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Ideologisch links orientiert seit 1960: Die ideologische Schließung der Sozialwissenschaften

Wer Augen hat zu sehen, hat es seit Langem beobachtet: Die Sozialwissenschaften sind seit Jahrzehnten in einer Krise, wenn nicht (zumindest in ihrer institutionalisierten Form) zerstört, und das scheint alle oder fast alle sozialwissenschaftlichen Disziplinen (und eine ganze Reihe geisteswissenschaftlicher Fächer), aber besonders die Soziologie, zu betreffen.

Soziologische Institute und Lehrstühle sind (nicht alle ohne Ausnahme, aber weit überwiegend) keine sozialwissenschaftlichen Einrichtungen mehr, sondern Zentren linker Aktivisten, wie eine ganze Reihe von Befragungen akademischen Personals nach ihrer Selbsteinordnung in das politische Spektrum gezeigt haben, aber auch andere Indikatoren wie z.B. Äußerungen akademischer Universitätsangestellter in sozialen Medien (speziell zu Letzteren siehe Garg & Fetzer 2025; allgemein: Hartmann 2025: 2002; Institut für Demoskopie Allensbach 2021; McAllister 2024; Manzi 2026: 2 von 26, bietet einen Forschungsüberblick für die USA; McAllister 2023/2024; van de Werfhorst 2020).

Solche Zentren linker Ideologiepflege dienen der pseudo-wissenschaftlichen Legitimation linker Ideologie, der Netzwerkbildung und gegenseitigen Versorgung mit Stellen und der Rekrutierung und Förderung ideologischen Nachwuchses. Die diesbezüglichen Mechanismen dürften zahlreich sein. Einer davon wurde kürzlich in einem Experiment von Schiekiera & Niemeyer (2025) für die Geschichtswissenschaft nachgewiesen:

„In an online experiment, 75 historians evaluated 17 fictitious contemporary history abstracts from 17 pairs, each presented with either a progressive or conservative stance. The participants made initial intuitive assessments regarding the publishability of each abstract and later provided more considered responses, also rating their Feeling of Rightness (FOR) regarding their initial judgments … Overall, participants preferred progressive abstracts, largely reflecting a majority of left-leaning historians in our sample“ (Schiekiera & Niemeyer (2025: 1 of 21),

d.h. etwa

„[i]n einem Online-Experiment werteten 75 Historiker 17 fiktive Zusammenfassungen über zeitgeschichtliche Themen aus 17 Paaren aus, die jeweils entweder eine [politisch oder ideologisch sogenannte] progressive oder eine konservative Haltung erkennen ließen. Die Teilnehmer nahmen zunächst intuitive Einschätzungen hinsichtlich der Veröffentlichbarkeit jeder Zusammenfassung vor und gaben später überlegtere diesbezügliche Antworten. Außerdem bewerteten sie ihr Gefühl hinsichtlich der Richtigkeit … ihrer anfänglichen Urteile … Insgesamt bevorzugten die Teilnehmer progressive Zusammenfassungen, was die Tatsache widerspiegelte, dass die Mehrheit der Historiker in unserer Stichprobe linksgerichtet war“ (Schiekiera & Niemeyer (2025: 1 von 21).

Nun könnte man einwenden, dass Befunde wie der von Schiekiera und Niemeyer eine Ausnahme darstellen, während die meisten akademischen Universitätsangestellten den Willen und die Fähigkeit haben, ihre linke politische oder ideologische Überzeugung (im Prüfungszusammenhang, wenn nicht im Entdeckungszusammenhang) im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit zurückzustellen bzw. nicht zur Geltung kommen zu lassen. Man mag diese Annahme für nicht besonders plausibel oder überzeugend halten, aber das ist etwas gänzlich anderes als einen wissenschaftlich gewonnenen und belastbaren Beleg für oder gegen diese Annahme zu haben.

Dementsprechend hat sich James Manzi (2026) daran gemacht, zu überprüfen, welche ideologische Tendenz langfristig bei Forschungsarbeiten – statt bei akademischem Personal – beobachtbar ist.

Seine Untersuchung basiert auf 599.194 englischsprachigen Zusammenfassungen von Texten, die in 367 verschiedenen sozialwissenschaftlichen Zeitschriften im Zeitraum von 1960 und 2024 veröffentlicht wurden (Manzi 2026: 5 von 26). Diese Texte hat Manzi aus der Datenbank OpenAlex entnommen, wobei er elf sozialwissenschaftliche Disziplinen oder Felder berücksichtigt hat, nämlich Sozial- (bzw. Kultur-)Anthropologie, Kommunikationswissenschaft, Kriminologie, Ökonomie, „Ethnic Studies“ („ethnische Studien“), „Gender Studies“, Politikwissenschaft, Psychologie, Verwaltungswissenschaft, Gesundheitswesen und Soziologie (Manzi 2026: 4 von 26). Auf der Basis dieses Materials ist es Manzi möglich,

„… the first long-run (1960-2024), large-scale, cross-disciplinary analysis of ideolgical orientation of anglophone academic social science research …“ (Manzi 2026: 22 von 26),

d.h.

„… die erste einen langen Zeitraum (1960-2024) umfassende, groß angelegte, interdisziplinäre Analyse der ideologischen Ausrichtung der englischsprachigen akademischen sozialwissenschaftlichen Forschung …“,

vorzunehmen.

Die Auswertung dieser Masse von Zusammenfassungen (und teilweise und aus Validierungsgründen vorgenommen: Texten) wäre Manzi ohne Hilfe künstlicher Intelligenz nicht möglich gewesen, und das LLM („Large Language Model“) seiner Wahl war OpenAI’s GPT-4, nicht aufgrund besonders großen Vertrauens in die Neutralität dieses LLMs, sondern wegen seiner Fähigkeit, komplexe Muster und eine differenzierte Textklassifizierung zu verarbeiten. Dies hätte im Prinzip auch ein anderes LLM leisten können. Manzi betont im Interview vom 23. April 2026 mit Justin McBrayer für Free the Inquiry, dass die Validität seiner Ergebnisse nicht von der Qualität des LLM abhängt; vielmehr überprüft er ihre Validität – ganz, wie das in (wissenschaftlichen Maßstäben gerecht werdenden) statistischen Analysen üblich ist – durch Robustheitsprüfungen mittles mehrfacher Durchläufe und durch Variationen hinsichtlich der Eingabeaufforderung („prompt“), um zu prüfen, ob das LLM wiederholt dieselben Kategorisierungen vornehmen würde, durch externe Benchmark-Validierung, durch die Kontrolle einer kleinen Auswahl von Zusammenfassungen durch den Autor selbst u.a.m. Der Darstellung dieser Validitätsprüfungen und ihrer Ergebnisse widmet Manzi auch fünf Seiten des insgesamt 26 Seiten umfassenden Textes.

Überhaupt legt Manzi auf die Darstellung und Begründung der von ihm gewählten methodischen Vorgehensweise großen Wert. Wegen seiner entscheidenden Wichtigkeit als Grundlage für die gesamte Analyse von Manzi soll an dieser Stelle aber nur berichtet werden, dass er die ideologische Orientierung der knapp 600.000 Zusammenfassungen, die er berücksichtigt, durch eine 10-Punkte-Skala mißt, die von „0“ für „far right“ bzw. rechts-außen bis „10“ für „far left“ bzw. links-außen reicht, wobei „5“, der Mittelpunkt der Skala, für „centrist“ bzw. „zentristisch“ steht. Manzi ließ GPT-4 die Zusammenfassung auf dieser Skala verorten, indem er der KI fünf Fragen vorgab, darunter Frage 1, ins Deutsche übersetzt: „Ist die Zusammenfassung für politische oder soziale Debatten in den USA im Jahr 2025 von direkter Relevanz?“, die GPT-4 für 180.311 Zusammenfassungen mit „ja“ beantwortete, und Frage 3: „Wo würdest du auf der Grundlage des in deinen Systemanweisungen definierten politischen Spektrums der USA für 2025 die in der Zusammenfassung eingenommene Position platzieren?“ (Manzi 2026: 7 von 26).

GPT-4 hat 598.031 (99.8%) der von Manzi berücksichtigten Zusammenfassungen auf der Basis der fünf Fragen auf der 10-Punkte-Skala des politischen Spektrums einordnen können, und alle folgenden Analysen, die Manzi durchgeführt hat, basieren auf diesen Zusammenfassungen (Manzi 2026: 7 von 26).

Die Ergebnisse, die Manzi erzielt hat, sind nicht überraschend:

Manzi hält fest, dass die Daten, auf denen seine Studie beruht, es nicht erlauben, Angaben darüber zu machen:

„While the data clearly show a political orientation in published output, they do not reveal the mechanisms by which that orientation is produced“ (Manzin 2026: 22 von 26),

d.h.

„Während die Daten klar eine politische Orientierung [nach links] in den veröffentlichten Studien zeigen, geben sie [die Daten] keinen Aufschluss über die Mechanismen, durch die diese Orientierung entsteht.“

Aber Manzi kann immerhin prüfen, inwieweit seine Ergebnisse, die er anhand der Daten erzielt hat, zu theoretischen Argumentationsfiguren passen. So stellt er fest, dass die Entwicklung der ideologischen Orientierung, die er in den Zusammenfassungen über den Zeitraum von 1960 bis 2024 hinweg beobachtet,

„… sharp leftward movement in the 1960s, moderation in the 1970s and 1980s, leftward drift from 1990 onward, and acceleration after 2010 …“ (Manzi 2026: 23 von 26),

d.h.

„… scharfe Linksbewegung in den 1960er Jahren, Abschwächung in den 1970er und 1980er Jahren, Linksdrift ab 1990 und Beschleunigung [des Linksdriftes] nach 2010 …“,

zu einer Interpretation passt, die zwei verschiedene Argumentationsfiguren involviert:

„… the left-ward swing aligns with civil rights, anti-war, and feminist mobilizations, while the subsequent moderation, more pronounced on economic issues, parallels the rise of market-oriented political regimes. The post-1990 period, by contrast, shows reduced volatility and sustained leftward drift, consistent with self-selection dynamics and a more insulated intellectual field. The 2010 acceleration, concentrated in certain disciplines, supports claims of ideological intensification in the last decade but appears as an extension of a long-running trajectory rather than a rupture“ (Manzi 2026: 23 von 26),

d.h.

„… der Linksruck steht im Einklang mit Bürgerrechts-, Antikriegs- und feministischen Mobilisierungen, während die anschließende Mäßigung, die in wirtschaftlichen Fragen stärker ausgeprägt ist, mit dem Aufstieg marktorientierter politischer Regime einhergeht. Im Gegensatz dazu zeigt die Zeit nach 1990 eine geringere Volatilität und einen anhaltenden Linksdrift, was mit der Selbstselektionsdynamik und einem isolierteren intellektuellen Feld übereinstimmt. Die Beschleunigung im Jahr 2010, die sich auf bestimmte Disziplinen konzentrierte, stützt die These von einer ideologischen Intensivierung im letzten Jahrzehnt, erscheint aber eher als Erweiterung einer langjährigen Entwicklung denn als Bruch [in der oder mit der bisherigen Entwicklung]“.

Die Argumentationsfiguren, um die es hier geht, sind einerseits die These, dass die akademische Gemeinde allgemeinen politischen Entwicklungen, die außerhalb von ihr stattfinden, folgt, und andererseits, dass die ideologische Orientierung, die ein Feld dominiert, bekannt ist oder wird, worauf hin sich Personen mit entsprechender ideologischer Orientierung von dem Feld angezogen fühlen und sozusagen verstärkt in dieses Feld „einwandern“. Dieser Prozess der ideologischen Schließung durch Selbstselektion sollte sich relativ unabhängig von allgemeinen politischen Entwicklungen außerhalb des Feldes vollziehen. Die Entwicklung, die Manzi über den betrachteten Zeitraum hinweg beobachtet, interpretiert er in ungefähr ihrer ersten Hälfte als von externen bzw. gesamtgesellschaftlich getragenen ideologischen oder politischen Entwicklungen geprägt und in ungefähr ihrer zweiten Hälfte und insbesondere seit 2010 von ideologischer Schließung durch Selbstrekrutierung – und weitgehend unabhängig von externen Einflüssen geprägt.

Eine Frage, die Manzi nicht behandelt, die sich aber m.E. unmittelbar anschließend stellt, ist, wie man einen Prozess ideologischer Schließung durch Selbstrekrutierung, der ja ein sich selbst verstärkender Prozess ist, aufhält, wenn nicht rückgängig macht. Insbesondere für Einrichtungen wie Universtitäten, deren ursprüngliche Aufgabe die Organisation und Durchführung wissenschaftlicher (statt ideologischer) Arbeiten ist, stellt sich diese Frage in dringender Weise, denn wissenschaftliche Arbeit ist per definitionem ideologischer „Arbeit“ entgegengesetzt: wer wissen möchte, wie etwas funktioniert, warum etwas so oder anders ist, der kann sich nicht ideologische Scheuklappen aufsetzen, die bestimmte Dinge von vornherein ausschließen. Logischerweise kann ein Prozess ideologischer Schließung durch Selbstrekrutierung an ursprünglich als wissenschaftlichen Einrichtungen konzipierten Einrichtungen nur extern erfolgen, also von außerhalb des akademischen Feldes. Inzwischen gibt es erste Stimmen aus der Sozialwissenschaft selbst, die diese Frage offen (zur Diskussion) stellen.

So schreibt z.B. der aus Finnland stammende Kriminologe und Soziologe Jukka Savolainen (2026), der inzwischen U.S.-Bürger ist und in den USA, genau: an der Wayne State University in Detroit, lehrt und forscht (hier speziell mit Bezug auf die Soziologie):

„Academic sociology has been stifled by ideological capture. To restore its credibility, I advocate for the kind of external intervention once undertaken in Denmark. In 1986, the Danish government closed the University of Copenhagen’s sociology departments after finding them irreparably compromised by neo-Marxist activism. Rebuilt in the 1990s, Danish sociology now enjoys international distinction … Drawing inspiration from the Danish model, I call for reforms grounded not in partisan retaliation but in the principles of open science, intellectual pluralism, and Mertonian norms. Competitive grants, heterodox research centers, and independent advisory boards can help realign sociology with its mission: the rigorous and impartial study of social life“,

d.h.

„[d]ie akademische Soziologie wurde durch ideologische Vereinnahmung erstickt. Um ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, plädiere ich für die Art externer Intervention, die einst in Dänemark durchgeführt wurde. 1986 schloss die dänische Regierung die Soziologieabteilungen der Universität Kopenhagen, nachdem sie festgestellt hatte, dass sie durch neomarxistischen Aktivismus irreparabel beeinträchtigt waren. Die dänische Soziologie wurde in den 1990er Jahren wiederaufgebaut und genießt heute internationale Anerkennung … Inspiriert vom dänischen Modell fordere ich Reformen, die nicht auf ideologischen oder politischen Vergeltungsmaßnahmen basieren, sondern auf den Prinzipien der offenen Wissenschaft, des intellektuellen Pluralismus und der Merton’schen Normen [Leitlinien, die der Soziologie Robert K. Merton im Jahr 1942 für das wissenschaftliche Arbeiten formulierte]. Wettbewerbsfähige Zuschüsse, heterodoxe Forschungszentren und unabhängige Beiräte können dazu beitragen, die Soziologie mit ihrer Mission neu auszurichten: der rigorosen und unparteiischen Untersuchung des gesellschaftlichen Lebens“.

Wer, außer Sozialaktivisten und Wissenschaft imitierenden Ideologen könnte aus welchen Gründen gegen diesen Vorschlag sein?!


Literatur

Garg, Prashant, & Fetzer, Thiemo, 2025: Political Expression of Academics on Twitter. Nature Human Behaviour 9: 1815–1832

Hartmann, Michael, 2025: Mehr Kontinuität als Wandel – Die deutschen Eliten vom Kaiserreich bis heute. Berliner Journal für Soziologie 35: 187-212

Hartmann, Michael, 2020: Der Mythos von den Leistungseliten: Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt a.M. Campus

Institut für Demoskopie Allensbach,  2021: Das geistige Klima an den Hochschulen: Eine repräsentative Befragung von Professoren und Hochschullehrern in Deutschland. Bericht im Auftrag des Deutscher Hochschulverbandes und der Konrad-Adenauer-Stiftung. Allensbach am Bodensee: Institut für Demoskopie Allensbach.

Manzi, James, 2026: The Ideological Orientation of Academic Social Science Research 1960-2024. Theory and Society 55(2): 25. doi: 10.1007/s11186-026-09690-2

McAllister, Ian, 2024: Political Orientations and Personal Values among University Lecturers in Europe. Acta Politica 59: 941–965.

Merton, Robert K., 1942: A Note on Science and Technology in a Democratic Order. Journal of Legal and Political Sociology 1: 115-126

Savolainen, Jukka, 2026: Freedom’s Just Another Word for Nothing Left to Lose: How to Reverse the Closing of the Sociological Imagination. Theory and Society 55 (1): 4. doi: 10.1007/s11186-025-09673-9

Schiekiera & Niemeyer 2025: Political Bias in Historiography – an Experimental Investigation of Preferences for Publication as a Function of Political Orientation. F1000Research 14: 320; https://f1000research.com/articles/14-320

van de Werfhorst, Herman G., 2020: Are Universities Left-wing Bastions? The Political Orientation of Professors, Professionals, and Managers in Europe. The British Journal of Sociology 71(1): 47-73

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