Mitläufereffekt: Plötzlich ist eine Mehrheit für Zensur

Schon 1975 hat Kurt Holm in seinem Standardwerk über die Befragung den Mitläufereffekt als Mittel der Meinungsmanipulation in Umfragen beschrieben. Den Befragten wird suggeriert, dass zu einer bestimmten Frage bereits eine Mehrheit oder eine Obrigkeit oder eine Autorität zu einem bestimmten Urteil gekommen ist und dann werden die Befragten gefragt, zu welchem Urteil sie denn kommen: „Dieser Appell an den Mitläufereffekt“, so schreibt Holm, hat „natürlich nur einen Sinn, wenn der Befragte auch tatsächlich unter dem Eindruck steht, dass so wie er denkt und handelt, auch viele andere denken und handeln, ohne offen darüber zu sprechen“ (Holm, 1983: 63).

Holm_Entsprechend kann der Mitläufereffekt auch als Variante sozialer Erwünschtheit angesehen werden, soziale Erwünschtheit, die darin besteht, mit seiner Meinung die Mehrheitsmeinung zu repräsentieren, sich als Mitglied der Mehrheit, der In-Group darzustellen, nicht als Außenseiter mit abweichender Meinung.

In jedem Fall führen Mitläufereffekt und soziale Erwünschtheit dazu, dass Befragte den Befragern nach dem Mund reden, was Letztere leidlich ausnutzen, wenn es darum geht, eine bestimmte Verteilung von Antworten in angeblich repräsentativen Befragungen herbei zu manipulieren.

YouGov leistet dies seit neuestem sogar in besonders innovativer Weise und in eigenen Worten dadurch, dass „1036 Personen ab 18 Jahren im Zeitraum vom 7. bis 11. April repräsentativ befragt“ wurden. Wie man repräsentativ befragt, ist eine Frage, die mit Sicherheit niemand bei YouGov beantworten kann, einfach deshalb nicht, weil die Formulierung vollkommener Unsinn ist.

Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, mit dem Wörtchen „repräsentativ“ jenen Köder zu legen, den Journalisten gerne fressen, so dass die Ergebnisse von YouGov ihren Weg in die Medien Deutschlands finden, sich dort in Schlagzeilen wie: „Mehrheit der Deutschen finden Gesetzentwurf gegen Hasskommentare sinnvoll“ niederschlagen.

Die Mehrheit der Deutschen hat mit Sicherheit keine Ahnung, was in dem Gesetzentwurf, den sie nach den Ergebnissen, die YouGov verkaufen will, „sinnvoll finden“, steht. Entsprechend muss diese Mehrheit, nicht der Deutschen, sondern der 1036 Befragten, die YouGOV zusammenbekommen hat, auf das Vertrauen, was YouGOV an Informationen über den Gesetzentwurf bereitstellt.

YouGov Stellt diese Informationen bereit:

You Gov Hasskomentare Grafik 1„Die Bundesregierung will stärker gegen Hasskommentare und Falschnachrichten im Internet vorgehen. Sie stimmte dem Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas zu. Dieser sieht vor, dass Betreiber sozialer Netzwerke innerhalb von 24 Stunden strafbare Inhalte löschen müssen. Sonst drohen im Extremfall bis zu 50 Millionen Euro Bußgeld. Sind Sie der Meinung, dass dieses Vorgehen sinnvoll ist, um gegen Hasskommentare und Falschnachrichten im Internet vorzugehen?“

Die Mehrheit der Befragten, die nicht wissen, was im Gesetzentwurf steht, erfährt von YouGov, dass das, was sie nicht kennen, von der Bundesregierung bereits abgesegnet wurde, dass Betreiber sozialer Netzwerke strafbare Inhalte löschen müssen, die zwar wenig mit Hasskommentaren und gar nichts mit FakeNews zu tun haben, aber dennoch mit beidem in Verbindung gebracht werden. Sie werden dann gebeten, anzugeben, ob das Gesetz, mit dem gegen strafbare Inhalte in sozialen Netzwerken vorgegangen werden soll, ein Vorgehen, von dem sie zwar nicht wissen, wie es aussieht, so dass sie es auch nicht beurteilen können, von dem ihnen aber gesagt wurde, dass es gegen strafbare Inhalte gerichtet sei, also gegen Kriminalität und dass es die Bundesregierung bereits abgesegnet habe, auf jeden Fall sinnvoll ist, eher sinnvoll ist, eher nicht sinnvoll ist oder auf keinen Fall sinnvoll ist.

Und als wäre der Aberwitz nicht bereits auf die Spitze getrieben, geben nunmehr die Befragten, zu dem, von dem sie nicht wissen, wie es funktionieren soll, weil es noch niemand weiß, nicht einmal Heiko Maas weiß es, eine Beurteilung darüber ab, ob das, von dem sie nicht wissen, wie es funktionieren soll, sinnvoll ist.

Letztlich misst die Frage von YouGov, die man nicht anders als als vollkommenen Blödsinn bezeichnen kann, Blödsinn, der mit Manipulationsabsicht in die Welt gesetzt wird, nichts, gar nichts.

Das hindert YouGov natürlich nicht daran, reißerische Schlagzeilen zu formulieren und das Ergebnis den Pressevertretern anzudienen, die gerne auf solche Ergebnisse zurückgreifen, um ihre eigene Ideologie bestätigt zu finden.

Fragt man nun, wie es dazu kommt, dass Meinungsforscher ihre Aufgabe vor allem darin sehen, Zustimmung zu dem herbei zu manipulieren, was als politisch Korrekt angesehen wird, dann bieten sich eine Reihe von Erklärungen an:

Die Erklärung durch Opportunismus: Meinungsforscher finden, was der, der die Meinungsforscher bezahlt, gerne erfunden hätte.

Die Erklärung durch Inkompetenz: Mit dem Advent des Genderismus an Hochschulen sind Methoden der empirischen Sozialforschung und die dazu gehörigen Kenntnisse weitgehend verschwunden. Die meisten Absolventen haben keine Ahnung mehr von Reliabilität und Validität und kennen auch die Kunst des Frageformulierens nicht einmal mehr vom Hörensagen.

Die Erklärung durch Isomorphie: Meinungsforscher rekrutieren sich alle aus dem selben Meinungssumpf, zeichnen sich alle durch die selbe Unkenntnis im Hinblick auf die Methoden empirischer Sozialforschung aus und sind entsprechend darauf angewiesen, Fragen zu kopieren und zu verwenden, die andere Meinungsforscher, die genauso inkompetent sind, aber nicht so zögerlich, bereits formuliert haben.

Welche Erklärung zutrifft, ist anyones guess.


Hinweise für ScienceFiles?
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WDR FakeUmfrage: Glaubwürdigkeit per Umfragemanipulation?

Die Gebührenzahler haben mit ihren Beiträgen eine Umfrage von Infratest Dimap finanziert, die das Meinungsforschungsinstitut im Auftrag des WDR durchgeführt hat. Genau 1000 Deutsche ab 18 Jahren wurden vom 14. bis 17. Dezember, also mitten in ihrer friedfertigen Weihnachtsvorfreude darüber ausgefragt, ob sie Medien im Allgemeinen und öffentlich-rechtliche Medien im Besonderen u.a. für glaubwürdig halten, per Telefon.

Wie nicht anders zu erwarten, hat die Auftrags-Befragung eine Erfolgsmeldung erbracht:

WDR-Studie: Große Mehrheit der Bundesbürger mit deutschen Medien zufrieden“, so titel der WDR und berichtet dann, dass 74 Prozent der Befragten den öffentlich-rechtlichen Medien Glaubwürdigkeit attestieren, viel mehr als den verhassten sozialen Medien, die angeblich nur 8% für glaubwürdig halten. Weiter ist dem WDR berichtenswert, dass 42% der Befragten der Ansicht seien, die Politik übe einen Einfluss auf die Berichterstattung aus. „Dezidiert von Lügenpresse sprechen würden nach wie vor lediglich 20 Prozent der Bundesbürger“, also so viele, wie derzeit eine Wahlabsicht für die SPD haben.

Das erfreuliche Ergebnis löst sich jedoch in seine Bestandteile auf, wenn man die Manipulationstechniken aus der Hexenküche der Meinungsforschung in Rechnung stellt, die nun auch die Mannen bei Infratest Dimap einsetzen. Offensichtlich gibt es politischen Druck nicht nur auf öffentlich-rechtliche Medien, sondern auch auf private Meinungsforschungsinstitute.

Wir stellen hier die drei frappantesten Manipulationstechniken aus der Befragung von Infratest Dimap vor:

Manipulationstechnik 1: Fehlende Antwortalternativen

Holm_Beginnen wir mit einer fiktiven Frage: „Wie groß ist Ihr Vertrauen in Donald Trump? „Sehr groß, groß“. Vorhersehbares Ergebnis der Befragung: 75% der Deutschen haben großes Vertrauen in Donald Trump. Die restlichen 25% bemerken den Manipulationsversuch.

Nun das Ganze in der Diktion von Infratest Dimap, mit der hohe Glaubwürdigkeitswerte für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten herbeibefragt werden sollen:

„Ich nenne Ihnen jetzt einige Medien. Sagen Sie mir bitte jeweils, ob Sie diese für glaubwürdig oder für weniger glaubwürdig halten“.

Abgefragt wird somit in jedem Fall „Glaubwürdigkeit“. Die Befragten haben keinerlei Möglichkeit, eine Meinung, nach der eines oder alle der vom Interviewer genannten Medien unglaubwürdig ist, zum Ausdruck zu bringen. Wie nicht anders zu erwarten, sind 74% der Befragten der Ansicht „öffentlich-rechtliches Radio“ und 72% der Befragten der Ansicht „öffentlich-rechtliches Fernsehen“ sei „glaubwürdig“. Weniger glaubwürdig finden 20% bzw. 25% der Befragten das öffentlich-rechtliche Radio bzw. Fernsehen.

Was mit dieser Frage gemessen wurde, das wissen wir nicht. Jedenfalls wurde damit keine Glaubwürdigkeit gemessen, wie sich zeigt, wenn man ein Ergebnis hinzunimmt, das der WDR in seiner Pressemeldung unterschlägt: Frage: „Glauben Sie, dass in deutschen Medien gelogen, also absichtlich die Unwahrheit gesagt wird?“ Auf diese Frage sagen 31% dies treffe immer bzw. häufig auf „öffentlich-rechtliches Fernsehen“ zu, obwohl 97% der Befragten der Ansicht sein sollen, öffentlich-rechtliches Fernsehen sei glaubwürdig bzw. weniger glaubwürdig, in jedem Fall aber glaubwürdig, denn weniger glaubwürdig ist eben nicht „unglaubwürdig“.

wdr-glaubwuerdigkeit-1Mit 31% rangiert das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf der Lügenskala noch vor der Boulevardpresse (28%) und deutlich vor sozialen Medien und Netzwerken (13%), was insofern interessant ist, als angeblich 8% soziale Medien für „glaubwürdigt“ und 71% für weniger glaubwürdig halten bzw. 8% die Boulevardpresse für glaubwürdig und 86% für weniger glaubwürdig halten.

Was soll man von einer Umfrage halten, bei der das Medium, das angeblich von den meisten Befragten für am zweitglaubwürdigsten gehalten wird (öffentlich-rechtliches Fernsehen), auch das Medium ist, von dem die meisten Befragten der Ansicht sind, es werde darin immer oder häufig gelogen? Was soll man von einer Umfrage halten, in der im Hinblick auf Ehrlichkeit, die Medien (soziale Netzwerke), die die geringste Glaubwürdigkeitsquote erhalten, diejenigen Medien sind, die bei der Frage danach, ob in ihnen immer oder häufig gelogen wird, mit die besten Werte für Ehrlichkeit erhalten?

Das erste, was man denken kann: Das ist eine Junk-Unfrage. Das zweite, was man denken muss: Hier soll manipuliert werden.

Und dass hier manipuliert werden soll, das zeigt sich besonders an der Frage nach der Lügenpresse.

Manipulationstechnik 2: Suggestive Fragen

Es gilt unter Sozialforschern als Kapitalverbrechen, die Befragten durch eine suggestive Frageformulierung auf eine bestimmte Antwort zu lenken. Und genau eine solche suggestive Frageformulierung benutzt Infratest Dimap, um nach dem Begriff der Lügenpresse zu fragen:

wdr-glaubwuerdigkeit-2Frage. „Im Zusammenhang mit den Protesten der Pegida-Bewegung wurde häufiger der Begriff Lügenpresse verwendet. Wenn Sie an Zeitungen, Radio oder Fernsehen in Deutschland denken, würden Sie persönlich dann von Lügenpresse sprechen oder nicht?“

Wie wir alle denken sollen, weil es die öffentlich-rechtlichen Medien wieder und wieder verbreitet haben, ist Pegida ein Aufmarsch von Wut- und Problembürgern, von rechten Wut- und Problembürgern, die das Ansehen Deutschlands schädigen und die Übernachtungszahlen in Dresden ins Bodenlose sinken lassen. Entsprechend ist Pegida ein negativer Stimulus, der bei Befragten die Tendenz, das, was mit Pegida in Zusammenhang gebracht wird, abzulehnen, verstärkt. So einfach ist es, die Zustimmung zum Begriff „Lügenpresse“ zu minimieren. Dass sich dennoch 20% der Befragten finden, die von Lügenpresse sprechen würden, ist vor diesem Hintergrund erstaunlich und zeigt, dass auch Manipulationsversuche ihre Grenzen haben, selbst dann, wenn sie doppelt des Weges kommen.

Manipulationstechnik 3: Den Fragebezug vage halten

Eine vage oder so umfassende Beschreibung dessen, was in einer Frage eigentlich erfragt werden soll, kann von Befragern effektiv eingesetzt werden, um Antworten in eine gewünschte Richtung zu lenken.

Ist Ihnen aufgefallen, dass die Frage „Zeitungen, Radio und Fernsehen“ in einen Topf wirft, also alle Medien, an die man landläufig denkt, so dass die Möglichkeit maximiert wird, dass Befragte, die an Zeitung, Radio und Fernsehen denken, an ihr Lieblingsprogramm oder ihre örtliche Tageszeitung denken, was die Wahrscheinlichkeit, von Lügenpresse sprechen zu wollen, senken wird, insbesondere dann, wenn die Tageszeitung eine abonnierte Tageszeitung ist. Dass dennoch 20% der Befragten angeben, von Lügenpresse zu sprechen, sei angemessen, ist vor dem Hintergrund der dargestellten Manipulationen erstaunlich und erschreckend zugleich, denn es zeigt, dass es eine große Zahl von Menschen in Deutschland gibt, die bei „Zeitung, Radio und Fernsehen“ nicht an ihre Lieblingszeitung oder ihn Lieblingsprogramm denken und entsprechend nicht von Lügenpresse sprechen wollen. Vielmehr ist es der Begriff der Lügenpresse, der hier Definitionsgewalt hat, was dazu führt, dass nicht an die eigenen Vorlieben im Hinblick auf „Zeitung, Radio und Fernsehen“ gedacht wird, sondern daran, dass man sich von bestimmten (öffentlich-rechtlichen) Sendern betrogen und belogen fühlt. Wenn unangenehme Empfindungen im Bezug auf ein Einstellungsobjekt (Medien) Dominanz über angenehme Empfindungen ausüben, dann sollte in den Redaktionsräumen die offene Panik ausbrechen.

Schließlich und mit Blick auf die derzeitige Kampagne gegen soziale Netzwerke sind noch zwei Anmerkungen notwendig: Wenn nur 8% der Befragten soziale Netzwerke für glaubwürdig halten, wie die Befragung angeblich erbracht haben soll, dann stellt sich die Frage, ob es diese 8% rechtfertigen, mit derartigem Trara auf soziale Netzwerke einzuschlagen, wie dies derzeit der Fall ist – oder trauen die Verantwortlichen ihren eigenen Studien nicht, vielleicht weil sie wissen, wie sie zustande gekommen sind?

Schließlich sollten sich die Verantwortlichen das mit den FakeNews und Hasskommentaren in sozialen Netzwerken noch einmal überlegen: 31% der Linke-Anhänger in der Infratest Dimap Umfrage nutzen Facebook und Twitter als regelmäßige Nachrichtenquelle. Damit liegen die LINKE-Anhänger weit vor allen anderen Parteianhängern. Das legt den Schluss nahe, dass Hasskommentare, so sie denn ein Problem in sozialen Netzwerken sind, in erster Linie ein Problem der LINKE sind.

Europäische Meinungsmacher II: Manipulieren scheint in der EU-Kommission an der Tagesordnung zu sein

Ich kann mich noch entfernt an eine Konferenz an der Universität Mannheim erinnern, deren Ziel darin bestanden hat, Wissenschaftler dazu zu bewegen, die Daten des Eurobarometer für ihre Forschung zu nutzen, um dem Eurobarometer eine entsprechende wissenschaftliche Reputation zu verschaffen. In bestimmten Bereichen der empirischen Integrationsforschung hat die EU-Kommission dieses Ziel erreicht und den Eurobarometer als Datenquelle etabliert. In den letzten Jahren hat die Kommission den Eurobarometer jedoch als Mittel entdeckt, mit dem man trefflich die Öffentlichkeit manipulieren kann, in dem man Erfolgsmeldungen verbreitet, die – wie könnte es anders sein – die eigene Politik oder die Vorhaben der Europäischen Kommission legitimieren.

Die Legitimation von Entscheidungen oder Politiken ist heutzutage sehr wichtig, leben doch viele Menschen in der Illusion das politische System, das sie umgibt, sei eine repräsentative Demokratie. Aus der Repräsentation als Idee der Teilhabe, ist zwischenzeitlich die Repräsentation als Idee der Zustimmung geworden. Nicht mehr aktives Tun macht die Repräsentation aus, sondern passives sich-befragen-lassen. In diesem Sinne hat sich die Europäische Kommission mit dem Eurobarometer ein Instrument geschaffen, um das jeder Propagandaminister die EU-Kommission beneidet. Nicht nur kann die EU-Kommission nach Lust und Laune zu bestimmten Themen Umfragen „in Auftrag“ geben. Auch kann sich die EU-Kommission sicher sein, dass die entsprechend beauftragten Umfragen regelmäßig mit positiven Ergebnissen aufwarten,  die Politik der Europäischen Kommission bestätigen und in jedem Fall legitimieren. In diesem Sinne haben Europäer nach Angaben der EU-Kommission u.a. einer gesetzlichen Regelung der Frauenquote durch die EU-Kommission mehrheitlich zugestimmt, sich mehrheitlich für die Schaffung einer europäischen Verfassung ausgesprochen, die Initiative der Kommisison zur Einsetzung eines EU-Außenministers begrüßt, sind mehrheitlich mit der GAP zufrieden [Gemeinsame AgrarPolitik] und vieles mehr. Was auch immer die EU-Kommission sich ausdenkt, was auch immer die EU-Kommission ihrer Generaldirektion für Kommunikation zur Legitimation übergibt, immer findet sich in Eurobarometer-Umfragen eine Mehrheit von Europäern ein, um dem jeweiligen Gegenstand auch zuzustimmen.

Die regelmäßige, mehrheitliche Zustimmung ist erstaunlich – jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist sie nicht erstaunlich, denn nicht nur gibt es eine Reihe von Techniken der Manipulation und Suggestion in Umfragen, die das Ergebnis der Befragung beeinflussen, auch finden sich alle diese Techniken in den jeweiligen Fragebögen des Eurobarometer. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, kann man den Eurobarometer als eine Umfrage ansehen, in der alle Todsünden der empirischen Sozialforschung begangen werden, so dass die Ergebnisse „biased“ und nicht valide sind, oder man kann den Eurobarometer als Meisterwerk der Persuasion und Manipulation ansehen, in dem die besagten Techniken so gut eingesetzt werden, dass immer herauskommt, was herauskommen soll – fast immer.

Dies habe ich bereits im März diesen Jahres am Beispiel des Eurobarometer 376, der sich mit der Meinung der Europäer zu „Frauen in Führungspositionen“ beschäftigt hat, gezeigt. Suggestive Frage, die Auslassung offensichtlicher Antwortkategorien und widersprüchlich formulierte Fragen, sie alle finden sich im Eurobarometer 376, und sie alle finden sich, um es Viviane Reding, u.a. für Justiz bei der EU-Kommission zuständig (man kann es einfach nicht oft genug betonen) zu ermöglichen, zu behaupten, dass Europäer mehrheitlich für eine gesetzliche Regelung der Frauenquote in Aufsichtsräten seien. Dass es trotz aller Suggestion und Manipulation im Fragebogen doch noch notwendig war, die Antworten der Europäer so zusammenzufassen, dass eine Zustimmung herauskommt und es darüber hinaus noch notwendig war, die befragten Europäer hinters Licht zu führen, um ihre Zustimmung zu ergaunern, zeigt, dass auch Manipulation an ihre Grenzen stößt, Grenzen, die für Frau Reding allerdings nicht gelten.

Was mit Blick auf den Eurobarometer 376 und den persönlichen Feldzug der Frau Reding wie ein Ausrutscher aussieht, ist jedoch die Regel: Die Europäische Kommission manipuliert über ihren Eurobarometer die öffentliche Meinung in Europa und nutzt die so manipulierte öffentliche Meinung, um die eigenen Tätigkeiten und Politiken zu legitimieren, um sich die demokratische Legitimation zu verschaffen, die das Gremium, da berufen und nicht gewählt (sondern nur vom Europäischen Parlament bestätigt), nun einmal nicht hat. Diese Feststellung ist das Ergebnis einer Reihe von wissenschaftlichen Beiträgen, die mir geschickt wurden bzw. auf die ich aufmerksam gemacht wurde.

Ich habe nicht oft Gelegenheit, kritische Wissenschaftler in diesem blog zu loben und will es daher und ausdrücklich tun. Die im Folgenden benannten Wissenschaftler haben sich um die Wissenschaft und um die Demokratie verdient gemacht, indem sie auf die Manipulationen der Europäischen Kommission hingewiesen, sie offengelegt haben.

Markus Pausch (2008) ist der erste in der Reihe der Wissenschaftler, die sich kritisch mit der Europäischen Kommission und ihrer Nutzung des Eurobarometer auseinandersetzen. Pausch problematisiert die Nutzung des Eurobarometer zur Legitimation politischer Entscheidungen und gründet seine Kritik in erster Linie darauf, dass Europäer (1) regelmäßig zu europäischen Politiken befragt würden, von denen sie nachweislich keine Ahnung haben, (2) die Antworten der Europäer regelmäßig so zusammengefasst würden, dass eine Zustimmung zu Politiken der EU-Kommission dabei herauskommt, und (3) dass über Antwortvorgaben und den Befragungskontext, in dem bestimmte Fragen gestellt werden, bestimmte Antworten präjudiziert werden. Kurz: Pausch kritisiert, dass manipuliert wird, um bestimmte Ergebnisse zu erreichen.


Sylke Nissen (2012), die mir bereits vor einiger Zeit einen Beitrag geschickt hat, in dem sie die Benutzung des Eurobarometer unter unterschiedlichen Aspekten untersucht, ist der zweite der kritischen Wissenschaftler. Nissen zeigt, dass Fragen, die seit Beginn des Eurobarometer im Jahre 1973 und seitdem zweimal jährlich gestellt werden, obwohl sich ihr Wortlaut zwischenzeitlich verändert hat, in einer Reihe dargestellt werden, ganz so als hätte sich der Fragetext nicht verändert. Am Beispiel des selbsterklärten Interesses der Europäer an europäischen Angelegenheiten demonstriert Nissen, wie unterschiedliche Frageformulierungen sich positiv auf das Interesse an europäischen Angelegenheiten auswirken und wie die Europäische Kommission unterschlägt, dass die in der Abbildung dargestellte Entwicklung des Interesses kein erhöhtes Interesse, sondern eine veränderte Frageformulierung zur Ursache hat. Auch Nissen findet eine Reihe von manipulativen und suggestiven Techniken der Frageformulierung, mit denen sichergestellt werden soll, dass die Europäer auch die richtigen Antworten geben, die Antworten, die die Politik der EU-Kommission auch legitimieren, und last but not least, zeigt Nissen Auftraggebereffekte, d.h. wer bezahlt, bestimmt das Ergebnis der Befragung, ein Effekt, der bereits im Zusammenhang mit Eurobarometer 376 und der von Viviane Reding gewünschten Zustimmung zur Zwangsfrauenquote zu sehen war. Ihre Ergebnisse fasst Nissen eher zurückhaltend wie folgt zusammen: „Der öffentliche Gebrauch des Surveys [Eurobaromter] und seiner Ergebnisse macht aus dem Eurobarometer ein Politik-Instrument, in dessen Zentrum nicht mehr die Beobachtungs-, sondern die Interventionsfunktion steht“ (16).

Auf die bislang umfassendste Kritik am Eurobarometer hat mich ein Leser dieses blog aufmerksam gemacht. Verfasst wurde sie von Martin Höpner und Bojan Jurczyk (2012), und ich lege die Arbeit angehenden empirischen Sozialforschern ans Herz, denn sie ist im Hinblick auf die korrekte Formulierung von Fragen grundlegend und deutlich informativer als die einschlägigen Lehrbücher. Höpner und Jurczyk konfrontieren die Fragen der Eurobarometer 43 bis 73.4 (von 1995 bis 2010) mit den zehn Grundregeln einer sauberen Umfrageforschung und finden Verstöße gegen acht der zehn Grundregeln:

  1. Fragen sind nicht verständlich oder missverständlich formuliert.
  2. Es werden hypothetische Fragen gestellt, für die keinerlei Kontext bereitsteht und die letztlich in sozial erwünschte Antworten münden.
  3. Es wird nicht ausgeschlossen, dass Befragte, die von einem Fragegegenstand keine Ahnung haben, sich zu dem entsprechenden Fragegegenstand äußern. Im Gegenteil scheint es das Bemühen der Eurobarometer-Macher zu sein, Befragte zu Dingen wie Galileo, Treibhausgasemissionen in 20 Jahren und so weiter, zu denen sie sich nicht sinnvoll äußern können, zu befragen.
  4. Fragebatterien werden genutzt, um die Zustimmungstendenz, die Befragte in Fragebatterien, in denen sie sich nacheinander zu unterschiedlichen Gegenständen äußern sollen, nun einmal haben, in positive Antworten um zu münzen (zu den Reihefolgeeffekte: (Kirschhofer-Bozenhardt & Kaplitza, 1986, S.104).
  5. Befragte werden durch Unterstellungen in Fragen manipuliert (Manche sagen, dass …).
  6. Befragte werden durch Suggestivfragen manipuliert (… den Euro erfolgreich einführen).
  7. Antwortvorgaben sind einseitig zu Gunsten positiver Antwortmöglichkeiten verzerrt.
  8. Fragen werden in einen Kontext eingebaut, um die Befragten in die Stimmung zur positiven Antwort zu versetzen.

Höpner und Jurczyk finden abschließend und völlig ungewöhnlich für deutsche Wissenschaftler sehr deutliche Worte: „Nicht um mangelnde Sorgfalt geht es uns also, sondern um den begründeten Verdacht strategischer Manipulation. Dieser Verdacht ergibt sich aus der systematischen Gerichtetheit der Verstöße gegen die Regeln guter Umfrageforschung. Denn in ausnahmslos allen Fällen waren die Verstöße so gerichtet, dass sie geeignet waren, die Ergebnisse in eine pro-europäische, integrationsfreundliche Richtung zu lenken. Dass dies ohne Intention geschah, wollen wir ausschließen. Die wissenschaftliche Integrität der Eurobarometer-Befragungen muss also mit einem großen Fragezeichen versehen werden“ (345-346).

Ich denke, angesichts der Belege, die allein in diesem post zusammengetragen wurden, muss man kein Fragezeichen mehr hinter die wissenschaftliche Integrität der Eurobarometer-Befragungen setzen, man muss schlicht konzedieren, dass der Eurobarometer keine wissenschaftliche Integrität mehr hat (falls er sie je hatte). Der Eurobarometer ist ein Manipulationsinstrument, ein Mittel zur Legitimationsbeschaffung, dessen sich die Europäische Kommission bedient, um nach Belieben öffentliche Rückendeckung für ihre Politiken herbei zu manipulieren. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass das Instrument, mit dessen Hilfe die Europäische Kommission Europäer manipuliert, von den Manipulierten, finanziert wird. Es entbehrt nicht einer gewissen Würze, dass die Manipulationen vermutlich Zustimmung zu Politiken vorgaukeln, die in Wirklichkeit von einer Mehrzahl der Europäer abgelehnt werden (sofern sie sie überhaupt kennen). Und es ist letztlich zynisch, wenn eine nicht demokratisch legitimierte Institution die Manipulation des sogenannten Souveräns nutzt, um diesem Souverän vorzugaukeln, er würde eigentlich die politische Macht in Händen halten. Angesichts des Ausmaßes an Missbrauch kann man eigentlich nur fordern, den Eurobarometer zu schließen, die Steuergelder, die dafür verschwendet werden, einzusparen und die Auskunft darüber, was Europäer wollen und was nicht, Wahlen oder Volksabstimmungen zu  überlassen – damit wäre dann auch die leidige Frage der demokratischen Legitimierung ein für alle Mal beantwortet.

P.S.
Am 11. September haben wir einen Offenen Brief an den Präsidenten der EU-Kommission José Manuel Barroso geschrieben. Darin werden u.a. die Praktiken der Manipulation der Öffentlichkeit angesprochen, die Viviane Reding nutzt. Bislang hat sich Herr Barroso nicht zu einer Antwort genötigt gesehen. Und nachdem ich die Beweislage in diesem post noch einmal habe Revue passieren lassen, ist mir auch klar, warum: in dem Offenen Brief steht für ihn nichts Neues, dass die EU-Kommission scheinbar alle verfügbaren Mittel nutzt, um die Öffentlichkeit zu manipulieren, ist ihm offensichtlich längst oder bestens bekannt.

Literatur:
Höpner, Martin & Jurczyk, Bojan (2012). Kritik des Eurobarometers. Über die Verwischung der Grenze zwischen seriöser Demoskopie und interessengeleiteter Propaganda. Leviathan 40(3): 326-349.

Nissen, Sylke (2012). Beobachtung oder Intervention. Das Eurobarometer im Prozess der Europäischen Integration. Universität Leipzig: Serie Europa – Europe Series No.4/2012.

Pausch, Markus (2008). Die Eurobarometermacher auf der Zauberinsel. Konstruktion einer europäischen öffentlichen Meinung durch Umfrageforschung. SWS-Rundschau 48(3): 356-361.

Bildnachweis:
Tumeke

Europäische Meinungsmacher – Wie man Umfrageforschung für seine Zwecke missbraucht

EU-Kommissarin Viviane Reding ist nach eigener Aussgae „zu allem bereit“  [auch zum Rücktritt?]. Die ehemalige Journalistin Viviane Reding hat eine Mission: Sie will den Anteil von Frauen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen erhöhen. Nicht von sich aus, versteht sich. Politiker sind bekanntlich altruistisch und tun nichts für sich, Politikerinnen schon gar nicht. Nein, Reding hat einen Befragtenauftrag: „Dem neuesten Eurobarometer zufolge wollen drei von vier Europäern, dass Frauen per Gesetz bei gleicher Qualifikation dieselben Chancen auf Spitzenposten bekommen“. Wie sich die Zeiten ändern. Früher waren es Wahlen und der Wählerauftrag, der von Politikern in ihrem Sinne ausgelegt wurde und mit der durch die Wahl versehenen Legitimation begründet wurde. Heute leiten Polit-Komissarinnen ihre Legitimation aus Meinungsumfragen ab, die sie vermutlich selbst in Auftrag gegeben haben, um das entsprechende Ergebnis als Legitimation präsentieren können. Starke Behauptung? Hier kommen die Belege:

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die empirische Sozialforschung in ihrer quantitativen und standardisierten Form aus den USA nach Europa kam, da hatten die Pioniere der empirischen Sozialforschung, Paul F. Lazersfeld oder Bernard Berelson, bereits erhebliche methodische Vorarbeiten geleistet. Ziel der methodischen Vorarbeiten war es, in standardisierter Form Fragen zu formulieren, die möglichst wenig an Antwort vorgaben. Ziel war es, die Meinung der Befragten zu erforschen, nicht sie vorzugeben. In Deutschland haben sich derart methodische Fragen des „Wie befragt man Menschen, ohne ihnen die Antwort bereits in den Mund zu legen“ in einer Vielzahl von „Methoden-Büchern“ niedergeschlagen. Z.B. Kurt Holm (1975) hat sich über rund 60 Seiten mit der Art und Weise, wie man Fragen stellt, befasst und im Rahmen seiner Ausführungen auch einen kleinen Katalog der manipulativen Fragen aufgestellt, die es zu vermeiden gilt, wenn man sich als lauterer und an die Meinung der Befragten widerspiegelnden Antworten interessierter Sozialforscher qualifizieren will. Für die folgende Analyse will ich mich auf zwei der sieben von Kurt Holm identifizierten Manipulationstechniken beschränken und meinerseits eine Technik ergänzen, an die Holm nicht gedacht hat:

  • Man lenkt das Denken von Befragten durch Fragetexte in eine bestimmte Richtung, suggeriert ihnen eine Meinung.
  • Man lässt offensichtliche Antwortkategorien in den Antwortvorgaben aus.
  • Man stellt widersprüchliche Fragen, um sich die passende Antwort aussuchen zu können.

Framing oder: Wie stelle ich sicher, dass Befragte in die richtige Richtung gelenkt werden?

Eurobarometer 376, auf den Viviane Reding ihren „Befragtenauftrag“ stützt, beginnt die Fragenbatterie, die sich mit Frauen in Führungspositionen beschäftigt, mit einer geradezu genial-subtilen Formulierung:

„Derzeit haben in der Europäischen Union weniger Frauen als Männer eine Führungsposition inne. Bitte sagen Sie mir, ob Sie den folgenden Aussagen zu diesem Thema zustimmen.“

Wem auch immer diese Frage eingefallen ist, er versteht sein Manipulationshandwerk. Fast unbemerkt, suggeriert er in seinem Fragetext den Befragten, ihre Meinung würde zu einem Missstand eingeholt. Die komplette suggestive Wirkung dieser Frage hängt an dem Wörtchen „derzeit“. Derzeit ist eine adverbiale Ergänzung, die sich entsprechend auf das Verb des Satzes (inne haben) bezieht und suggeriert, dass der derzeitige Zustand des Innehabens veränderungsbedürftig ist. Die Richtung der Veränderung ist ebenfalls vorgegeben, denn der Komparativ von wenig „weniger als“ bezeichnet den zu verbessernden Umstand sehr deutlich. Die Frageformulierung suggeriert somit eindeutig, dass der zu verändernde Zustand darin besteht, dass weniger Frauen als Männer Führungspositionen inne haben. Damit ist der Rahmen für die weitere Befragung gesetzt. Es geht darum, die geringere Zahl von Frauen in Führungspositionen zu beseitigen. Mit diesem suggestiven Trick gelingt es den Befragern der EU ganz nebenbei, jegliche Form der Begründung als unnötig, weil offensichtlich zu etikettieren. Kaum jemand fragt sich nach einer solchen Eröffnungsfrage, warum es eigentlich mehr Frauen in Führungspositionen geben muss?

Auslassung von Antwortalternativen

Die im letzten Absatz zitierte Frage ist die Einleitung zu einer kleinen Itembatterie, die aus fünf vorgegebenen Ursachen dafür besteht, warum Frauen seltener als Männer Führungspositionen in großen Unternehmen inne haben könnten. Interessant sind an dieser Stelle nicht die Antwortalternativen, die den Befragten vorgegeben werden, interessant sind die Antwortalternativen, die den Befragten nicht vorgegeben werden, z.B.:

  • Viele Frauen streben keine Führungspositionen an.
  • Viele Frauen wollen sich lieber um ihre Familie kümmern.
  • Viele Frauen wollen die Zeit, die sie mit ihrer Familie verbringen, nicht dem beruflichen Fortkommen opfern.
  • Viele Frauen arbeiten lieber teilzeit und können deshalb bei Beförderungen nicht berücksichtigt werden.

Keine dieser Antwortalternativen, die sich aus einer Reihe vorhandener Forschunsergebnisse leicht hätten ableiten lassen (z.B.: Hakim 1991) wird in der Eurobarometer-Befragung gefragt. Zudem fehlt bei allen Antwortalternativen, die den Befragten vorgegeben wurden, eine Differenzierung, wie ich sie hier mit „viele“ vorgenommen habe. Die Befrager des Eurobarometers stellen ihre Befragten vor eindeutige Wahlen: Entweder alle Frauen sind weniger bereit für ihre Karriere zu kämpfen als Männer oder keine Frau ist weniger bereit für ihre Karriere zu kämpfen als Männer. Derart apodiktische Setzungen mögen für ideologische Zwecke sinnvoll sein, für empirische Sozialforschung sind sie gänzlich ungeeignet.

Widersprüchliche Frageformulierungen

Mein „Spitzenreiter“ unter den manipulativen Befragungsformen, Spitzenreiter deshalb, weil er sich nach meiner Beobachtung besonders häufig in sogenannten Befragungen findet, ist das Stellen zweier leicht variierter, aber widersprüchlicher Fragen oder – in anderen Worten, das offene Manipulieren der Antworten in der Weise, dass man sich aus den beiden Fragen die passende Antwort aussuchen kann. Im Eurobarometer 376 wird diese Manipulationstechnik in besonders haarsträubender Weise angewendet. Frage QE4.1 lautet:

„Was ist Ihrer Meinung nach der beste Weg, um ein ausgewogeneres Verhältnis von Frauen und Männern in Aufsichtsräten von Unternehmen zu erreichen? (1) Freiwillige Maßnahmen, wie z.B. nicht verbindliche Grundsätze der Unternehmensführung und Satzungen; (2) Selbstregulierung, indem die Unternehmen sich ihre eigenen Ziele setzen; (3) Verbindliche rechliche Maßnahmen; (4) Es besteht keine Notwendigkeit, ein ausgewogeneres Verhältnis von Frauen und Männern in den Aufsichtsräten von Unternehmen zu erreichen.“

Dieser Frage folgt die folgende Frage:

QE5: „Einige europäische Länder (z.B. Frankreich, Spanien, die Niederlande, Italien, Belgien und Norwegen [Viele Nennungen schaffen Zustimmung, denn niemand will in der Minderheit sein]) haben bereits gesetzliche Maßnahmen ergriffen, um ein ausgewogeneres Verhältnis von Frauen und Männern in Aufsichtsräten und Unternehmen zu gewährleisten. Sind Sie für oder gegen ein solches Gesetz, unter der Voraussetzung, dass die Befähigung berücksichtigt wird und dass nicht automatisch das eine oder das andere Geschlecht bevorzugt wird?“ (1) voll und ganz dafür, (2) eher dafür, (3) eher dagegen, (4) voll und ganz dagegen. [Man fragt sich an dieser Stelle, ob alle Befragten, die sich in QE4.1 gegen eine gesetzliche Regelung ausgesprochen haben, hier gezwungen werden, für oder gegen eine gesetzliche Regelung Stellung zu beziehen oder ob alle, die keine gesetzliche Regelung befürworten, ausgefiltert also nicht mehr befragt wurden. Sollte ersteres der Fall sein, ist dies ein kruder Verstoß gegen die wissenschaftliche Lauterkeit (und ein Mangel an Respekt für die Befragten), ist Letzteres der Fall, dann basieren die Ergebnisse auf QE5 nicht wie Reding behauptet auf allen (befragten) Europäern, sondern lediglich auf den 26%, die sich in QE4.1 für eine gesetzliche Regelung ausgesprochen haben.]

Die erste der beiden Fragen hat zum Ergebnis, dass sich 26% der befragten Europäer für eine gesetzliche Regelung, 51% für eine der beiden freiwilligen Regelungen aussprechen, dass 8% keine Notwendigkeit sehen, ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern in Aufsichtsräten herzustellen und 15% mit „weiss nicht“ antworten. Das ist eine klare Mehrheit von 59%, die keine gesetzliche Regelung als Mittel zur Durchsetzung einer Frauenquote wählen.

Die zweite Frageformulierung führt im Gegensatz dazu zu dem Ergebnis, dass 37% der Europäer von sich sagen, sie seien voll und ganz für die vorgeschlagene gesetzliche Regelung und 38% angeben, sie seien „eher dafür“. Nun eine Frage an die Leser: Welches der beiden Ergebnisse hat sich Frau Reding zu eigen gemacht, um ihren Kreuzzug für eine Frauenquote in Aufsichtsräten mit Befragtenlegitimation zu versehen? Richtig: die zweite und der Einfachheit halber hat sie die beiden Kategorien („voll und ganz dafür“ und „eher dafür“) auch gleich zusammengefasst, und so kommt es, dass angeblich „drei von vier Europäern“ wollen, dass „Frauen per Gesetz bei gleicher Qualifikation dieselben Chancen auf Spitzenposten bekommen“.

Als ehemaliger Sozialforscher macht mich derart offene Manipulation und ein derart offener Missbrauch der empirischen Sozialforschung wütend. Allerdings weiß ich derzeit nicht, ob ich wütender auf Polit-Kommissarinnen wie Reding bin oder auf die schweigende Gemeinde der Sozialforscher, die aus Angst, keine Auftragsforschung für öffentliche Auftraggeber mehr durchführen zu dürfen, den Mund hält und dabei zusieht, wie ein einst nützliches Mittel zur Beförderungen wissenschaftlicher Erkenntnis durch Ideologen diskreditiert und missbraucht wird. Selbst der Eurobarometer ist einst mit dem Ziel gestartet, wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Der erste Verantwortliche für den Eurobarometer, Karl-Heinz Reif, war zwar kein ausgewiesener Papst der empirischen Sozialforschung, aber immerhin Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mannheim, so dass man annehmen kann, Kriterien der wissenschaftlichen Lauterkeit waren ihm nicht ganz unbekannt. Leider haben er und viele andere dabei zugesehen, wie die Umfrageforschung von Politikern und Ideologen aller Art gekapert wurde und nunmehr für ihre Zwecke missbraucht wird.

Der Eurobarometer ist als sogenannter Bus konzipiert, d.h. es gibt einen Kern von Fragen, die immer gestellt werden, um den herum Frageplätze gegen Bezahlung bereitgestellt werden. Sein Kern besteht aus Fragen, die seit 1973 wiederkehrend gestellt werden und u.a. die Zufriedenheit mit der demokratischen Verfassung der EU zum Gegenstand haben. Diese Fragen werden zweimal pro Jahr im Rahmen der Standard-Eurobarometer gestellt. Zudem ist es Generaldirektoraten der EU möglich, sich in den Eurobarometer einzukaufen (im Befragungsbus mitzufahren) und Fragen zu stellen, die z.B. für den entsprechenden Polit-Kommissar, der die jeweilige Generaldirektion unter sich hat, von Interesse sind. Wer hat wohl die Fragen bezahlt und gestellt, mit denen Reding nun hausieren geht? Vermutlich Ihre Generaldirektion. Deshalb und weil die Mehrheit der Sozialwissenschaftler den Mund nicht aufbringt, ist es problemlos möglich, sozialwissenschaftliche Methoden zu kapern, für die eigenen Zwecke zu missbrauchen und Befragte und Befragungsergebnisse nach Lust und Laune zu manipulieren.

Die Bereitschaft an Befragungen teilzunehmen, ist über die letzten Jahre stetig gesunken. Manche Befragungsinstitute sind bereits dazu übergegangen, ihre Befragungsteilnehmer zu bezahlen oder mit (kleinen) Geschenken bei der Stange zu halten. Möglicherweise ist es gerade der Missbrauch von Befragungen durch Politiker und Polit-Kommissare, die interepretieren, was ihnen gerade in den Kram passt, der dazu geführt hat, dass immer weniger bereit sind, als „Befragter-Legitimator“ für was auch immer herzuhalten. Wie auch immer, so langsam sollte der schweigenden Mehrheit der empirischen Sozialforscher, vor allem der großen Anzahl von Professoren, die für sich in Anspruch nehmen, für das Fach zu stehen (bzw. zu schweigen), etwas zum Missbrauch ihrer Wissenschaft einfallen.

Literatur

Hakim, Catherine (1991). Grateful Slaves and Self-Made Women: Fact and Fantasy in Women’s Work Orientations. European Sociological Review 7(2): 101-121.

Holm, Kurt (1975). Die Frage. In: Holm, Kurt (Hrsg.). Die Befragung I. Tübingen: A. Francke Verlag, S.32-91.

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