WOW: Nazis bei der Amadeu-Antonio-Stiftung

Fragezeichen als Mittel der Suggestion, erfreuen sich übrigens einer zunehmenden Beliebtheit.

Nazis bei der Amadeu-Antonio-Stiftung?

Urteilen Sie selbst:

Der verlinkte Text berichtet darüber, dass Unbekannte versucht haben, zwei Obdachlose anzuzünden und zu ermorden. Von Sozialdarwinismus ist im Artikel keine Rede. Vielmehr wird sachlich berichtet, dass die Polizei zum Tathergang wenig und zum Täter, zu den Tätern bislang nichts ermitteln konnte. Im verlinkten Text gibt es keinerlei Mutmaßung darüber, welche Ursachen die versuchte Tötung zweier Obdachloser haben könnte.

Die Mutmaßung kommt von der Amadeu-Antonio-Stiftung und zeigt, bei der Stiftung sitzen die eigentlichen Nazis, denn die Erklärung, die die Stiftung suggerieren will, sie lautet: Die Täter, die rechten Täter versteht sich, waren von sozialdarwinistischen Säuberungsphantasien besessen.

Um auf dieses Erklärungsangebot zu kommen, muss man mehrere Prämissen haben:

  1. Man muss der Ansicht sein, dass obdachlose Männer lebensunwerter sind als andere Menschen.
  2. Man muss der Ansicht sein, dass durch die Beseitigung obdachloser Männer der menschlichen Spezies ein Dienst dahingehend erwiesen wird, dass die Unfitten ausgemerzt werden.
  3. Man muss der Ansicht sein, das Ziel menschlicher Gesellschaft bestehe darin, dass sich die Fitten gegenüber den Unfitten durchsetzen.

Logik f dummiesDiese Prämissen, die gemeinhin für Sozialdarwinismus stehen, werden durch den verlinkten Zeitungsartikel in keiner Weise nahegelegt. Es müssen also die Prämissen desjenigen sein, der für den Tweet der Amadeu-Antonio-Stiftung verantwortlich ist, denn niemand außer dem Tweeter ist auf die Idee gekommen, die Tat mit Sozialdarwinismus zu begründen. Da bislang niemand eine Idee von Motiven und Gründen für den versuchten Mord an Obdachlosen hat, ist die Idee, das Motiv und die Gründe seien in Sozialdarwinismus zu suchen, einzig und allein die Idee dessen, der sie getweetet hat (daran ändert auch das Fragezeichen nichts): Er ist wohl der Ansicht, Obdachlose seinen human trash. Er ist wohl der Ansicht, Obdachlose könnte man ohne Kosten für die Gesellschaft beseitigen. Und er ist wohl der Meinung, dass damit dem gesellschaftlichen Fortkommen gedient ist.

Nun ist es seit August Bebel eigentlich kein Geheimnis, dass sich Linke auf die Lehre von Darwin gestürzt und sie auf soziale Fragen übertragen haben. Dabei haben sie sich u.a. bei Ernst Haeckel bedient, einem Biologen, der Darwinismus zu jener, für den deutschen Sprachraum so eigenen Variante des Sozialdarwinismus weiterentwickelt hat. Die Attraktion von Sozialdarwinismus für Linke wie Bebel ist leicht zu erklären: Der Marxismus verkündet in seinem historischen Materialismus die Sukzession der Gesellschaftsformationen, von der Sklavenhaltergesellschaft bis in die Freiheit des Kommunismus. Der Sozialdarwinismus hat denselben Linken, die an die letztendliche Freiheit im Kommunismus glaubten, die Methode an die Hand gegeben, mit der sich die Sukzession der Gesellschaften vollzogen hat, nämlich dadurch, dass die fitte Gesellschaftsformation des Kommunismus z.B. die unfitte Gesellschaftsformation des Feudalismus (in Rußland) oder des Kapitalismus (bislang nirgends) ausmerzt. Rudimente dieser verqueeren Interpretation von Darwinismus, die Charles Darwin amüsiert, irritiert und verärgert hat, scheinen sich heute noch bei der Amadeu-Antonio-Stiftung zu finden. Dort scheint man der Ansicht zu sein, dass mit dem kommunistischen Paradies, der bürgerliche Nazi und der Human Trash bürgerlicher Gesellschaften ausgemerzt würden. Im Paradies, in dem alle bis auf die Schweine gleich sind, hat sich nämlich das Gute durchgesetzt.

Insofern Sozialdarwinismus den meisten Extremismusforschern trotz aller Belege für dessen Ursprung und Adaption im linken ideologischen Lager als Indikator rechtsextremen Gedankenguts, also für Nazis gilt, muss man feststellen: In der Amadeu Antonio Stiftung arbeitet mindestens ein Nazi, aber vermutlich mehrere.

Wie man soziale Probleme schafft, institutionalisiert und wartet

Wir schließen mit diesem Beitrag an einen Beitrag von Dr. habil. Heike Diefenbach an, in dem sie am Beispiel der ad-hoc Gruppe  “Genderismus – Der Umbau der Gesellschaft. Annäherung an einen aktuellen Krisendiskurs” dargestellt hat, wie Banalitäten oder bestimmte ideologische Vorlieben bestimmter Personen zu sozialen Probleme stilisiert werden  und wie sie genutzt werden, um Meinungsvielfalt zu beseitigen.

In diesem Beitrag wollen wir uns dem Thema “soziale Probleme” von einer anderen Seite, der Seite gesellschaftlicher Macht oder besser: des Zugangs zu und der Beherrschung von Ressourcen und  medialer Kommunikation sowie der Fähigkeit, soziale Fakten als soziale Probleme zu definieren und diese Definition durchzusetzen, nähern.

Vorab noch einmal die Definition von sozialem Problem, auf der wir aufbauen:

Constructing Social problems“Our definition of social problems focuses on the process by which members of society define a putative condition as a social problem. Thus we define social problems as the activities of individuals or groups making assertions of grievances and claims with respect to some putative conditions” (Spector & Kitsuse 1977: 75; Hervorhebung im Original).

Ein kurzes Brainstorming darüber, was derzeit als soziales Problem gilt, hat die folgende Reihe erbracht: (1) der geringere Anteil von Frauen in Führungspositionen von Unternehmen, (2) häusliche Gewalt gegen Frauen, nicht etwa gegen Männer, (3) der geringere Anteil von Frauen auf Lehrstühlen an Universitäten, (4) Rechtsextremismus oder wahlweise auch Rassismus, vielleicht auch Sexismus, (5) Akzeptanz und Toleranz gegenüber Homosexualität oder genereller: sexueller Orientierung in welcher Variante auch immer, (6) das Los von Alleinerziehenden (z.B. dass sie ihre Kinder nicht mit einem Designerranzen zur Schule schicken können), (7) die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Liste wäre problemlos verlängerbar. Wer dazu Bedarf sieht, kann dies über die Kommentarfunktion gerne tun.

Für all die genannten vermeintlichen sozialen Probleme kann festgestellt werden, dass sie nicht wirklich ein soziales Problem darstellen. Die Wirtschaft floriert offensichtlich auch ohne eine Parität zwischen Männern und Frauen auf Führungspositionen oder gerade wegen der nicht vorhandenen Parität. Die Universitäten in Deutschland hatten bevor sie gleichgestellt wurden (man kann auch von Gleichschaltung sprechen) einen international guten Ruf. Seit das Professorinnenprogramm Männer diskriminiert, hat der Ruf erheblich gelitten. Homosexuelle, so hat ein Kommentator vor einiger Zeit geschrieben, waren in den 80er Jahren auch schon vorhanden und prominent, Boy George, die Pet Shop Boys usw. Niemand hat daran Anstoß genommen und sich darum gekümmert, zumal Homosexualität in all ihren Spielarten eine kleine Minderheit betrifft. Seit Toleranz und Akzeptanz für Homosexuelle lautstark gefordert wird, hat sich dagegen der Ton massiv verändert, ist rauher geworden. Auch das Häuflein Rechtsextremer, das richtig geplegt werden muss, um nicht abhanden zu kommen, ist eigentlich kein Missstand, der nach Beseitigung ruft.

Wie kommt es, dass die genannten sozialen Fakten, es gibt Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, es gibt Homosexuelle usw. zu sozialen Problemen falscher Arbeitsteilung oder der Homophobie stilisiert werden?

Zumal, warum ausgerechnet diese soziale Fakten aus dem Meer der sozialen Fakten?

sign_elderlyNehmen wir z.B. eine reale Situation in der Pflege, wie sie alltäglich ist. Ein knapp 90 Jahre alter Mann muss, nachdem ihn mehrere Krankenhausaufenthalte geschwächt haben, sein eigenes Haus, das er bislang alleine bewohnt hat, verlassen und in ein Seniorenpflegeheim einziehen. Trotz der 2000 Euro, die sein Aufenthalt pro Monat kostet, muss er ein Doppelzimmer mit einem anderen Mann teilen. Weil er geschwächt ist, kann er sich eigentlich nicht alleine bewegen, bräuchte Unterstützung, die er nicht bekommt, weshalb er dreimal im Bad und beim Versuch, die Toilette aufzusuchen, hinfällt. Weil die personelle Situation es nicht zulässt, den fast 90jährigen auf seinen wenigen Gängen zur Toilette zu begleiten, werden ihm kurzerhand Windeln verpasst. Die beschriebene Form der Entwürdigung alter Menschen in Deutschland beruht auf einer wahren Begebenheit. Sie ist ein Beispiel für viele. Sie ist alltäglich in einer Gesellschaft, in der 2000 Euro monatliche Miete in einem Pflegeheim nicht ausreichen, um den Mietern ein anständiges und würdevolles Leben in ihren letzten Jahren zu ermöglichen. Das Beispiel beschreibt soziale Fakten, die es nicht zum sozialen Problem geschafft haben.

Oder nehmen wir Obdachlosigkeit ein typisch männliches Problem, das in der Regel in Verwahrlosung und Alkoholismus endet. Obdachlosigkeit ist ein sozialer Tatbestand, aber kein soziales Problem. Nicht einmal ein Tausendstel der Mittel, die für die Schaffung von Nottelefonen für häusliche Gewalt und Frauenhäusern bereit gestellt werden, wird bereitgestellt, um Programme und Maßnahmen, die ja in der Helferindustrie so beliebt sind, aufzulegen und darauf hinzuwirken, Obdachlosigkeit als soziales Problem überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn zu beseitigen.

Die beiden Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Wahl dessen, was als soziales Problem angesehen wird, nicht nur selektiv ist, sondern der Regel zu folgen scheint, dass tatsächlich vorhandene Missstände sich nicht zum sozialen Problem eignen.

Warum ist das so?

Charles E. Reason und William D. Perdue (1981) geben hier eine Antwort. Reason und Perdue sehen die Konstruktion sozialer Probleme, also die Umwidmung dessen, was bislang nur ein sozialer Tatbestand war, in ein soziales Problem als Stufenprozess an, der (1) aus der Schaffung, (2) der Institutionalisierung und (3) der Wartung des sozialen Problems besteht. Wichtig für diesen Stufenprozess ist es, dass er innerhalb eines ideologischen Settings abläuft, der für die Schaffung bestimmter sozialer Probleme förderlich ist.

Das Schaffen eines sozialen Problems
Instrumentell bei der Schaffung sozialer Probleme sind soziale Bewegungen, die Reason und Perdue als Gruppen beschreiben, die aus Personen gleicher Beschäftigung, Bildung, Herkunft und Überzeugung bestehen. Eine eingängige Beschreibung, die jeder prüfen kann, wenn er z.B. den Arbeitersohn bei Greenpeace vergeblich sucht oder für die Töchter evangelischer Gemeindepfarrer bei Attac mehr als zwei Hände zum Zählen braucht. Wichtig für soziale Bewegungen sind “soziale Unternehmer”, die Zugänge zu Ressourcen und Medien haben. Ein Beispiel ist hier Alice Schwarzer, ohne die die Medien-Popularität von Feminismus oder Steuerhinterziehung in Deutschland kaum zu erklären ist. Ziel der Phase, in der ein soziales Problem geschaffen wird, ist “Salience”, also öffentliche Aufmerksamkeit, am besten positive öffentliche Aufmerksamkeit.

ideology of social problemsEntsprechend wichtig ist es, mit den eigenen Anliegen bei z.B. Zeitungs- und Fernsehredakteuren auf offene Ohren zu stoßen. Offene Ohren findet man bei ideologisch Gleichgesinnten und Menschen mit dem selben sozialen Hintergrund eher als bei ideologischen Gegnern und Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, was eine einfach Erklärung dafür ist, dass es nur solche soziale Fakten in Deutschland schaffen, als soziales Problem definiert zu werden, die der Mittelschicht einen Nutzen bringen (z.B. durch Arbeitsplätze in Maßnahmen zur Bekämpfung von Rechtsextremismus, Rassismus, Sexismus oder durch Arbeitsplätze in Vorständen). Themen, die eine gesellschaftsweite Geltung haben, deren unmittelbarer Nutzen aber nicht der Mittelschicht zukommt, weil die meisten Mittelschichtler sich z.B. nicht vorstellen können, in einem Altenpflegeheim zu arbeiten, haben entsprechend nur sehr geringe bis überhaupt keine Chancen, es zum sozialen Problem zu schaffen. Der Zeitungsredakteur gibt seinen Vater im Altenpflegeheim ab und will fortan nicht mit den Problemen der Altenpflege oder gar Kenntnissen über den Alltag im Altenpflegeheim belästigt werder. Er kümmert sich um vermeintlich wichtigere Themen: die Forderung nach einer Frauenquote im Vorstand zum Beispiel.

Es ist diese Verquickung zwischen sozialen Bewegungen und den Torwächtern, die den Zugang zu öffentlicher Information besetzen, die es Interessenvertretern (z.B. den Alten) erschwert, ihre Interessen als soziales Problem zu definieren, denn sie haben nur dann eine Chance, gehört zu werden, wenn sie den ideologischen Hintergrund und die soziale Klasse mit denen teilen, die die Zugänge bewachen.

Die Institutionalisierung eines sozialen Problems
Institutionalisiert wird ein soziales Problem, wenn Gesetze erlassen werden, die dazu dienen sollen, es zu beseitigen. In ihrem Fahrwasser gedeihen Projekte und Programme, werden die Mittel bereit gestellt, die weniger dazu dienen, das soziale Problem zu beseitigen, aber mehr dazu, die sozialen Problembeseitiger zu finanzieren. Hat es ein soziales Problem über die Hürde der Institutionalisierung geschafft, dann ist es etabliert, schafft Arbeitsplätze, Gesprächsstoff beim Rotwein und gibt mannigfaltigen Anlass, die Stirn in tiefe Falten zu legen und weitere Mittel zur Beseitigung immer neuer Folgeprobleme zu fordern.

Die Wartung eines sozialen Problems
Die Folgeprobleme, die sich regelmäßig einstellen, wenn ein soziales Problem institutionalisiert wurde, gehören in den Bereich der Wartung des sozialen Problems. Die Wartung dient dazu, nicht nur dafür zu sorgen, dass das soziale Problem als Arbeitsbeschaffer Bestand hat, sondern auch dazu, die Öffentlichkeit in regelmäßigen Abständen darauf hinzuweisen, dass das soziale Problem nach wie vor vorhanden und nicht beseitigt ist, dass es deshalb notwendig ist, weitere Steuergelder für den Kampf für oder gegen … [bitte beliebige Banalität einsetzen] bereit zu stellen.

Das also ist die Erklärung dafür, warum bestimmte soziale Fakten, die tatsächliche Missstände darstellen, es nicht zum sozialen Problem schaffen, und dafür, warum es soziale Fakten, die an Banalität kaum zu übertreffen sind, schaffen, zum sozialen Problem stilisiert zu werden. Die Erklärung ist eine Mischung aus Opportunismus, Klassenstruktur und dem, was DiMaggio und Powell (1983) Isomorphie genannt haben, jenem Prozess der beschreibt, dass die Zugänge zu Ressourcen in modernen Gesellschaften in immer größerem Ausmaß von denselben farblosen Gestalten mit denselben Interessen, der selben Langeweile und der selben Unfähigkeit oder Unwilligkeit, einen konkreten Missstand zur Kenntnis zu nehmen, besetzt werden.

 

DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter (1983). The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48(2): 147-160.

Reason, Charles E. & Perdue, William D. (1981). The Ideology of Social Problems. Sherman Oaks: Alfred Publishing.

Spector, Malcolm & Kitsuse, John I., 1977: Constructing Social Problems. Menlo Park: Cummings.

Koblenzer Forscher bringen das Wort “Mann” nicht über sich

Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit, wie es heute heißt, ist ein Problem, das diejenigen, die es betrifft, vermutlich nicht lustig finden werden. Wer gezwungen ist im Obdachlosenasyl oder in sonstigen Anlaufstellen, die Schlafraum, aber eben keinen Wohnraum zur Verfügung stellen, Unterschlupf zu suchen, dem fehlt – trotz aller Clochard-Romantik, die vornehmlich von Leuten versprüht wird, die in Hotels und nicht im Obdachlosenasyl oder unter der so oft beschworenen Brücke absteigen, ein wesentlicher Bestandteil eines vollwertigen Lebens.

Obdachlosigkeit ist in Deutschland ein Thema, von dem Wissenschaftler nichts wissen wollen, obwohl die Erforschung sozialer Probleme, doch angeblich so viele bewegt. Nun ist Obdachlosigkeit eine Angelegenheit, bei deren Beschäftigung man genötigt sein könnte, den Schutzraum des eigenen Büros zu verlassen und am Ende noch Kontakt mit Obdachlosen aufzunehmen. Das mag einiges erklären.

Wir haben in der Vergangenheit bereits darüber berichtet, wie sehr, das Thema “Obdachlosigkeit” von denen, die sich als Ungleichheitsforscher sehen, links liegen gelassen wird.

ObdachlosenasylNur wenige Ausnahmen gibt es zu berichten und die Ausnahmen, die es zu berichten gibt, zeigen eines: Obdachlosigkeit ist vornehmlich für Männer ein Problem: zwei Drittel der Obdachlosen sind männlich. Angesichts der miserablen Datenlage des sozialen Problems “Obdachlosigkeit”, für das sich nicht einmal die Wissenschaftler interessieren, die durch Kreuzzüge gegen Armut und Hartz IV auffallen, ist es erfreulich, dass an der Hochschule Koblenz ein Forschungsprojekt zum Thema Obdachlosigkeit durchgeführt wurde.

Es ist auch erfreulich, dass sich die Projektverantwortlichen Prof. Dr. Robert Frietsch, Dirk Holbach und Sabine Link getraut haben, mit 161 obdachlosen Menschen “sehr ausführliche persönliche Gespräche” zu führen, die durch Interviews mit “58 Experten…, die in Hilfseinrichtungen und Jobcentern tätig sind”, ergänzt wurden.

Nicht erfreulich ist jedoch die Darstellung eines Problems, dessen männliche Dominanz man kaum leugnen kann, oder doch?

Hochschule Koblenz“Die Ergebnisse”, so berichtet Dirk Holbach, “zeichnen vielschichtige Bilder der Lebensumstände wohnungsloser Menschen”. In Deutsch heißt dies, es ist nicht gelungen, ein oder doch wenige einheitliche Themen zu finden, die den Weg in die Obdachlosigkeit determinieren. Wann immer die Ergebnisse zu diffus sind, als dass man sie zusammenfassen könnte, reden überforderte Wissenschaftler entsprechend von “vielschichtigen Bildern”, Ergebnissen oder Entwicklungen. Weiter im Text: “Auch” in Rheinland-Pfalz, so erfahren wir, liegt das Durchschnittsalter inzwischen bei 35 Jahren, gar jeder vierte ist jünger als 25 Jahre”. Gemeint ist das Durchschnittsalter obdachloser Personen. Worauf sich das “auch” bezieht, ist unklar. Aber: “Besorgnis erregend”, so findet Sabine Link, “ist auch [wieder so ein bezugsloses auch] der kontinuierlich steigende Anteil der Frauen, der jetzt schon 25 Prozent beträgt”.

Anmerkung unsererseits: Die drei Koblenzer Wohnungslosenforscher haben 161 Wohnungslose und 58 Experten bis Ende Mai 2014 befragt. Wie man auf Grundlage dieser Daten einen Trend, einen kontinuierlich steigenden Anteil ermittelt haben will, ist uns ein Rätsel, aber vermutlich hat ein Experte gesagt, dass der Anteil von Frauen ansteigt, fast so gut wie empirische Daten – oder?

Geeigneter Wohnraum ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Obdachlosigkeit, so erfahren wir weiter und fangen langsam an uns zu fragen, ob dieses Forschungsprojekt ein schlechter Witz ist, denn dass Reichtum das beste Mittel gegen Armut ist, kann man auch herausfinden, ohne ein Forschungsprojekt durchzuführen. Aber es kommt noch besser:

“Vielfältig und verwoben [ oder vielschichtig; !sic] sind die Problemlagen, in denen die Wohnungslosen stecken: Alkoholsucht, langjährige Arbeitslosigkeit, niedriger Schulabschluss, Überschuldung, Tod enger Bezugspersonen, traumatisierende Gewalterfahrungen – vor allem bei Frauen. Gerade bei den Jüngeren liegt häufig nur ein niedriger Schulabschluss vor. Dazu kommen oft Hafterfahrungen, auch wegen Bagatelldelikten wie zum Beispiel „Schwarzfahren“.

Und weiter:

„Angesichts der vielschichtigen [!sic] Problemlagen der Betroffenen ist es nötig, dass Fachleute der verschiedenen sozialen, medizinischen Bereiche und vor allem auch der Jobcenter kooperieren und sich gemeinsam um die Lösung der einzelnen Probleme kümmern“, weiß Frietsch, „nur so ist eine Rückkehr der Betroffenen in die Gesellschaft mit gesichertem Wohnraum möglich.“

In Punkto Floskeln ist den Koblenzer Forschern der einfache Kleindiek sicher. Die zwischenzeitlich vielschichten Problemlagen erfordern entsprechend ganz viele Fachleute, die sich gemeinsam oder getrennt den Kopf über die Obdachlosen zerbrechen, die besorgniserregender Weise und steigend zu 25% weiblich sind, und alkoholsüchtig und arbeitslos und traumatisiert durch Gewalterfahrungen, “vor allem bei Frauen”, und wegen Schwarzfahren ins Haft kommen, aber doch nur mit einem Mittel in die Gesellschaft re-integriert werden können: mit gesichertem Wohnraum.

Es ist natürlich Unfug zu behaupten, dass Schwarzfahren zu einer Haftstrafe führt. Erst wenn Vorstrafen dazu kommen, die bereits bei der letzten Verhandlung nur mit erheblicher richterlicher Nachsicht in eine Strafaussetzung zur Bewährung gemündet sind, kann ein Schwarzfahren das berühmte Fass zum Überlaufen bringen.

MannUnd hier reicht es, hier ist endgültig der Punkt, an dem wir von diesen angeblichen Forschern genug haben. Sie bringen es im Verlauf ihrer Pressemeldung, die 460 Worte umfasst, nicht über sich, den Begriff “Männer” oder “Mann” auch nur einmal zu verwenden, dagegen wird nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass besorgniserregender Weise 25% der Obdachlosen weiblich sind und traumatisiert wegen Gewalterfahrungen und ansonsten sind die Ergebnisse zu vielschichtig, um im Detail berichtet zu werden.

Wozu finanziert man solche Forschung? Wozu lässt man Forscher wie Frietsch, Holbach und Link auf die Welt los? Wozu gibt man ihnen die Mittel, um ein wichtiges Thema zu erforschen, wenn alles, was dabei herauskommt, zu vielschichtig ist, um berichtet werden zu können und zu vielschichtig, um konkrete Hilfe zu ermöglichen, aber gleichzeitig und angeblich dennoch durch eine einzige Lösung beseitigt werden kann, wenn man als Leser damit verulkt wird, dass das beste Mittel gegen Obdachlosigkeit die Bereitstellung von Wohnraum ist und ansonsten dabei zusehen muss, wie Forscher derat gehemmt, feige und politisch korrekt sind, dass ihnen an keiner Stelle über die Lippen oder die Tastatur kommt, dass Obdachlosigkeit ein männliches Phänomen ist.

Deshalb zum Üben:

  • Obdachlosigkeit ist ein männliches Phänomen.
  • Besorgniserregende 75% der Obdachlosen sind Männer.
  • Viele davon sind Alkoholiker (und haben vielleicht ein Gewalttrauma, aber niemand fragt sie).
  • Viele davon sind überschuldet, darunter die meisten aufgrund einer Scheidung, ja, auch das darf man sagen.

Bei diesen vier Punkten wollen wir es belassen, sonst wird die Aufgabe zu vielschichtig für die Koblenzer, und wir wollen ja, dass sie etwas lernen. Man darf die Wahrheit aussprechen, nein, als Forscher MUSS man die Wahrheit aussprechen, sonst ist man die Zahl nicht wert, die auf dem monatlichen Lohnstreifen steht und sich der Verachtung der ScienceFiles-Betreiber sicher.

Und am besten die Koblenzer Forscher wiederholen die Ergebnisse:

  • Obdachlosigkeit ist ein männliches Phänomen.
  • Besorgniserregende 75% der Obdachlosen sind Männer.
  • Viele davon sind Alkoholiker (und haben vielleicht ein Kindheitstrauma, aber niemand fragt sie).
  • Viele davon sind überschuldet, darunter die meisten aufgrund einer Scheidung, ja, auch das darf man sagen.

Obdachlosigkeit – Ein “männliches Schicksal”

Ausgangspunkt dieses blog-Beitrags ist eine eMail, die mir ein Leser dieses blogs vor einiger Zeit geschickt hat. Darin berichtet er von einem Schriftwechsel mit der BAG Wohnungslosenhilfe e.V., dessen Ziel für ihn darin bestand, die Angabe der BAG, dass 74% der Obdachlosen männlich und 26% weiblich sind, zu verifizieren. Entsprechend hat er bei der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. nachgefragt – und wie es bei eMail-Wechseln mit Institutionen in Deutschland offensichtlich üblich ist, hat er keine Antwort erhalten.

Ich habe vor dem Hintergrund dieser eMail versucht, Daten zum Thema “Obdachlosigkeit” zu beschaffen, die nicht von der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. stammen, um die Daten der Wohnungslosenhilfe unabhängig zu prüfen und etwas Licht in das Dunkel, das  “Obdachlosigkeit” in Deutschland einhüllt, zu bringen. Wie bei vielen wirklichen sozialen Problemen, also sozialen Problemen, die die Lebenschancen von Menschen beeiträchtigen, so gibt es auch bei der Obdachlosigkeit keine bundesweit erhobenen Daten. Das Statistische Bundesamt scheint zu sehr mit Fragen des Gender Pay Gaps beschäftigt zu sein, als dass es sich um das Problem der Obdachlosigkeit kümmern könnte.

Eine Suche nach Veröffentlichungen zum Thema Obdachlosigkeit in den einschlägigen wissenschaftlichen Datenbanken hat  eine überschaubare Menge von Veröffentlichungen zum Ergebnis, die wie so viele Themen, die sich mit sozialen Problemlagen beschäftigen, in den 1970er bis 1990er Jahren klumpen und danach weitgehend verschwinden, denn spätestens Mitte der 1990er Jahre hat der Genderismus die “wissenschaftliche” Forschung aufgezehrt. Seitdem finden sich in wissenschaftlichen Zeitschriften zwar Unmengen von Beiträgen über die angeblichen Nachteile von Frauen, im Beruf, im Privatleben, im Glücklichsein, im Kindererziehen, im Zugang zu Transferleistungen, bei der Hausarbeit, durch Rückenschmerzen, durch die Kosten von in-Vitro Fertilisation, durch Teilzeitarbeit, durch Arbeitslosigkeit, durch Umweltverschmutzung, Klimawandel und Globalsierung als ganzes, aber es finden sich kaum noch Texte, in denen soziale Probleme, die es wirklich gibt, analysiert, beschrieben und – ich wage es kaum zu denken – erklärt werden. Obdachlosigkeit macht hier keine Ausnahme. Und da Obdachlosigkeit zudem ein soziales Problem darstellt, das nach landläufiger Meinung vornehmlich Männer betrifft, kommt es Genderisten in ihrem Frauenbenachteiligungs-Rausch natürlich nicht in den Blick.

Eine Ausnahme von dieser Ignoranz gegenüber einem wirklichen sozialen Problem habe ich ausgerechnet in der Discussion-Paper Reihe des Intstituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg gefunden. Zwei Wissenschaftler der Universität Passau, Alexandra Kröll und Oliver Farhauer, untersuchen unter dem Titel “Examining the Roots of Homelessness” die Ursachen der Obdachlosigkeit, d.h. das, was sie dafür halten. Ihre Forschung begründen sie damit, dass Obdachlosigkeit eine extreme Form der Arbeitslosigkeit sei, die sich negativ auf das physische und psychische Wohlbefinden auswirke und eine vorzeitige Sterblichkeit mit sich bringe. So hätten Studien aus London ergeben, dass die Lebenserwartung Obdachloser (people sleeping rough) um rund 10 Jahre geringer ausfalle als die durchschnittliche Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung. Kröll und Farhauer sind der Ansicht, dass Obdachlosigkeit durch hohe Mietpreise verursacht wird und durch Langzeitarbeitslosigkeit zumindest mitverursacht wird, und testen diese Annahme auf der Grundlage von Daten aus dem Land Nordrhein-Westfalen und auf aggregierter Ebene, d.h. sie ordnen der Anzahl der Obdachlosen pro Verwaltungseinheit, die jeweilige Quote an Langzeitarbeitlosen zu, die entsprechende Anzahl freier Wohnungen und berechnen eine multiple Regression. Das Ergebnis: In Verwaltungsbezirken, in denen der Anteil der Langzeitarbeitslosen (an der Gesamtbevölkerung) hoch und die Anzahl leerstehender Mitewohnungen mit einer Fläche von weniger als 40 Quadratmeter gering ist, ist die Wahrscheinlichkeit, auf Obdachlose zu treffen, höher als in Verwaltungsbezirken, in denen der Anteil der Langzeitarbeitlosen und die Anzahl leerstehender Wohungen gering sind.

Obdachloser Mann

Kröll und Fahrhauer liefern eine robuste Aggregatdatenanalyse, sie liefern jedoch keine Erklärung für Obdachlosigkeit, denn von der Anzahl der leerstehenden Mitwohnungen unter 40 Quadratmeter bzw. dem Anteil Langzeitarbeitsloser bis zur Erklärung der Obdachlosigkeit von Martin F. ist es noch ein weiter Weg. Und, angenommen Männer sind häufiger von Obdachlosigkeit betroffen als Frauen, wieso, so müsste man vor dem Hintergrund der Ergebnisse von Kröll und Fahrhauer fragen, wirkt sich der Wohnungs-Leerstand und die Langzeitarbeitslosigkeit in einem Verwaltungsbezirk vornehmlich auf Männer und kaum auf Frauen aus? Das Diskussionspapier der beiden Autoren wirft somit mehr Fragen auf, als es beantwortet und beantworten kann, denn eine Differenzierung der Obdachlosen nach Geschlecht findet sich im Diskussionspapier nicht. Dies ist auch kein Wunder, denn Daten zur Obdachlosigkeit werden nur sporadisch erhoben, und da wo sie erhoben werden, werden sie zumeist nicht nach Geschlecht differenziert. Eine Ausnahme macht hier das Land Nordrhein-Westfalen, das in  seiner “Integrierten Wohnungsnotfall-Berichterstattung 2011” erstmals eine Aufgliederung nach Geschlecht vorgenommen hat. Ich berichte im Folgenden einige Ergebnisse aus der Berichterstattung, die mir freundlicherweise vom Statistischen Landesamt NRW zur Verfügung gestellt wurden.

Grundlage der Berichterstattung ist eine Erhebung des Landesamts, die  flächendeckend  alle kommunalen Ämter, die für die Versorgung Obdachloser zuständig sind, und alle Freien Träger, die sich um Obdachlose in NRW kümmern, einbezogen hat. Dass die angeschriebenen Ämter und Freien Träger nicht alle geantwortet haben, bedeutet, dass die im folgenden berichteten Daten in der Struktur für NRW aussagekräftig sind, in der Höhe aber zu gering ausfallen.

Im Jahr 2011 waren in NRW 16.448 Personen als obdachlos erfasst, 10.132 durch kommunale Behörden, 6.316 durch Freie Träger. Die folgende Abbildung zeigt die Verteilung der  in NRW gemeldeten Obdachlosen nach Alter und Geschlecht.

Die Abbildung zeigt eindrücklich, dass Obdachlosigkeit ein soziales Problem ist, das vornehmlich Männer und vornehmlich Männer im Alter zwischen 21 und 64 Jahren betrifft. Da Obdachlose, wie die oben berichteten Ergebnisse aus London zeigen (Daly, 1993), eine deutlich geringere Lebenserwartung haben als die Restbevölkerung ist es nicht verwunderlich, dass Obdachlosigkeit in der Gruppe der über 64jährigen keine große Bedeutung mehr hat. 74,7% der Personen, die im Jahre 2011 in NRW obdachlos waren, sind Männer, 25,3% Frauen. Differenziert man nach Freien Trägern und kommunalen Ämtern, dann beträgt der Anteil der obdachlosen Männer, die durch Freie Träger erfasst werden, 81,8% bei kommunalen Ämter 67,7%. Obdachlose Männer ziehen somit die Unterkunft bei Freien Trägern der Unterkunft bei kommunalen Ämtern vor. Hinzu kommt, dass der Anteil von weiblichen alleinstehenden Obdachlosen mit Kindern und der Anteil von Paaren unter den Obdachlosen, die sich bei kommunalen Ämtern einfinden, deutlich höher ist als der entsprechende Anteil, der bei Freien Trägern Unterkunft sucht, so dass es interessant wäre zu erfahren, wie und wo die entsprechenden Personen durch kommunale Ämter und Freie Träger untergebracht werden. Die entsprechenden Daten liegen jedoch nur für Freie Träger vor. Es zeigt sich, dass die Mehrzahl der Obdachosen bei Bekannten (34,3%), in stationären Einrichtungen (28,3%), in Notunterkünften (9,3%), bei der Familie (7,6%) in ambulant betreuten Wohnungsprojekten (6,7%) oder in einer ungesicherten Ersatzunterkunft (2,2%) Unterschlupf finden.

Grenzt man nunmehr die Betrachtung auf die Obdachlosen ein, die dem öffentlichen Bild eines Obdachlosen entsprechen und entweder in stationären Einrichtungen, Notunterkünften oder ungesicherten Ersatzunterkünften Unterschlupf gefunden haben, dann stehen 1961 Männer (84,5%) 360 Frauen (15,5%) gegenüber, d.h. Obdachlosigkeit im “klassischen Sinne” ist ein soziales Problem, von dem überwiegend Männer betroffen sind, was erklären dürfte, warum das Problem so wenig Aufmerksamkeit in der medialen und politischen Öffentlichkeit findet. Dies führt mich zurück zur Armut der wissenschaftlichen Forschung, die fast schon eine Schande für die sozialwissenschaftliche Zunft ist, die – und ich wiederhole mich – vor Fixierung auf weibliche Geschlechtsteile, die eigentliche Aufgabe von Sozialwissenschaftlern, nämlich die Erforschung, Erklärung und Mitwirkung bei der Behebung wirklicher sozialer Probleme vergisst.

Karl Griese (2000). Obdachlosenasyl. Berlin: Dr. Köster

Eine Ausnahme stellt hier Karl Griese dar, der im Jahr 2000 seine Dissertation veröffentlicht hat, die sich mit den männlichen Insassen eines Obdachlosenasyls beschäftigt. Auf der Grundlage seiner qualitativen Analysen kann man nunmehr die Frage nach der Erklärung für Obdachlosigkeit, also dafür, dass sich vornehmlich Männer keine eigene Wohnung mehr leisten können, angehen. Am Ende seines Buches stellt Griese am Beispiel von 20 Einzelfällen den Weg in die Obdachlosigkeit dar, und in fast jedem der Fälle, steht die Obdachlosigkeit am Ende von Beziehungsproblemen, Scheidungen und den damit einhergehenden finanziellen Unterhaltsverpflichtungen, von Alkoholproblemen, deren Ursache unklar ist, die aber zum Ergebnis haben, dass der entsprechende Obdachlose seine Arbeit verliert und in die Obdachlosigkeit rutscht. Zwei Beispiele mögen hier zur Illustration genügen:

“1974 haben wir geheiratet und bald kam auch unsere Tochter. Dies ist jetzt auch schon 22 oder 23 Jahre alt. Muss also 7 oder 8 Jahre her sein, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Meine Frau hatte ja gedacht, sie könnte mich ausnehmen mit Unterhalt, aber das war nichts”.

“Irgendwie hab’ ich das mit dem Tod meiner Eltern nie richtig verkraftet. Bereits als meine Eltern gestorben sind, gab das für mich so einen Knacks und dann hat mich nichts mehr in Kiel gehalten. Damals ging das schon los mit Alkohol. Ich habe aber immer gearbeitet, bis es dann körperlich nicht mehr ging. So 1982 war dann Schluss. Da kam dann auch die Scheidung. Da hab’ ich dann zuerst bei einem Freund gewohnt … jetzt bin ich schon über 10 Jahre hier [im Obdachlosenasyl].

Die Beispiele werfen die Frage danach auf, welche Bedeutung Frauen als Ursache für die Obdachlosigkeit von Männern zukommt, und sie werfen die Frage danach auf, in wie weit institutionelle Regelungen wie Unterhaltsverpflichtungen und Anschlussregelungen an das Scheidungsrecht, die Obdachlosigkeit von Männern zumindest mit verursachen. Beide Fragen, wie so vieles, was derzeit nicht in den politischen Mainstream passt, was nicht politisch korrekt ist, warten derzeit noch darauf, durch wissenschaftliche Forschung wieder-entdeckt und hoffentlich beantwortet zu werden.

Nachtrag

Ein ärgerlicher Fehler findet sich in der Veröffentlichung des Ministeriums Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW. Dort heißt es auf Seite 5: “Der Anteil der Alleinstehenden an allen wohnungslosen Haushalten liegt bei fast drei Viertel (72,4%), darunter waren alleinstehende Männer mit einem Anteil von 57,0% in der überwiegenden Mehrheit”. Die Tabelle, auf die sich die Angaben beziehen, zeigt, dass sich die 57% Männer auf alle Wohnungslosen, die kommunalen Ämter gemeldet sind, beziehen. Die Basis der Prozentuierung ist daher nicht, wie im Zitat behauptet, die Anzahl der Alleinstehenden an allen wohnungslosen Haushalten, die Basis sind alle wohnungslosen Haushalte. Wäre die Anzahl der Alleinstehenden Basis der Prozentuierung, der entsprechende Anteil für Männer betrüge 78,7% und nicht 57%. Solcher Art krude Fehler in einer offiziellen Publikation sind eigentlich nicht erklärlich.

Literatur
Daly, Mary (1993). Abandoned: Profile of Europe’s Homeless People. The Second Report of the European Observatory on Homelessness. Brussels: FEANTSA.
Griese, Karl (2000). Obdachlosenasyl. Beobachtungen in einem Wohnheim für obdachlose Männer. Berlin: Dr. Köster.
Kröll, Alexandra & Farhauer, Oliver (2012). Examining the Roots of Homelessness. The Impact of Regional Housing Market Conditions and the Social Environment on Homelessness in North Rhine-Westphalia Germany.
IAB-Discussion Paper 12/2012.
Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (2012). Integrierte Wohnungsnotfall-Berichterstattung 2011 in Nordrhein-Westfalen. Struktur und Umfang von Wohnungsnotfällen.

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