Der älteste bekannte Metallbohrer stammt aus dem prädynastischen Alten Ägypten: In der Archäologie weist der Wissensfortschritt immer weiter zurück in die Vergangenheit …
Man soll die Menschen, die vor einem selbst gelebt haben, niemals unterschätzen. Norman Lockyer, Sir Flinders Petrie, Robert Bauval, Christopher Dunn, Graham Hancock – viele, die sich nicht nur, aber auch mit dem Alten Ägypten beschäftigt haben, haben während der letzten gut einhundert Jahren auf überraschende archäologische Funde hingewiesen, die darauf hindeuten, dass die technologische Befähigung vorgeschichtlicher Menschen, darunter im Alten Ägypten, größer gewesen sein muss als die mainstream-Archäologie dies zugestehen wollte.
Die Bereitschaft, dies zu akzeptieren, war immer gering, aber am Ende des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. Jahrhundert hat man solche Anomalien relativ unkommentiert bestehen und in irgendeiner Schublade im Magazin irgendeines Museums in Vergessenheit geraten lassen.
Forscher wie Robert Bauval und Graham Hancock haben Jahrzehnte später die These von der technologischen (oder insgesamt kulturellen) Höherentwicklung der Menschen in der Vorgeschichte als der mainstream ihnen normalerweise zugestehen wollte, aufgegriffen und in Büchern, Vorträgen und Interviews vertreten, und zwar unter großen persönlichen Opfern insofern sie (u.a. von/in der wikipedia) als Verbreiter pseudowissenschaftlicher Thesen (und teilweise Schlimmeres) zu diskreditieren versucht wurden und werden.
Es trifft zu, dass einige ihrer Thesen gewagt sind und gewagte Thesen starke Belege benötigen, um akzeptabel zu sein, aber die Grundidee von der höheren als bislang zugestandenen kulturellen samt der technologischen Entwicklung vorgeschichtlicher Menschen, für die Bauval, Hancock und eine ganze Reihe anderer als (mehr oder weniger) Irre Beschimpften den Boden bereitet haben, hat während der letzten Jahrzehnte – und vor allem, aber nicht nur, aufgrund neuer Analysetechniken archäologischer Funde – wissenschaftlich belastbare Unterstützung erhalten.
So hat z.B. der Fund von Göbekli Tepe in der Türkei, das auf die Zeit vor etwa 11.000 Jahren datiert wurde, die Entwicklung menschlicher Ansiedlungen weiter als bisher üblich zurückdatiert, der Fund von von Neanderthalern gefärbten und durchlöcherten Muschelschalen, die wahrscheinlich als Schmuck getragen wurde, in einer spanischen Höhle hat die zumindest rudimentäre Fähigkeit zum symbolischen Denken bei nicht-modernen Menschen, die etwa vor 50.000 Jahren lebten, belegt, der in der Misliya-Höhe in Israel gefundene, etwa 194.000 Jahre alte menschliche Kieferknochen, der für 16 Jahre einfach ignoriert wurde, wurde im Jahr 2018 der (Fach-/)Öffentlichkeit als Beleg dafür vorgestellt, dass homo sapiens 50.000 Jahre früher als bis dahin angenommen seine Heimat in Afrika verlassen hatte.
Was speziell technologiebezogene Funde betrifft, so ist z.B. der Fund von Steinwerkzeugen in Xigou, China, zu nennen, der den Gebrauch von an Griffen angebrachten Steinwerkzeugen auf die Zeit von vor 160.000 Jahren zurückdatiert hat. Technologien zur Verarbeitung und zur Aufbewahrung von Pflanzen und zur Zubereitung von pflanzlicher Nahrung wie das Zermahlen wilder Getreidesorten zu Mehl und das Brot-Backen wurden in den letzten zwanzig Jahren an verschiedenen Orten nachgewiesen und haben die entsprechenden Technologien auf ein paar Tausend Jahre vor Beginn des Ackerbaus zurückdatiert.
Und eine Reihe archäologischer Funde harren bis heute einer Erklärung für ihre Zustandekommen oder ihre Anwesenheit am Fundort, so z.B. die aus Granit, Quartz oder Kalkstein gefertigten Gefäße, die aus dem vordynastischen Alten Ägypten stammen und die Frage aufwerfen, wie sie geformt werden konnten, denn mit den Werkzeugen, die man den Alten Ägyptern dieser Zeit normalerweise zugesteht – Stein- und Kupermeißel – können diese aus sehr harten Materialien bestehenden Gefäße schwerlich geformt worden sein.
Die Frage nach der Herstellung dieser Gefäße ist bislang unbeantwortet, aber die Re-Analyse vor vielen Jahren gemachter archäologischer Funde unter Verwendung neuer Analysetechniken spielt eine zunehmend wichtige Rolle bei der Beantwortung der Frage des technologischen Entwicklungsstandes vorgeschichtlicher Menschen.
Ein Beispiel dafür ist das Artefakt 1924.948 A aus dem Museum für Archäologie und Anthropologie, Universität Cambridge, das aus einer Kupferlegierung gefertigt wurde und auf die auf die archäologische Periode datiert wurde, die als Naqada IID bezeichnet wird. „Naqada IID“ bezeichnet eine Phase des prädynastischen Alten Ägyptens (also eine Phase, bevor im Alten Ägypten die ersten Pharaonen herrschten), die auf etwa 3.400-3.200 v. Chr. datierbar ist (zur relativen Chronologie der Naqada-Kultur s. Dee et al. 2014). Gefunden wurde das Artefakt bei Badari in Oberägypten im Grab eines erwachsenen Mannes, das als Grab 3932 katalogisiert wurde. Das Artefakt wurde anscheinend zuerst in den 1920er-Jahren von Guy Brunton dokumentiert und als Kupferahle beschrieben, aber danach ignoriert und vergessen.
Etwa hundert Jahre hat es gedauert, bis das Artefakt einer genaueren Betrachtung unter Verwendung neuer Analyseverfahren unterzogen wurde: Vor knapp einem Monat, genau: am 9. Februar 2026, hat die Presseabteilung der Universität Newcastle mitgeteilt, dass
„Forscher der Newcastle University und der Akademie der bildenden Künste in Wien […] ein kleines Objekt aus einer Kupferlegierung, das vor einem Jahrhundert auf einem Friedhof in Badari in Oberägypten ausgegraben wurde, erneut untersucht [haben,] und [sie] sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich um den ältesten identifizierten Drehbohrer aus Metall aus dem alten Ägypten handelt, der aus der prädynastischen Zeit (spätes 4. Jahrtausend v. Chr.) stammt, bevor die ersten Pharaonen herrschten“.
Im Original:
„Researchers at Newcastle University, and the Academy of Fine Arts, Vienna, have re-examined a small copper-alloy object excavated a century ago from a cemetery at Badari in Upper Egypt, and concluded it is the earliest identified rotary metal drill from ancient Egypt, dating to the Predynastic period (late 4th millennium BCE), before the first pharaohs ruled.“
Scientists Discovered an Ancient Egyptian Tool 2,000 Years Ahead of Its Time https://t.co/f6Tb7NQoTZ
Bei den Forschern handelt es sich um Martin Odler und Jiří Kmošek. Sie haben das 63 cm lange Objekt einer mikroskopischen Anaylse und einer Analye auf seine Zusammensetzung hin unterzogen und festgestellt, dass es sich bei dem Artefakt um einen Bohrer mit deutlichen Anzeichen einer Drehbewegung handelt und eben nicht um eine Ahle. Da der Bohrer mit Resten eines Lederriemens verbunden war, wurde er als Teil eines Bogenbohrmechanismus identifiziert. Was die Zusammensetzung des Materials betrifft, aus dem er gefertigt wurde, so ergab eine Röntgenfluoreszenzanalyse, dass es sich bei dem Material
„… um ein höchst ungewöhnliches CuAsNi-Material [eine Kupfer-Arsen-Nickel-Legierung], mit Zusatz von Silber und Blei handelt, was entweder auf Fernhandelsnetze oder auf wenig erforschte Erzquellen in der östlichen Wüste hindeutet“ (Odler & Kmošek 2025: 289).
Im Original:
„… revealed a highly unusual CuAsNi material with the addition of silver and lead, suggesting either long-distance exchange networks or underexplored Eastern Desert ore sources“.
„Eine solche Zusammensetzung hätte im Vergleich zu normalem Kupfer ein härteres und optisch unverwechselbares Metall hervorgebracht. Das Vorhandensein von Silber und Blei könnte auf bewusste Legierungsentscheidungen und möglicherweise auf ein breiteres Netzwerk von Materialien oder Know-how hindeuten, das Ägypten im vierten Jahrtausend v. Chr. mit dem gesamten antiken östlichen Mittelmeerraum verband“.
im Original:
„Such a recipe would have produced a harder, and visually distinctive, metal compared with standard copper. The presence of silver and lead may hint at deliberate alloying choices and, potentially, wider networks of materials or know-how linking Egypt to the broader ancient Eastern Mediterranean in the fourth millennium BCE” (Quelle)“
Aber nicht nur das Material, aus dem der Bohrer gefertigt ist, ist überraschend und verweist auf bislang unerforschte vorgeschichtliche Handelswege oder unbekannte vorgeschichtliche Minen. Die bloße Existenz des Bohrers ist bemerkenswert.
So sagte Martin Odler:
„Diese Re-Analyse hat eindeutige Belege dafür geliefert, dass dieses Objekt als Bogenbohrer verwendet wurde – wodurch eine schnellere und kontrolliertere Bohrbewegung erzielt worden wäre als durch einfaches Drücken oder Drehen eines ahlenartigen Werkzeugs von Hand. Dies lässt darauf schließen, dass ägyptische Handwerker bereits mehr als zwei Jahrtausende vor einigen der am besten erhaltenen Bohrersätzen das zuverlässige Bohren mit Drehbewegungen beherrschten“.
Im Original:
“This re-analysis has provided strong evidence that this object was used as a bow drill – which would have produced a faster, more controlled drilling action than simply pushing or twisting an awl-like tool by hand. This suggests that Egyptian craftspeople mastered reliable rotary drilling more than two millennia before some of the best-preserved drill sets” (Quelle)
Bis auf Weiteres handelt es sich beim Artefakt 1924.948 A aus dem Museum für Archäologie und Anthropologie an der Universität Cambridge um den frühesten bekannten Metallbohrer.
Wer weiß, vielleicht wird der alte Streit zwischen Sir Flinders Petrie und A. Lucas hinsichtlich der Frage, wie die Alten Ägypter im 3. vorchristlichen Jahrtausend Granit bohren konnten, demnächst entschieden werden (oder einer anderen Lösung zugeführt) werden können? Wer weiß,wie viele vergessene Artefakte in den Maganzinen von Museen überall auf der Erde aufbewahrt werden bis sie eines Tages wiederentdeckt werden und ggf. unsere Vorstellung von unserer Vergangenheit als Menschen verändern – und wie viele Artefakte, die dies tun könnten, noch gar nicht entdeckt sind.
In jedem Fall zeigt das Beispiel von Artefakt 1924.948 A, dass es sich keine Wissenschaft leisten kann, sich mit dem status quo des bis dahin Bekannten oder für erwiesen Gehaltenen einzurichten und Spekulationen von vornherein als Pseudowissenschaft anzutun, wenn sie den status quo zu bedrohen scheinen. Wissenschaft hat – im sogenannten Entdeckungszusammenhang – eben auch mit Vorstellungsvermögen und Offenheit für Neues zu tun; bewähren müssen sich Spekulationen dann anhand kritischer Prüfung im sogenannten Begründungszusammenhang ( (s. hierzu: Albert 1991: 44-50)
Zitierte Literatur
Albert, Hans, 1991: Traktat über kritische Vernunft. Tübingen: J.C.B. Mohr
Dee, Michael W., Wengrow, David, Shortland, Andrew J., et al., 2014: Radiocarbon Dating and the Naqada Realtive Chronology. Journal of Archaeological Science 46: 319-323
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Wichtiger als die Frage, welche nicht untersuchten Artefakten in Museumsdepots verstauben ist die Frage, welche anachronistischen, höchst störenden, die Lehrmeinungen infragestellenden Artefakte von den Museen unverzüglich nach ihrer Entdeckung zerstört wurden…
Als Ergänzung: Die Härte der Bohrer gegenüber zB Granit würde nicht ausreichen. Die damals und sehr lange übliche Bohrtechnik bestand darin, zum Schmirgeln Quarzsand zwischen dem Kupferstab und das zu bearbeitende Material zu legen. Damit schaffte man durchaus Zentimeter pro Stunde.
Nein, das war anscheinend nicht oder nicht immer der Fall gewesen. Lucas, der bereits am Ende des 19. Jahrhunderts mit Petrie über die Interpretation von Bohrlöchern diskutiert hat, hat das vermutet, aber Petrie hat dem schon damals widersprochen, und eine experimentelle Überprüfung zweier Forscher aus den 1980er-Jahren hat ergeben, dass das wohl nicht der Fall war. Falls es Sie interessiert, kann ich den alten Artikel über dieses Experiment bei Gelegenheit heraussuchen.
Vielen Dank für den wunderbaren Artikel! -Es mutet in der Tat sehr sonderbar an, wenn Wissenschaftler der Ägyptologie behaupten, die ~zwei Millionen Quader der Cheopspyramide seien z.B. mit Dolerit durch Schlagtechnik mit den Händen hergestellt worden. Und diese Wissenschaftler sind sich auch nicht zu schade, diese These filmdokumentarisch vorzustellen. Aber auch die These, diese exakt zugehauenen Steine seien über Rampen bis auf ~140 Meter Höhe transportiert worden, mutet sehr, sehr seltsam an. Und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass hier mehr Projektion als Erkenntnis im Spiel ist, dass hier mehr Brotwissenschaft und Zwang zu liefern als offene Ergebnisforschung die Triebfeder ist. Und natürlich muss man sich den Luxus ergebnisoffener Forschung leisten können, sowohl finanziell als auch durch geistige Beweglichkeit. Denn ergebnisoffene Forschung kann auch dazu führen, dass eine erbrachte Arbeitsleistung sich als Irrtum herausstellt. Und der moderne Mensch mit seiner überlegen materialistischen Weltanschauung kann sich doch gar nicht irren. Oder? Das käme doch einer horror vacui gleich. Dass dieser moderne Mensch aber selbst ein Irrtum Gottes sein könnte… 🙂
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Warum sollte das wichtiger sein? In BEIDEN Fällen entgehen uns ggf. wichtige Erkenntnisse.
Als Ergänzung: Die Härte der Bohrer gegenüber zB Granit würde nicht ausreichen. Die damals und sehr lange übliche Bohrtechnik bestand darin, zum Schmirgeln Quarzsand zwischen dem Kupferstab und das zu bearbeitende Material zu legen. Damit schaffte man durchaus Zentimeter pro Stunde.
Nein, das war anscheinend nicht oder nicht immer der Fall gewesen. Lucas, der bereits am Ende des 19. Jahrhunderts mit Petrie über die Interpretation von Bohrlöchern diskutiert hat, hat das vermutet, aber Petrie hat dem schon damals widersprochen, und eine experimentelle Überprüfung zweier Forscher aus den 1980er-Jahren hat ergeben, dass das wohl nicht der Fall war. Falls es Sie interessiert, kann ich den alten Artikel über dieses Experiment bei Gelegenheit heraussuchen.
Vielen Dank für den wunderbaren Artikel! -Es mutet in der Tat sehr sonderbar an, wenn Wissenschaftler der Ägyptologie behaupten, die ~zwei Millionen Quader der Cheopspyramide seien z.B. mit Dolerit durch Schlagtechnik mit den Händen hergestellt worden. Und diese Wissenschaftler sind sich auch nicht zu schade, diese These filmdokumentarisch vorzustellen. Aber auch die These, diese exakt zugehauenen Steine seien über Rampen bis auf ~140 Meter Höhe transportiert worden, mutet sehr, sehr seltsam an. Und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass hier mehr Projektion als Erkenntnis im Spiel ist, dass hier mehr Brotwissenschaft und Zwang zu liefern als offene Ergebnisforschung die Triebfeder ist. Und natürlich muss man sich den Luxus ergebnisoffener Forschung leisten können, sowohl finanziell als auch durch geistige Beweglichkeit. Denn ergebnisoffene Forschung kann auch dazu führen, dass eine erbrachte Arbeitsleistung sich als Irrtum herausstellt. Und der moderne Mensch mit seiner überlegen materialistischen Weltanschauung kann sich doch gar nicht irren. Oder? Das käme doch einer horror vacui gleich. Dass dieser moderne Mensch aber selbst ein Irrtum Gottes sein könnte… 🙂