Spitzenpolitiker: Unter Blinden ist der Einäugige König

Das Ausmaß an Veränderung bemerkt man oft erst, wenn man mit Zeitzeugnissen einer vergangenen Ära konfrontiert ist, die den Kontrast zwischen damals und heute sehr deutlich machen.

Die vergleichende Politikwissenschaft hat sich diese Eigenschaft zunutze gemacht und vergleicht nicht nur in der Zeit, sondern auch zwischen politischen Systemen, Nationen, der Art und Weise, in der Akteure politische Ämter ausfüllen usw.

Demgemäß definieren Jan-Erik Lane und Svante Errson, die der Vergleichenden Politikwissenschaft Anfang der 1990er Jahre eine neue Richtung gegeben haben, Vergleichende Politikwissenschaft als „basically an attempt to interpret States, how they persist and how they perform“ und sie vergleichen Staaten, deren Dauerhaftigkeit, Regime, die Effizienz von Staaten, politische Akteure uvm.

Die Grundlage aller Vergleiche und aller Erkenntnis, die man aus Vergleichen ziehen kann, ist der Unterschied oder die Veränderung. Anders formuliert: Die Möglichkeit Vergleichender Politikwissenschaft setzt Unterschiede und Veränderungen voraus. Man stelle sich die armen Politikwissenschaftler vor, die in 150 bis 200 Jahren die politischen Systeme Kontinentaleuropas im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen untereinander und im Hinblick auf die Veränderung vergleichen sollen, die sie sagen wir von 2000 bis 2020 genommen haben. Sie werden, außer politisch-korrekter Gleichschaltung, die mit mehr oder weniger offener Gewalt durchgesetzt wurde, wenig zu beschreiben haben.

Ein Blick auf die Politiker wird für die nämlichen Forscher die Sache nicht besser machen: Parteisoldaten, die dem Diktat der Fraktion und der Partei unterliegen, gleichgeschaltete Gestalten in Parlamenten deren Äußerungen sich allesamt innerhalb des schmalen Gangs des politisch Korrekten bewegt, in dem sie dieselben Sprachregelungen, Benennungen und Formulierungen benutzen, um die Einöde vollständig zu machen.

Man kann den Politikwissenschaftlern der Zukunft nur raten, ihren Vergleich auf die Jahre der Bonner Republik auszuweiten, auf die Zeit, als Parlamente noch Orte des politischen Streits und nicht Orte des politischen Anbiederns waren, als Politiker zu intellektuell zu Formulierungen wie, dass es eine normative Kraft des Faktischen, aber keine faktensetzende Kraft des Phraseologischen gebe, im Stande waren, als es Politiker aus Leidenschaft und nicht Politiker zum Broterwerb gab, Parlamente, wie Dieter Hildebrandt Herbert Wehner in den Mund gelegt hat, Orte der besten Köpfe und nicht Orte der strapazierfähigsten Gesäße sein sollten.

Vor diesem Hintergrund haben wir ein wenig in Archiven gewühlt und von dort zunächst zwei Ikonen der ideologischen Auseinandersetzung herausgesucht: Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß. Beide hatten viel Spaß miteinander und sind keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen.

Heute werden die Positionen, die Wehner und Strauß innehatten als ihr Streit seinen Zenit erreichte, von Thomas Oppermann (ja, wirklich!) und von Horst Seehofer eingenommen. Man stelle sich eine Auseinandersetzung zwischen beiden vor. Wandfarbe beim Trocknen zuzusehen, dürfte aufregender sein.

Im Anschluss an den Clip featuring Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß gibt es dann noch ein besonderes Schmankerl: Die Abschiedsrede von Herbert Wehner, die Wehner nie gehalten hat, schon weil sie Dieter Hildebrandt geschrieben hat. Wir haben uns für die Version entschieden, in der Hildebrandt und nicht Thomas Freitag die Rede hält.

Viel Spaß.

Die Pflicht:

Und die Kür:

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2 Responses to Spitzenpolitiker: Unter Blinden ist der Einäugige König

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Spitzenpolitiker: Unter Blinden ist der Einäugige König

  2. Was waren das doch für herrliche Politiker – klug, verrückt, skrupellos aber leidenschaftlich.
    Und nur so großartige Kabarettisten wie Hildebrandt und auch Freitag waren in der Lage, solche Menschen darzustellen.”
    Wenn ich daran denke, wie Herbert Werner schon wutentbrannt zum Rednerpult marschierte, einfach wundervoll.
    Heute haben wir dort nur noch leblose Geschöpfe rumhängen, die ihren Anzug die nötigen Jahre bis zur Pension dort abwetzen. Wenigsten die meisten. Viele machen weiter aus dem gierigen Gefühl “Macht.” Traurig, traurig……..
    Wo werden “WIR” mit diesen Gestalten landen?

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