Reise nach Absurdistan: Die Postwachstumsgesellschaft

Dr. Thomas Sauer, Professor für Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Betriebswirtschaft der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, nimmt die Leser seines Beitrags, “Die Rolle der Gemeingüter in den Städten” mit auf eine Reise, eine Reise von Widerspruchshausen nach Absurdistan. Nicht nur ist der Beitrag in einer Weise geschrieben, die man jedem Studenten um die Ohren hauen würde, weil weder die Fragestellung noch ein roter Faden, der dem Leser durch den Text hilft, erkennbar sind noch ist der Inhalt, jenseits der ideologischen Betrachtung der Welt auch nur im Entferntesten deckungsgleich mit dem, was in ökonomicher und soziologischer Theorie diskutiert wird und was man in beiden als Grundlagenwissen bezeichnen könnte. Dies war die Behauptung, nun folgt der Beleg.

Ich habe im Satzdickicht von Dr. Sauer, die folgenden Aussagen/Behauptungen identifizieren können, die man – wenn man unterstellt, der Beitrag sei mit einem bestimmten Ziel geschrieben worden, der Beitrag enthalte eine “message”, in die folgende logische Abfolge bringen kann:

  1. Die “Wachstumswirtschaft” hat “uns” an die “Grenzen des planetaren Ökosystems” geführt.
  2. Es kriselt: Klimakrise, Energiekrise, Globalisierungskrise und Systemkrise sind “Schockgeneratoren”.
  3. Das Problem mit dem Wachstum besteht darin, dass es Ressourcen verbraucht, dass es Steuereinnahmen generiert und dass es Arbeitslosigkeit beseitigt.
  4. Die Wachstumsgesellschaft sieht eine Entkoppelung von Ökonomie und Gesellschaft. Die Postwachstumsgesellschaft will eine “Wiedereinbettung der Ökonomie in ihren gesellschaftlichen und ökologischen Kontext”.
  5. Die Postwachstumsgesellschaft kennt “einen neuen Ökonomiebegriff”, keine individuelle Nutzenmaximierung und eine “Abkehr vom Paradigma der “unsichtbaren Hand””, an dessen Stelle sollen eine “kooperative Reproduktion der sozialen und ökologischen Ressourcenbasis” und eine “Idee der institutionellen Pluralität” treten.
  6. Die “neoklassische Ökonomie sagt: Wenn Kollektivgüter von jedem frei genutzt werden, dann führt dies zu einer Übernutzung. Nachhaltigkeitsprobleme sind daher immer auch Kollektivgutprobleme, meint Dr. Sauer.
  7. Die Übernutzung von Kollektivgütern kann in der “Logik der neoklassischen Ökonomie” nur durch Privatisierung verhindert werden.
  8. Elinor Ostrom hat aber gezeigt, dass Gemeingüter “sehr wohl erfolgreich gemeinwirtschaftlich verwaltet werden” können.
  9. Konklusion [Die ziehe ich, der Text von Dr. Sauer hört schlagartig und ohne Schlussfolgerungen auf]: Wir müssen weg vom Privateigentum und weg vom nutzenmaximierenden homo oeconomicus und hin zum gemeinschaftlich orientierten Sozialwesen, dessen Rechte von “dezentralen Institutionen” wahrgenommen werden, deren Ziel darin besteht, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen zu sichern.

Die Aussagen, die ich aus Dr. Sauers Beitrag extrahiert habe und von denen ich der Ansicht bin, dass Sie den Kern des Beitrags ausmachen, will ich nunmehr in chronologischer Reihenfolge und mit den Mitteln der kritischen Analyse wie sie in unserem Grundsatzprogramm formuliert sind, analysieren:

  1. Maddison (2006), S.43

    Die Behauptung, dass die Wachstumswirtschaft uns an die Grenzen des planetaren Ökosystems geführt hat, ist, wenn ich das einmal so deutlich formulieren darf, grober Unsinn. Das Wachstum der letzten Jahrtausende hat, wie Maddison (2006) in seiner Fleißarbeit gezeigt hat, Wohlstand und Lebenssicherheit in einem Maße geschaffen, das für die jeweils vorausgehenden Generationen unvorstellbar war. Die “Tragik der Allmende”, die in Punkt 6 noch einmal wieder kommen wird, besteht nicht darin, dass rationale Akteure ein Kollektivgut übernutzen, sondern darin, dass es zu viele Akteure gibt, die ein Kollektivgut nutzen wollen.

  2. Wann hätte es je eine Zeit gegeben, in der es nicht gekriselt hat? Die Krise gehört zum Wandel, wie die Veränderung zum Fortschritt. Wer Krisen verhindern will, der muss die Zeit anhalten, denn dummerweise kommen mit Handlungen immer auch unbeabsichtigte Folgen, also Folgen, die man nicht beeinflussen, verhindern oder vorhersehen kann. Aber wenn schon Krise, dann richtig: Was ist mit der Dürrekrise in den USA? Was ist mit der Wasserkrise in Sub-Sahara-Afrika? Was ist mit der Wikipedia-Ideologie-Krise? Was ist mit der deutsche-Schwimmer-ohne-Olympia-Medaillen-Krise? Was mit der Eurokrise? Was mit der Bankenkrise, der Sub-prime-mortgage Krise, der Barclays-Krise, der Jungenkrise, der Bildungskrise, der überdüngte-Böden-Krise, der Krise der vögelmordenden Windräder, der Irak/Iran/Syrien/Afghanistan/Vietnam/Nord-Korea/Kambodscha/Somalia/Jemen/Serbien/Balkan/Georgien-Krise? Alles eine Folge der Wachtumswirtschaft?
  3. Das ist in der Tat ein Problem, dass man nur unter Einsatz von etwas, etwas erreichen kann. Aber das ist auch im Paradies so: Wer davon träumt, dass ihm gebratene Maiskolben in den Mund fliegen, vergisst, dass Maiskolben irgendwo wachsen müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendwem angebaut werden müssen (unter Verbrauch von Ressourcen), von irgendjemandem gebraten werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) und von irgendjemandem geworfen werden müssen (unter Gebrauch von Ressourcen) damit der ursprüngliche Jemand sich einbilden kann, er lebe im Paradies. Den Zusammenhang zwischen Wachstum und geringer Arbeitslosigkeit bzw. hohen Steuereinnahmen, will ich nur dahingehend kommentieren, dass es in der Postwachstumsgesellschaft offensichtlich – weil logisch aus der Feststellung folgend: hohe Arbeitslosigkeit und geringe Steuereinnahmen gibt. Obwohl mich dieser Spritzer “Realität” im Traumgebilde der “Postwachstumsgesellschaft” freut, bin ich mir doch gleichwohl nicht darüber im Klaren, ob viele die Freude an der Armut, die Anhänger der “Postwachstumsgesellschaft” zu treiben scheint, teilen.
  4. Wer denkt, dass Ökonomie derzeit von der Gesellschaft entkoppelt ist, hat eine seltsame Vorstellung davon, was es bedeutet, zu arbeiten, was die Frage nach der Tätigkeit von Dr. Sauer und dem Verhältnis, in dem seine Tätigkeit zu Arbeit steht, aufwirft. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl der arbeitenden Erwerbstätigen der Ansicht ist, sie sei sehr wohl in die Gesellschaft eingebettet.
  5. Was Dr. Sauer als Postwachstumsgesellschaft beschreibt, ist nichts anderes als gesteuerte Ökonomie (das nennt man Sozialismus oder Kommunismus), die darauf basiert, Menschen ihr Menschsein, ihr Streben danach, sich und ihre Situation zu verbessern, ihren Nutzen zu maximieren, abzugewöhnen. Die Postwachstumsgesellschaft ist also eine Gesellschaft der Ghouls, die alle vom selben Leichnam früheren Wohlstands zehren.
  6. Nein, die Tragik der Allmende, auf die Dr. Sauer hier Bezug nimmt, und die von Garret Hardin (1968) in seinem klassischen Artikel “The Tragedy of the Commons” beschrieben wurde, ist keine Krise des Rationalismus, sondern eine Krise der Überbevölkerung: „The pollution problem is a consequence of population. It did not much matter how a lonely American frontiersman disposed of his waste. ‘Flowing water purifies itself every ten miles’, my grandfather used to say, and the myth was near enough to the truth when he was a boy, for there were not too many people. But as population became denser, the natural chemical and biological recycling processes became overloaded, calling for a redefinition of property rights” (Hardin, 1968, S.1245). Und: „… the oceans of the world continue to suffer from the survival of the philosophy of the commons. Maritime nations still respond automatically to the shibboleth of the ‘freedom of the seas.’ Professing to believe in the ‘inexhaustible resources of the oceans’, they bring species after species of fish and whales closer to extinction” (Hardin, 1968, S.1244). Man beachte zweierlei: Die “Tragedy of the Commons”, also z.B. die Überfischung der Weltmeere, hat zum einen die Ursache, dass es zu viele Menschen gibt und zum anderen die Ursache, dass kollektive Akteure, Staaten, Organisationen, Vereinigungen, so tun, als wäre die Erde nur spärlich bevölkert.

    Garret Hardin (1968). The Tragedy of the Commons.

  7. Liberale Ökonomen gehen in der Tat davon aus, dass das Problem der gemeinschaftlichen Übernutzung von Kollektivgütern dadurch gelöst werden kann, dass die entsprechenden Güter bzw. die Nutzung an den entsprechenden Gütern (Wald, Meere) privatisiert werden, sind sich aber durchaus bewusst, dass nicht-liberale Ökonomen die Rettung vor der gemeinschaftlichen Übernutzung in staatlicher Reglementierung sehen.
  8. Elinor Ostrom hat im Gegensatz zu dem, was Dr. Sauer behauptet, im Privateigentum gerade die Grundlage der Lösung des Problems der Übernutzung kollektiver Güter gesehen. Mark Pennington, dem die Fehlrezeption von  Ostroms Arbeiten massiv auf die Nerven gegangen zu sein scheint, hat dies gerade in einem Beitrag für den Blog des Institute of Economic Affairs in London richtig gestellt. Wie? U.a. in dem er zitiert, was Ostrom selbst geschrieben hat: “Common property regimes are a way of privatising the rights to something without dividing it into pieces… Historically common property regimes have evolved in places where the demand on a resource is too great to tolerate open access, so property rights have to be created, but some other factor makes it impossible or undesirable to parcel the resource itself” (McKean & Ostrom, 1995, S.6). Also wieder nichts mit der Gemeinschaftsideologie, dem Traum von Kommunismus, in dem glückliche Menschen über grüne Wiesen, die niemandem und doch allen gehören, springen und sich daran freuen, dass ihnen die gebratenen Maiskolben in den Mund fliegen… Aber das hatten wir schon.
  9. Die Konklusion, die Dr. Sauer in seinem Beitrag nahelegt, wird durch ihn selbst widerlegt, denn während er voller Enthusiasmus ein Projekt in der schwedischen (wie könnte es auch anders sein) Stadt Växjö beschreibt, das nach seiner Ansicht wohl das Beispiel par exellence für die Überwindung der Wachstumsgesellschaft mit ihren nach Eigennutz strebenden Akteuren, die auch vor der Zerstörung der Natur nicht halt machen, ist, entgleitet ihm der folgende Satz: “Ein treibender Faktor der Energiewende in Växjö war neben der Kommune die Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer, die ein massives Interesse an der Nutzung der nachhaltig erzeugten Energieträger haben“. Es ist nicht erstaunlich, dass Waldbesitzer Holz verkaufen wollen. Es stellt die Maximierung des Nutzens von Waldbesitzern dar, wenn sie ihr Holz verkaufen, wenn sie es sicher verkaufen, wenn sie es zu einem garantierten Preis verkaufen. Und so entpuppt sich die schöne heile Welt des Postwachstums als eine Gesellschaft, in der individuelle Interessen, zwar weiterhin nutzenmaximierend sind, aber dadurch geadelt werden, dass sie nunmehr als “Interessen der Genossenschaft der regionalen Waldbesitzer” deklariert werden.

Postwachstum so hat sich gezeigt, ist nichts anderes als eine Umetikettierung und eine Neuverteilung von Legitimation. Um legitim zu sein, genügt es nicht mehr, dass Interessen individuelle Interessen sind, nein, sie müssen kollektive Interessen sein. Sind sie mit dem kollektiven Heiligenschein versehen, dann dürfen die Interessen gerne auftreten, um ihren Nutzen zu maximieren und wenn sie zudem als “nachhaltig” gelten, sind sie auch von jeglicher Kritik ausgenommen, denn wer will schon der “Umweltkrise” das Wort reden. Schon das Beispiel aus Växjö macht deutlich, dass organisierte Interessen (die Waldbesitzer) gegenüber anderen, weniger formal organisierten kollektiven Interessen einen Vorteil darin haben, ihre Interessen durchzusetzen. Und wie man denken kann, dass die Vertreter organisierter Interessen, die natürlich von sich behaupten, sie erfüllten die Werte, die gerade gesellschaftlich in Mode sind, Nachhaltigkeit zum Beispiel, würden für sich eine Grenze ziehen, bis zu der sie ihre Interessen durchsetzen und die sie nicht überschreiten, ist mir nicht nachvollziehbar. Aber ich lebe auch nicht in der Postwachstumsgesellschaft, in der die fliegenden Maiskolben unterwegs sind, und von außen betrachtet, scheint mir auch die Postwachstumsgesellschaft nichts Neues zu sein, auch das, was die Postwachstumler uns nahe legen wollen, hatten wir schon, es hieß damals DDR und die Führer der “Animal Farm” trafen sich im Zentralkomittee um die kollektiven Interessen zu formulieren und z.B. die Anzahl der Einwohner des SED-Paradieses festzulegen, die im Jahr 10 nach der Machtergreifung, einen Kühlschrank erhalten sollten.

Literatur:

Hardin, Garret (1968). The Tragedy of the Commons. Science, 162: 1243-1248.

McKean, Margareth & Ostrom, Elinor (1995). Common Property Regimes in the Forest: Just a Relic from the Past? Unasylva 48(180): 3-15.

Bildnachweis:
Unsolicitedious

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18 Responses to Reise nach Absurdistan: Die Postwachstumsgesellschaft

  1. Eike Scholz says:

    Ökonomie?

    Die Diskurse in der Ökonomie verwundern mich ein wenig, oft lese ich sehr nachvollziehbare Sachen, und dann kommen so kommt soetwas wie Ökonomie ohne individuelle Nutzenoptimierung. Woher wollen sie denn solche Menschen hernehmen? Klar gibt es berechtigte Kritik am “homo oeconomicus” aber die war doch weniger, dass der Mensch nicht versuchen würde für sich den Nutzen zu optimieren, sondern, dass er dabei nicht besonders “rational” ist, und das was die Menschen für Nützlich erachten sehr unterschiedlich sein kann, und oft nicht durch ein einfaches Monetäres Anreitzsystem Modelliert werden kann. Warum werden dort so oft Ansichten kritisiert, die es in der kritisierten Form so gar nicht gibt, bzw. gar nicht wirklich relevant sind? Der alte “homo oeconomicus” ist tot, ja gut – und?

    Ferner, die Grenzen des Wachstums sind auch so eine Spezialität, ja sicher gibt es physikalische Grenzen. Nur können diese Grenzen offensichtlich noch nicht erreicht sein, wenn es eine signifikante Arbeitslosigkeit gibt – wir haben ja inzwischen Software-Entwicklung und ähnliches, was relative Ressourcen sparend ist. Was die ökologischen Grenzen angeht, bin ich auch nicht sicher ob man nicht einen Großen teil der Arbeit ökologisch halbwegs neutral organisieren kann.

    Zu guter Letzt:
    Warum ist privates Eigentum an sich ein Widerspruch zu einem gemeinschaftlich orientierten Sozialwesen? Warum soll das in einem vernünftigen Rahmen nicht beides gehen? Bzw. ist es nicht vielmehr so, dass es in einem vernünftigen Rahmen nur beides geben kann, nicht entweder das Eine oder das Andere?

    Warum gibt es so oft diese Scheindebatten bei den Ökonomen?

    • “Warum gibt es so oft diese Scheindebatten bei den Ökonomen?”

      Denn Sie wissen nicht, wovon Sie reden. Vermutlich hast Du mehr Kenntnis vom homo oeconomicus als so mancher Besetzer eines BWL/VWL Lehrstuhls in Deutschland. Aber, wir als nutzenmaximierende Neoliberale sind ja einsichtig und lernfähig und sobald der erste “Ökonomie”professor auf sein Gehalt verzichtet, es für notleidende Alleinerziehende mit Hund und Zwei-Zimmer-Wohnung spendet und sich mit seinem Grundeinkommen von 1234 Euro pro Monat begnügt, bin ich bereit zuzugestehen, dass es Anomalien im Paradigma des nutzenmaximierenden home oeconomicus gibt.

      • Eike Scholz says:

        Nun,

        ich würde es vorziehen mich als Liberaler, Links-Liberaler, oder Links-Libertärer zu bezeichnen, da Neoliberal in den letzten Jahrzehnten eine massive Bedeutungs-Verschiebung erlitten hat. Die “Neoliberalen” von heute sind die Konstrukteure unseres Europäischen-Banken-Sozialismus, bei den auf jeden Fall, um jeden Preis die Banken gerettet werden müssen. Nach dem Motte alle Marktteilnehmer sind gleich, nur einige sind gleicher. Ferner ich bezeichne mich auch als Atheist und nicht Neuer Atheist, ich mag nichts sagende Präfixe einfach nicht.

        Das man Nutzen maximiert, ist schlichtweg eine gute Möglichkeit rationales handeln zu modellieren, daher ist es halt auch genau der Punkt am homo oeconomicus der im wesentlichen unproblematisch ist. Aber richtig sobald ich in Masse verhalten sehe, dass sich nicht mehr als nutzen Optimierung modellieren lässt ändere auch ich meine Meinung.
        Aber ich mach erstmal Urlaub.

        Beste Grüße,
        Eike

        • Ich verstehe Deine Haltung zu “Neoliberalismus”, obgleich ich sie nicht teile. Wenn man jeden Begriff fallenlassen würde, nur weil eine Anzahl von Uninformierten ihn falsch gebraucht, dann bliebe nicht viel übrig. Was ist in Deiner Sicht ein “links-Liberaler”? Kann man liberal und links sein? Mir scheint das ein entweder oder zu sein…

        • Eike Scholz says:

          Ich kann nur kurz per Smartphopne antworten. Am einfachsten kann man vom left-libertarianism ausgehen wie er in http://plato.stanford.edu/entries/libertarianism/ besprochen wird. Daraus wird links liberal im englischen Sprachgebrauch nur liberal wenn als Ausgangspunkt statt des selbst Eigentums unveraenderliche Freiheitsrechte annimmt. Links heisst in sofern nur, dass Verteilung von Eigentum welches ueber das selbsteigentum hinausgeht gesellschaftlich diskutiert und geaendert werden kann. Die Aufgabe von Eigentum als Konzept lehne ich ab, insbesondere fuer produktionsmittel. Als Programmierer werde ich weder mein Hirn noch alle meine Computer unter gemeinschaftsverfuegung Stellen.

  2. A. Behrens says:

    Hallo,

    mal ein paar Gedanken dazu. IMO sind das Gedanken die sich jeder Wirtschaftswissenschaftler stellen muss und zumindest die Guten haben es gemacht.

    Erste Annahme “Alle Menschen handeln rational”. Die Annahme ist nicht völlig absurd, sie ist Grundlage des Marxismus und eine weit verbreitete Arbeitstheorie in den Wirtschaftswissenschaften. Die Annahme der Rationalität ist außerdem ein Grundprinzip der Aufklärung und damit der Welt wie wir sie heute im Westen kennen (oder zu kennen glauben).

    Zweite Annahme: Die Maximierung des Kollektivnutzens führt zu einer Maximierung des Individualnutzens. Auch diese Annahme ist durchaus schlüssig, diese Annahme wird in gesunden Familien real ge- und erlebt.

    Wenn man beide Annahmen kombiniert und versucht daraus ein Wirtschaftssystem zu konstruieren, dann kommt man über kurz oder lang auf eine sozialistische Planwirtschaft. Eine Planwirtschaft kann Produktionsfaktoren über mathematische Optimierungsverfahren derart kombinieren, dass der Gesamtnutzen (gemessen z.B. am Verhältnis Input/Output) maximiert wird und die Leistungsfähigkeit einer solchen Wirtschaft die Leistungsfähigkeit einer Marktwirtschaft übersteigt, da zum Beispiel Reibungsverluste (Werbung, Öffentlichkeitsarbeit) verringert werden, Resourceneinsatz optimiert wird (eine Maschine wird da eingesetzt, wo es für die Volkswirtschaft insgesamt am sinnvollsten ist) und Parallelentwicklungen vermieden werden (die Apple und Google-Ingenieure könnten gemeinsam statt gegeneinander arbeiten).

    Eine Wirtschaftstätigkeit kann in der Praxis immer in zwei Richtungen optimiert werden: Maximierung des Outputs oder Minimierung des Inputs (bei gleichbleibenden Output). Es wäre daher theoretisch möglich bei gleichenbleibenden Nutzenniveau den Aufwand gemessen am Ressourcenverbrauch zu reduzieren –> Postwachstumsgesellschaft.

    Allein: Es gibt eine handvoll praktischer Probleme zu lösen:

    Im Rahmen einer Wirtschaft müssen drei Fragestellungen beantwortet werden:

    1. Welchen Bedarf gibt es?
    2. Wie kann man Produktionsfaktoren (hier: Arbeit Kapital und Rohstoffe) so kombinieren, dass der Bedarf bestmöglich kombiniert wird?
    3. Wenn der Bedarf nicht vollständig befriedigt werden kann, in welcher Reihenfolge werden die Bedarfe befriedigt und welche Bedarfe bleiben unbefriedigt (und lauern somit als Bedürfnis auf zukünftige Erfüllung)?

    Nur wenn alle drei Fragen benantwortet werden, hat man es mit einem funktionierenden wirtschaftlichen Konzept zu tun.

    Zur zweiten Frage:

    Sozialistische Planwirtschaft kann nur den Punkt Zwei erfüllen: Wenn alle Einflussfaktoren bekannt sind (als Bedarf und Resourcen), kann man ein math. Modell aufstellen, welches eine optimale Produktion berechnet. Kleines Problem: Als Wirtschaftsinformatiker habe ich genau das mal gemacht und bin drauf gekommen, dass die Komplexität > n^3 ist (O(n^3)). Das bedeutet: bei einen kleinen Menge an Einflussfaktoren zum Beispiel 10 hat man 10^3=100 Rechenschritte zu berechnen. Bei 100 Einflussfaktoren sind es bereits 1 Million Rechenschritte. Bei den Verpflechtungen selbst kleiner Volkswirtschaft mit Millionen oder gar Milliarden Einflussfaktoren ist eine Planwirtschaft nicht mehr berechenbar. Mathematisch beweisbar. Der gesamte Speicherplatz sämtlicher Computer reicht nicht aus um die Zwischenergebnisse zu speichern, die gesamte Rechenleistung aller Computer reicht nicht aus um eine komplette Volkswirtschaft zu berechnen. Aufgrund des kubischen Wachstums des Rechenaufwands wird es auch auf viele Jahrzehnte hinaus nicht genug Rechenleistung geben (bei Fortschreibung des Mooresches Gesetzes in die Zukunft).

    In den Sozialistischen Staaten hat man sich damit beholfen, dass der Bedarf geschätzt wurde (was regelmäßig zu drastischen Unter- und Überproduktionen führte) und die Wirtschaft nicht mehr vollständig berechnet wurde, sondern nur noch grob nach Produktgruppen. Wodurch das Problem der Unter- und Überproduktion verschlimmert wurde und obendrein ökonomischen Fehlanreize gestellt wurden (nette Geschichte: In Russland wurde per Planverfahren festgelegt, dass Verlage eine gewisse Menge an Büchern zu produzieren haben und der Papierverbrauch minimiert werden sollte. Ergebnis: Es wurden nur noch Bücher hergestellt, die aus wenigen Seiten bestanden und obendrein so klein gedruckt wurden, dass man sie kaum noch lesen konnte. Plan war erfüllt, Nutzen für die Bevölkerung praktisch Null).

    Zur ersten Frage:

    Die Ermittlung des Bedarfs muss schneller gehen, als die Berechnung der Produktion. Das bedeutet, dass sich entweder der Bedarf während des Planungszeitraums nicht ändern darf oder aber der Berechnung so schnell gehen muss (Echtzeit), dass jederzeit die Produktion angepasst werden kann. In der Praxis sieht es so aus, dass eine rückwärtige, statistische Auswertung (etwa Input-Output-Analyse der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) Jahre zur Erstellung braucht. Für eine Planungsrechnung müsste man daher den zukünftigen Bedarf auf Jahre hinaus abschätzen müsste. Selbst wenn die zweite Frage mit magischen Mitteln gelöst würde, würden Schätzfehler beim Bedarf zu potentiell gewaltigen Unter- oder Überversorgungen führen (Beispiel DDR: In der DDR gab es ein Geschirrspühlmittel ‘Fit’. Aus Gründen der Optimierung wurde dieses Spühlmittel nur von einem Hersteller produziert. In der Produktion gab es ein Feuer, weshalb die Produktion für einen längeren Zeitraum nicht lief. Es gab also ungeplante Bedarfsänderungen. Da Bedarfsänderungen in einer Planwirtschaft nicht vorgesehen sind, gab es in der gesamt Volkswirtschaft der DDR für mehrere Wochen kein Geschirrspühlmittel.)

    Zur dritten Frage:

    In den Wirtschaftswissenschaften gibt es das Axiom, wonach Bedürfnisse unendlich sind. Somit gibt es immer Bedarfe die nicht erfüllt werden können (Unterschied Bedürfnis Bedarf: Bedürfniss ist zunächst nur ein Wunsch, etwa den Wunsch einen Mercedes zu fahren, Bedarf ist dann ein Wunsch der ökonomisch erfüllt werden kann). Eine Kollektivwirtschaft muss nun die Frage beantworten können, in welche Reihenfolge Bedürfnisse befriedigt werden können. In der Marktwirtschaft ist die Reihenfolge klar definiert: Wer bezahlen kann, bekommt seine Leistung. Gerechtigkeit wird nicht versprochen (und auch nicht erfüllt). In einer Kollektivwirtschaft muss es aber gerecht zugehen. Denn eine Kollektivwirtschaft basiert auf der impliziten Annahme, dass Leistungen auf gerechte Weise erbracht und Wünsche auf gerechte Weise erfüllt werden können. Eine mathematisch modellierbare Beschreibung von ‘Gerechtigkeit’ ist mir nicht bekannt.

    Nochmal: Nur dann und genau dann wenn alle drei Fragen beantwortet werden können, handelt es sich um ein Wirtschaftssystem. Kann mindestens eine der Frage nicht beantwortet werden, wird Rationalität durch politische Ideologie ersetzt.

    Warum nun Ideologie (oder: Religion, Wunschglaube) zu einer rational messbaren Maximierung des Gesamtnutzens einer Gesellschaft führen soll, verschließt sich mir. Inbesondere dann, wenn nicht alle Menschen in diesem System mitmachen wollen. Zum Beispiel die, die dieses System als ungerecht empfinden. Oder die, die einfach faul sind. Oder die, eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit haben. Es gibt in Deutschland viele tolle Wirtschaftsprofessoren.

    Daher: Selbst wenn die Eingangsannahmen zutreffen, ist ein darauf aufbauendes Kollektivssystem vermutlich zum scheitern verurteilt.

    Bezüglich der Annahmen: IMO ist es zwischenzeitlich Gemeingut, dass die Annahme “alle Menschen handeln rational” irrational ist. Rein rationales Handeln wird IMO als unnatürlich betrachtet. Die zweite Annahme ist möglicherweise richtig, basiert aber auf der impliziten Voraussetzung, dass auf individuelle Vorteile zugusten des Kollektivnutzens verzichtet wird. IMO sind hier linke Gruppierungen (als Befürworter einer Kollektivwirtschaft) in der Bringschuld: Diese Gruppen müssten beweisen, dass Menschen in großem Stil freiwillig auf individuelle Nutzenmaximierung zugunsten des Kollektivnutzens verzichten. Zum Beispiel in dem die Occupy-Anhänger (also die 99%) statt in einem Camp zu wohnen Überstunden im Betrieb machen und den Mehrerlös spenden. Eigentlich beobachte ich linken Kreisen eher ein Gegenteiliges Verhalten: Sara Wagenknecht fährt gern teure Autos und isst gern Hummer. Sie gibt ihn aber nicht ab: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/linke-abgeordnete-wagenknecht-beim-hummer-essen-fotografiert-bilder-geloescht-a-523509.html. Und der Linke Ernst fährt lieber Porsche statt das Geld zu spenden. Nach meinen Beobachtungen (ich lasse mich da gern korrigieren), ist eine Gemeinsamkeit von sozialistischen/linken Gruppierungen eher den Wunsch das sich _andere_ Menschen doch bitte altruistisch handeln sollen.

    Mfg

    • Samuel says:

      @ A. Behrens
      Ihre Aspekte sind durchaus interessant. Aber Sie gehen als Basis davon aus, dass es einen Bedarf gibt – und diesen die Industrie anschliessend decken sollte. Im Konsumgüterhandel ist es jedoch so, dass die Industrie bzw. der Handel das Bedürfnis erst weckt bzw. aktiviert (zB durch TV Werbespots). Insofern halte ich Ihre Annahme für nicht korrekt. Das können Sie recht einfach daran messen, dass rund 60-70% aller Käufe spontan getätigt werden.

      Wie wollen Sie sonst den Erfolg von BubbleTea erklären? Etwa, weil die Kunden das Bedürfnis nach Kügelchen im Tee hatten? nein, weil der Hersteller sagt, es sit toll, weil es einen Gruppenzwang gibt (nicht weil man es braucht!).

      Als Ergänzung: Planwirtschaft mag vielleicht Effizient in der Produktion sein, jedoch ist der Innovationsgrad bei nahe null. Und dies ist sicherlich nicht in Ihrem Sinne.

      “Bedürfniss ist zunächst nur ein Wunsch, etwa den Wunsch einen Mercedes zu fahren”
      Das ist falsch – der Mercedes ist bereits der der Bedarf. Denn ein Bedürfnis – hier vielleicht autofahren oder allgemein Mobilität – zu spezifizieren/ konkretisieren ist der Bedarf (der Mercedes).

      Als Fazit würde ich Ihre erste Frage streichen und ersetzen durch “Wie kann ich Bedarf wecken?”.
      Die Frage 2) und 3) ergeben sich aus rein betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit durch den effizienten Einsatz des Kapitals.

      • A. Behrns says:

        Hallo,

        Zunächst: ich halte Begriffe für wichtig. Insbesondere weil im Alltagsgebrauch viele Begriffe nicht sauber benutzt werden. Daher:

        Bedürfnis = etwas was man haben will, unabhängig davon ob und wie es erfüllt werden kann. Etwa: Mercedes, Erleuchtung, Leckeres Essen, Weltfrieden, Bedürfnislosigkeit (ja, Bedürfnislosigkeit ist für manche Menschen ein Bedürfnis), Unsterblichkeit, Schlafen, Bubble Tea.

        Bedarf: Ein kaufkräftiges Bedürfnis. Es muss also zum einen jemanden geben, der das Bedürfnis stillen kann (es gibt daher für Unsterblichkeit oder Weltfrieden im Augenblick keinen Bedarf) und es muss jemand geben, der bereit ist für die Stillung eine Gegenleistung (etwa Geld) zu erbringen.

        Wenn man die beiden Definitionen auseinanderhält, dann wird deutlich was Werbung kann und was Werbung nicht kann. Werbung kann _keine_ Bedürfnisse wecken. Wohl aber kann es aufmerksam machen, dass ein potentieller Bedarf befriedigt werden könnte. Beim Bubble Tea zum Beispiel das Bedürfnis was neues und leckeres im Mund zu fühlen.

        Gibt es kein Bedürfnis, kann auch kein Bedarf geweckt werden. Ich (als Mann) habe keinerlei Bedürfnisse mich mit Frauenkosmetik einzudecken. Völlig egal wieviel Werbung von der Industrie gemacht wird. Es geht völlig an mir vorbei. Auch dann, wenn ich spontan durch die Kosmetikabteilung eines Kaufhauses laufe.

        Bedarf ist übrigens was anderes als ‘brauchen’. Ich brauche kein Bubble Tea und kein iPhone. Aber es macht Spaß was leckeres zu trinken (ich weiß leider noch nicht ob Bubble Tea schmeckt, hab das Zeug noch nie getrunken) und es macht Spaß intuitiv verständliche Technik zu benutzen.

        Ansonsten: In Ihrem Argument steckt etwas verborgen ein Weltbild: Das Menschen willenlose Zombies sind, die von raffinierten Verführern beliebig an der Nase herumgeführt werden.

        Mein persönliches, neoliberales, Weltbild ist ein völlig anderes. Für mich treffen Menschen grundsätzlich (Ausnahme: Kinder und schwere psychische Erkrankungen) eigenverantwortliche Entscheidungen. Diese Entscheidungen mögen anderen Menschen eigenartig vorkommen, sie mögen selbstzerstörerisch sein (etwa Zigaretten rauchen), aber darüber habe ich nicht zu urteilen. Ich treffe meine Entscheidungen für mich und lasse andere Menschen ihre Entscheidungen treffen. Einem anderen Menschen vorschreiben zu wollen, wie er lebt, was kauft, ob er sich verschuldet, ob er sich weiterbildet ist in meinen Augen eine extrem respektlose Einstellung. Eine solche Einstellung deklassiert Menschen in intelligent (man selbst) und dumme Sklaven (alle anderen).

        Die unterschiedlichen Weltbilder haben Folgen: Mein neoliberales (eigentlich: urliberales) Weltbild sieht Menschen als achtenswerte, denkende Wesen an, die in der Lage sind gemeinsam große Probleme zu lösen. Ein Weltbild welches andere Menschen als dumme Kaufautomaten betrachtet, verpflichtet diese Menschen “auf den rechten Weg” zu bringen, notfalls mit Zwang. Deshalb spricht man ja beim Sozialismus/Kommunismus von der Diktatur des Proletariats.

        Viele Grüße

        PS: Ich war jetzt sehr vorsichtig mit meiner Wortwahl. Für mich sind Menschen die anderen Menschen vorschreiben wollen was gut und was falsch ist, der größte mögliche Alptraum, die entsetzlichste menschliche Entgleisung. Wenn ein persönliches Lebensmodell so toll ist, dann verbreitet es sich von allein durch vorleben. Buddha und Jesus haben nie etwas vorgeschrieben, sie haben etwas vorgelebt!

        • heureka47 says:

          “Wenn ein persönliches Lebensmodell so toll ist, dann verbreitet es sich von allein durch vorleben.”:

          Das mag in wahrhaft gesunden menschlichen Gemeinschaften so sein. Wo die Menschen nicht fremdgesteuert (vor allem von Innen!!) sind. Die zivilisierte Gesellschaft jedoch ist keine wahrhaft gesunde menschliche Gemeinschaft; sie ist schwer psychisch erkrankt und entsprechend beeinträchtigt durch die “Kollektive Zivilisations-Neurose”.

          “Für mich treffen Menschen grundsätzlich (Ausnahme: Kinder und schwere psychische Erkrankungen) eigenverantwortliche Entscheidungen”:

          Siehe oben…

        • Samuel says:

          @ A. Behrens
          Zur Definition der Begriffe empfehle ich das Standradwerk von Winkelmann. Hierbei wird klar verwiesen, dass zB ein mercedes (da es eine Marke ist und ein Realgut) einen Bedarf darstellen muss.

          Zum Marketing: Die Aufgabe des Marketing ist mitunter, Bedürfnisse zu generieren. Ihnen ist sicherlich bekannt, dass Supermärkte nach einem spezifischen Schema aufgebaut sind. So werden in der Bremszone Obst und Gemüse durch spezifisches Licht in den Fokus gerückt, dass der Konsument das Bedürfnis weckt, Obst und Gemüse zu kaufen. Der Bedarf ist dann das konkrete Obst, also zB die Banane, welche das Bedürfnis erfüllt.
          Dieses Vorgang hat rein gar nichts mit einem Weltbild zu tun. Es ist Ökonomie und Marketing.

          Es gibt zahllose Beispiele, wie die Industrie ein bedürfnis weckt – sei es bei Großveranstaltungen, auf Messen, in der TV Werbung, usw.Im übrigen eignen sich hierfür v.A. die redaktionellen Beiträge in Fachzeitschriften sehr gut. Sie lesen etwas über Lebensversicherungen – und vielleicht weckt dieser Beitrag Ihr Bedürfnis sich abzusichern. Daneben der Werbebanner, welcher ein solches Produkt bewirbt mit tollen Konditionen – und schwupps – Sie rufen dort an (haben Bedarf an diesem Produkt).

          Amazon macht das auch sehr gut mit “Andere Kunden kauften auch…”. Glauben Sie mir, das funktioniert hervorragend!

          Ob die Kunden willenlos sind? Ja, ich würde schätzen es sind über 70% (aus Erfahrung). Kunden haben einen Willen, sind gut informiert. Die Instrumente des Marketing sind jedoch sehr fähig, genau diese Eigenkontrolle zu überwinden – OHNE dass es der Kunde überhaupt bemerkt. Das wird Ihnen jeder Vertriebler oder Marktingfachmann bestätigen können – genau das sind nämlich die Kernaufgaben. Es funktioniert nicht immer, aber erstaunlich oft. Zombies? Schauen Sie mal Reportagen von Ladeneröffnungen von IKEA an. Menschen verbringen die Nacht vor dem Apple Shop – um ein enorm teures Telefon zu kaufen! Ja, das sind Konsumzombies.

          Frei in der Entscheidung? Nun, Sie können wählen, zwischen den Alternativen, die Ihnen die Industrie vorgibt. Ihre Entscheidungen sind begrenzt. Dait können Sie als Konsument Ihren Willen auch nur begrenzt durchsetzen.

          Weiteres Beispiel: Wenn Bedarf und “brauchen” derart unterschiedlich sind, warum kaufen dann die Menschen zB ein iPhone oder gar ein iPad? Apple war in der Lage, ein Bedürfnis zu wecken (Trendsetter, Modeaffinität, Kultbewusstsein, Statusneigung, etc), daraus einen Bedarf abzuleiten (innovative Produkte wie das iPhone, Gruppenzugehörigkeit durch SocialMedia Implikationen, ein Must-have durch schnelle Verbreitung der Geräte, etc.) und letztlich die gesamte Produktpalette an Menschen zu verkaufen, die weder privat noch beruflich die Notwendigkeit der Funktionen der Geräte benötigen. Oder können Sie mir einen Nutzen des IPad nennen, den ein anderes Tablet nicht erfüllen kann zu einem niedrigeren Preis? Das Bedürfnis war bei Apple eigentlich nie das mobile telefonieren – sondern immer die Marke Apple selbst.

    • Zhen says:

      „In den Wirtschaftswissenschaften gibt es das Axiom, wonach Bedürfnisse unendlich sind.“

      Axiom ist „gut“. In einer empirischen Wissenschaft müssen sich Sätze an der Empirie messen lassen. Da kann man nicht nach Belieben „Axiome“ erfinden. Besonders bizarr ist dieses „Axiom“, weil es eindrucksvoll und massenhaft widerlegt ist. Jeder kann für sich selbst nachprüfen, dass es falsch ist. Mein Bedürfnis nach Fernsehern z. B. ist endlich, allein schon weil im Universum nur Platz für endlich viele Fernseher ist und in meiner Wohnung ist auch nur sehr begrenzt Platz. Mehr Güter werden ab einer gewissen Anzahl einfach lästig. Man will ja noch was anderes in seiner Wohnung machen, als ein Lagerhaus für Fernseher zu betreiben. Auch mein Bedürfnis an Nahrung ist gedeckt. Auch wenn Nahrung nichts kosten würde, würde ich nicht mehr essen, weil ich mich eh schon satt esse.

      Diese wenigen Anmerkungen zeigen schon, wie abgehoben bürgerliche Ökonomen (Vulgärökonomen, Anhänger einer Rechtfertigungsideologie des Kapitalismus) von der Realität sind. Mit Wissenschaft, gar kritischer, hat diese Sorte Ökonomie (VWL/BWL) nichts zu tun. Sie ist die reinste affirmative Dogmatik.

      • A. Behrens says:

        Dann nennen Sie doch mal Beispiele, beidenen die Bedürfnis_se_ _aller_ Menschen die aktuell leben und in Zukunft leben werden_insgesamt_ endlich sind. 🙂

        Sie reden nur über ein einziges Bedürfnis. Es geht aber um _alle_ Bedürfnisse. Und es geht auch im Bedürfnisse, bei der eine materielle Bedarfsbefriedigung (aktuell) nicht möglich ist. Und zum Beispiel das Bedürfnis nach Unsterblichlichkeit, spiritueller Erleuchtung, Teleportation, …

        Aber um der Exaktheit willen: Vermutlich gibt wäre der Begriff “überabzählbar” passender.

        • Zhen says:

          „Dann nennen Sie doch mal Beispiele, beidenen die Bedürfnis_se_ _aller_ Menschen die aktuell leben und in Zukunft leben werden_insgesamt_ endlich sind.“

          Habe ich ja. Sie können statt Fernseher auch Toaster nehmen oder was Ihnen an Gütern auch immer einfällt. Können Sie denn ein unendliches Bedürfnis nennen?

          „Und zum Beispiel das Bedürfnis nach Unsterblichlichkeit, spiritueller Erleuchtung, Teleportation, …“

          Das sind eher Wünsche als Bedürfnisse und außerdem sind sie wiederum endlich. Auch Teleportieren wird irgendwann mal langweilig. Es gibt kein Bedürfnis, dem unendlich nachgegangen wird. Auch wenn sich jemand noch so sehr für die modernsten Transportmittel interessiert (heute also vielleicht irgendwelche Autos), gibt es niemanden, der ein Bedürfnis nach unendlich vielen Autos hat und auch sein Leben lang nichts macht, außer unendlich (!) viele Autos gleichzeitig (!) zu fahren. Wenn solche Thesen ernsthaft von Ökonomen vertreten werden, nährt das meine Zweifel an deren Verstand.

          Mir ist nicht klar, wie aus der angeblichen Unendlichkeit der Bedürfnisse eine Legitimation des Kapitalismus gebastelt werden kann, scheitert dieser doch schon daran, die bescheidenen endlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Das systematische Misslingen von Bedürfnisbefriedigung spricht also für seine Abschaffung. (siehe dazu z.B. Lueer: „Warum verhungern täglich 100000 Menschen? – Argumente gegen die Marktwirtschaft“, http://www.whyhunger.com/deutsch/warum-verhungern-taeglich-100000-menschen/index.html)

          In dieser Artikelserie wird mit ein paar Dogmen (u.a. dem Knappheitsdogma) der kapitalistischen Ökonomie aufgeräumt: http://keimform.de/2012/diskursfigur-1-jenseits-des-tausches/
          Zum besseren Verständnis des Commons-Ansatzes empfehle ich – nicht nur Ihnen – die Lektüre entsprechender Texte auf derselben Seite. Mit einem kürzlich erschienenen Commons-Buch (http://keimform.de/2012/commons-buch-erschienen/) kann man sich auch über die Kritik an der herrschenden Ökonomie, die nicht den Menschen dient, und die Alternative des Commonismus informieren.

        • Samuel says:

          @ Zhen
          Die Grundbedürfnisse (Vgl hierzu Maslowsche Bedürfnispyramide) sind unendlich.

      • heureka47 says:

        Das Axiom ist zutreffend. Man darf nur nicht so einseitig davon ausgehen, dass nur GROBstofflich-materielle Bedürfnisse gemeint sein könnten, sondern muss einräumen, dass es auch FEINstofflich-geist-(bewußtseins)energetische Bedürfnisse gibt. Das Bedürfnis nach spirituellem Wachstum. Und das impliziert das Bedürfnis nach eigenen Erfahrungen UND nach Information durch Erfahrene(re).

        Insofern könnten wir auf diesem Planeten auch das Problem der “Grenzen des Wachstums” lösen: Indem wir die Bedürfnisse von der grobstofflich-materiellen Ebene auf die feinstofflich-geistige / spirituelle Ebene heben.

        Dazu muss allerdings die derzeit noch so heftig grassierende “Kollektive Zivilisations-Neurose” geheilt werden.

  3. heureka47 says:

    Die tiefere Ursache der “Globalen Krise” (so genannt zumindest seit der Gründungsphase des CLUB OF ROME) ist die “Kollektive Neurose” der zivilisierten Gesellschaft, die “Krankheit der Gesellschaft” oder “Gesellschaftsneurose oder – wie von mir – “Kollektive Zivilisations-Neurose” genannt. Die “Globale Krise” ist Ausdruck der Summe der individuellen seelischen Krisen der typischen zivilisierten Menschen – und zwar (evtl. WEIT) überwiegend des UNBEWUSSTEN Anteils der Krisen – oder besser gesagt: Der unbewußten – weil verdrängten – Konflikte, Probleme und aller sonstigen Inhalte des Unbewußten, die den typischen zivilisierten Menschen von innen heraus steuern und ebenso von außen steuerbar / manipulierbar machen. Vor allem der ANGST.

    KINDER dürfen der Angst erliegen, sie dürfen neurotisch sein; sie dürfen unkontrolliert verdrängen – denn für KINDER ist der Verdrängungsmechanismus Haupt-“Not-Retter”.
    Für wahrhaft ERWACHSENE jedoch NICHT.

    Wahrhaft Erwachsene sollen – eigentlich in der Pubertät – gelernt haben, Angst konstruktiv überwinden zu können und NICHT MEHR nur zu verdrängen; sie sollen sich ihrem Unbewußten zugewendet und dem “Unbekannten” dort – sowohl den Verdrängungen als auch ihrer zukünftigen höheren Bewußtseins-Dimension, dem “Höheren / wahren Selbst”, mit dem sie sich vereinigen und identifizieren sollen um dann ihr (Unter-)Bewußtsein von den alten Verdrängungen zu reinigen, so daß keine Störfaktoren mehr den Fluß der reinen Liebe / Lebens-Energie hindern.
    DANN ist der Mensch wahrhaft erwachsen.
    DANN hat er die Grundlage für geistg-seelische und ganzheitliche Gesundheit.
    DANN kann er seine Wirklichkeit erkennen und wirklich Verantwortung im Leben übernehmen. Vorher nicht.
    Wer es vorher tut, schadet mehr als er nutzen kann!
    Und deswegen sieht unsere heutige Welt so – schlimm – aus.

    • A. Behrens says:

      Mein Verständnis der “Grenze des Wachstums” vom CoR ist aber, dass die Wachstumsgrenze durch Resourcenverbrauch bzw. Ressourcenknappheit entstehen.

      Faktisch ist es jedoch so, dass

      a) keine der prognostizierten Grenzen bislang erreicht wurden

      b) die Wirtschaft seit Beginn ungefähr den 60igern nicht mehr extensiv wächst (also Wachstum durch Ausdehnung des Resourcenverbrauchs), sondern durch Intensivierung (Wachstums durch Recycling und bessere Ausnutzung von Ressourcen). Sichtbar wird dies etwa bei Autos. Der Resourceneinsatz ist vergleichbar zu den 60igern, moderne Fahrzeuge haben jedoch eine _deutlich_ bessere Qualität als früher

      c) die Welt sieht nur dann schlimm aus, wenn man Spiegel liest. Wenn man beginnt nachzudenken (als Einstieg empfehle sich möglichweise das hier: http://www.ted.com/talks/lang/de/hans_rosling_shows_the_best_stats_you_ve_ever_seen.html oder einfach eine Tagesschau von vor 30 Jahren), erkennt man, dass es den Menschen auf der Welt so gut wie noch nie in der Menschheitsgeschichte geht. Und zwar auf dem gesamten Globus, _isnbsondere_ in den Entwicklungsstaaten.

      d) Der Zwang zu einem ökonomisch sinnvollen Handeln entsteht nicht durch Reichtum an Ressourcen, sondern durch Knappheit an Ressourcen. Dampfmaschinen (und damit der Beginn der Industrialisierung) wurden nicht erfunden weil man nichts besseres zu tun hatte, sondern weil die damals bekannten Ressourcen zu Ende gingen. Computer wurden nicht erfunden weil es zu viel LSD gab, sondern weil eine andere Ressource (Arbeitzeit von Mathematikern und Sekretären) knapp war. Daher ist die Grundprämisse des Club of Rome (Ende des Wachstums weil Knappheit von Ressourcen) diametral der Wirklichkeit gegenüber stehend.

      Übrigens: Die Ideen des Club of Rome sind etwa 250 Jahre alt und lauten eigentlich “Malthusianische Katastrophe”. Thomas Malthus hat damals bekannte Entwicklungstrends in die Zukunft projiziert und daraus einen Wirtschafts- Bevölkerungs- und Wachstumskollaps prophezeit. Und seit Malthus gab es eine unendliche Schaar von ideologischen Nachfolgern, die im Kern das gleiche behaupten und immer völlig vorbei an der Realität argumentierten.

      Es gibt zwei tatsächliche, harte und endgültige Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums: Die Intelligenz der Lebens und die Grenzen des Universums. Und auch bei diesen beiden Grenzen bin ich mir nicht sicher.

      • heureka47 says:

        Die “Weltproblematik” / “99 Welt-Probleme” bestehen nicht nur in/aus den “Grenzen des (GROBstofflich-materiellen) Wachstums”, sondern auch aus dem, was die große Mehrheit – incl. der Wissenschaftler, Politiker, Ökonomen usw. usw. – NICHT sieht: den FEINstofflichen Bereich. Denn davon sind sie aufgrund der Kollektiven Neurose im Bewußtsein, in der Wahrnehmung, abgetrennt / entfremdet.
        Ich mußte das schmerzlich erfahren bei meinen verschiedenen Kontaktversuchen mit dem CLUB OF ROME, dem Deutschen Bundestag und zahllosen weiteren Institutionen und hochrangigen Personen der modernen zivilisierten Gesellschaft.
        Albert Einstein war einer von den wenigen, die das gesehen haben, was auch ich sehe. Er nannte es die “Dummheit” – wie Dr. Horst Geyer. Heinz von Förster nannte es “Dysgnosie”: Seelenblindheit”.

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