Sinnstiftung für Ideologen: verbale Aufstände fragiler Persönlichkeiten

Die Frage, warum sich Menschen wie verhalten, hat Philosophen und Sozialpsychologen seit Jahrhunderten fasziniert. Unter den Antworten stechen nach meiner Ansicht insbesondere die von Leon Festinger und Stanley Milgram hervor. Milgram hat mit seinen Experimenten gezeigt, dass sich manche Menschen lieber einer Autorität unterordnen, für die sie dann alles zu tun bereit sind (die Betonung liegt auf alles, denn die Testpersonen von Milgram waren sogar bereit, im Dienste einer höheren Macht zu töten). Man könnte zugespitzt sagen, dass Milgram die Disposition mancher Menschen, ihrem Leben durch Gehorsam und Unterordnung unter eine Autorität erst einen Sinn zu geben, offengelegt hat. Leon Festinger hat gezeigt, dass es bei manchen Personen eine Prädisposition dahingehend gibt, die Realität dann, wenn sie nicht zur eigenen Vorstellung passt, zu verbiegen, um die notwendig mit einer richtigen Realitätswahrnehmung verbundenen kognitiven Dissonanzen wirkungsvoll auszuschließen beziehungsweise zu bekämpfen. Nimmt man beider Ergebnisse zusammen, dann hat man, wie ich finde, eine perfekte Beschreibung von Ideologen. Ideologen lieben die Autorität ihrer eigenen Ideologie, unter die sie sich bereitwillig ordnen, und die sie als Legitimation für das eigene “Tun” anführen. Nun ist es heutzutage nicht mehr “In”, sich bedingungslos einem Herrn und Meister, einer Ideologie zu verschreiben. Von “modernen” Menschen verlangt die offizielle Verlautbarung, dass sie eigenständig und verantwortungsbewusst sind. Diese Forderungen sind mit einer Ideologie gar nicht in Einklang zu bringen. Ideologen sind deshalb Ideologen, weil sie keine Verantwortung übernehmen wollen. Sie sind Ideologen, weil sie Angst davor haben, für sich selbst zu stehen. Sie sind ideologische aktiv, weil es für sie die einzige Form von sinnstiftender Handlung ist. Die ideologische Agitation gegen andere, erlaubt es, ihre inhaltliche Leere und die Tatsache, dass sie keinerlei Verantwortung übernehmen wollen, hinter dem Banner der Ideologie, der sie sich verschrieben haben, zu verstecken, und die Not, die ihr Handeln antreibt, erlaubt es ihnen, sich als Handelnder zu begreifen, obwohl sie bestenfalls ein von den eigenen Gefühlen Vertriebener sind. Mit anderen Worten: Ideologie ist eine Form der Sinnstiftung für fragile Persönlichkeiten, eine Form geliehener oder Surrogat-Existenz für Lebewesen, die sich aus eigener Kraft nicht als Person verstehen können. Ideologie ist ein großes Problem für Wikipedia, denn Wikipedia ist ein Tummelplatz für Ideologen geworden. Das haben Arne Hoffmann und ich bereits in einem offenen Brief an Jimmy Wales, der bislang ohne Reaktion von “Jimbo” Wales geblieben ist, beklagt. Mehr noch: Wir haben die Mechanismen beschrieben, die Wikipedia zum El-Dorado für Ideologen machen, der wichtigste darunter: Anonymität. Anonymität ist das, was Ideologen suchen, denn sie wollen bestenfalls in Massenaufläufen gesehen werden, ansonsten scheuen sie sich, persönlich für ihre Ideologie einzustehen, denn sie haben sich die Ideologie ja zu eigen gemacht, um der Verantwortung zu entgehen. Das Wirken und Brüten im Verborgenen ist gerade die Voraussetzung, die sie benötigen, um ihre Illusion aufrecht zu erhalten, nach der sie wichtige Persönlichkeiten im Kampf gegen den einen politischen Gegner sind, den sie sich selbst herbeiphantasieren. Demgemäß sammeln sich bei Wikipedia Ideologen hinter den Pseudonymen ihrer virtuellen Existenz, die es ihnen erlaubt, Personen und Organisationen, die ihnen nicht passen, zu diskreditieren. Ich habe die Strktur der ideologischen Agitation bei Wikipedia bereits an anderer Stelle analysiert und damals gehofft, dass Jimmy Wales die strukturellen Probleme, die das deutschsprachige Unterfangen von Wikipedia langsam aber sicher scheitern lassen werden, ernst nimmt und etwas dagegen tut. Aber entweder habe ich ihn oder seinen Einfluss überschätzt. Jedenfalls hat er sich nicht gerührt, und die deutsche Wikimedia sieht offensichtlich keinen Anlass, etwas gegen den ideologischen Befall der deutschsprachigen Wikipedia zu unternehmen. Das neueste Tummelfeld der Pseudonym-Ideologen von Wikipedia scheinen die Artikel über eigentümlich frei und André Lichtschlag zu sein. Allein der Beitrag zu eigentümlich frei wurde am 23. Oktober mehr als 100 Mal verändert. Ich will dieses neueste Zeugnis ideologischen Wirkens bei Wikipedia zum Anlass nehmen, um den offensichtlich überforderten Wikipedia-Kämpen drei Regeln zur Vermeidung von Ideologie und zur Vermeidung der Diskreditierung von Personen zu geben.

  • Regel 1: Gleiche Behandlung aller Personen und Organisationen, die auf Wikipedia besprochen werden. Diese Regel dient dem Schutz von Persönlichkeitsrechten und ist insbesondere wirksam, weil Ideologen natürlich die eigenen Helden nicht beleidigen wollen, was sie müssten, würden auf Wikipedia alle gleichbehandelt
  • Regel 2: Keine wertenden Adjektive und Begriffe in den Beiträgen auf Wikipedia und vor allem: keine Formulierungen, die es dem Schreiber erlauben, sich von etwas zu distanzieren, ohne dabei die Verwantwortung für die getroffene Distanzierung übernehmen zu müssen.
  • Regel 3: Keine willkürliche Auswahl von Autoren als Beleg für die eigene Meinung. Vielmehr ist nach Autoren zu suchen, die der eigenen Meinung widersprechen. Diese Regel schützt davor, dass Ideologen andere Ideologen oder willkürlich zusammengeklaubtes Material nutzen, um Dritte zu diskreditieren.

Eigentlich sind die drei Regeln ganz einfach und leicht umsetzbar. Aber die Erfahrung lehrt, dass Ideologen und solche, die sich bei Wikipedia tummeln im Besonderen, begriffsstutzig sind oder doch zumindest gerne so erscheinen. Daher hier die Anwendung der entsprechenden Regeln.

Regel 1

Gleiche Behandlung von Personen und Organisationen auf Wikipedia kann man am besten dadurch sichern, dass man den Aufbau der Artikel standardisiert. Z.B. bestehen die Artikel über Karin Priester und Albrecht von Lucke neben “Weblinks”, “Einzelnachweisen” oder “Schriften” aus den Punkten “Werke (Auswahl)” bei Priester und “Leben” (diesmal keine Auswahl) bei von Lucke. Dagegen umfasst der Beitrag über André F. Lichtschlag, die Punkte, “Leben”, “Wirken” und “politische Einordnung”, neben “Auszeichnungen”, “Veröffentlichungen” und “Einzelnachweisen”. Warum ist es notwendig, André F. Lichtschlag politisch einzuordnen? Warum werden Karin Priester, emeritierte Professorin für Soziologie, und Albrecht von Lucke, Redakteur der Gewerkschaftszeitschrift “Blätter für deutsche und internationale Politik” nicht politische eingeordnet? Auf welcher Wissensgrundlage maßen sich anonyme Autoren von Wikipedia überhaupt an, eine politische Einordnung vorzunehmen, eine Aufgabe, die viele Biographen scheuen, die bei weitem besser informiert über die Personen sind, über die sie schreiben, als die Hobbytexter von Wikipedia? Wieso denken Wikipedia-Autoren, eine politische Einordnung sie für irgendjemand anderes als für sie selsbt interessant und relevant? Die einzige Antwort, die mir auf diese Fragen einfällt, lautet: es handelt sich bei den entsprechenden Wikipedia-Autoren um Ideologen, die die Wikipedia zur Agitation missbrauchen, in diesem Fall zur Diskreditierung Andersdenkener. Es ist ganz einfach, diesen Missbrauch abzustellen, in dem man die “politische Einordnung”, die sowieso nichts in einer Enzyklopädie zu suchen hat, ersatzlos streicht.

Regel 2

Wenn die “politische Einordnung” gestrichen wird, muss man natürlich dafür Sorge tragen, dass die Ideologie nicht an anderer Stelle ins Spiel kommt. Dies kann in einem ersten Schritt dadurch gewährleistet werden, dass wertende Adjektive durch beschreibende Adjektive ersetzt werden und dass zudem die Praxis, die Wertung, die man gerne treffen würde, anderen Autoren zu überlassen, die man zitieren kann, unterbunden wird. Also, Wikipedia-Autoren und im Klartext: Nemmt Euch den Text über “eigentümlich frei” zur Hand: “Eigendarstellung”, gleich der erste Satz und hier die Formulierung “nach eigenen Angaben”. Zum einen müssen Tatsachenbehauptungen in Wikipedia belegt werden, insofern kann jeder, der wissen will, woher Angaben sind, dies nachprüfen. Zum anderen legt die Formulierung gleich nahe, dass die Angaben mit Vorsicht zu genießen sind, und diese Wertung wollen wir doch nicht. Kurz: Streichen! Gleiches gilt für die Nominalisierung “Eigenangaben”. Wer wissen will, woher die Angaben stammen, kann dies nachprüfen und sich ein eigenes Bild von der Zuverlässigkeit der Angaben machen. Hilfestellung von anonymen Aktivisten ist nicht notwendig. Nun zum mit “Rezeption” überschriebenen Absatz: Wenn Karen Horn (Wer ist das überhaupt, und wieso hat Karen Horn hier etwas zu sagen?) von “radikalliberal” schreibt, dann ist das eine Wertung, die dadurch, dass Karen Horn sie von sich gegeben hat, nichts anderes wird und bestenfalls Aufschluss auf die politische Gesinnung von Karen Horn zu geben vermag, die wiederum nicht Gegenstand des Artikels ist. Und ob Karen Horn denkt, dass “seriöse Leserkreise” eigentümlich frei lesen oder nicht, interessiert wirklich niemanden außer vielleicht Karen Horn. Also: ebenfalls streichen. Wenn Wertungen weder durch Wikipedia-Autoren noch durch von ihnen zitierte Autoren vorgenommen werden dürfen, dann ergänzt sich Regel 2 in diesem Punkt hervorragend mit der folgenden Regel 3.

Regel 3

Im Artikel über eigentümlich frei werden unter “Rezeption” sechs Personen zitiert: Karen Horn, Heribert Seifert, Karin Priester, Angelika Strubbe, Thomas Gesterkamp und Albrecht von Lucke. Warum gerade diese sechs? Und wie erklärt es sich, dass die meisten dieser sechs Autoren (bei der einen Ausnahme kann man sich darüber streiten, ob sie eine Ausnahme ist) ausschließlich Negatives über eigentümlich frei zu sagen haben? Ist hier gezielt nach Negativem gesucht worden? Ganz offensichtlich, denn anders ist dieses Patchwork weitgehend unbekannter Autoren und Redakteure kaum zu erklären. Also: In Zukunft wird es in Wikipedia unterlassen, Dritte heranzuziehen, um die Arbeit der Organisationen oder der Personen, die gerade Gegenstand des Artikels sind, zu bewerten. Und schon ist die Wikipedia um einiges sauberer, und außerdem gelingt es auf diese Weise, die peinlichsten Fehler, die andere machen, nicht auf Wikipedia zu verbreiten. Wenn jemand, der in einer Zeitschrift schreibt, die von einem Autoren als z.B. “rechts” angesehen wird, in einer anderen Zeitschrift schreibt, die nicht als “rechts” angesehen wird, dann ist dem nichts anderes zu entnehmen, als dass beide Zeitschriften das, was dieser jemand zu schreiben weiß, abgedruckt haben. Daraus den Schluss zu ziehen, die nicht rechte Zeitung sei eigentlich auch rechts, denn sonst hätte sie den jemand nicht abgedruckt, wie es im Artikel über eigentümlich frei geschieht, ist nicht nur ein logischer Fehler (argumentum ad hominem), es ist absoluter Unsinn und trägt alle Indizien des Faschismus in sich, eines Faschismus, der Gedankenkontrolle betreiben will und der kontrollieren will, wer wo was druckt. Aber das ist nicht verwunderlich, denn bislang sind noch alle Ideologien in Faschismus geendet.

Diese drei Regeln sind einfach anzuwenden und mit ihnen ist es in relativ kurzer Zeit möglich, Wikipedia vom Spielball für Ideologen zu einer anähernd als Informationsquelle tauglichen Plattform zu gestalten. Wer also etwas ändern will, der kann das tun, wer aber nichts ändert, der stellt sich damit auf die Seite von Ideologen und zeigt, dass es ihm nicht um Information, sondern um Desinformation, nicht um das Projekt Wikipedia, sondern bestenfalls um die damit zu erzielenden Spendeneinnahmen geht. Ganz davon abgesehen, ist es ein Bestandteil kritischen Denkens, wie wir in unserem Grundsatzprogramm zeigen, denjenigen, den man kritisieren will, fair zu behandeln. Wer andere nicht in der Weise behandeln will, wie er bereit ist, sich selbst behandeln zu lassen, sollte seine Finger von Kritik lassen. Entsprechend sollte es in Wikipedia Personen, die anonym bleiben wollen, um andere öffentlich zu kritisieren, generell und aus Gründen der Fairness untersagt sein, Kritik zu üben.

Post Scriptum

Ich habe keine Lust mich unnötig zu wiederholen, daher noch einmal der Hinweis mit Link zum Nachlesen: Thomas Gesterkamp und Hinrich Rosenbrock (als Beleg im Artikel über eigentümlich frei angeführt) haben keine Arbeiten verfasst, die man als tauglich zum Beleg von was auch immer ansehen kann. Wenn man schon jemanden negativ kritisieren will oder eine Kritik seiner Arbeit vornehmen will, dann muss man sich auf Personen beziehen, die in ihrem Gebiet eine Kapazität darstellen, die auf Wissen und Kenntnissen zurückgreifen können, die sie dokumentiert haben und für die sie von anderen Mitgliedern ihres Gebietes anerkannt und geschätzt werden. Personen, die sich von politischen Organisationen als Auftragsschreiber instrumentalisieren lassen, scheiden hier automatisch aus: weder die Friedrich-Ebert Stiftung noch die Heinrich-Böll Stiftung verfügen über irgend eine andere Reputation als die politischer Agitation und das ist nun einmal das Gegenteil einer Reputation, die man für Fähigkeiten, Kenntnisse, Wissen oder Leistungen in einem Feld erzielen kann.

PPS

Meine Darstellung basiert auf einer Wikipedia-Version, die zwischenzeitlich im Zuge des stattfindenden Edit-Wars verändert, wiederhergestellt, wieder verändert und so weiter wurde. Daher verweise ich die Leser auf die Diskussion des Beitrags, um sich ein Bild von der Version zu machen.

Reise nach Absurdistan: Die Postwachstumsgesellschaft

Dr. Thomas Sauer, Professor für Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Betriebswirtschaft der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, nimmt die Leser seines Beitrags, “Die Rolle der Gemeingüter in den Städten” mit auf eine Reise, eine Reise von Widerspruchshausen nach Absurdistan. Nicht nur ist der Beitrag in einer Weise geschrieben, die man jedem Studenten um die Ohren hauen würde, weil weder die Fragestellung noch ein roter Faden, der dem Leser durch den Text hilft, erkennbar sind noch ist der Inhalt, jenseits der ideologischen Betrachtung der Welt auch nur im Entferntesten deckungsgleich mit dem, was in ökonomicher und soziologischer Theorie diskutiert wird und was man in beiden als Grundlagenwissen bezeichnen könnte. Dies war die Behauptung, nun folgt der Beleg.

Ich habe im Satzdickicht von Dr. Sauer, die folgenden Aussagen/Behauptungen identifizieren können, die man – wenn man unterstellt, der Beitrag sei mit einem bestimmten Ziel geschrieben worden, der Beitrag enthalte eine “message”, in die folgende logische Abfolge bringen kann:

  1. Die “Wachstumswirtschaft” hat “uns” an die “Grenzen des planetaren Ökosystems” geführt.
  2. Es kriselt: Klimakrise, Energiekrise, Globalisierungskrise und Systemkrise sind “Schockgeneratoren”.
  3. Das Problem mit dem Wachstum besteht darin, dass es Ressourcen verbraucht, dass es Steuereinnahmen generiert und dass es Arbeitslosigkeit beseitigt.
  4. Die Wachstumsgesellschaft sieht eine Entkoppelung von Ökonomie und Gesellschaft. Die Postwachstumsgesellschaft will eine “Wiedereinbettung der Ökonomie in ihren gesellschaftlichen und ökologischen Kontext”.
  5. Die Postwachstumsgesellschaft kennt “einen neuen Ökonomiebegriff”, keine individuelle Nutzenmaximierung und eine “Abkehr vom Paradigma der “unsichtbaren Hand””, an dessen Stelle sollen eine “kooperative Reproduktion der sozialen und ökologischen Ressourcenbasis” und eine “Idee der institutionellen Pluralität” treten.
  6. Die “neoklassische Ökonomie sagt: Wenn Kollektivgüter von jedem frei genutzt werden, dann führt dies zu einer Übernutzung. Nachhaltigkeitsprobleme sind daher immer auch Kollektivgutprobleme, meint Dr. Sauer.
  7. Die Übernutzung von Kollektivgütern kann in der “Logik der neoklassischen Ökonomie” nur durch Privatisierung verhindert werden.
  8. Elinor Ostrom hat aber gezeigt, dass Gemeingüter “sehr wohl erfolgreich gemeinwirtschaftlich verwaltet werden” können.
  9. Konklusion [Die ziehe ich, der Text von Dr. Sauer hört schlagartig und ohne Schlussfolgerungen auf]: Wir müssen weg vom Privateigentum und weg vom nutzenmaximierenden homo oeconomicus und hin zum gemeinschaftlich orientierten Sozialwesen, dessen Rechte von “dezentralen Institutionen” wahrgenommen werden, deren Ziel darin besteht, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen zu sichern.

Die Aussagen, die ich aus Dr. Sauers Beitrag extrahiert habe und von denen ich der Ansicht bin, dass Sie den Kern des Beitrags ausmachen, will ich nunmehr in chronologischer Reihenfolge und mit den Mitteln der kritischen Analyse wie sie in unserem Grundsatzprogramm formuliert sind, analysieren:

  1. Maddison (2006), S.43

    Die Behauptung, dass die Wachstumswirtschaft uns an die Grenzen des planetaren Ökosystems geführt hat, ist, wenn ich das einmal so deutlich formulieren darf, grober Unsinn. Das Wachstum der letzten Jahrtausende hat, wie Maddison (2006) in seiner Fleißarbeit gezeigt hat, Wohlstand und Lebenssicherheit in einem Maße geschaffen, das für die jeweils vorausgehenden Generationen unvorstellbar war. Die “Tragik der Allmende”, die in Punkt 6 noch einmal wieder kommen wird, besteht nicht darin, dass rationale Akteure ein Kollektivgut übernutzen, sondern darin, dass es zu viele Akteure gibt, die ein Kollektivgut nutzen wollen.

  2. Wann hätte es je eine Zeit gegeben, in der es nicht gekriselt hat? Die Krise gehört zum Wandel, wie die Veränderung zum Fortschritt. Wer Krisen verhindern will, der muss die Zeit anhalten, denn dummerweise kommen mit Handlungen immer auch unbeabsichtigte Folgen, also Folgen, die man nicht beeinflussen, verhindern oder vorhersehen kann. Aber wenn schon Krise, dann richtig: Was ist mit der Dürrekrise in den USA? Was ist mit der Wasserkrise in Sub-Sahara-Afrika? Was ist mit der Wikipedia-Ideologie-Krise? Was ist mit der deutsche-Schwimmer-ohne-Olympia-Medaillen-Krise? Was mit der Eurokrise? Was mit der Bankenkrise, der Sub-prime-mortgage Krise, der Barclays-Krise, der Jungenkrise, der Bildungskrise, der überdüngte-Böden-Krise, der Krise der vögelmordenden Windräder, der Irak/Iran/Syrien/Afghanistan/Vietnam/Nord-Korea/Kambodscha/Somalia/Jemen/Serbien/Balkan/Georgien-Krise? Alles eine Folge der Wachtumswirtschaft?
  3. Das ist in der Tat ein Problem, dass man nur unter Einsatz von etwas, etwas erreichen kann. Aber das ist auch im Paradies so: Wer davon träumt, dass ihm gebratene Maiskolben in den Mund fliegen, vergisst, dass Maiskolben irgendwo wachsen müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendwem angebaut werden müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendjemandem gebraten werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) und von irgendjemandem geworfen werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) damit der ursprüngliche Jemand sich einbilden kann, er lebe im Paradies. Den Zusammenhang zwischen Wachstum und geringer Arbeitslosigkeit bzw. hohen Steuereinnahmen, will ich nur dahingehend kommentieren, dass es in der Postwachstumsgesellschaft offensichtlich – weil logisch aus der Feststellung folgend: hohe Arbeitslosigkeit und geringe Steuereinnahmen gibt. Obwohl mich dieser Spritzer “Realität” im Traumgebilde der “Postwachstumsgesellschaft” freut, bin ich mir doch gleichwohl nicht darüber im Klaren, ob viele die Freude an der Armut, die Anhänger der “Postwachstumsgesellschaft” zu treiben scheint, teilen.
  4. Wer denkt, dass Ökonomie derzeit von der Gesellschaft entkoppelt ist, hat eine seltsame Vorstellung davon, was es bedeutet, zu arbeiten, was die Frage nach der Tätigkeit von Dr. Sauer und dem Verhältnis, in dem seine Tätigkeit zu Arbeit steht, aufwirft. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl der arbeitenden Erwerbstätigen der Ansicht ist, sie sei sehr wohl in die Gesellschaft eingebettet.
  5. Was Dr. Sauer als Postwachstumsgesellschaft beschreibt, ist nichts anderes als gesteuerte Ökonomie (das nennt man Sozialismus oder Kommunismus), die darauf basiert, Menschen ihr Menschsein, ihr Streben danach, sich und ihre Situation zu verbessern, ihren Nutzen zu maximieren, abzugewöhnen. Die Postwachstumsgesellschaft ist also eine Gesellschaft der Ghouls, die alle vom selben Leichnam früheren Wohlstands zehren.
  6. Nein, die Tragik der Allmende, auf die Dr. Sauer hier Bezug nimmt, und die von Garret Hardin (1968) in seinem klassischen Artikel “The Tragedy of the Commons” beschrieben wurde, ist keine Krise des Rationalismus, sondern eine Krise der Überbevölkerung: „The pollution problem is a consequence of population. It did not much matter how a lonely American frontiersman disposed of his waste. ‘Flowing water purifies itself every ten miles’, my grandfather used to say, and the myth was near enough to the truth when he was a boy, for there were not too many people. But as population became denser, the natural chemical and biological recycling processes became overloaded, calling for a redefinition of property rights” (Hardin, 1968, S.1245). Und: „… the oceans of the world continue to suffer from the survival of the philosophy of the commons. Maritime nations still respond automatically to the shibboleth of the ‘freedom of the seas.’ Professing to believe in the ‘inexhaustible resources of the oceans’, they bring species after species of fish and whales closer to extinction” (Hardin, 1968, S.1244). Man beachte zweierlei: Die “Tragedy of the Commons”, also z.B. die Überfischung der Weltmeere, hat zum einen die Ursache, dass es zu viele Menschen gibt und zum anderen die Ursache, dass kollektive Akteure, Staaten, Organisationen, Vereinigungen, so tun, als wäre die Erde nur spärlich bevölkert.

    Garret Hardin (1968). The Tragedy of the Commons.

  7. Liberale Ökonomen gehen in der Tat davon aus, dass das Problem der gemeinschaftlichen Übernutzung von Kollektivgütern dadurch gelöst werden kann, dass die entsprechenden Güter bzw. die Nutzung an den entsprechenden Gütern (Wald, Meere) privatisiert werden, sind sich aber durchaus bewusst, dass nicht-liberale Ökonomen die Rettung vor der gemeinschaftlichen Übernutzung in staatlicher Reglementierung sehen.
  8. Elinor Ostrom hat im Gegensatz zu dem, was Dr. Sauer behauptet, im Privateigentum gerade die Grundlage der Lösung des Problems der Übernutzung kollektiver Güter gesehen. Mark Pennington, dem die Fehlrezeption von  Ostroms Arbeiten massiv auf die Nerven gegangen zu sein scheint, hat dies gerade in einem Beitrag für den Blog des Institute of Economic Affairs in London richtig gestellt. Wie? U.a. in dem er zitiert, was Ostrom selbst geschrieben hat: “Common property regimes are a way of privatising the rights to something without dividing it into pieces… Historically common property regimes have evolved in places where the demand on a resource is too great to tolerate open access, so property rights have to be created, but some other factor makes it impossible or undesirable to parcel the resource itself” (McKean & Ostrom, 1995, S.6). Also wieder nichts mit der Gemeinschaftsideologie, dem Traum von Kommunismus, in dem glückliche Menschen über grüne Wiesen, die niemandem und doch allen gehören, springen und sich daran freuen, dass ihnen die gebratenen Maiskolben in den Mund fliegen… Aber das hatten wir schon.
  9. Die Konklusion, die Dr. Sauer in seinem Beitrag nahelegt, wird durch ihn selbst widerlegt, denn während er voller Enthusiasmus ein Projekt in der schwedischen (wie könnte es auch anders sein) Stadt Växjö beschreibt, das nach seiner Ansicht wohl das Beispiel par exellence für die Überwindung der Wachstumsgesellschaft mit ihren nach Eigennutz strebenden Akteuren, die auch vor der Zerstörung der Natur nicht halt machen, ist, entgleitet ihm der folgende Satz: “Ein treibender Faktor der Energiewende in Växjö war neben der Kommune die Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer, die ein massives Interesse an der Nutzung der nachhaltig erzeugten Energieträger haben“. Es ist nicht erstaunlich, dass Waldbesitzer Holz verkaufen wollen. Es stellt die Maximierung des Nutzens von Waldbesitzern dar, wenn sie ihr Holz verkaufen, wenn sie es sicher verkaufen, wenn sie es zu einem garantierten Preis verkaufen. Und so entpuppt sich die schöne heile Welt des Postwachstums als eine Gesellschaft, in der individuelle Interessen, zwar weiterhin nutzenmaximierend sind, aber dadurch geadelt werden, dass sie nunmehr als “Interessen der Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer” deklariert werden.

Postwachstum so hat sich gezeigt, ist nichts anderes als eine Umetikettierung und eine Neuverteilung von Legitimation. Um legitim zu sein, genügt es nicht mehr, dass Interessen individuelle Interessen sind, nein, sie müssen kollektive Interessen sein. Sind sie mit dem kollektiven Heiligenschein versehen, dann dürfen die Interessen gerne auftreten, um ihren Nutzen zu maximieren und wenn sie zudem als “nachhaltig” gelten, sind sie auch von jeglicher Kritik ausgenommen, denn wer will schon der “Umweltkrise” das Wort reden. Schon das Beispiel aus Växjö macht deutlich, dass organisierte Interessen (die Waldbesitzer) gegenüber anderen, weniger formal organisierten kollektiven Interessen einen Vorteil darin haben, ihre Interessen durchzusetzen. Und wie man denken kann, dass die Vertreter organisierter Interessen, die natürlich von sich behaupten, sie erfüllten die Werte, die gerade gesellschaftlich in Mode sind, Nachhaltigkeit zum Beispiel, würden für sich eine Grenze ziehen, bis zu der sie ihre Interessen durchsetzen und die sie nicht überschreiten, ist mir nicht nachvollziehbar. Aber ich lebe auch nicht in der Postwachstumsgesellschaft, in der die fliegenden Maiskolben unterwegs sind, und von außen betrachtet, scheint mir auch die Postwachstumsgesellschaft nichts Neues zu sein, auch das, was die Postwachstumler uns nahe legen wollen, hatten wir schon, es hieß damals DDR und die Führer der “Animal Farm” trafen sich im Zentralkomittee um die kollektiven Interessen zu formulieren und z.B. die Anzahl der Einwohner des SED-Paradieses festzulegen, die im Jahr 10 nach der Machtergreifung, einen Kühlschrank erhalten sollten.

Literatur:

Hardin, Garret (1968). The Tragedy of the Commons. Science, 162: 1243-1248.

McKean, Margareth & Ostrom, Elinor (1995). Common Property Regimes in the Forest: Just a Relic from the Past? Unasylva 48(180): 3-15.

Bildnachweis:
Unsolicitedious

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