Auf der Suche nach einer Erklärung für eklatante Abweichungen zwischen Brief- und Urnenwahl
Wahlbetrug findet vor allem in Altersheimen statt.
Diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man in sozialen Netzwerke nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liest. Die Berichte über Seltsamkeiten in Alten- und Pflegeheimen in Sachsen-Anhalt sind zahlreich, so zahlreich, dass wir uns entschlossen haben, die statistischen Belege dafür, dass bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann, zu sammeln.
Eine solche Analyse beginnt bei der Briefwahl als DER Möglichkeit, eine Wahl zu manipulieren, als DEM Vehikel schlechthin für Wahlbetrug.
Die Unterschiede zwischen Urnen- und Briefwahlergebnis in Sachsen-Anhalt sind eklatant:
Rund 27%punkte liegen zwischen dem Ergebnis der AfD im Wahllokal und dem AfD-Ergebnis bei der Briefwahl.
Das ist eine Merkwürdigkeit.
Die andere Merkwürdigkeit ergibt sich daraus, dass ALLE anderen Parteien, die im Parlament vertreten sind, bei der Briefwahl besser abgeschnitten haben als im Wahllokal. Das ist so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto.
Das muss man erklären.
Und damit beginnt das Problem, wie ein Blick in die Literatur zum Thema Briefwahl schnell zeigt, also diese Literatur:
Giebler, Heiko (2014): Die Briefwähler. In: Rüdiger Schmitt-Beck / Hans Rattinger / Sigrid Roßteutscher / Bernhard Weßels / Christof Wolf (Hrsg.): Zwischen Fragmentierung und Konzentration: Die Bundestagswahl 2013. Baden-Baden: Nomos, S. 169–177.
Lichteblau, Josephine / Wagner, Aiko (2019): Die Briefwähler. In: Sigrid Roßteutscher / Rüdiger Schmitt-Beck / Harald Schoen / Bernhard Weßels / Christof Wolf (Hrsg.): Zwischen Polarisierung und Beharrung: Die Bundestagswahl 2017. Baden-Baden: Nomos, S. 169–180.
Nyhuis, Dominic / Harmening, Morten / Swalve, Tilko (2024): Wie institutionelle Hürden die soziale Selektivität der Wahl verschärfen: Das Beispiel von Formfehlern bei der Briefwahl. Swiss Political Science Review 30(3): 309–324. DOI: 10.1111/spsr.12609.
Nyhuis, Dominic (2022). Defizite bei der Briefwahl in Deutschland–und fünf Vorschläge zur Abhilfe. Zeitschrift für Parlamentsfragen 53(1): 75-86.
Das Problem, dass sich mit den meisten der hier angegebenen und den Arbeiten zu Briefwählern ergibt, die wir nicht angegeben haben: Sie setzen voraus, was zu erklären wäre.
Aus Daten des Statistischen Bundesamts und aus den Arbeiten oben wissen wir, dass Briefwähler in der Regel:
- ältere Wähler (Schwerpunkt ab 60 Jahren aufwärts);
- formal mit einem höheren Bildungsabschluss ausgestattete Wähler (Schwerpunkt Fachhochschulreife/Abitur/Studium);
- kränkere Wähler und Wähler in institutioneller Betreuung, also Pflege- und Altenheimen oder Krankenhäusern sind, die nicht in Person im Wahllokal auftauchen können;
Solche Ergebnisse stammen aus Wahlanalysen des Statistischen Bundesamts und der Amtlichen Wahlstatistik des jeweiligen Wahlleiters. Sie zeigen also, wie sich bestimmte sozialstrukturelle Merkmale bei einer konkreten Wahl auf Briefwähler im Vergleich zu Urnenwählern verteilt haben.
Und ab der Feststellung, dass Briefwähler älter und formal höher gebildet sind als Urnenwähler wird diese Feststellung zur Erklärung. Der logische Humbug (genannt Tautologie), der hier betrieben wird, lässt sich am besten am Beispiel des gemeinhin höheren Anteils den CDU/SPD unter Briefwählern im Vergleich zu Urnenwählern erhalten, demonstrieren: Daraus dass bei Wahl X der Anteil, den die CDU unter Briefwählern erhalten hat, höher war als der entsprechende Anteil unter Urnenwählern wird geschlossen, dass CDU-Wähler häufiger Briefwahl beantragen als z.B. die Wähler der AfD, denn für die AfD ergibt sich die umgekehrte Beziehung zwischen Urnen- und Briefwahl.
Das setzt voraus, was zu erklären wäre.
Warum sollen CDU-Wähler häufiger Briefwahl in Anspruch nehmen als AfD-Wähler? Dass CDU-Wähler (und alles, was wir für CDU-Wähler schreiben, gilt auch für die anderen vier im Sachsen-Anhaltinischen Landtag vertretenen Mainstream-Parteien) känker sind als AfD-Wähler kann man als Erklärung ad acta legen. Die Anzahl der Stimmen, die auf die AfD entfallen, macht diese Erklärung unwahrscheinlich. Gesundheit ist kein Faktor, der die eklatanten Unterschiede im Stimmenanteil zwischen Brief- und Urnenwahl in Sachsen-Anhalt erklären kann.
Eine entsprechende Erklärung muss auf einer relevanten Anzahl von Bürgern basieren, die ein bestimmtes Merkmal, das Briefwahl befördern soll, teilen. Nach Lage der Dinge gibt es genau zwei solcher Merkmale: Alter und formale Bildung.
Die Frage, die wir also beantworten: Gibt es in Sachsen-Anhalt genug Alte und formal höher Gebildete, um zu einem so eklatanten Unterschied bei der Briefwahl zu gelangen, wie es der Fall ist?
Alter
Sachsen-Anhalt ist ein altes Land. Rund 613.000 Bürger des Landes sind nach Angaben des Statistischen Landesamts von Sachsen-Anhalt über 60 Jahre alt, davon rund 447.000 über 70 Jahre. Bei 1.71 Millionen Sachsen-Anhaltinern, die am Sonntag ihre Stimme abgegeben haben, per Brief- oder Urnenwahl, ist dies eine relevante Größe, die erklären könnte, warum die CDU und all die anderen in der Briefwahl relativ betrachtet so viel besser abgeschnitten haben als die AfD.
Indes, die Altersverteilung, wie sie in Wahlanalysen gemessen wurde, sieht die AfD bei Wählern über 60 Jahren 37% erreichen, bei Wähler über 70 Jahren sind es (hier nicht dargestellt): 31%.
So schnell ist man mit manchen Analysen am Ende: Selbst wenn alle Briefwähler älter als 70 Jahre gewesen wären, was sie nicht waren, hätte die AfD einen Anteil von 31% unter Briefwählern und nicht einen Anteil von 24,3% erreichen MÜSSEN.
Etwas ist fishy im Lande Sachsen-Anhalt, wie unser Modell, das wir auf Basis der Altersverteilung im Lande berechnet haben, noch einmal deutlich macht:
Unter normalen statistischen Umständen hätte die AfD bei 40,8% Zweitstimmen per Briefwahl und nicht bei 24,3% landen müssen. Besonders eklatant in unserem Modell ist die Abweichung bei den Grünen, die – gemessen am normalen Altersprofil ihrer Wähler -, bei 7,7% Briefwähleranteil in unserem Modell landen und nicht bei 12%.
Es ist mehr als fishy.
Betrachten wir Bildung.
Formale Bildung in Sachsen-Anhalt heißt: mehr Hauptschulabsolventen, weniger Abiturienten und weniger Hochschulabsolventen als im Bundesdurchschnitt. Briefwähler sollen formal höher gebildet sein, als Urnenwähler. Wie wahrscheinlich ist es, dass die höhere formale Bildung in Sachsen-Anhalt das Loch zwischen Brief- und Urnenwahl in den jeweiligen Anteilen zu erklären vermag?
Wie die folgende Tabelle zeigt, ist die AfD bei allen Wählern außer denen mit Hochschulabschluss über ihrem Briefwahlergebnis von 24,3% geblieben.
Reichen die Hochschulabsolventen dennoch, um den Unterschied des AfD-Anteils zwischen Brief- und Urnenwahl zu erklären?
Man kann mit der spezifischen Verteilung formaler Bildung in Sachsen-Anhalt den Zugewinn im Briefwahlergebnis von CDU, SPD, Grünen und LINKE erklären. Man kann das schlechte Abschneiden der AfD NICHT erklären. Es fehlen rund 97.000 Stimmen in unserem Modell formaler Bildung, 97.000 Stimmen fehlen der AfD und dem gesamten Wahlsystem, um das Wahlergebnis auch nur Ansatzweise in den Bereich der statistischen Wahrscheinlichkeit zu rücken.
Wäre alles mit statistisch betrachtet, rechten Dingen zugegangen, die AfD hätte bei 42,4% der Zweitstimmen in der Briefwahl erhalten müssen, nicht 24,3%. Zudem zeigt unser Modell, dass die Ergebnisse vor allem von CDU und SPD weit über dem liegen, was statistisch und auf Grundlage der Verteilung von Bildungsabschlüssen in Sachsen-Anhalt wahrscheinlich ist. Die CDU liegt mit ihrem Ergebnis um 7,3% über dem Bereich, der noch statistisch wahrscheinlich ist, die SPD um 4,3%.
Mit anderen Worten: Dass man über das Alter der Briefwähler die eklatanten Unterschiede im Ergebnis erklären kann, ist ebenso unwahrscheinlich, wie die entsprechende Erklärung über formale Bildung. Aber was passiert, wenn man beide kombiniert:
Kombiniert man die Effekte von Alter und formaler Bildung, dann liegt der Stimmenanteil, der statistisch für die AfD zu erwarten ist, bei 42,1% der Briefwahlstimmen, nicht bei 24,3%. Der Anteil der CDU wäre um 3,9% grringer, der der SPD um 3,9%, der Anteil der Grünen würde um 4,2% schrumpfen, der der LINKE um 1,9%.
Kurz: Wir können den eklatanten Unterschied zwischen den jeweiligen Stimmenanteilen bei Urnen- und Briefwahl in Sachsen-Anhalt nicht durch die Variablen erklären, die gemeinhin als Erklärung dafür angegeben werden. Sowohl Alter als auch formale Bildung liegen mit Werten zwischen 0,05 und 0,15 statistischer Wahrscheinlichkeit soweit außerhalb des Bereichs, ab dem man von einem Erklärungsbeitrag sprechen kann, dass man die Erklärung bei anderen Variablen suchen muss, und es müssen Variablen sein, die imstande sind, alle Parteien außer der AfD systematisch zu begünstigen und die AfD zu schädigen.
Welche Variable kann einen solchen systematsichen Einfluss auf ein Wahlergebnis ausüben?
Nach Lage der Dinge fällt mir nur eine gezielte Einflussnahme auf individuelle Wahlentscheidung ein, um eine solche systematische Verzerrung von Ergebnissen zustande zu bringen. Indes, bevor man von Wahlbetrug spricht, muss man sich deutlich machen, dass für diesen Fall ein koordiniertes Vorgehen notwendig ist, ein Vorgehen, das Organisation, Ressourcen, Absprachen und ausreichend Bösartigkeit erfordert, um in welcher Form auch immer umgesetzt zu werden. Eine Manipulation in manchen Alten- und Pflegeheimen ist dazu nicht ausreichend. Wir sprechen von mindestens 97.000 Stimmen, die im Briefwahlergebnis der AfD fehlen oder dem der anderen Parteien zu viel sind. Wir sprächen dann von zentral koordiniertem und organisiertem Wahlbetrug, nicht von Einzelfällen, die man über die Katallaxie von Boshaftigkeit erklären kann …
Eine ganz andere Liga …
Um es noch einmal zu sagen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Diskrepanz zwischen den VariableLandtan, mit denen Briefwahl gemeinhin erklärt wird und der Unmöglichkeit, das Briefwahlergebnis von Sachsen-Anhalt damit zu erklären, durch andere systematisch die AfD benachteiligende und ALLE anderen Parteien bevorteilenden Parteien erklärt werden kann.
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