dem, der zu fett und so verwegen ist, Beamter werden zu wollen. Deutsche Beamte haben nur Idealmaße und deshalb ist ein rigides Abnehmprogramm die Voraussetzung für den Fetten, damit er sich Beamter nennen darf.

Am besten ist es jedoch, Erwachsene verhalten sich selbst erst gar nicht falsch. Deshalb setzen die Vertreter der Erziehungsdiktatur auf Nudgen oder Schubsen: Damit sollen Bürger, die selbst nicht wissen, was gut für sie ist, ordentliche Subjekte des Staates werden, deren Haltbarkeitsdatum nicht vor Erreichen des 67 Lebensjahres überschritten ist, so dass sie dem Staat, der sie dann ab Rente in Ruhe oder im Stich lässt, wie auch immer, möglichst lange das Geld abliefern können, das sie eigentlich für ein sorgloses Dasein im Alter benötigen würden.

Neben der Erwachsenenbildung, die der Erziehung schwererziehbarer Bürger dient, gibt es noch die Bürgerbeteiligung, die dazu dient, Bürger in den Glauben zu versetzen, es interessiere irgend jemanden, was sie zu bestimmten Dingen für eine Meinung haben. Bürgerbeteiligung dient einzig dazu, Bürgern deutlich zu machen, dass sie das, wogegen sie sind oder wogegen sie Vorbehalte haben, z.B. das Windkraftrad um die Ecke oder den formschönen und den Tourismus fördernden Windkraftpark auf dem am besten sichtbaren Berg, eigentlich mögen. Entsprechend werden die Vorbehaltler oder Gegner einer Bürgerbeteiligung unterzogen. In entsprechenden Versammlungen dürfen sie sich so lange totlaufen oder gegen eine Wand aus vorgefertigten Abwehrfloskeln anrennen, bis sie die Lust verlieren oder einsehen, dass Windkraft auch für sie das Beste ist.

Jenseits des Haltbarkeitsdatums von 67 Jahren, jenseits des erwerbsfähigen Lebens verliert ein Bürger seinen Wert für seinen Staat. Entsprechend gibt es keinerlei Erziehungsprogramm für Alte. Alte werden entweder Sozialarbeitern oder Pflegekräften überantwortet oder als Hedonisten gebrandmarkt, und zwar dann, wenn sie sich lieber auf Mallorca der eigenen Gesundheit als in Deutschland den vom Staat gewünschten, bestellten und finanzierten Enkeln oder Urenkeln widmen. Wer nicht einmal mehr dazu taugt, sich um Nachwuchs zu kümmern, den erwartet im Dreibettzimmer des Pflegeheims ein Bett, an das fixiert er darauf warten darf, die beste aller deutschen Republiken zu verlassen, und wenn er Glück hat, dann hilft ihm die Demenz dabei, zu ertragen, was sein Staat sich als Lebensabend für ihn ausgedacht hat.


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Macht

Seit in die Sozialwissenschaften das Geschwätz Einzug gehalten hat, und es für angebliche Sozialwissenschaftler wichtiger ist, sich ideologisch auf der richtigen Seite zu positionieren und darüber zu jammern, dass alles ökonomisiert wird oder die Gesellschaft so ungleich ist oder die Frauen so benachteiligt sind, seit all diese minimalistischen, wenn nicht irrelevanten Lamentos gesungen werden, seitdem hat es sich mit der Sozialwissenschaft.

Konzepte, Theorien und Erklärungen, die einst einen Korpus gebildet haben, der die Wissenschaft hinter dem Sozial legitimiert hat, sie sind verschwunden, dabei zu verschwinden, dem Vergessen anheim zu fallen. An die Stelle der gesellschaftlichen Analyse, der Erklärung sozialer Tatbestände ist die Bewertung sozialer Tatbestände und die Analyse der eigenen Vorlieben getreten und wo ideologische Kleinkrämerei Einzug hält, da ist kein Platz mehr für Sozialwissenschaft.

Also versuchen wir auf ScienceFiles ein paar zentrale Konzepte der Sozialwissenschaften zu retten, Konzepte, die einst benutzt wurden, um gesellschaftliche Wirklichkeit zu erklären (und nicht etwa Utopien zu entwerfen), wie z.B. Macht. Es ist sicher kein Zufall, dass Macht als Kategorie und Analysegegenstand fast vollständig aus der Welt der Sozialwissenschaften verschwunden ist. Warum? Das wird recht deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, was einst mit der Analyse von Macht verbunden, welches Verständnis von Macht vorhanden war.

Elementare SoziologieMacht, als sozialwissenschaftliche Kategorie, nimmt wie so vieles, wenn es darum geht, die Begrifflichkeit zu bestimmen, den Ausgangspunkt bei Max Weber. Weber hat Macht als die Chance definiert, “innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen”. Das Widerstreben ist der entscheidende Punkt, denn Macht setzt eine asymmetrische soziale Beziehung voraus, in der einer der Akteure etwas hat, eine Ressource oder den Zugang zu dieser Ressource kontrolliert, was ein anderer unbedingt haben muss oder will.

Macht setzt also eine wie auch immer geartete Abhängigkeitsbeziehung voraus. Entsprechend hat Peter Blau die Grundlage von Macht in der Kontrolle begehrter Ressourcen gesehen. Indes ist nicht jede Verfügungsgewalt über Ressourcen gleich Macht. Damit die Verfügungsgewalt über Ressourcen zu Macht werden kann, bedarf es dreier Zutaten:

  • Wer über andere Macht ausüben will, muss gegenüber Ressourcen, die diese anderen besitzen, indifferent sein, d.h. die anderen müssen auf ihn und seine Ressourcen angewiesen sein, er aber nicht auf sie. Macht braucht asymmetrische Ressourcenverteilungen und ist da am stärksten, wo es ein Monopol über nachgefragte Ressourcen gibt. Deshalb ist Wettbewerb die beste Gewähr nicht nur gegen die Agglomeration von Macht, sondern auch dagegen, Opfer von Mächtigen zu werden.
  • Damit Verfügungsgewalt über Ressourcen zu Macht werden kann, muss auch ausgeschlossen sein, dass diejenigen, die die Ressourcen benötigen, in der Lage sind, sich die Ressourcen mit Gewalt zu nehmen. Dies ist einer der Gründe, warum Staaten ihr Gewaltmonopol mit dem Status des Sakrosankten ummantelt haben. Man kann Macht leichter begründen und nutzbar machen, wenn man ausgeschlossen hat, dass die Grundlage der Macht durch Gewalt infrage gestellt werden kann.
  • Schließlich setzt es Macht voraus, dass diejenigen, die der Macht unterworfen sind, ein Bedürfnis nach den die Macht begründenden Ressourcen haben. Wer Kontrolle über Ressourcen ausübt, die niemand nachfragt, hat keine Macht, sondern das Problem, wie er seine Ladenhüter loswerden soll. Weil Macht also von den Bedürfnissen derjenigen abhängig ist, die die Ressourcen, auf denen Macht basiert, nachfragen, deshalb ist es Machthabern immer sehr wichtig, die Wertorientierungen und Bedürfnisse der von ihrer Macht Abhängigen zu beeinflussen bzw. zu bestimmen. Denn nur solange die kontrollierten Ressourcen auch geschätzt werden, können sie als Grundlage von Macht genutzt werden. “Zu den Strategien der Machterhaltung gehört es deshalb auch, durch Lenkung der Bedürfnisse anderer auf die von einem selbst kontrollierten Ressourcen eine fortdauernde Abhängigkeit sicherzustellen”. So steht es bei Wolfgang Conrad und Wolfgang Streeck (1976), die eines jener Bücher herausgegeben haben, das man heute als Rarität bezeichnen muss, eines, in dem u.a. der Gegenstand der Soziologie beschrieben wird.

Wer sich fragt, warum moderne Staaten so großen Wert darauf legen, ihre Bürger von der Wiege bis zur Bahre zu kontrollieren und zu paternalisieren, ihre Bedürfnisse zu beeinflussen, am besten zu determinieren, ihren Lebensstil vorzugeben und das, was sie denken sollen, bereits in Schülerhirnen zu verankern, der hat die Antwort in den drei Kriterien die aus der Verfügungsgewalt über Ressourcen Macht entstehen lassen und Macht, das nur zur Erinnerung, ist die Fähigkeit, andere gefügig zu machen, gegen ihren Willen.

Conrad, Wolfgang & Streeck, Wolfgang (1976). Elementare Soziologie. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

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Früher Sterben mit Armut – Die Debatte der Heuchler

Wir beobachten derzeit eine seltsame Diskussion um Armut und den Zusammenhang zwischen Armut und Sterblichkeit.

Wer wenig verdient, stirbt früher, so der ökologische Fehlschluss, der im Neuen Deutschland gezogen wird.

Logik f dummiesFehlschluss: Nicht jeder, der sagen wir, weniger verdient als ein durchschnittlicher Landtagsabgeordneter, stirbt auch früher als ein durchschnittlicher Landtagsabgeordneter. Deshalb ist der Titel “Wer wenig verdient, stirbt früher” ein Fehlschluss, und darüber hinaus Unsinn, denn es fehlt der zweite Teil im Komparativ: wer wenig verdient, stirbt früher als derjenige, der blaue Hosen anhat oder derjenige, der noch weniger verdient oder derjenige, der die AfD wählt…?

Von einem tödlichen Zusammenhang ist in der Südwestpresse die Rede.

Beide Male geht es darum, dass es einen Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und dem Einkommen gibt. Und deshalb sind sich die meisten Kommentatoren einig: Bildung muss her, um die Armen zu länger lebensfähigen nicht-Armen zu machen, damit sie nicht mehr im Alter von durchschnittlich 73 Jahren sterben, wie die Männer in Pirmasens, sondern im Alter von durchschnittlich 81,3 Jahren, wie die Männer in Starnberg.

Schon lustig, so ein Zusammenhang auf regionaler Ebene. Strukturschwache Gebiete, so heißt es, sie wirken negativ auf die Lebenserwartung. Aber seltsamer Weise macht die Strukturschwäche Geschlechterunterschiede, 4,1 Jahre im Fall von Pirmasens, wo Frauen im Durchschnitt ein Lebensalter von 77,1 Jahren erreichen 2,3 Jahre in Starnberg, wo Frauen durchschnittlich 83,6 Jahre alt werden.

Wirkt sich Armut unterschiedlich auf Frauen und Männer aus? Sterben Männer in Armut eher als Frauen? Oder sind Männer eher von Armut betroffen als Frauen, oder geht die ganze Debatte an der Ursache für die Sterblichkeit vorbei, die man in systematischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern eher zu finden scheint als in regionalen Unterschieden im Hinblick auf das durchschnittliche Einkommen?

Männer sind länger erwerbstätig als Frauen, machen im Vergleich zu Frauen härtere Arbeiten, auf Baustellen, in Abwasserkanälen, als Fernfahrer, als Bergarbeiter. Knochenarbeit ist männlich, und Knochenarbeit heißt deshalb Knochenarbeit, weil sie auf die Knochen geht und entsprechende Gebrechen und Leiden nach sich zieht, die sich wiederum negativ auf die Lebenserwartung auswirken.

Wollen alle diejenigen, die nun laut danach schreien, die Armen zu bilden und zu Landtagsabgeordneten der Linken zu machen, tatsächlich den Preis dafür bezahlen, dass die Jobs, die auf die Gesundheit gehen, nicht mehr gemacht werden? Oder ist die ganze Diskussion wieder ein Beispiel für die Verlogenheit der politischen Klasse, die es natürlich erwarten, dass dann, wenn sie sich zum Frühstückstisch im Hotel bequemen, eine Vielzahl von Menschen bereits ihre Arbeit getan haben, damit sich die um die Armen Besorgten die Brötchen und die Marmelade in den Mund stecken können?

Es gibt zwei einfache Maßnahmen, um dafür zu sorgen, dass nicht mehr die Armen durchschnittlich früher sterben als die Reichen und nicht mehr die Männer durchschnittlich deutlich früher als die Frauen:

  • Die Knochenjobs sind zwischen Männern und Frauen gleich zu verteilen, z.B. im Rahmen des Gender Mainstreamings;
  • Diejenigen, die  Knochenjobs ausführen, sind besser zu bezahlen als z.B. Landtags- oder Bundestagsabgeordnete.

Und schon hat sich der beklagte statistische Zusammenhang aufgelöst.

Wetten, die beiden Maßnahmen sind unter den politischen Heuchlern, die sich jetzt wieder im Sessel zurücklehnen und zu Rettern der Armen aufspielen, gar nicht populär?

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Angst vor Wutbürgern: Die Anomie der Manipulateure

Machen wir doch einmal ein bischen Soziologie – als Bericht dessen, was wir gerade im ScienceFiles-Breakfast-Club diskutiert haben:

Zunächst ein paar Randbedingungen:

  • ScienceFiles_Breakfastclub(1) Politiker kann man auch werden, ohne eine abgeschlossene Ausbildung, ohne Berufserfahrung und ohne jemals gearbeitet zu haben. Die Zahl derer, die nach dem abgebrochenen Studium in die Politik gehen und die Zahl derer, die außer Politik nichts können, sofern man Politik können muss, ist über die letzten Jahre stetig gestiegen.
  • (2) Die Zahl von System-Wissenschaftlern (ein Begriff, den ein Kommentator benutzt hat und der perfekt passt), also von Wissenschaftlern deren Wohl und Wehe davon abhängt, dass sie eine Position im wissenschaftlichen Betrieb erreichen und ansonsten nicht negativ auffallen, etwa in dem sie abweichende Meinungen vertreten, Meinungen, die ihrem Dienstherrn im Kultusministerium missfallen könnten, hat über die letzten Jahrzehnte und aufgrund von staatlichen Eingriffen in Hochschulen, durch z.B. das Professorinnenprogramm oder die Art der Mittelzuweisung, zugenommen. Zwangsläufig ist die Zahl derer, die aufgrund von Kompetenz und Qualifikation in eine wissenschaftliche Position gelangt sind, zurückgegangen.
  • (3) Hochschulen produzieren in weiten Teilen am Markt vorbei, d.h. sie bilden Studenten aus, die niemand braucht. Wir haben diese Menge von Studenten, die Gender Studies, Sozialpädagogik, soziale Arbeit, Kultur-, Kommunikations- oder Medienwissenschaften oder sonstige Fächer studiert haben, für die keine oder nur eine sehr geringe Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt besteht, als Akademisches Hartz IV bezeichnet.

Da unsere Beschreibung dieser Akademiker in prekären Verhältnissen zwischenzeitlich von Systemwissenschaftlern aufgenommen wurde, müssen wir klarstellen, dass wir den Begriff als deskriptiven Begriff eingeführt und aus Strukturen abgeleitet haben. Prekäre akademische Hartz-IVler zeichnen sich entsprechend dadurch aus, dass sie entweder mangels nachgefragter Qualifikation auf einen sekundären Beschäftigungsmarkt, der eigens für sie von staatlichen Stellen geschaffen wurde, verdingen müssen oder dadurch, dass sie es über staatliche Alimentierung und eben nicht über vorhandene Qualifikation in Positionen an Hochschulen geschafft haben.

  • (4) Für akademische Hartz-IVler, die auf dem primären Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen können, ist ein sekundärer, ausschließlich staatlich finanzierter Beschäftigungsmarkt geschaffen worden, der dazu dient, staatliche Versuche, in das Leben der Bürger zu intervenieren, mit vermeintlich wissenschaftlicher Legitimation zu versorgen. Die entsprechenden akademischen Hartz-IVler finden sich in Instituten, die den Speckgürtel des BMFSFJ bevölkern und gegen Rechtsextremismus, für Migranten oder erneuerbare Energien, gegen Homophobie oder für Gender Mainstreaming agitieren.
  • (5) Die Kontrolle über die Mittel, die Hochschulen zur Verfügung stehen, wird von Kultusministerien genutzt, um akademische Hartz-IV-Vasallen, die aus eigener Qualifikation keine Chance auf eine Position in einer meritokratisch verfassten wissenschaftlichen Institution hätten, auf Positionen an Hochschulen zu hieven. Die Beispiele für entsprechende Günstlinge ministerialer Eingriffe finden sich in den Gender Studies, im Rahmen des Professorinnenprogramms, sie finden sich über die Finanzierung von Drittmittelprojekten durch Ministerien, deren einziger Zweck darin besteht, eine Legitimationsstudie für das entsprechende Ministerium zu erstellen und in vielen anderen Bereichen.
  • (6) Die Verbreitung von akademischen Hartz-IVlern auch an Hochschulen hat dazu geführt, dass sich ein akademisches Prekariat an Hochschulen ausgebildet hat. Wissenschaftler werden nicht mehr für Leistung belohnt, sondern für Anbiederung oder dafür, dass sie das richtige Geschlecht aufweisen oder homosexuell sind. Dafür werden Sonderprofessuren eingerichtet oder andere Positionen geschaffen, die sich in noch größerer Abhängigkeit von den Launen der Ministerialen befinden als dies für beamtete Wissenschaftler ohnehin der Fall ist.
  • (7) Die Verbreitung von Ministeriums-Vasallen, die z.B. auf Kosten des BMFSFJ durch Deutschland ziehen, um den Studiengang “Gender Studies” landauf landab in das Curriculum zu zwingen, hat ein Klima der Leistungsfeindlichkeit und des Duckmäusertums an Hochschulen befördert. Hinzu kommt, dass die ärmliche W3-Besoldung nur noch für akademische Hartz-IVler einen Anreiz darstellt, deren nicht vorhandene Kompetenzen ihnen jeden Zugang zum primären Arbeitsmarkt versperren.
  • (8) Das Klima der Leistungsfeindlichkeit und des Duckmäusertum führt dazu, dass von Hochschulen fast nur noch politisch korrekte und politisch konforme Aussagen zu hören sind. Ausnahmen sind Professoren, die noch im alten C-Entlohnungssystem sind, wie Werner Patzelt, oder Professoren, wie Günter Buchholz, die der staatlichen Gängelung an Hochschulen und der hinter dem Rücken ausgeübten Repressalien durch Kollegen, die Abweichung nicht dulden, durch Emeritierung entgangen sind.
  • (9) Nicht mehr Wissen und die Suche nach Erkenntnis ist Gegenstand der Tätigkeit an Hochschulen, sondern Legitimation politischer Vorgaben und Vermittlung als politisch korrekt befundener Ideologien.
  • (10) Hochschulen dienen der Legitimation des Versuchs derjenigen, die Politiker mimen, ihre Bevölkerung zu manipulieren.
  • Colemann(11) Journalisten erfüllen eine entsprechende Rolle. Sie sind diejenigen, die auf Informationen von Politikern und politische Gefallen angewiesen sind. Informationen erhalten Journalisten, die wohlgefällig sind. Kritischer Journalismus wird bestraft, durch Informationsentzug oder durch Nachsitzen wie bei Frank Plasberg (Hart aber fair).
  • (12) Journalisten erfüllen eine kritische Funktion, denn die Versuche der Politiker, Deutsche zu manipulieren, sind vom Zugriff auf die Medien und ihre Reichweite abhängig.
  • (13) Die Reduzierung von Journalismus auf eine bloße Sprecherfunktion, die darin besteht, vorgefertigte Pressemeldungen, die über dpa oder direkt von Ministerien lanciert werden, abzudrucken, ebenso wie die schlechte Bezahlung der meisten Journalisten hat dazu geführt, dass auch Journalismus nur noch für Personen interessant ist, deren Qualifikation nicht dazu ausreicht, um auf dem primären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
  • (14) Politik, weite Teile der System-Wissenschaft und des Jorunalismus haben sich zu einem Market for Lemons entwickelt. Die Akteure auf diesem Markt teilen eine prekäre Situation, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass die fehlenden Kompetenzen die Sicherheit der eigenen Position davon abhängig macht, dass sie nicht hinterfragt wird.

Diese 14 Thesen stellen für uns Randbedingungen dar, unter denen Akteure handeln. In der Regel verhalten Sie sich konform, wie dies bereits im Rahmen einiger der Thesen beschrieben wurde. Die Randbedingungen beeinflussen das Handeln der Akteure, die ihnen unterworfen sind. Von diesen Akteuren nehmen wir an, dass sie sich innerhalb ihrer Systemlogik rational verhalten.

Interessant wird das Verhalten von Politikern, Systemwissenschaftlern und Journalisten dann, wenn ein neuer, ein abweichender Stimulus auftaucht, der als Gefahr wahrgenommen wird.

Ein solcher Stimulus hat z.B. im Begriff der Lügenpresse seinen Niederschlag gefunden. Den Begriff der Lügenpresse muss man als Soziologe als Ausdruck dafür nehmen, dass Bürger mit der Art und Weise, wie sie unterrichtet werden, nicht zufrieden sind. Sie hinterfragen die Art und Weise der Berichterstattung, weisen auf Widersprüche und Fehler, auf Manipulationsversuche und darauf hin, dass die Intelligenz derjenigen, die Medien ausgesetzt sind, vermutlich im Durchschnitt höher ist als die Intelligenz derer, die Medien gestalten.

Nicht nur Journalisten werden kritisch hinterfragt, auch Politiker und Systemwissenschaftler. Nicht zuletzt Blogs wie ScienceFiles haben es sich zur Aufgabe gemacht, zum einen die Nieten an Hochschulen erkennbar zu machen, zum anderen die Selbstbedienung, die Parteien derzeit an Steuergeldern betreiben und den intellektuellen Absturz dessen, was in Deutschland Politik sein soll, darzustellen und zu kritisieren.

Und diese Kritik entfaltet ihre Wirkung, wie sich zum einen daran zeigt, dass Systemwissenschaftler und Journalisten herbeieilen, um kritische Bürger zunächst als Wutbürger zu beschimpfen und dann als deprivierte, dumme und verbitterte Versager zu diskreditieren [Die Vasallen des Staates tun offensichtlich alles, um die Anliegen der so diffamierten nicht als legitim erscheinen zu lassen.]

Die Pauschalität der Beleidigungen, die sich generell gegen alle richtet, die auf die Straße gehen, die Politiker kritisieren und die Journalisten Fehlinformationen nachweisen, ist bemerkenswert. Selbst als Chaoten von Blockupy die Innenstadt von Frankfurt zerlegt haben und Polizeiautos in Flammen aufgegangen sind, wurde fein säuberlich zwischen Chaoten und richtigen Demonstranten, die ein legitimes Interesse zum Ausdruck bringen wollten, unterschieden. Bei vermeintlich rechten Demonstranten, die durch Dresden laufen oder gegen Flüchtlinge demonstrieren, ist dies nicht der Fall. Hier reichen ein paar Chaoten um alle Demonstranten als illegitime Wutbürger zu brandmarken.

Die Brandmarkung erfolgt auf geschlossener Front. Angebliche Soziologen differenzieren nicht und haben keinerlei Problem damit, die Erforschung eines Phänomens mit der Beschimpfung der Träger des Phänomens zu vertauschen. Angebliche Journalisten berichten von Übergriffen und interviewen generell niemanden, der ein möglicherweise legitimes Interesse zum Ausdruck bringen könnte. Und Politiker sind einheitlich schockiert und betroffen. Das vollkommene Fehlen von Kompetenzen und Qualifikationen, es ist offensichtlich:

JobcenterViele Wissenschaftler sind zu bloßen Sprechern ihrer politischen Herren geworden, die soziale Phänomene nicht mehr zu erklären, sondern zu diskreditieren suchen. Als prekäre Systemwissenschaftler ist ihre Professur eben der ständigen Gefahr einer Abwicklung, der anonymen Überwachung, der Denunziation oder der Dienstaufsichtsbeschwerde ausgesetzt. Besser man ist vorauseilend gehorsam. Als akademische Hartz-IVler im Institutsdienst sind sie von ihren politischen Auftraggebern aus den Stiftungen der Parteien oder aus Ministerien direkt abhängig.

Journalisten sind nicht mehr an Geschichten und Reportagen interessiert, nicht mehr an den zwei Seiten, die einen Konflikt ausmachen, sondern daran, die Guten und die Bösen deutlich herauszustellen, damit der Virus der Kritik nicht noch auf Bevölkerungsteile übergreift, die bislang durch Desinteresse ausgezeichnet sind.

Und Politiker? Nun, Politiker, die vergessen, dass sie doch eigentlich die gewählten Vertreter des ganzen Volkes sind. Das macht Politik und eine Regierung eigentlich aus, dass ihre Vertreter die Kompetenz und den Willen haben, die gesamte Bevölkerung so weit wie möglich zufrieden zu stellen oder doch zumindest den Eindruck zu vermitteln, dass sie die Anliegen aller Mitglieder der Bevölkerung zur Kenntnis nehmen und als legitim akzeptieren.

Die allenthalben fehlenden Kompetenzen resultieren in Anomie. Anomie kann man als Handlungsunfähigkeit angesichts eines Handlungsdrucks definieren. Fähige und kompetente Handlungen angesichts von vielen Tausend Bürgern auf der Straße wären für Soziologen die Analyse der Motive, der Versuch, die Ursachen der Unzufriedenheit und die Beweggründe der Demonstranten zu erforschen. So wie dies Werner Patzelt tut. Die Anomie der Systemwissenschaftler sie zeigt sich darin, dass ihnen nur einfällt, die Bürger zu beschimpfen, sie als Wutbürger abzukanzeln und zu hoffen, dass die Sprachmagie dazu ausreicht, die Wutbürger zu vertreiben und vor allem dazu, die Aufmerksamkeit nicht auf die eigene prekäre Situation zu lenken (die vielleicht erklärt, warum sie so wütend auf die Teile der Bevölkerung sind, die nicht in Abhängigkeit vom Staat ihr Dasein fristen, wie dies für sie der Fall ist).

Journalisten, die nicht in Anomie befangen sind und sich für einen Gegenstand interessieren, berichten von dem, was vorgeht, zeigen z.B. den Querschnitt derjenigen, die demonstrieren und berichten von den Übergriffen, die erfolgt sind, in unabhängiger und zumindest ansatzweise un-ideologischer Manier. Angesichts dieser legitimen Erwartungen der Bürger an die Art und Weise der Berichterstattung durch die Presse, sind deren Vertreter anomisch, was sich in Berichten nach Vorschrift niederschlägt, die in einen vorgefertigten Rahmen gestellt und zu Berichten über Wutbürger gemacht werden, immer in der Hoffnung, die Adressaten der Berichte würden den billigen Manipulationsversuch nicht durchschauen und nicht merken, dass die Berichterstattung gefärbt ist und nicht der Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse dient, ganz so, wie es im Ausdruck “Lügenpresse” zum Ausdruck kommt.

Politiker, die nicht in Anomie versinken, würden sich erinnern, dass es die Führungsstärke ist, die Politiker angeblich auszeichnet. Führungsstärke muss man dummer Weise vor Ort durchsetzen, und zwar als der Vertreter aller Deutschen, der man als Regierungsvertreter nun einmal sein muss. Anomische Politiker verkriechen sich in ihren gepanzerten Fahrzeugen und huldigen der Menge lieber wie der Papst, wenn er den Segen Urbi et Orbi erteilt. Mit dem Mann auf der Straße, wollen anomische Politiker nichts zu tun haben. Er macht ihnen Angst, weil ihnen die soziale Kompetenz fehlt, mit ihm umzugehen, ihn zu adressieren, mit ihm zu sprechen. Deshalb wird er als Pack oder als Wutbürger beschimpft und somit zu einem Wesen degradiert, mit dem man nicht sprechen kann. Anomische Politiker versuchen sich durch Stigmatisierung aus der Verantwortung zu stehlen und hoffen, dass es niemand merkt.

Alle drei Handlungsweisen sind in keiner Weise dazu geeignet, die Kritik an den jeweiligen Vertretern ihrer Profession verstummen zu lassen – im Gegenteil. Das eben ist das Problem mit Anomie – die Ursache geht dadurch, dass man sie ignoriert, nicht weg. Nicht einmal, wenn man Kritiker, Demonstranten und Chaoten über einen Kamm schert und allesamt als Wutbürger beschimpft, geht die Ursache weg – ganz im Gegenteil.

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