Down Breeding: Hartz-IV macht Kinder

Schon 2014 haben wir einen Beitrag zum Thema „Down Breeding“ veröffentlicht, in dem wir auf den Zusammenhang zwischen der Anzahl der Kinder in einer Familie und dem sozio-ökonomischen Status der Familie hingewiesen haben.

Nun, zwei Jahre später, gibt es einen Beitrag in der WELT, der wiederum auf einen Beitrag bei BILD hinweist, in dem Daten eines Beitrags des Statistischen Bundesamts verarbeitet wurden, die wiederum einem Bericht entstammen, der BILD vorliegt, den man aber nicht angegeben kann. Dieser Journalismus vom Hörensagen scheint eine neue Form der Arbeitserleichterung in Redaktionen darzustellen. Statt selbst zu recherchieren, verlässt man sich auf das, was andere recherchiert haben, in diesem Fall die BILD-Zeitung.

Putzfrauen haben in Deutschland die meisten Kinder“, so ist der Beitrag der WELT überschrieben, der sich mit Kinderlosigkeit befasst. Bereits der Begriff der Kinderlosigkeit ist ein ideologisch belegter Begriff, suggeriert er doch einen Mangel, wie z.B. bei phantasielos oder chancenlos. Da in der Regel jedoch eine Entscheidung notwendig ist, um keine Kinder zu bekommen, ist der Begriff der Kinderfreiheit angebrachter.

An dem, was die BILD-Zeitung da recherchiert hat, ist zunächst einmal seltsam, dass sich die Zahlen für Kinderfreiheit auf Frauen im Alter von 35-49 Jahre beziehen. Das ist etwas Ungewöhnlich, denn das Statistische Bundesamt ist in seinen Veröffentlichungen meist konservativ und betrachtet die Kinderfreiheit bei Frauen im Alter von 45 bis 49 Jahren, denn Frauen ab 50 gelten für die Reproduktionsmedizin als weitgehend verlorene Gruppe. Da der Anteil der Kinderfreien größer wird, wenn man die Untergrenze bei 35 Jahren zieht, mag die ungewöhnliche Vorgehensweise dazu dienen, die Fallzahl für die eigenen Analysen zu erhöhen.

Die Analysen kommen zu den Ergebnissen, zu denen entsprechende Analysen seit mindestens einem Jarhzehnt kommen:

  • Mit der formalen Bildung von Frauen steigt der Anteil der Kinderfreien;
  • Kinderfreie finden sich häufiger in Städten und seltener auf dem Land;
  • Kinderfreiheit ist im Westen Deutschland (noch) verbreiteter als im Osten Deutschlands;
  • Nicht-erwerbstätige Frauen haben häufiger Kinder als erwerbstätige Frauen;
  • Mit sinkendem sozio-ökonomischen Status steigt die Wahrscheinlichkeit und die Häufigkeit, Kinder in die Welt zu setzen;

Nichts Neues im statistischen Deutschland. Entsprechend kann man zum x-ten Mal feststellen, dass alle finanziellen Anreize, die erdacht wurden, um die Kinderzahl in Deutschland zu erhöhen, nur dazu beigetragen haben, dass diejenigen, für die die staatliche Bestechung im täglichen Leben einen Unterschied macht, diese auch annehmen oder wie man bei der WELT in einem Anflug von Erkenntnis schreibt:

“Diese Zahlen bestätigen einen langfristigen Trend, demzufolge seit Jahrzehnten der Anteil derjenigen Kinder steigt, die in arme, meist bildungsferne Elternhäuser hineingeboren werden – und mit ihren Eltern vom Staat leben. Während 1965 nur 0,6 Prozent aller Kinder in Familien lebten, die Sozialhilfe bezogen, ist heute jedes siebte Kind „in Hartz IV““.

Der Bezug von Hartz IV macht für staatliche Bestechung empfänglich. Als Ergebnis werden Kinder geboren, weil sich mit Ihnen mehr Hartz-IV und mehr staatliche Transferzahlungen erzielen lassen als ohne sie. Und für die angeblichen Armutsforscher in Deutschland eignen sich die Hartz-IV-Kinder, die in der Regel nur aufgrund staatlicher Bestechung geboren werden, um zu beklagen, dass so viele Kinder in Armut, zu der Hartz-IV-Bezug dann stilisiert wird, geboren werden und leben müssen. So wie diejenigen, die das beklagen, leben müssen, von Steuergeldern in der Regel. Deshalb haben sie auch keinen Anreiz dafür zu fordern, dass die staatliche Bestechung für die Produktion von Kindern gestrichen wird, um auf diese Weise die Anzahl der Kinder die in Hartz-IV-Familien oder von relativ Armen geboren werden, deutlich zu verringern.

Immerhin ist es erfreulich, dass es mittlerweile möglich ist, das Down Breeding zu benennen, wenngleich man sich noch nicht traut, die Ursache des Down Breedings, die eben in Kindergeld und entsprechenden Vergünstigungen für Kinderbesitzer zu finden ist, festzustellen. Überhaupt legt ein Absatz im Text der Welt nahe, dass die Lehren, die aus dem Down Breeding gezogen werden, einmal mehr die falschen sind:

“Die Statistik zeigt eindeutig: Je höher die Bildung der Frau, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Mutter wird. Allerdings gibt es auch Ausnahme-Berufe. So haben nur 27 Prozent der Lehrerinnen zwischen 35 und 49 keine Kinder. Offenbar ist das eine Folge der familienfreundlicheren Arbeitszeiten im Lehrerinnenberuf sowie der Gewissheit, selbst als alleinerziehende Lehrerin keinen „Karriereknick“ befürchten zu müssen.“

Offensichtlich soll hier der Weg für das derzeitige Lieblingsprojekt des Genderismus bereitet werden: Die Work-Life-Balance, die man so zusammenfassen könnte, dass es auch dem Manager in der Krisensitzung möglich sein muss, die Windeln seines Säuglings zu wechseln. Erst wenn noch der letzte Bereich menschlichen Lebens von der Sorge um das Kind übernommen ist, erst wenn der letzte Normale von der Kindermanie der Genderisten angesteckt ist, werden wir feststellen, dass man sich zwischen Beruf und Familie entscheiden muss, weil man nämlich nicht alles mit gleicher Intensität und Aufmerksamkeit und deshalb nicht mit gleichem Erfolg machen kann, wie man z.B. an Lehrern sieht, deren Zunft einen rasanten Niedergang der Standards sieht, einen Niedergang, an dem die Tatsache, dass die Teilzeit in den Lehrerberuf Einzug gehalten hat, wie in kaum einen anderen Bereich, sicher einen erheblichen Anteil trägt.

Im übrigen zeigt die familienfreundliche Arbeitszeit von Lehrerinnen genau nichts, denn wie man dem Datenreport des Statistischen Bundesamts von 2016 und dem dortigen Kapitel 2.2 „Kinderlosigkeit“ entnehmen kann, sind es vornehmlich „Beamtinnen und Richterinnen“, die ohne Kinder bleiben. Und wer, wenn nicht Beamte und Richter haben familienfreundliche Arbeitszeiten?

Nein, die Ursache für die zunehmende Anzahl der Kinderfreien, 2% waren es alleine zwischen 2008 und 2012 (22% der 40 bis 44-jährigen Frauen und 20% bei den 45- bis 49-jährigen Frauen) mehr, sie liegt nicht bei der Ausgestaltung der Arbeitszeit. Wenn dem so wäre, hätte es nicht gerade zu der Zeit einen Babyboom in Deutschland gegeben, zu der die Vollzeitbeschäftigung beider Geschlechter am höchsten war. Die Abstinenz vom Kinderkriegen, sie hat andere Gründe als die „langen Ausbildungszeiten“, „Suche nach einem sicheren Arbeitsplatz“ oder nach einer „verlässlichen Partnerschaft“, die regelmäßig das Work-Life-Balance Geplapper ergänzen.

Was also sind die Gründe dafür, sich gegen Kinder zu entscheiden und kinderfrei zu bleiben. Es müssen grundsätzliche Gründe sein, denn die entsprechenden Menschen lassen sich auch nicht durch moralischen Druck oder finanzielle Bestechung zu einer anderen Entscheidung bewegen.

So könnte die Tatsache, dass die gesamte Diskussion unter dem Rubrum „Kinderlosigkeit“ im Hinblick auf Frauen geführt wird, ganz so, als seien Männer nicht notwendig, um Kinder in die Welt zu setzen, eine Rolle spielen. Die Anreize, die für die Produktion von Kindern gesetzt werden, sie richten sich entsprechend auch vornehmlich an Frauen, z.B. in Form einer Anrechnung von Rentenansprüchen. In der Ehe wie der Scheidung sind es vornehmlich Männer die die Kosten für Kinderbesitz stemmen, im Gegenzug stehen ihnen immer weniger Rechte im Hinblick auf die Erziehung der entsprechenden Kinder zu. Wie asymmetrisch die Vertragsverhältnisse zwischen Männern und Frauen gestaltet sind, zeigt sich nicht zu letzt im Falle einer Scheidung. Warum sollten Männer ein Interesse an einem solchen asymmetrischen Vertrag, bei dem sie nur verlieren können, haben?

Gleichzeitig mit der Verlagerung der Risiken, die sich mit Kinderbesitz verbinden, auf Väter und der entsprechenden Entlastung für Mütter, haben staatliche Regulierer und Kinderfetischisten ein Korsett geschaffen, das die Frage, wem denn Kinder gehören, Eltern oder dem Staat, eindeutig beantwortet, so eindeutig, wie dies das Bundesverfassungsgericht unlängst getan hat. Und warum sollten sich Menschen, die noch alle Fünfe beisammen haben, auf ein lebenslanges Abhängigkeitsverhältnis von ihrem Nachwuchs einlassen, das ihnen keinerlei Möglichkeit belässt, ihrer angeblichen Verpflichtung für die kindlichen Könige jemals zu entkommen?

Da es keinen biologischen Kinderwunsch gibt, denn Menschen haben einen Wunsch nach Sexualität und Verhüten die Zeugung von Kindern so gut es nur möglich ist, ist die Entscheidung für Kinder ein rationales Kalkül, das auf Grundlage der Nutzen und Kosten von Kindern getroffen werden muss. Nutzen wie Kosten können materiell oder emotional eintreten, Kinder somit entweder einen geldwerten Vorteil über staatliche Bestechung oder einen emotionalen Vorteil z.B. durch die mit ihnen einhergehende Möglichkeit der psychologischen Herrschaft der Älteren über die Jüngeren bereitstellen..

Wenn der materielle Vorteil damit erkauft werden muss, sich zum Büttel des Staates und zum Prellball der Kinderinteressenverbände und des Jugendamts zu machen, dann sinkt die Attraktivität von Kindern bis sie nur noch für diejenigen attraktiv sind, die sowieso schon in fast vollständiger Abhängigkeit von ihrem Staat leben. Wenn ein Staat immer intensiver in die Art und Weise der Erziehung von Kindern eingreift und vorgibt zu wissen, was der einzig richtige Weg ist, Kinder zu erziehen, dann sinkt auch der emotionale Wert, den Kinder für ihre Eltern darstellen. Sie sind nur noch für Eltern attraktiv, die eine Befriedigung daraus ziehen, sich im Einklang mit staatlichen Vorgaben zu sehen.

Und in jedem Fall stellt sich ein Down Breeding deshalb ein, weil die elterliche Qualität, das Humankapital der Gruppe der Eltern und somit das Humankapital, das an Kinder weitergegeben werden kann, sinkt.

Mehr zum Thema Down Breeding:


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Das Problem der Demokratie sind die Wahlen: Einsichten des Bundestagspräsidenten

Nichts ist so geeignet wie sogenannte populistische, rechtspopulistische Parteien, um die Prämissen derjenigen, die sich für legitime Artikulanten von Wählern halten bzw. ihre Verachtung für eben diese Wähler zum Ausdruck zu bringen.

Norbert Lammert, der Präsident des Deutschen Bundestages hat z.B. gerade ein Interview gegeben. Dem Deutschlandfunk. Stephan Detjen vom Deutschlandfunk hat das Interview geführt. Es ist ein nettes Interview, in dem keine Fragen gestellt werden, die wehtun und in dem es den Schulterschluss zwischen Medienvertreter und Politiker gibt, den es fast unweigerlich in entsprechenden Interviews gibt – man kann es Anbiederung nennen, man kann auch deftigere Begriffe dafür finden, nur Journalismus ist es eher nicht.

Wie auch immer, in diesem Interview gibt es die folgende Aussage von Norbert Lammert, die wir in voller Länge dokumentieren. Es ist seine Antwort auf eine Frage, ob Lammert von einem Wahlsieg von Norbert Hofer, dem FPÖ-Kandidaten in der Wahl zum Bundespräsidenten Österreichs beunruhigt wäre. Hier seine Antwort:

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Lammert: Das Ergebnis kennen wir ja noch nicht. Und wie auch immer es ausgeht, werden wir selbstverständlich mit dem gewählten Staatspräsidenten ein ordentliches, faires Verhältnis haben, so wie wir es mit anderen Staaten, die für uns als Partner wichtig sind, unterhalten. Übrigens darunter auch solche Staaten, bei denen es begründete Zweifel an der demokratischen Legitimation der jeweiligen Staatspräsidenten gibt. Ich fühle mich allerdings auch nach den jüngsten Entwicklungen in Österreich in meiner Zurückhaltung sehr bestätigt, was die vermeintliche Überlegenheit von plebiszitären Wahlverfahren gegenüber repräsentativen Verfahren betrifft. Oder mit anderen Worten: Ich bin heilfroh, dass wir in Deutschland den Bundespräsidenten in einer eigens zu diesem Zweck zusammengerufenen Bundesversammlung wählen und nicht in einer Direktwahl.“

(Die nächste Frage von Detjen können wir uns schenken, denn wer auf eine Frage nach den Gründen der Zurückhaltung Lammerts gehofft hat, sie sich einmal mehr als Opfer seiner eigenen Vorurteile, die Journalismus als kritisches Unterfangen ansehen und nicht als Verbrüderungsorgie, deren Ziel darin besteht, sich anzubiedern.)

Zuerst die gute Nachricht für alle Österreicher: Norbert Lammert ist bereit, das Ergebnis einer Wahlentscheidung in Österreich, bei der sich die Mehrheit für einen Präsidenten Hofer entscheidet, anzuerkennen und ein „ordentliches und faires Verhältnis“ mit dem gewählten Präsidenten zu haben, auch wenn der falsche gewählt wird.

Nun die schlechte Nachricht: Wenn Hofer gewählt wird, dann zeigt dies, dass Österreicher mit dem Mittel der Wahl nicht umgehen können. Sie wählen doch tatsächlich den Falschen, wenn man sie lässt, und die etablierten Politiker, die Herren Lammert und Co., sie haben den Salat. Nicht nur müssen sie sich mit Präsidenten arrangieren, bei denen es „begründete Zweifel an der demokratischen Legitimation“ gibt, jetzt müssen sie sich auf mit Präsidenten arrangieren, bei denen es keine „begründeten Zweifel an der demokratischen Legitimation gibt“. Wo sind wir nur hingekommen, wenn sich Politiker wie Herr Lammert einfach mit dem Volkswillen arrangieren müssen, also mit der falschen Wahl. Kein Wunder, dass Norbert Lammert Zurückgaltung gegenüber der „vermeintlichen Überlegenheit von plebiszitären Wahlverfahren gegenüber repräsentativen Varianten“ übt und skeptisch ist. Kein Wunder, dass er heilfroh ist, dass „wir in Deutschland den Bundespräsidenten in einer eigens zu diesem Zweck zusammengerufenen Bundesversammlung wählen und nicht in einer Direktwahl“.

Gäbe man Deutschen die freie Wahl, sie würden am Ende Gebrauch davon machen und wilde Kreuze bei Kandidaten verteilen, die nicht zum etablierten Gravy Train gehören, die das fein ausgearbeitete Netz der gegenseitigen Abhängigkeiten und Vorteilsnahmen, das zwischen Parteien besteht und aus der gemeinsamen Kenntnis der Leichen im jeweiligen Keller zusammengehalten wird, zerstören.

Das geht so nicht. Deshalb kann man Wähler nicht unbeaufsichtigt wählen lassen. Es ist schlimm genug, dass man sich bei Bundestagswahlen und Landtagswahlen mit einem Anteil von anarchischen Wählern arrangieren muss, die nicht die etablierten Parteien wählen. Zu viel Demokratie zerstört die Demokratie, so die Unlogik, der Norbert Lammert huldigt, der zudem der Ansicht zu sein scheint, dass Politiker besser wissen als Wähler, was gut für die Wähler ist.

Hier also die Prämissen, die Norbert Lammert in seinem Interview ganz unverhohlen zum Ausdruck bringt: Wähler sind unverantwortlich und dumm und haben keine Ahnung, was die richtige Wahlentscheidung ist. Deshalb muss man Wähler leiten und ihnen die Hand zum richtigen Kreis führen, damit sie das Kreuz an der richtigen Stelle machen. Besser noch, man gibt Wählern gar keine Wahl, entweder durch Gleichschaltung der Wahlzettel: die immer gleichen Gestalten mit den immer gleichen Programme, getrieben vom immer gleichen Opportunismus oder durch Verweigerung der Wahl, durch eine Form der Wahlattrappe, wie sie bei der Bundespräsidentenwahl regelmäßig stattfindet, bei der nur wählen darf, wer langjährig bestätigt hat, dass er nicht auf abweichende Ideen bzw. auf gar keine Ideen kommt.

Dumm nur, dass die Wähler immer als Legitimation für das politische System herhalten müssen, dumm, weil es einerseits und aus Sicht von Lammert intelligente Wähler gibt, auf deren Urteil die politische Klasse den Glauben an ihre eigene Überlegenheit gründet, andererseits dumme Wähler, die die falschen Parteien wählen. Schließlich gibt es Wechselwähler, also lernende oder verdummende Wähler. Erstere können Politiker zum richtigen Wahlglauben zurückführen, andere lassen sich von Heilslehren der populistischen Konkurrenz fangen.

Sind Sie eigentlich heilfroh, dass es in Deutschland Politiker wie Norbert Lammert gibt, die gegen „plebiszitäre Wahlverfahren“ eintreten, weil dann, wenn Bürger eine Wahl haben, nicht sicher ist, was dabei herauskommt? Sind Sie heilfroh, dass es Politiker gibt, die sich anmaßen, sie könnten etwas besser beurteilen als Wähler? Wenn Sie zweimal heilfroh sind, dann müssen Sie auch dafür eintreten, Wahlen generell abzuschaffen, denn die beste Möglichkeit, falsche Wahlergebnisse zu vermeiden, besteht darin, Wahlen nicht abzuhalten. Und da Politiker ja so geistig überlegen sind, wie Norbert Lammert meint, so hochintelligent, dass sie besser als Wähler entscheiden können, was für letztere gut und richtig ist, deshalb braucht man auch keine Wahlen. Vielmehr reicht es, die auf Basis eigener Einschätzung, hochintelligenten Politiker, deren Weisheit die gesammelte Weisheit der Wähler um ein Vielfaches überragt, mit absolutistischer Macht auszustatten und zum Wohle aller Wirken zu lassen.

Übrigens können wir auch Universitäten schließen und Schulen dicht machen: Die vielen Studienabbrecher und Bildungsversager unter Politikern, die es dennoch zu Hochintelligenz und zur Überzeugung, irgendetwas besser beurteilen zu können als andere, gebracht haben, zeigt: Auch Bildung und Wissen sind nicht notwendig, um Politiker zu sein. Es reichen Narzissmus und Gier, Selbstüberschätzung und Inkompetenz, Opportunismus und Arroganz sowie ein kompletter Mangel an Empathie, um zum Politiker geeignet zu sein. Diese Zutaten schaffen jenes überlegene Wesen, das in seiner Perfektion keiner Verbesserung mehr zugänglich ist und in seiner geistigen Vollendung eine Reife in Wissen und Erkenntnis erreicht hat, die man durch wählerische Einflussnahme nur zerstören würde. Also lassen wir das mit den „plebiszitären Wahlverfahren“.


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Früher Sterben mit Armut – Die Debatte der Heuchler

Wir beobachten derzeit eine seltsame Diskussion um Armut und den Zusammenhang zwischen Armut und Sterblichkeit.

Wer wenig verdient, stirbt früher, so der ökologische Fehlschluss, der im Neuen Deutschland gezogen wird.

Logik f dummiesFehlschluss: Nicht jeder, der sagen wir, weniger verdient als ein durchschnittlicher Landtagsabgeordneter, stirbt auch früher als ein durchschnittlicher Landtagsabgeordneter. Deshalb ist der Titel „Wer wenig verdient, stirbt früher“ ein Fehlschluss, und darüber hinaus Unsinn, denn es fehlt der zweite Teil im Komparativ: wer wenig verdient, stirbt früher als derjenige, der blaue Hosen anhat oder derjenige, der noch weniger verdient oder derjenige, der die AfD wählt…?

Von einem tödlichen Zusammenhang ist in der Südwestpresse die Rede.

Beide Male geht es darum, dass es einen Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und dem Einkommen gibt. Und deshalb sind sich die meisten Kommentatoren einig: Bildung muss her, um die Armen zu länger lebensfähigen nicht-Armen zu machen, damit sie nicht mehr im Alter von durchschnittlich 73 Jahren sterben, wie die Männer in Pirmasens, sondern im Alter von durchschnittlich 81,3 Jahren, wie die Männer in Starnberg.

Schon lustig, so ein Zusammenhang auf regionaler Ebene. Strukturschwache Gebiete, so heißt es, sie wirken negativ auf die Lebenserwartung. Aber seltsamer Weise macht die Strukturschwäche Geschlechterunterschiede, 4,1 Jahre im Fall von Pirmasens, wo Frauen im Durchschnitt ein Lebensalter von 77,1 Jahren erreichen 2,3 Jahre in Starnberg, wo Frauen durchschnittlich 83,6 Jahre alt werden.

Wirkt sich Armut unterschiedlich auf Frauen und Männer aus? Sterben Männer in Armut eher als Frauen? Oder sind Männer eher von Armut betroffen als Frauen, oder geht die ganze Debatte an der Ursache für die Sterblichkeit vorbei, die man in systematischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern eher zu finden scheint als in regionalen Unterschieden im Hinblick auf das durchschnittliche Einkommen?

Männer sind länger erwerbstätig als Frauen, machen im Vergleich zu Frauen härtere Arbeiten, auf Baustellen, in Abwasserkanälen, als Fernfahrer, als Bergarbeiter. Knochenarbeit ist männlich, und Knochenarbeit heißt deshalb Knochenarbeit, weil sie auf die Knochen geht und entsprechende Gebrechen und Leiden nach sich zieht, die sich wiederum negativ auf die Lebenserwartung auswirken.

Wollen alle diejenigen, die nun laut danach schreien, die Armen zu bilden und zu Landtagsabgeordneten der Linken zu machen, tatsächlich den Preis dafür bezahlen, dass die Jobs, die auf die Gesundheit gehen, nicht mehr gemacht werden? Oder ist die ganze Diskussion wieder ein Beispiel für die Verlogenheit der politischen Klasse, die es natürlich erwarten, dass dann, wenn sie sich zum Frühstückstisch im Hotel bequemen, eine Vielzahl von Menschen bereits ihre Arbeit getan haben, damit sich die um die Armen Besorgten die Brötchen und die Marmelade in den Mund stecken können?

Es gibt zwei einfache Maßnahmen, um dafür zu sorgen, dass nicht mehr die Armen durchschnittlich früher sterben als die Reichen und nicht mehr die Männer durchschnittlich deutlich früher als die Frauen:

  • Die Knochenjobs sind zwischen Männern und Frauen gleich zu verteilen, z.B. im Rahmen des Gender Mainstreamings;
  • Diejenigen, die  Knochenjobs ausführen, sind besser zu bezahlen als z.B. Landtags- oder Bundestagsabgeordnete.

Und schon hat sich der beklagte statistische Zusammenhang aufgelöst.

Wetten, die beiden Maßnahmen sind unter den politischen Heuchlern, die sich jetzt wieder im Sessel zurücklehnen und zu Rettern der Armen aufspielen, gar nicht populär?

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The Day After: AfD Exorzismus

Drittstärkste Partei in den Landtagen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, zweitstärkste Partei in Sachsen-Anhalt, in alle Landtage mit zweistelligem  Anteil an Wählerstimmen eingezogen: Die AfD ist so etwas wie ein Shooting Star der politisches Szene. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat keine Partei aus dem Stand ein solches Ergebnis zu Wege gebracht. Insofern ist die Feststellung, die wir schon vor Wochen getroffen haben: Das Berliner Parteiensystem geht seinem Ende zu, in den drei Landtagswahlen vom Sonntag eindrucksvoll bestätigt worden.

Am Tag danach haben wir uns angesehen, wie die Presse den AfD-Geist austreiben will.

AfD-Exorzismus:

ExorzistExorzismus: „der durch Worte oder rituelle Handlungen auf Geister geübte Zwang, dem Menschen zu Willen zu sein. Galt es ursprünglich hilfreiche Geister herbeizuwünschen (…), so wandelte sich [Exorzismus] mehr und mehr im apotropäischen Sinn zum Exorzismus, der böse Geister aus Kranken, Besessenen, unter Umständen auch Örtlichkeiten austreiben will. Das Wort, das solche Wirkung tut, muss ein ’starkes‘ sein…“ (Wörterbuch der Religionen)

Wem gilt der Presseexorzismus?

Den Wählern!

Den zornigen Wählern, die man beim Münchner Merkur am Werke sieht, den bräunelnden Wählern, die die Süddeutsche ausgemacht hat, den Denkzettel verteilenden Wählern, die beim Mindener Tageblatt festgestellt wurden, den dumpf ängstlichen Wählern, die die Emdener Zeitung am Werk sieht, den Bürgern, denen die Demokratie so wenig wert ist, wie es im Tagesspiegel in Berlin heißt, den Wählern, die in der Taz als ängstliche autoritätsgläubige Wähler beschrieben werden.

Kurz: Die Wähler sind schuld am Wahlergebnis. Eine Feststellung, die nicht weiter verwunderlich ist, denn es sind Wähler, die durch die Ausübung ihres Wahlrechts ein Wahlergebnis zu Wege bringen. Aber sie haben nicht nur ein Wahlergebnis zu Wege gebracht, sie haben – und das ist viel schlimmer – deutsche Journalisten erschreckt, durch die falsche Wahl, durch die Wahl einer Partei, die Journalisten nicht für wählbar halten.

Deshalb bedarf es des Exorzismus von Angst, Autorität und AfD durch schamanistischen Singsang: Du sollst die AfD nicht wählen, Du sollst die AfD nicht wählen, Du sollst die AfD nicht wählen!

Exorzismus ist eine irrationale Praktik, die vom Glauben derer lebt, die sie anwenden. Das sei hier nur kurz eingeworfen, ehe wir uns mit dem „starken Wort“ befassen, denn Exorzismus funktioniert nur, wenn ein starkes Wort, eines, das Furcht und Angst einflößt, eines, dass ängstliche und autoritäre AfD-Wähler zur richtigen Autorität bekehrt, benutzt wird.

Starke Worte:

„Der Osten bräunelt“ (Süddeutsche); Meint: AfD-Wähler sind Nazis.
„offen rechtsradikal und eine Bedrohung für den Rechtsstaat“ (Express); Meint: AfD-Politiker sind kriminell.
„Gefahren, die der Demokratie drohen“ (Süddeutsche); Meint: Wähler, die ihr demokratisches Wahlrecht ausüben und falsch wählen, verhalten sich demokratisch und undemokratisch zugleich.
„Demokratie ist für Bürger nichts wert“ (Tagesspiegel); Meint: Bürger, die sich an einem Sonntag und gegen jede Vernunft, da das Fehlen ausgerechnet ihrer Stimme nicht bemerkt werden würde, aus dem Bett und ins Wahllokal schleppen, die also ihre Motivation für die Demokratie unter Beweis stellen, sie verhalten sich nicht demokratisch.

Wie gesagt, Exorzismus ist nicht rational, sondern irrational.

Und er lebt von der Beschwörung.

In der Süddeutschen wird der „Zusammenhalt der Gesellschaft“ beschworen. Dazu brauche es starke Führer mit „entschlossener Gelassenheit“ wie Winfried Kretschmann. Lustig, das ausgerechnet die Alpen Prawda den Führungskult wiederentdeckt.

Beschwörung durch Hingabe an einen starken Führer also.

In der taz werden die Politiker beschworen, ihrer Bevölkerung nicht zu misstrauen, dadurch, dass sie nicht mehr an die „Hilfsbereitschaft gegenüber Schutzsuchenden, an den Ehrgeiz und an die Geduld der Mehrheit glauben“.

Tosh legalize it

Gegenexorzismus

Beschwörung durch Glaubensinhalte, quasi seine Form des selbstreferentiellen sich-in-Trance-Redens: Die Mehrheit wählt nicht AfD, die Guten wählen nicht AfD, die Hilfsbereiten wählen nicht AfD, nur autoritäre Mieslinge wählen AfD, …

Die dumpfe Angst der Bevölkerung ist schuld, die dumpfe Angst der Bevölkerung ist schuld, die dumpfe Angst der Bevölkerung ist schuld … in der Emder Zeitung. Und warum hat die Bevölkerung Angst? Weil die Politiker „den Menschen“ nicht erklärt haben, warum es nicht so sein wird, dass Flüchtlinge Deutschland negativ verändern werden.

Beschwörung im Untertanenblatt aus Emden: Die klugen Politiker müssen die dummen Menschen belehren, die klugen Politiker müssen die dummen Menschen belehren …

Schließlich, die Perle aus Aachen, die Aachener Zeitung:

„Die entfesselte Boom-Society des neuen Reichtums, der neuen Rücksichtslosigkeit, der neuen Willkür hat alte Strukturen brutal zerstört und über Jahrzehnte gewachsene gesellschaftliche Strukturen ausgehebelt“.

Das wollte der entsprechende Redakteur schon immer einmal loswerden. Es hat zwar nichts mit den Landtagswahlen zu tun und ist vollkommen inhaltsleer, aber irgendwie muss es im Hirn dieses Redakteurs gut geklungen haben. Was der wohl geraucht hat?

Richtig: Guter Exorzismus baut auf psychotropen Pflanzen auf!

Noch einmal die Tatsachen:

Baden-Württemberg: AfD bei 15,1%
Rheinland-Pfalz: AfD bei 12,6%
Sachsen-Anhalt: AfD bei 24,2%

 

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Wahlbetrug aus wissenschaftlicher Sicht

Wahlbetrug gibt es in Deutschland offiziell nicht. Obwohl im Grunde jeder wahlberechtige Bürger eine Wahl anfechten kann, gibt es nur sehr wenige Fälle, in denen auch tatsächlich eine Wahl, z.B. eine Bundestagswahl angefochten wurde, und es gibt überhaupt keinen Fall, in dem der Bundestag eine Anfechtung angenommen hat.

Hier z.B. für den Bundestag.

„Jeder Wahlberechtigte hat die Möglichkeit, Einspruch gegen die Bundestagswahl einzulegen. Die Prüfung der Wahl ist dann Sache des Bundestages. Er wird nur auf Einspruch hin tätig.“

In der Regel enden die Anfechtungen von Bundestagswahlen im Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages und werden dort mit administrativer Effizienz beerdigt:

„Gegen die Bundestagswahl vom 27. September 2009 wurden insgesamt 163 Einsprüche eingelegt. Themen waren unter anderem die Feststellung der Parteieigenschaft, die Nichtzulassung von Landeslisten, die Briefwahl sowie Identitätskontrollen im Wahllokal. Nachdem sich der Ausschuss intensiv mit den von den Einspruchsführern und den Wahlbehörden vorgetragenen Argumenten und Gegenargumenten befasst hat, hat er dem Plenum seine Entscheidungsvorschläge vorlegt. Der Deutsche Bundestag ist allen vier Beschlussempfehlungen des Ausschusses (Drs. 17/2250, 17/3100, 17/4600 und 17/6300) gefolgt. Damit war die Prüfung der Bundestagswahl am 7. Juli 2011 abgeschlossen.“

Sucht man nach Wahlanfechtung oder Wahlbetrug (oder Wahlfälschung) oder Unregelmäßigkeiten bei Wahlen in den einschlägigen wissenschaftlichen Verzeichnissen, dann finden sich zu Wahlanfechtung kein Beitrag, in dem es darum ginge, Wahlanfechtungen auf ihre Plausibilität hin zu untersuchen, es findet sich kein Beitrag, in dem z.B. die Wahrscheinlichkeit eines Wahlbetrugs oder einer Wahlfälschung in Deutschland anlässlich von Wahlen untersucht worden wäre und sucht man nach Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Wahlen, dann finden sich bestenfalls Beiträge wie der schon etwas angegraute von Eckhard Jesse aus dem Jahr 2001, in dem er die Reformbedürftigkeit des Wahlsystems diskutiert, nicht jedoch die Frage, ob bei Wahlen in Deutschland Unregelmäßigkeiten auftauchen können oder aufgetaucht sind.

Deutschland ist eine Vorzeige-Demokratie mit Vorzeige-Wahlsystem. Wahlbetrug? Wahlfälschung? Unregelmäßigkeiten bei Wahlen? Nicht in Deutschland. Hier herrscht Ordnung!

Oder doch nicht?

Das Fehlen an Untersuchungen zu Unregelmäßigkeiten bei Wahlen, einem Thema, das deutsche Politikwissenschaftler überhaupt nicht zu interessieren scheint – sie sind lieber mit Beschimpfungen zu Gange, wie Wutbürger oder Problembürger, dieses Fehlen, es ist nicht vollständig. Es gibt tatsächlich eine Untersuchung, durchgeführt von Christian Breunig, der zum Zeitpunkt der Publikation an der University of Toronto beschäftigt war, und von Achim Goerres, der seine Brötchen an der Universität zu Köln verdient hat.

Die Untersuchung trägt den Titel: „Searching for Electoral Irregularities in an Established Democracy. Applying Benford’s Law Test to Bundestag Elections in United Germany.“

Der Beitrag von Breunig und Goerres ist ein pfiffiger Beitrag insofern er eine statistische Gesetzmäßigkeit ausnutzt, um Unregelmäßigkeiten bei Bundestageswahlen auf die Spur zu kommen. Die statistische Gesetzmäßigkeit ist als Benford’s Gesetz bekannt und sagt die Wahrscheinlichkeit, mit der die Ziffern 0 bis 9 in einer Verteilung auftauchen, vorher. Würde zum Beispiel ein Leser, weil er nichts besseres zu tun hat, die Zahlen, die auf der ersten Seite seiner Tageszeitung zu finden sind, ein Jahr lang für jede Ausgabe abschreiben, er käme zu der Verteilung, die Benford vorhersagt. Als erste Ziffer hätte er in 30% der Fälle eine 1, eine 2 in 17,6% der Fälle eine 9 in 4,5% der Fälle. Als zweite Ziffer hätte er in 12% der Fälle eine 0, in 11% der Fälle ein 1 usw.

Electoral fraudDieses Gesetz haben Breunig und Goerres zur Grundlage gemacht, um zu prüfen, ob es bei den Bundestagswahlen von 1990 bis 2005 Unregelmäßigkeiten, d.h. signifikante Abweichungen von den Vorhersagen des Gesetzes gibt. Geprüft haben sie für die zweite Ziffer und für Erst- und Zweitstimmen in allen Wahlkreisen. Und im Ergebnis haben sie Unregelmäßigkeiten gefunden, also Fälle, in denen das tatsächliche Wahlergebnis deutlich von der Vorhersage auf Basis von Benfords Gesetz abweicht.

Indizien dafür, dass das amtliche Ergebnis in einem Wahlkreis nicht dem tatsächlichen Ergebnis entspricht, gibt es bei der Zweitstimme deutlich mehr als bei der Erststimme: „… there are, however, 51 violations in the party list votes for the three parties out of 190 tests“ [Getestet wird auf Ebene der Bundesländer und für die CDU/CSU, die SPD und die Linke].

Dabei zeigt sich, dass signifikante Abweichungen von der Erwartung auf Grundlage von Benfords Gesetz vor allem dann auftauchen, wenn eine Partei in einem Bundesland dominiert (wie die CSU in Bayern oder die SPD in NRW), und die Wahrscheinlichkeit für Unregelmäßigkeiten wächst mit dem Abstand zwischen der stärksten und der zweitstärksten Partei. Daraus folgern die Autoren, dass Unregelmäßigkeiten bei Wahlen dann auftauchen, wenn eine politische Partei die Auswahl derjenigen dominiert, die die Auszählung der Stimmen am Wahlabend vornehmen sollen.

Aus politikwissenschaftlicher Sicht wird man ergänzen müssen, dass mit der Dauer, mit der eine Partei in der Regierung ist bzw. mit der Anzahl der politischen Positionen die sie dominiert, die Wahrscheinlichkeit einer Netzwerkbildung und von Nepotismus steigt, so dass man aufgrund der Ergebnisse von Breunig und Goerres feststellen kann, dass (1) in Deutschland Unregelmäßigkeiten bei Wahlen mit Sicherheit vorkommen, dass sich nur niemand dafür interessiert und dass (2) die Unregelmäßigkeiten da am größten sind, wo eine oder zwei Parteien seit Jahren dominieren.

Das beste Mittel gegen Korruption, Nepotismus und Unregelmäßigkeiten bei Wahlen ist es daher, die Regierungspartei(en) im Abstand von vier Jahren regelmäßig auszutauschen.

Breunig, Christian & Goerres, Achim (2011). Searching for Electoral Irregularities in an Established Democracy: Applying Benford’s Law Tests to Bundestag Elections in Unified Germany. Electoral Studies 30(3): 534-545.

 

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Wahlbetrug? In Freiburg ist die Landtagswahl schon heute ausgezählt

Ein Leser hat uns auf das Statistische Portal der Stadt Freiburg hingewiesen, auf dem bereits heute die Freiburger Ergebnisse der Landtagswahl, die erst morgen stattfindet, nachgelesen werden können.

In Freiburg brauchtd aher niemand mehr morgen wählen zu gehen, denn – so wie es aussieht – steht das Wahlergebnis bereits fest.

Die Ergebnisse der Wahl von morgen sind demnach wie folgt:

Freiburg Landtagswahl 2016 I

und:

Freiburg Landtagswahl 2016 II

Interessanter Weise scheitert die AfD in beiden Freiburger Wahlkreisen an der fünf Prozenz Hürde, einmal ganz knapp, mit 4,9%…

Gibt es eigentlich Wahlbeobachter der UN, die morgen noch nichts vorhaben?

Und gibt es noch lebende SED-Funktionäre, die für die Fälschung der Volkskammerwahlen verantwortlich waren, die den Freiburgern Nachhilfe geben können, die dilettieren in unsäglicher Weise?

Im Stadtrat von Freiburg stellen übrigens die Grünen die größte Fraktion. Und die Landtagswahl in den beiden Wahlkreisen von Freiburg könnte als die Wahl in die Geschichte eingehen, die schon ungültig war, bevor sie überhaupt stattgefunden hat.

Aktualisierung 1:

Der Inhalt der von uns verlinkten Seite des Statistischen Amtes der Stadt Freiburg, ist mittlerweile gelöscht worden. Es gibt entsprechend nur noch die Screenshots von uns (oben), die wir von der Seite des Statistischen Amts der Stadt Freiburg gemacht haben. Dass die Seite jetzt leer ist, mag daran liegen, dass wir den Landeswahlleiter angeschrieben haben.

Zur Theorie der Testseite, die hier einige Naive vortragen, gibt es Folgendes zu fragen: Normalerweise wird OFFline getestet, warum in Freiburg Online? Warum steht das angebliche Testergebnis stundenland im Netz und wird erst entfernt, nachdem wir den Wahlleiter des Landes Baden-Württemberg angeschrieben haben? Und wieso beinhaltet der angebliche Test für jeden der Freiburger Wahlbezirke ein detailliertes Ergebnis?

Aktualisierung 2:

Guselpommes hat die Daten wieder gefunden, und zwar hier.

Aktualisierung 3:

Zwischenzeitlich haben sich die Herrschaften in Freiburg zu einer Stellungnahme genötigt gesehen:

Freiburg (dpa/lsw) – Der Stadt Freiburg ist ein peinlicher Lapsus bei der Vorbereitung der Landtagswahl in Baden-Württemberg passiert. Ein fiktives Wahlergebnis für die beiden Freiburger Wahlkreise sei versehentlich online gegangen, was nur für interne technische Tests vorgesehen gewesen sei, sagte ein Sprecher vom Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) am Samstag. Man habe überprüfen wollen, ob die Namen der Kandidaten bei einer bestimmten Länge der Prozentstimmen-Balken noch gut sichtbar wären auf dem Smartphone. Mit Wahlbetrug habe das nichts zu tun. «Es gibt keine Verschwörung, es war ein technischer Fehler durch menschliches Versagen.»

Irgend etwas, wird es schon gewesen sein, ein technischer Fehler oder menschliches Versagen oder ein menschlicher Fehler und technisches Versagen. Wie dem auch sei, es ist immer dumm, wenn es herauskommt, wenn man z.B. von ScienceFiles auf den Lapsus (schöner Euphemismus) hingewiesen wird. Wieso man, wenn man die Balkenlänge prüfen will, für jeden Wahlkreis und jeden Wahlbezirk Ergebnisse simulieren muss, ist eine Frage, auf die wir zumindest keine Antwort wissen. 

Wir gehören übrigens noch zu der Generation, in der man sich schwertut, immer das Schlimmste anzunehmen. Wir haben jedoch in den letzten Jahren lernen müssen, dass keine Annahme zu weit hergeholt ist, als dass sie nicht zutreffen würde. Betrug ist in Bundesprogrammen wie dem Professorinnenprogramm der Standard, technische Fehler treten in einer Häufung auf, die schon nicht mehr zufällig ist und menschliches Versagen kommt im politischen Kontext so oft vor, dass man schon denkt, normales Verhalten sei zur Ausnahme geworden. Und das Seltsame an der ganzen Geschichte ist, dass das Versagen und die technischen Fehler so konsistent darin sind, politisch korrekte Inhalte und Ziele zu unterstützen. 

Deshalb noch einmal die Frage: Gibt es UN Wahlbeobachter, die morgen nach Freiburg reisen können, als quick response team?

Aktualisierung 4:

Heute hat uns die folgende eMail vom Landeswahlleiter in Baden-Württemberg erreicht:

[…]
es handelt sich um versehentlich veröffentlichte Testergebnisse, die in die Wahl-APP der Stadt Freiburg eingestellt wurden. Die Daten stammen aus Tests, die vor jeder Landtagswahl durchzuführen sind, um eine sichere Eingabe und Übermittlung der Wahlergebnisse am Wahltag an das Statistische Landesamt zu gewährleisten. Die Daten sind rein fiktiv gewählte Zahlen. Nach Bekanntwerden des Versehens wurde die versehentliche Veröffentlichung beseitigt, alle Ergebnisse sind auf null gestellt.

Mit freundlichen Grüßen

Ursula Klotz
Innenministerium Baden-Württemberg
– Landeswahlleitung –
70173 Stuttgart

Die technischen Fehler des menschlichen Versagens aus der Pressemeldung des Oberbürgermeisters von Freiburg sind also mittlerweile zu versehentlichen Versehen geworden.

Aktualisierung 5:

Kommentator Dave schreibt:

Gesetzeslage: § 107a Wahlfälschung
(1) Wer unbefugt wählt oder sonst ein unrichtiges Ergebnis einer Wahl herbeiführt oder das Ergebnis verfälscht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer das Ergebnis einer Wahl unrichtig verkündet oder verkünden läßt.

(3) Der Versuch ist strafbar.

Aktualisierung 6:
Kommentator Orwell schreibt:

Es sind sogar jetzt, am 13.03.2016 noch Daten vorhanden! Während der Wahl! Es ist nachlesbar die Anzahl der Wahlberechtigten, die Anzahl der Stimmen (!!!) und die Anzahl der gültigen Stimmen (!!!).

Das kann nur noch als Betrug bezeichnet werden.

http://fritz.freiburg.de/wahl/lw16_46.htm

runterscrollen – linke Spalten.

Und hier der Screenshot zum Kommentar von Orwell

Freiburg Landtagswahl 2016 III.jpg

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Unstimmigkeiten bei Wahl in Bremen: Wahlleiter nicht tragbar

Irgendwie denkt man, das amtliche Endergebnis einer Wahl sei ein richtiges Ergebnis, ein Ergebnis, in dem keine Fehler enthalten sind, schon weil Fehler und Fälschung in diesem sensiblen Bereich so nah beieinander liegen. Es sei ein Ergebnis, bei dem auf die Stimme genau ausgewiesen wird, wie viele Bürger sich für welche Parteien entschieden haben.

Landeswahlamt bremenDa Wahlen die Grundlage der repräsentativen demokratischen Systeme sind, ist diese Gewährleistung zwingend. Deshalb leisten sich der Bund und die Länder Wahlleiter mit entsprechender Ausstattung und entsprechenden Kosten, um sicherzustellen, dass die im Wahlergebnis berichtete Anzahl von z.B. 7.937 Stimmen, die in Bremerhaven für die AfD abgegeben wurden, auch genau der Anzahl tatsächlich für die AfD abgegebener Stimmen entspricht.

Tut sie aber nicht, wie das Verwaltungsgericht Bremen noch vor Weihnachten festgestellt und als Feststellung unter den Weihnachtsbaum des Landeswahlleiters gelegt hat:

Nach den Nachrechnungen der Verwaltungsrichter hat die AfD in Bremerhaven mindestens 110 Stimmen mehr als im amtlichen Endergebnis ausgewiesen. „Unstimmigkeiten bei den Zählvorgängen, … Unstimmigkeiten bei den absoluten Zahlen der abgegebenen Stimmen, … nicht nachvollziehbare Angaben in den Wahlniederschriften, … Divergenzen bei den Unterschriften, … nicht auffindbare Stimmzetteln und Stimmeingaben ohne Grundlage“, werden von den Verwaltungsrichtern als Unregelmäßigkeiten benannt.

Eigentlich ist das das vernichtendste Urteil, das man einem Landeswahlleiter ausstellen kann. Dessen Job besteht ja gerade darin, Vorkehrungen zu treffen, um Unstimmigkeiten, wie die genannten, und vor allem falsch ausgezählte Stimmen zu verhindern.

Nicht so in Bremen und Bremerhaven. Dort sagt der zuständige Landeswahlleiter Jürgen Wayand, dass die „Fehler durch Unachtsamkeit, Überforderung und Zeitdruck entstanden seien – so könnte zum Beispiel ein Schüler, der die Ergebnisse eingab, anstatt des AfD-Kürzels ‚Neunhundert‘ ‚Einhundert‘ verstanden haben.“ Ein derartiges Missverständnis muss dann in 110 Fällen vorgelegen haben, wie die Verwaltungsrichter festgestellt haben und weil es nicht systematisch ist, wie Wayand behauptet, kann es nicht auf die AfD beschränkt sein.

Überhaupt ist Wayand der Ansicht, dass die Fehlerquote, die nach seiner Schätzung bei einem Fehler auf 2000 Stimmen liegt, im Rahmen des Normalen liege – jedenfalls im Rahmen des in Bremen Normalen.

Nun sind Abweichungen zwischen der Anzahl der tatsächlich abgegebenen Stimmen und der Anzahl der ausgewiesenen Stimmen immer eine Grundlage, auf der der Vorwurf der Wahlfälschung entsteht, der sich im vorliegenden Fall gegen Schüler aus Bremer Gymnasien richtet, die für die zu Lasten der AfD festgestellten Abweichungen verantwortlich sind.

Eine Wahlfälschung zu Lasten der AfD, wäre entsprechend das Ergebnis systematischer Fehlerfassung durch die Schüler, Wayand wäre als Landeswahlleiter der dafür Verantwortliche und hätte die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen und sein Amt aufzugeben.

Vermutlich hat sich Wayand deshalb auf die Strategie versteift, die Fehlerfassung sei nicht das Ergebnis einer systematischen Fehlerfassung durch die Schüler, sondern das Ergebnis von „Fehlern“ verursacht durch „Unachtsamkeit, Überforderung und Zeitdruck“.

Wir wollen nicht die Frage stellen, wie es sein kann, dass überforderte Schüler so wichtige Stimmen wie Wahlstimmen eingeben – ohne Kontrolle und ohne Nachprüfung (wieso überhaupt Schüler dafür rekrutiert werden), sondern die Behauptung von Wayand in ihrer ganzen Armseligkeit einmal ernstnehmen.

110 Stimmen hat das Verwaltungsgericht Bremen neben den bereits vorhandenen 7.397 Stimmen für die AfD in Bremerhaven gefunden. Das macht eine Fehlerquote von 1,39% (110/73,97).

Der Einfachheit halber gehen wir von 1,4% Fehlerquote aus.

Diese Fehlerquote, so Wayand, sei nicht systematisch, also nicht das Ergebnis einer Wahlfälschung. Wenn die Fehlerquote nicht systematisch ist, dann kann sie nicht auf die AfD beschränkt sein. Vielmehr müssen die 1,4% Fehler auch bei den Ergebnissen anderer Parteien auftreten.

Das hat zur Konsequenz, dass die Anzahlen der Stimmen aller Parteien, wie sie im amtlichen Endergebnis für Bremerhaven ausgewiesen sind, falsch sind.

Wahlbeobachter

Zudem hat die Behauptung von Wayand, dass die Fehler nicht systematisch zu Lasten der AfD gehen, zur Folge, dass die Fehler in beide Richtungen gehen können, also ein Zuviel und ein Zuwenig der ausgewiesenen Stimmen zur Folge haben können. Als Konsequenz könnte man keine absoluten Stimmen, die auf Parteien entfallen, im amtlichen Endergebnis mehr ausweisen, sondern müsste einen Bereich angeben, innerhalb dessen sich nach aller Wahrscheinlichkeit die richtige Anzahl von Stimmen, die auf die entsprechende Partei entfallen sind, befindet.

Wir haben dies für Bremerhaven einmal durchgespielt.

Bei der Landtagswahl im Mai 2015 in Bremerhaven entfielen auf

  • die SPD zwischen 53.478 und 54.996 Stimmen,
  • die Grünen zwischen 17.586 und 18.086 Stimmen,
  • die CDU zwischen 37.599 und 38.667 Stimmen,
  • die Linke zwischen 11.086 und 11.400 Stimmen,
  • die Bürger in Wut zwischen 10.189 und 10479 Stimmen,
  • die AfD zwischen 7.827 und 8.047 Stimmen.

Dass man, wie Wayand behauptet, in Bremen mit Fehlern bei der Stimmauszählung leben muss, hat zur Folge, dass die Besetzung der Bremer Bürgerschaft, die auf Grundlage der Stimmenzahl errechnet wird, nur im Kern fest sein kann.

Da die Anzahl der Stimmen, die auf die einzelnen Parteien entfallen sind, nicht genau feststellbar ist und ein Fehlerbereich für die tatsächliche Stimmenzahl in Bremen angegeben werden muss, müsste man eine Reihe von Abgeordneten aus allen in der Bürgerschaft vertreten Parteien rotieren lassen, dürfte sie nur an bestimmten Sitzungen und Abstimmungen teilnehmen lassen, um den Fehlern, die im amtlichen Endergebnis enthalten sind, Rechnung zu tragen.

Ob Herr Wayand diese Konsequenzen seiner Behauptung, bei Wahlen in Bremen komme es zu unsystematischen Fehlern, die eine Fehlerquote von 1,4% in Bremerhaven zur Folge haben (für Bremen wurde die entsprechende Quote bislang nicht ermittelt), bewusst sind?

Vermutlich nicht. In jedem Fall ist er als Landeswahlleiter nicht tragbar, denn seine Aufgabe besteht nicht darin, Fehlerwahrscheinlichkeiten bei der Auszählung zu berechnen, sondern darin, die entsprechenden Fehler zu verhindern. Wenn er dieser Aufgabe nicht gewachsen ist, muss er gehen.

Für die nächste Wahl in Bremen schlagen wir zudem die Entsendung von OECD-Wahlbeobachtern vor, um sicherzustellen, dass auch alles mit rechten Dingen zugeht.

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Wissenschaflich gelöst: Das Geheimnis ewigen Lebens

Nach all den unsinnigen Studien, die wir über die letzten Monate hier besprechen mussten, ist es wohltuend, eine theoretisch wie empirisch gut gemachte Studie besprechen zu können, die gerade im British Medical Journal veröffentlicht wurde.

Fiona F, Stanaway, Danijela GnjidicFiona M. Blyth, David G. Le CouteurVasi NaganathanLouise WaiteMarkus J. SeibelDavid J HandelsmanPhilip N. Sambrook und Robert G. Cumming, an der University of Sydney bzw. im North Shore Hospital Sydney beschäftigt, sind für eine Studie verantwortlich, die allen Regeln der wissenschaftlichen Methode entspricht und eine fundierte Grundlage für weitergehende Forschungen bereitstellt.

TombstoneAusgangspunkt der Studie ist ein Problem, das die Menschheit seit Anbeginn der Zeitrechnung bewegt: Wie entgeht man dem Tod bzw. konkreter: Wie kann man dem Sensenmann ein Schnippchen schlagen? Eine Reihe von Voruntersuchungen hat in dieser Hinsicht einen Zusammenhang erbracht, der so interessant ist, dass die Antwort auf die ungelöste und Jahrtausende alte Frage endlich im Rahmen des Möglichen erscheint.

Es gibt einen gut belegten Zusammenhang zwischen der Laufgeschwindigkeit und der Todeswahrscheinlichkeit: Je langsamer Menschen laufen, desto höher ist ihre Wahrscheinlichkeit, zu sterben. Diesen gut belegte Befund haben Stanaway und Co-Autoren genutzt, um eine mutige Antizipation zum Ausgangspunkt ihrer Forschung zu machen: Schnellere Laufgeschwindigkeit, so ihre Hypothese, ist eine Möglichkeit, dem Sensenmann zu enteilen.

Doch wie schnell läuft der Sensenmann? Was ist seine durchschnittliche Geschwindigkeit, die man überbieten muss, um ihm zu enteilen?

1705 Männer im Alter von 70 Jahren und mehr haben dabei mitgeholfen, die Antwort auf diese Frage zu finden. Auf einer Strecke von 6 Metern wurde für die Männer ihre mittlere Laufgeschwindigkeit bestimmt. Sie beträgt 0,88 Meter pro Sekunde. Dann wurde die gesundheitliche Entwicklung der Männer über die nächsten 59,3 Monate verfolgt.

266 der Männer sind im Zeitraum dieser 59,3 Monate gestorben, so dass die von Stanaway und Co-Autoren durchgeführten Kurvenanalysen einen eindeutigen Wendepunkt bestimmen konnten, ab dem sich die Todeswahrscheinlichkeit im Verhältnis zur Geschwindigkeit reduziert: 0,82 Meter pro Sekunde!

Grim Reaper sitting

Never sit down!

Wer schneller als 0,82 Meter pro Sekunde läuft, hat eine um den Faktor 1,23 geringere Wahrscheinlichkeit, zu sterben als jemand, der langsamer als 0,82 Meter pro Sekunde läuft. Im Einklang mit der theoretischen Fragestellung und der Ausgangshypothese bedeutet dieses Ergebnis: Der Sensenmann ist mit einer durchschnittlichen Grim walking speed.mediumGeschwindigkeit von 0,82 Metern pro Sekunde unterwegs: Wer ihm dauerhaft enteilen will, muss Zeit seines Lebens eine Laufgeschwindigkeit von mindestens 0,83 Metern pro Sekunde einhalten. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will und verhindern will, vom Sensenmann eingeholt zu werden, für den empfiehlt sich eine Laufgeschwindigkeit von 1,36 Metern pro Sekunde, also ca. 5 Stundenkilometer: „no men walking at speeds of 1.36 m/s (…) or above were caught by Death (n = 22; 1,4%)“ (Stanaway et al., 2015: 1283).

Nachtrag

Angesichts der journalistischen Katastrophe, die sich vor einem Jahr im Zusammenhang mit der Male Idiot Theory eingestellt hat, weisen wir an dieser Stelle darauf hin, dass die von uns besprochene Studie in der Weihnachtsausgabe des British Medical Journal erschienen ist, die in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes ist.

Stanaway, Fiona F. et al. (2015). How fast does the Grim Reaper walk? BMJ British Medical Journal 343(7837): 1282-1283.

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Bertelsmann kann auch Junk-Science: Wählen ab 16

Vor Jahren hat Dr. habil. Heike Diefenbach den Begriff „Fleischwolf-Methode“ geprägt, um damit Forschung zu charakterisieren, bei der Forscher oder solche, die es gerne wären, vorne etwas hineinstecken (z.B. als Prämissen) und sich dann freuen, wenn es hinten in derselben oder in ähnlicher Weise herauskommt.

Die Fleischwolfmethode, sie eignet sich insbesondere dazu, vermeintlich wissenschaftliche Studien als Legitimation für das zu missbrauchen, was man gerne als Ergebnis, nunmehr wissenschaftlich legitimiert, an den Mann bringen will.

Waehlen ab 16„Wählen ab 16“ ist ein solches Unterfangen, eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die zeigen soll, dass eine Absenkung des Wahlalters sich dazu eignet, die Wahlbeteiligung dauerhaft zu erhöhen.

Warum sollte man Jugendliche, die noch nicht als mündig gelten, wählen lassen? Das ist die erste Frage, die wir hier stellen und Maria Droop von der Pressestelle der Bertelsmann-Stiftung beantworten lassen wollen:

„Die Absenkung des Wahlalters ist zur langfristigen Steigerung der Wahlbeteiligung entscheidend, da 16-Jährige noch stark in schulischen und familiären Strukturen verankert sind, in denen sich durch Bildungsmaßnahmen politisches Interesse aktivieren lässt.“

So unbeabsichtigt offene Worte findet man selten: Es geht also darum, 16jährige in Schule und Familie so zu beeinflussen, dass sie wählen gehen (aus freien Stücken versteht sich). Die noch nicht vorhandene Mündigkeit von 16jährigen soll also dazu ausgenutzt werden, um über PR-Kampagnen in Schulen Stimmung für das Wahlspektakel zu machen.

Man beachte das völlige Fehlen eines demokratietheoretischen Arguments, das z.B. darin bestanden hätte, die politische Mündigkeit von 16jährigen ins Feld zu führen, um damit eine Absenkung des Wahlalters zu begründen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Unmündigkeit von 16jährigen, ihre Beeinflussbarkeit in Schule und Familie wird zum Argument, das Wahlalter abzusenken. Das Ziel ist gerade nicht der mündige Wähler, sondern die Erhöhung der Wahlbeteiligung, um die politische Klasse besser legitimieren zu können. Die Mittel zu diesem Zweck sind egal.

Eigentlich müssten Demokratietheoretiker, sofern es sie auf den Lehrstühlen der Politikwissenschaft noch gibt, heulend durch die Republik laufen, ob der offenen Art und Weise, mit der hier gesagt wird: Es geht bei Wahlen nicht darum, mündige Bürger über die Wahlvorschläge und -programme der Parteien abstimmen zu lassen, sondern darum, so viel wie nur möglich Wahlhammel an die Urne zu treiben, damit das politische System legitimiert wird.

Der Zweck heiligt die Mittel.

Und als wäre dies nicht schon schlimm genug, findet sich in der Studie der Bertelsmann-Stiftung noch ein Kapitel, das mit: „Kohortenanalyse der Wahlbeteiligung in Deutschland – Ergebnisse einer Simulationsrechnung 2017–2049“ überschrieben ist.

Simuliert werden soll der Effekt einer Wahlbeteiligung von 16jährigen auf zukünftige Wahlbeteiligungen:  Ein Unterfangen mit Unbekannten auf beiden Seiten der Gleichung, sowohl bei den unabhängigen als auch bei den abhängigen Variablen, denn: 16jährige dürfen bislang nur in Hamburg, Brandenburg und Bremen bei Kommunalwahlen wählen und entsprechend fehlen die Informationen, die man zur Berechnung der Effekte einer Wahlbeteiligung von 16jährigen auf die Gesamtwahlbeteiligung benötigt.

Was macht man, wenn man simulieren will, wie sich etwas, was man nicht kennt, auf etwas auswirkt, was man auch nicht kennt?

Man macht Annahmen. Solche zum Beispiel:

    1. Basisszenario: Ab 1990 Geborene haben die gleiche Wahlbeteiligung wie die 1980er Kohorte.
    2. Demobilisierungsszenario 1: Ab 1990 Geborene haben eine um zehn Prozentpunkte niedrigere Wahlbeteiligung als die 1980er Kohorte.
    3. Demobilisierungsszenario 2: Ab 1990 Geborene haben eine um 20 Prozentpunkte niedrigere Wahlbeteiligung als die 1980er Kohorte.
    4. Mobilisierungsszenario 1: Ab 1990 Geborene haben eine um zehn Prozentpunkte höhere Wahlbeteiligung als die 1980er Kohorte.
    5. Mobilisierungsszenario 2: Ab 1990 Geborene haben eine um 20 Prozentpunkte höhere Wahlbeteiligung als die 1980er Kohorte.

Und wenn man solche Annahmen macht, dann ergibt sich das folgende Simulations-Ergebnis:

Bertelsmann Waehlen ab 16

So, und jetzt wundern wir uns gemeinsam darüber, dass die Linien den gemachten Annahmen entsprechen.

  • Rote Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten eine um 20% geringere Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;
  • Gelbe Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten eine um 10% geringere Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;
  • Blaue Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten dieselbe Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;
  • Hellblaue Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten eine um 10% höhere Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;
  • Grüne Linie: Für 16jährige wird angenommen, sie hätten eine um 20% höhere Wahlbeteiligung als 18jährige derzeit;

Das ist die Fleischwolf-Methode!

Das Ergebnis in Kurzform: Wenn sich viele 16jährige an der Wahl beteiligen, dann ist die Wahlbeteiligung höher und wenn sich mehr 16jährige Erstwähler an der Wahl beteiligen als 18jährige Erstwähler dies derzeit tun, dann ist die Wahlbeteiligung noch höher als hoch.

Dieses triviale Ergebnis hätte man natürlich auch durch gesunden Menschenverstand gewinnen können, denn, dass eine Beteiligung an etwas höher wird, wenn sich mehr daran beteiligen, das ist eigentlich offensichtlich, aber genau deshalb für die Zwecke der Manipulation nicht gebrauchbar.

Will man Menschen manipulieren, ihnen vormachen, hinter der Fassade wäre mehr als die Vorspiegelung einer Fassade, dann braucht es Begriffe wie Kohortenanalyse und Simulation, wobei Simulation eigentlich insofern angebracht ist, als hier nicht nur eine wissenschaftliche Arbeit simuliert wird, sondern auch ein Ergebnis vorgegaukelt wird.

Aber: Der Zweck heiligt die Mittel, und der Zweck, der besteht darin, Bürgern eine Absenkung des Wahlalters schmackhaft zu machen. „Simulation in Bertelsmann-Studie zeigt: Wählen ab 16 wirkt sich langfristig positiv auf Wahlbeteiligung aus“, so werden die Schlagzeilen in den Medien lauten und niemand wird sich daran stören, dass die Simulation zeigt, dass dann, wenn sich mehr 16jährige an der Wahl beteiligen als 18jährige dies derzeit tun, sich nicht nur mehr an der Wahl beteiligen, sondern auch die Wahlbeteiligung steigt.

Fliegende_BlaetterUnd natürlich wird niemand darauf hinweisen, dass diese positiven Errungenschaften der erhöhten Wahlbeteiligung nur dann erreicht werden können, wenn es gelingt, „mit gezielten Maßnahmen zur Mobilisierung der Erstwähler“, Wählen ab 16 „zum Erfolg zu machen“. Denn wie gesagt: 16jährige sind in Schule und Familie noch beeinflussbar. Sie sind nicht mündig. Und diese Chance, nicht mündige und leicht beeinflussbare Kinder an die Wahlurne zu treiben, damit sie dort ein Kreuz machen, die dürfen wir uns nicht entgehen lassen.

Und man kann die Mobilisierungsmaßnahmen schon vor seinem geistigen Auge sehen:

Wählen ist cool!

Die Wahlapp gesponsert von den Linken: 10% der Wahlkampkostenerstattung Deiner Stimme werden für mildtätige Zwecke eingesetzt (z.B. Hafterleichterung für Molotow-Max).

Niklas machts bereits. Laura machts bereits. Sei kein Frosch und machs auch: dein Kreuz bei der richtigen Partei.

Wählen ohne Akne: Wer wählen geht, bekommt eine Tube Clearasil umsonst.

10% Discount auf Zahnspangen für Erstwähler.

Und so weiter…

Damit sind Wahlen vom Akt der Kundgabe politischer Meinung, von der einzigen Form politischer Einflussnahme für die meisten Bürger zu einem Ritual verkommen, dessen Zweck den Massendemonstrationen in der DDR vergleichbar ist, und wie damals laufen die leicht beeinflussbaren Kinder der FDJ am Anfang der Demonstration, die zur Legitimation der Machthaber dient, nicht zur Formulierung eines eigenständigen politischen Willens..

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Gesetzliche Rentenversicherung: Ein schlechtes Geschäft – vor allem für Männer

Holger Lüthen hat im Wochenbericht des DIW die Verzinsung von Rentenbeiträgen für die Geburtsjahrgänge 1935 bis 1945 berechnet. Das Besondere an seiner Analyse besteht darin, dass die Berechnung auf Grundlage tatsächlicher Erwerbsverläufe und tatsächlicher Rentenbezüge erfolgt ist. Möglich macht dies der der Wissenschaft zur Verfügung stehende Teil der Versicherungskontenstichprobe, in dem Daten für 55% bis 73% der Rentner der Jahrgänge 1935 bis 1945 zur Verfügung stehen.

Das Ergebnis der Berechnung, die u.a. auf den tatsächlichen Beiträgen zur gesetzlichen Rentenversicherung, der tatsächlichen Höhe der Rentenbezüge, der Überlebenswahrscheinlichkeit sowie bei Heirat der Sterbewahrscheinlichkeit des Partners des jeweiligen Rentners basiert, ist nicht sonderlich überraschend:

  • Government helpDie Rendite der Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung ist für Männer deutlich geringer als für Frauen.
  • Vor der Rentenreform von 1992, die den Rentenbezug vor Erreichen des Regelalters mit einem Abzug von 0,3% pro Monat, der vorzeitig in Rente gegangen wird, belegt hat, erreichen Männer der Geburtsjahrgänge 1935 bis 1945 eine Rendite von 2,4%, Frauen eine Rendite von 5,2%. Nach der Rentenreform von 1992 sinkt die Rendite auf 1,2% für Männer und 3,7% für Frauen.

Dass Frauen einen höhere Rendite erreichen als Männer hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass sie geringere Beiträge zur Gesetzlichen Rentenversicherung leisten, eine höhere Lebenserwartung haben als Männer und Begünstigungen aufgrund leistungsfremder Kriterien erhalten. Dass Frauen durch die Rentenreform von 1992 offensichtlich abermals besser gestellt wurden als Männer ergibt sich daraus, dass bei weitgehend unverändertem Unterschied in der Lebenserwartung von Männern und Frauen die Rendite von Männern vor der Rentenreform von 1992 um das 2,2fache geringer ausgefallen ist als die von Frauen, nach der Rentenreform ist die Rendite von Männern um das 3,1fache geringer als die Rendite von Frauen.

Was Politiker unter Gleichstellung verstehen, dürfte damit hinreichend klar sein.

Nun hat Lüthen diese Ergebnisse für die Geburtsjahrgänge 1935 bis 1945 errechnet und somit für Geburtsjahrgänge, die mit vergleichsweise geringeren Rentenbeiträgen konfrontiert waren als dies derzeit der Fall ist und die darüber hinaus eine höhere Wahrscheinlichkeit, auf eine 45jährige ununterbrochene Muster-Erwerbstätigkeit haben.

Was folgt vor diesem Hintergrund für Geburtsjahrgänge nach 1945, z.B. für die Babyboomer der Jahre 1960 bis 1970?

Die Antwort auf diese Frage gibt Lüthens zwar nicht, aber er gibt ein Beispiel für Euphemismus, der sich in seiner ganzen politischen Korrektheit selbst ad absurdum führt:

DIW Rente„Der Bericht zeigt weiterhin die Auswirkungen einer Rentenreform, die Abschläge auf den vorzeitigen Renteneintritt einführte (1992). Diese Reform macht allerdings – in Abhängigkeit von den getroffenen Annahmen – nur einen Anteil des Rückgangs [der Rendite] von 20 bis 30 Prozent aus; der weitaus größere Teil wird durch gestiegene Rentenbeiträge verursacht. Da nicht zu erwarten ist, dass die Beiträge in Zukunft stark sinken werden, ist davon auszugehen, dass der Trend hin zu sinkenden Renditen weiter anhält. Dennoch ist die Rentenversicherung nicht als schlechtes Geschäft anzusehen, da Risiken wie Langlebigkeit und Erwerbsminderung einer Versicherung bedürfen, die verlässlich ausschüttet. Die Verzinsung sollte allerdings nicht zu stark sinken (zum Beispiel stark negativ werden), da ansonsten Ausweicheffekte (das heißt die Vermeidung versicherungspflichtiger Tätigkeit) drohen, die die Verzinsung noch weiter absenken könnten.“

Die sinkenden Rentenrenditen, so das Ergebnis von Lüthen, sie werden vornehmlich durch das Verhältnis von Einzahlung und Auszahlung bedingt. Je mehr man einzahlt und je weniger man herausbekommt, desto geringer die Rendite. Da die Beiträge gestiegen sind, die Rentenauszahlung aber gesunken ist, seit die Jahrgänge, für die Lüthens zu einer Rendite von 1,2% für Männer und 3,7% für Frauen gekommen ist, in Rente gegangen sind, muss man keine komplexen Rechnungen ausführen, um vorhersagen zu können, dass sich eine gesetzliche Rentenversicherung mindestens für Männer nicht mehr rechnet, dass Männer eine negative Rendite erwirtschaften.

DIW Rente VerzinsungImplizit sagt dies auch Lüthens, denn „Risiken wie Langlebigkeit und Erwerbsminderung“ sind weiterhin ausreichend durch die gesetzliche Rentenversicherung abgedeckt, wie er befindet: Männer sterben im Durchschnitt fünf Jahre eher als Frauen. Ihr Risiko, lang zu leben, ist entsprechend geringer. Und dass eine Rentenversicherung diejenigen bestraft, die ihr Erwerbsleben ohne erwerbsminderung hinter sich gebracht haben, die entsprechend ihr Erwerbsleben lang volle Rentenbeiträge geleistet haben, um sich im Alter, was die Rendite angeht, schlechter zu stellen als diejenigen, die weniger einbezahlt haben, die Auszeiten für Kindererziehung und sonstige Privatvergnügen genommen haben, das mit angeblicher Rentengerechtigkeit stimmig zu bekommen, ist eines der Kunststücke, zu dem nur Deutsche fähig sind.

In den meisten anderen Ländern wäre längst real, was Lüthens fürchtet: Ausweicheffekte, eine Schattenwirtschaft, die dem Staat die Beiträge entzieht, die er nutzt, um die konstanten Beitragszahler im Vergleich zu den nicht konstanten Beitragszahlern schlechter zu stellen.

Es ist kaum mit der Idee einer Rentenversicherung zu vereinbaren, dass diejenigen, die relativ mehr einzahlen sich im Alter relativ schlechter stellen als diejenigen, die relativ weniger eingezahlt haben. Eine solche Form der Umverteilung kann nur der gut finden, der davon profitiert, wie dies Politiker tun, deren Rentenansprüche weitgehend unabhängig von der Anzahl der Jahre sind, die sie im Bundestag abgesessen haben.

Die Ergebnisse von Lüthens sind übrigens inflationsbereinigt!