Hinterhältigkeit

Sieh’ da, es gibt noch Soziologen.
Zumindest hat es den Anschein.

Bislang geht die soziologische Erzählung so: Alle Menschen sind gut, bis auf Rechtsextreme, die sind böse. Alle Menschen haben sich lieb, bis auf Rechtsextreme, die hassen. Alle Menschen wollen nur das Beste für ihre Mitmenschen, bis auf Rechtsextreme, die sind egoistisch. Alle Menschen wollen Spaß und Freude haben, bis auf Rechtsextreme, die sind griesgrämig und spielverderbend.

Vergessen wir nicht den normativen Teil.

Alle Menschen sind gleich, bis auf Minderheiten, die sind so benachteiligt, dass man sie so bevorzugen muss, dass die Mehrheit benachteiligt ist.
Alle Menschen haben ein Recht auf ein glückliches Leben, aber Arbeitgeber machen dieses Recht zunichte, in dem sie Geld nur gegen Arbeit tauschen wollen.

Kurz: die soziologische Welt, wie sie sich derzeit darstellt, ist das typische Traumland, das Linke so gerne bewohnen, ein Wolkenkuckucksheim aus unbegrenzen Ressourcen, aus in Ziel, Motivation und Meinung Gleichgeschalteten, die harmonisch zusammenleben, etwa in der Weise, wie sie sich Friedrich Engels in seinen feuchten Träumen von der Urhorde erträumt hat.

Und dann gibt es die Realität, in der gelogen und betrogen wird, in der jeden Tag aufs Neue getäuscht wird, um sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen, die Realität, in der der gute Mensch aus dem soziologischen Seminar seinen Einkaufswagen als Waffe einsetzt, um nicht zu spät beim “Prosecco” aus dem Angebot anzukommen, nicht dass noch einer dieser proletarischen Untermenschen dem akademisch Verbildeten seinen Fusel wegtrinkt. Es gibt die Realität des Schmutzes, die jeden Abend als Werbung aufgetischt wird, die Inszenierung der Gleichheit, die das tiefste Europa als eine schwarze Enklave darstellt, es gibt Kriminalität, Mord, Betrug, alles, was in einer Gesellschaft als Ausdruck sozialen Handelns normal ist, aber von denen die akademisch träumen, vor allem, dass sie Wissenschaftler seien, ignoriert wird.

Und nun das.
In die harmonische Traumwelt deutscher Hochschulen, in der gute Menschen sich am Händchen haltend mit Blumengirlanden im Haar über Wiesen ringelreien … kommt:

CUT

Plötzlich tauchen Personen auf, die eine rivalisierende Sicht auf die Wirklichkeit vorbringen, eine, die mit der Realität viel besser in Einklang steht, viel besser das beschreibt, was täglich in Medien inszeniert und von Politikern vorgelogen wird: Die Soziologie der HINTERHÄLTIGKEIT.

Bei Interesse: Klicken

Es ist sicher kein Zufall, dass die Soziologie der Hinterhältigkeit zu einem Zeitpunkt in das Rampenlicht tritt, zu dem staatlich alimentiertes Denunziantentum wieder blüht, der sich dadurch auszeichnet, dass ganze Rudel akademisierter Schmarotzer gesellschatfliche Problemzustände inszenieren, um sich selbst dann in Kollusion mit Regierungen, deren Minister sich Unterstützung im politischen Kampf gegen rivalisierende Parteien kaufen wollen, als Retter vor dem inszenierten Problem zu etablieren und in Zukunft von Steuerzahlern aushalten zu lassen. Die Hinterhältigkeit in diesem Gebiet geht so weit, dass ehemalige Spitzel der Stasi ihre Dienste nun nicht mehr zur Rettung der Deutschen Demokratischen Republik vor dem Klassenfeind feilbieten, sondern dieses Mal die Demokratie als solche vor dem rechten Feind retten wollen. Wenn es darum geht, andere auszunutzen, dann muss man eben findig sein.

Die Soziologie der Hinterhältigkeit baut auf einer Renaissance von Max Weber, bekanntlich der erste, der Soziologie als die Wissenschaft definiert hat, in der soziales Handeln Forschungsgegenstand ist, soziales Handeln als Handeln, das auf andere bezogen ist und das Soziologen deutend verstehen und in seinem Ablauf und Wirken erklären wollen/sollen.

Soziales Handeln, Handeln überhaupt, kommt bei Weber in vier Handlungstypen vor: (a) Zweckrational handelt derjenige, der einen Kooperationspartner mit Verweis auf den durch Kooperation möglichen Gewinn überzeugen will. (b) Wertrational derjenige, der seinem Kooperationspartner auseinanderlegt, dass er im Auftrag Gottes unterwegs ist. (c) Affektiv derjenige, der seinen Kooperationspartner mit einem plötzlichen Wutausbruch, ob dessen mangelnder Euphorie, gefügig macht, (d) Traditional derjenige, der keinen anderen Grund für Kooperation zu geben vermag als denjenigen, dass man doch bereits in der Vergangenheit kooperiert habe.

Derzeit sind Soziologen der Ansicht, soziales Handeln sei eben das, sozial, immer und überall auf das Soziale, das Gute, den gesellschaftlichen Gewinn, die Herstellung von Harmonie gerichtet. Soziales Handeln, das dieser Folie nicht entspricht, Kriminalität, Lüge, Täuschung, wird einfach ausgegliedert, als abweichend deklariert. Klappe zu. Basta.

Das wollen Peter Imbusch und die in dem von ihm herausgegebenen Band versammelten Mitstreiter ändern. Sie wollen das, was in manchen Gesellschaften, das ist jetzt unsere Einschätzung, unter Positionsbesetzern endemisch ist, erforschen: Hinterlist und Tücke, Täuschung und Lüge, in einem Wort: Hinterhältigkeit: Der Versuch, sich auf Kosten anderer einen Vorteil zu verschaffen, und zwar unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ey, so neu ist das Ganze gar nicht. Es ist Bestandteil der Ökonomie, seit langem Bestandteil der Ökonomie. Das, was Oliver Williamson schon vor Jahrzehnten als opportunistisches Verhalten beschrieben hat, als “”…self-interest seeking with guile. This includes but is scarcely limited to more blatant forms, such as lying, stealing, and cheating”, als Selbstinteresse, das mit Arglist verfolgt wird. Das umfasst, ist aber selten darauf reduziert, eher krasse Formen wie Lügen, Stehlen und Betrügen.

Aber natürlich ist das Ökonomie. Das ist Schnapps.
Schnapps ist bekanntlich Schnapps und nicht Bier.
Soziologie ist Bier, nein Rotwein.
Wie dem auch sei, die Fächergrenzen sind hermetisch. Ein Lesen der Feindesliteratur ist ausgeschlossen.

Quelle

Aber natürlich muss man froh sein, dass Imbusch und seine Mitstreiter sich entschlossen haben, die heile Kinderwelt der deutschen Soziologie mit Hinterhältigkeit aufzumischen, mit der Soziologie der Hinterhältigkeit. Die hinterhältigen Praxen, die sie untersuchen, sie werden in vier heuristische Rahmen gespannt:

  • Hinterhältigkeit findet immer in einem gesellschaftlichen Rahmen, Imbusch und Steg nennen das eine soziale Dimension statt.
  • Hinterhältigkeit ist eindeutig als solche gemeint, ist zweckgerichtetes Handeln, das unter Täuschung einen Vorteil generieren will.
  • Hinterhältigkeit braucht eine entsprechende Einbettung, eine Opportunitätsstruktur, die Hinterhältigkeit positiv sanktioniert. Imbusch und Steg sprechen hier von Machstruktur. Wir finden die Bezeichnung, Sanktionierungsstruktur besser: Hinterhältigkeit blüht da, wo sie gesellschaftlich positiv sanktioniert wird, etwa durch einen Justizminister, der Denunziation anreizt.
  • Der letzte Punkt leitet zur Bewertung von Hinterhältigkeit über, abermals ein Merkmal gesellschaftlicher Akzeptiertheit. In Deutschland ist es z.B. möglich, dass ehemalige Stasi-Spitzel nun als Ministeriums-Spitzel ein menschenrechtsaktivistisches Dasein führen.

Und was genau zeichnet hinterhältiges soziales Handeln in diesem Rahmen aus:

  • Es ist bewusst, absichtsvolles Handeln, das
  • die Täuschung anderer zum Gegenstand hat, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, wobei
  • die Schädigung dieser anderen billigend und oft willentlich in Kauf genommen wird.

Hinterhältiges Verhalten ist a-soziales Verhalten.

Die Gesellschaft ist voll davon.
Zeit, dass es von Soziologen untersucht wird. Also richtigen Soziologen, nicht denen, die angeblich Gesellschaftswissenschaft betreiben wollen und heutzutage in den meisten Fällen doch nicht über plumben Agitprop hinauskommen,

Der von Jörg Imbusch herausgegebene Sammelband umfasst eine Reihe Fallstudien genannter Beiträge. Uns scheinen vor allem die folgenden lesenswert zu sein:

  • Susann Hanspach, Peter Imbusch, Lotta Mayer: Auf der Schleimspur – Über Arschkriecherei
  • Joris Steg: „Hast du schon gehört, dass …?“ – Macht und Wirkung von Gerüchten
  • Christian Stark: Von der Hinterhältigkeit der Korruption
  • Josua Schneider: Beobachten und Melden – Denunzuiation als hinterhältiges Handeln
  • Jörg Baberowski: Der Schauprozess
  • Peter Imbusch, Lotta Mayer und Joris Steg: Tun, was man verurteilt – Hinterhältiges Handeln als alltägliche soziale Praxis

Vor allem den zuletzt genannten Beitrag, in dem das Spannungsfeld der Heuchelei aufgespannt wird, lohnt es sich zu lesen. Er handelt von dem gesellschaftlichen Einvernehmen, das darüber besteht, hinterhältiges Verhalten als asoziales Verhalten zu ächten. Das Einvernehmen ist die eine Seite. Die andere Seite, wird von der Myriade täglicher Handlungen angefüllt, die hinterhältig sind, bei denen Akteure versuchen, andere in die Pfanne zu hauen, um sich selbst einen Vorteil zu erheischen. Und natürlich ist der Beitrag von Hanspach, Imbusch und Mayer: “Über Arschkriecherei” ein Muss, ist doch Arschkriecherei die Fortbewegungsart, die in akademisierten Zirkeln der politischen Legitimationsbeschaffer vornehmlich ausgeübt wird.

Die Soziologie der Hinterhältigkeit ist bei Beltz erschienen und kostet 29,95 Euro.



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