
Die überforderte Generation, die haben der Methusalem der Soziologie, Hans Bertram, und Carolin Deuflhard im Mikrozensus des Statistischen Bundesamts entdeckt. Die überforderte Generation zeichnet sich dadurch aus, dass sie überfordert ist. Von wem sie überfordert wird, das weiß man nicht so richtig, aber dass sie überfordert ist und von was sie überfordert ist, das wissen Betram und Deuflhard genau, denn: Die überforderte Generation sieht sich mit einer im Vergleich zu früheren Generationen längeren Ausbildungsdauer konfrontiert, und deshalb ist die überforderte Generation nach beider Ansicht genötigt, „in der kurzen Zeitspanne etwa zwischen dem 28. und dem 35. Lebensjahr … die beiden zentralen Lebensanforderungen von beruflicher Integration und Familiengründung zeitgleich [zu] bewältigen“.
Das also ist das Schicksal der überforderten Generation: Sie muss zwei vermeintlich zentrale Lebensanforderungen, nämlich Beruf und Familie unter einen Hut bringen.
Doch damit nicht genug:
„Diejenigen, die sich trotz des Widerspruchs zwischen den beruflichen Anforderungen und der Entwicklung von Familienbeziehungen für Kinder entscheiden, sind heute ungleich höheren Anforderungen ausgesetzt als noch die skeptische Generation. Denn die skeptische Generation hatte mit dem Modell der klaren innerfamiliären Arbeitsteilung – mit dem Vater als ökonomischem Versorger und der Mutter als Hausfrau – ein eindeutiges Orientierungsmuster für die Organisation von Fürsorge. Dieses Orientierungsmuster stellt für die überforderte Generation kein Vorbild mehr dar, allerdings hat der gesellschaftliche Wandel auch kein neues Muster für die Organisation von Fürsorge hervorgebracht, sodass die Zeit für Fürsorge in jeder Partnerschaft individuell ausgehandelt werden muss. Die Anforderungen und Ansprüche der Eltern an die Sozialisation der Kinder sind demgegenüber im Kontext der höheren Bildungsanforderungen deutlich gestiegen. Paare schaffen sich den familiären Raum für Fürsorge in der Regel dadurch, dass eine Person – meistens die Mütter – ihre Präsenz am Arbeitsmarkt einschränkt.“
Die überforderte Generation ist demnach die westliche Ausformung des religiösen Märtyrers, der sich – allen Widrigkeiten zum Trotz – dem Heil der nachkommenden Generation opfert.
Entsprechend nehmen es die Mitglieder der überforderten Generation auf sich, wie ihre Eltern der skeptischen Generation eine Arbeitsteilung einzuführen und denjenigen, der beiden Eltern, der am Arbeitsmarkt weniger Humankapital einzusetzen hat und deshalb weniger verdient, zur Erziehung der Kinder abzustellen, schließlich hat man die Wahl für Kinder getroffen und muss die Konsequenzen dieser Wahl tragen.
So beschrieben unterscheidet sich die überforderte Generation jedoch nicht von der skeptischen Generation, die ebenfalls durch Arbeitsteilung Kinder und Broterwerb unter einen Hut gebracht hat: Männer waren die Ernährer und Frauen die Kindererzieher, die sich um den Haushalt gekümmert haben. Wenn das heute immer noch so ist, warum ist die heutige Generation dann eine „überforderte Generation“?
In der realen Welt erfährt die überforderte Generation, deren Mitglieder diesen Unsinn glauben, dass alles anders ist. Hier steht die Ideologie der Halbtags-Genies der Realität von Tagen mit 24 Stunden und Fragen der und Streits über Arbeitsteilung gegenüber. Hier sieht sich das Halbtags-Genie im Beruf mit Ganztags-Genies konfrontiert, die ihm durch die Manager-Genies vorgezogen werden. Und so fühlt sich die überforderte Generation überfordert, weil sie es nicht schafft, in der Hälfte der (Arbeits-)Zeit denselben Wert zu generieren und die selbe Leistung zu erbringen wie andere in der vollen Arbeitszeit.
Wer hätte das gedacht, dass man mit der Hälfte der Anstrengung in der Regel nur die Hälfte der Leistung erbringen kann? Und so erweist sich die überforderte Generation auch als naive, vorsichtig ausgedrückt oder realistisch ausgedrückt: dumme Generation, die sich an Vorgaben orientiert, die ein normaler Mensch für sich ablehnt, denn ein normaler Mensch weiß, dass er sich zwei Dingen nicht in der selben Intensität widmen kann, in der er sich einem Ding widmet, dass er sich mit anderen Worten entscheiden muss, zwischen Karriere und Familie im vorliegenden Fall.
Aber: in der derzeitigen Ideologie, in der alle alles können und Genies durch Wollen entstehen, ist das nicht vorgesehen. Nicht die Entscheidungen des Individuums und die Tatsachen, dass ein Tag 24 Stunden hat und nicht nur zeitliche Ressourcen beschränkt sind, ist für das Scheitern der überforderten Generation wie sie uns Bertram und Deuflhard näher bringen, verantwortlich, sondern der fiese gesellschaftliche Geist der Benachteiligung, der sich immer wieder im täglichen Leben einmischt und hier, warum auch immer, vornehmlich weibliche Menschen aussondert:
„Die Forscher zeigen für Deutschland, dass dies eng mit der schlechteren Bezahlung von Berufen zusammenhängt, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Die Entscheidung für eine Einschränkung der Arbeitsmarktpräsenz hat allerdings langfristige Benachteiligungen im Beruf zur Folge, weil beruflicher Erfolg nach wie vor eine kontinuierliche Vollzeiterwerbstätigkeit voraussetzt.“
Ist das nicht ungerecht, dass jemand, der 8 Stunden pro Tag arbeitet, bessere Berufschancen hat als jemand, der nur 4 Stunden pro Tag arbeitet? Dieses ganze Leistungskonzept ist eine einzige Diskriminierung. Diskriminiert werden diejenigen, die wenig oder gar nichts arbeiten, die Faulen und die Lethargischen, während Workoholics auch noch belohnt werden für ihre Sucht, täglich den Standard deutscher Arbeit auf dem Niveau von 8 oder doch zumindest 7 Stunden zu halten.
Das sind Fragen, die die derzeitige Soziologie beschäftigen, die derzeitige Soziologie der überforderten Generation, die komplett dazu übergegangen ist, die Gesellschaft auf die Mittelschicht zu reduzieren, denn: Wer muss denn zwischen 28 und 35 Jahren Familienplanung betreiben, weil er denkt, es gehöre zur gesellschaftlichen Aufgabe, eine Familie zu gründen? Und wer hat mit 18 seine Lehre und mit 21 seine Meisterprüfung hinter sich? Wessen Ausbildung zieht sich denn bis zum St. Nimmerleinstag, wenn auch dem Letzten klar geworden ist, dass der 40jährige in diesem Leben keinen Abschluss in Gender Studies, Anglistik der Spätromantik und Erwachsenenbildung mehr machen wird?
Die überforderte Generation ist eine Veranstaltung der Mittelschicht, denn nur der Mittelschicht kann man Stöckchen hinhalten, erzählen, es sei möglich mit halber Kraft Karriere zu machen und zugleich mit halber Kraft Kinder zu erziehen, und nur in der Mittelschicht kann man welche finden, die das glauben.
