Macht Politiker persönlich verantwortlich: „Skin in the Game!“

Allen, die es noch nicht kennen, sei an dieser Stelle das politisch höchst unkorrekte Buch von Nassim Nicholas Taleb „Antifragile“ empfohlen. Es ist ein Genuss zu lesen. In diesem Buch entwickelt Taleb nicht nur eine Vielzahl von neuen Ideen, die alle auf seinem Konzept der Antifragilität basieren, er hat darin auch ein Kapitel, das sich mit opportunistischem Verhalten beschäftigt, wie es z.B. Politiker Wählern gegenüber zeigen, deren Steuergelder sie aus dem Fenster werfen, deren politischen Willen, sie nach Wahlen mit Füßen treten, deren Meinung ihnen nur so lange wichtig ist, solange sie dem entspricht, was sie für die korrekte Meinung halten usw.

Eine kleine Kostprobe aus „Antifragile“.

Eines der vielen Probleme moderner Gesellschaften, so argumentiert Taleb, sei das Verschwinden von Heldentum. Heldentum zeichnet sich für ihn dadurch aus, dass Einzelne große Risiken, die große Auszahlungen versprechen, eingehen und die Folgen ihrer Entscheidung, das entsprechende Risiko einzugehen, selbst tragen. Statt dieses Heldentums gibt es heute eher ein Maulheldentum, das sich dadurch auszeichnet, dass unter anderem Politiker Handlungsentscheidungen treffen, deren Folgen nicht sie, sondern andere zu tragen haben.

Taleb im Original:
„I am even more distraught for the future of the human race when I see a nerd behind a computer in a D.C. suburb, walking distance from a Starbucks coffeehouse, or a shopping mall, capable of blowing up an entire battalion in a remote place, say Pakistan, and afterwards going to the gym for a ‘workout’ (compare his culture to that of knights or samurai). Cowardice enhanced by technology is all connected: society is fragilized by spineless politicians, draft dodgers afraid of polls, and journalists building narratives, who create explosive deficits and compound agency problems because they want to look good in the short run” (379).

Das, was Taleb hier als Agency Problem beschreibt, besteht darin, dass Politiker KEINE Kosten für ihre Entscheidungen tragen. Alle anderen tragen die Kosten, nicht sie. Auch eine Abwahl oder ein Ausscheiden aus dem Amt hat keine Kosten für Politiker, sondern eine Pension und eine oft über Jahre andauerte Fortsetzung ihrer Bezüge zur Folge. Um Politiker zu sein, muss man keine Kompetenzen oder Befähigungen vorweisen, man kann Entscheidungen ohne Risiko treffen und hat keinerlei ernstzunehmende Folgen zu fürchten, selbst dann nicht, wenn man den Ruin einer Gesellschaft zu verantworten hat.

Um diesem Free Rider-Tum ein Ende zu setzen, fordert Taleb, Skin in the Game: D.h. Politiker müssen durch die Entscheidungen, die sie treffen, das Risiko eingehen, an den Kosten der Entscheidung beteiligt zu werden. Wer Steuerzahler schädigt, weil er z.B. Studien in Auftrag gibt, um seinen politische Launen zu frönen oder Bekannte zu versorgen, der muss dann, wenn Junk herauskommt, zur Rechenschaft ziehbar sein, der muss die Kosten, die er produziert hat, tragen.

Nehmen wir z.B. die unsägliche Junk-Studie des Instituts für Demokratieforschung in Göttingen, in der alle Ostdeutschen rundweg zu Rechtsextremisten erklärt werden.

Iris Gleicke hat die Studie in Auftrag gegeben. Nicht weil diese Studie notwendig oder auch nur wichtig gewesen wäre, sondern weil Gleicke sich als Kämpfer gegen den Rechtsextremismus, und zwar auf Kosten der Steuerzahler inszenieren will.

Wir haben die Studie als erste zerlegt, die methodischen Mängel angesprochen, darauf hingewiesen, dass qualitative Interviews mit ein paar Hanseln, die derselben ideologischen Couleur angehören, wie die Autoren der Studie und Beobachtungen in drei sächsischen Gemeinden nicht die Datengrundlage darstellen, auf der man Schlüsse auf „die Ostdeutschen“ ziehen kann. Wir haben die gewürgte Art und Weise, in der die Autoren versuchen, Rechtsextremismus zu finden, kritisiert, das Fehlen jeglicher Methode, jeglicher begründeter Auswahl angemerkt und darauf hingewiesen, dass ernsthafte Zweifel bestehen, dass die qualitativen Interviews, die angeblich geführt worden sein sollen, auch tatsächlich geführt wurden.

Und Gleicke hat die Studie verteidigt.
Zunächst.

Dann haben Medien unsere Kritik aufgenommen.
Und Gleicke ist eingeknickt.

Die deutsche Übersetzung. Der idiotische Untertitel lässt nichts Gutes erwarten…

Plötzlich war die Ostbeauftragte der Ansicht, die Studie, die sie bestellt hat und deren angebliche Ergebnisse ihr nicht nur gut in den Kram gepasst haben, sondern auch wenige Tage zuvor noch korrekt vorkamen, sei voller Fehler und eine „schlicht nicht hinnehmbare Schlamperei“. Gleicke ist einer der Politdarsteller, die alles behaupten würden, um eine eigene Verantwortung an andere abschieben zu können.

Weil die Wogen ob des Versuchs, alle Ostdeutschen auf einen Schlag zu rechtsextremisieren, weiter hoch geschlagen sind, hat sich Gleicke zudem genötigt gesehen, die Rückforderung der 129.391,86 Steuereuro in den Raum zu stellen, die die „nicht hinnehmbare Schlamperei“ gekostet hat.

Die WELT, bei der sich manch einer noch oder inzwischen wieder an das erinnert, was Journalismus ausmacht, hat das gemacht, was Journalismus ausmacht: Nicht locker gelassen und nachgefragt. Wie ist das nun mit der Rückforderung der Steuereuros für „die nicht hinnehmbare Schlamperei“?

Nichts ist damit. Offensichtlich der Ansicht, dass die Wogen, wenn sie sich einmal geglättet haben, die Junk-Studie aus Göttingen als solche der Vergessenheit anheim gefallen ist, dann wird sich, so das Kalkül, das falsche Kalkül, auch niemand mehr an die 129.391,86 Steuereuro erinnern, die für die „nicht hinnehmbare Schlamperei“ aus dem Fenster geworfen wurden.

Aber bei der WELT hat sich Marcel Leubecher erinnert und nachgefragt. Hier die Antwort, die er bekommen hat: Man habe eine Korrektur der [Junk-]Studie gefordert, die Ende 2017 abgeschlossen worden sei. Die korrigierte [Junk-]Studie werde jedoch nicht mehr veröffentlicht. Dafür werden die 129.391,86 Steuereuro in voller Höhe überwiesen. Denn: Man höre und staune: nach reiflicher Erwägung scheut man im Wirtschaftsministerium, dem Gleicke angebiedert ist, die Kosten für einen Rechtsstreit. Das muss man sich einmal vorstellen: Der Riese Bundeswirtschaftsministerium hat Angst vor dem Göttinger Zwerg.

Die Begründung ist offensichtlich vorgeschoben. Die Versorgung der alten Getreuen in Göttingen ist wichtiger als der verantwortliche Umgang mit Steuergeldern. Und warum liegt es Politikern näher, Steuereuro zu verschwenden als sie verantwortungsvoll einzusetzen? Sie haben keine Kosten, kein „Skin in the Game“, wie Taleb es formuliert. Alles sähe ganz anders aus, wenn die 129.391,86 Steuereuro, die für eine „nicht hinnehmbare Schlamperei“ aus dem Fenster geworfen wurden, nunmehr von Gleicke in die Steuerkasse zurückerstattet werden müssten. Immerhin hat sie den Missbrauch der Steuergelder zu verantworten bzw. ist sie dafür verantwortlich, dass die Steuereuro nicht zurückgefordert werden.

Wären Politiker an den Kosten ihrer Handlungen direkt beteiligt, müssten sie damit rechnen, dann, wenn sie Steuergelder zur Befriedigung ihrer ideologischen Grillen einsetzen oder dazu, Bekannte zu finanzieren, zur Verantwortung gezogen zu werden, der Umgang mit Steuereuros wäre ein anderer. Deshalb ist es an der Zeit, Politiker persönlich haftbar zu machen, sie in die Verantwortung für das, was sie tun, zu nehmen.

Wer geht voran und stellt eine Petition online, Zweck: Gleicke auf die Rückerstattung von 129.391,86 Steuer-Euro zu verklagen? Der Erfolg der Petition ist gesichert, denn im Bundeswirtschaftsministerium scheut man rechtliche Auseinandersetzungen.

Hier der Gang der Dinge zum Nachlesen:

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Weltmännertag: Wir brauchen Helden, keine Weicheier

Der Deutschlandfunk nimmt den Weltmännertag zum Anlass, um eine Lanze für den weinenden Jammerlappen zu brechen. Wir setzen einen Gegenpol und unterstützen Nassim Nicholas Taleb in seiner Laudatio auf die Notwendigkeit von Helden.

„Let me follow my emotions and start with the third column, on the far right, the one about heroes and people of courage. The robustness … of society depends on them; if we are here today, it is because someone, at some stage, took some risk for us. But courage and heroism do not mean blind risk taking – it is not necessarily recklessness. There is a pseudocourage that comes from risk blindness, in which people underestimate the odds of failure. We have ample evidence that the very same people become chicken and overreact in the face of real risks; the exact opposite. For the Stoics, prudence is connatural to courage – the courage to fight your own impulses (in an aphorism by – who else – Publilius Syrus, prudence was deemed the courage of the general).

Heroism has evolved through civilization from the martial arena to that of ideas. Initially, in preclassical times, the Homeric hero was someone principally endowed with physical courage – since everything was physical. In later classical times, for such people as the great Lacedaemonian king Agiselaus, a truly happy life was one crowned by the privilege of death in battle, little else, perhaps even nothing else. But for Agiselaus, courage had already evolved from purely martial prowess into something greater. Courage was often seen in acts of renunciation, as when one is ready to sacrifice himself for the benefit of others, of the collective, something altruistic.

Finally, a new form of courage was born, that of the Socratic Plato, which is the very definition of the modern man: the courage to stand up for an idea, and enjoy death in a state of thrill, simply because the privilege of dying for truth, or standing up for one’s values, had become the highest form of honor. And no one has more prestige in history than two thinkers who overtly and defiantly sacrificed their lives for their ideas – two Eastern Mediterraneans; one Greek and one Semite.

We should pause a little when we hear happiness defined as an economic or otherwise puny materialistic condition. You can imagine how distraught I feel when I hear about the glorified heroism-free ‘middle-class values’, which, thanks to globalization and the Internet, have spread to any place easily reached by British Air, enshrining the usual opiates of the deified classes: ‘hard work’ for a bank of a tobacco company, diligent newspaper reading, obedience to most, but not all, traffic laws, captivity in some corporate structure, dependence on the opinion of a boss (with one’s job records filed in the personnel department), good legal compliance, reliance on stock market investments, tropical vacations, suburban life (under some mortgage) with a nice-looking dog and Saturday night wine tasting. Those who meet with some success enter the gallery of the usual billionaire list, where they will hope to spend some time before their fertilizer sales are challenged by competitors from China. They will be called heroes – rather than lucky. Further, if success is random, a conscious act of heroism is non-random. And the ‘ethical’ middle class may work for a tobacco company – and thanks to casuistry call themselves ethical.

I am even more distraught for the future of the human race when I see a nerd behind a computer in a D.C. suburb, walking distance from a Starbucks coffeehouse, or a shopping mall, capable of blowing up an entire battalion in a remote place, say Pakistan, and afterwards going to the gym for a ‘workout’ (compare this culture to that of knights or samurai). Cowardice enhanced by technology is all connected: society is fragilized by spineless politicians, draft dodgers afraid of polls, and journalists building narratives, who create explosive deficits and compound agency problems because they want to look good in the short term.

A half-man (or, rather, half-person) is not someone who does not have an opinion, just someone who does not take risks for it.

The great historian Paul Veyne has recently shown that it is a big myth that gladiators were forced labor. Most were volunteers who wanted the chance to become heroes by risking their lives and winning, or, when failing, to show in front of the largest crowd in the world how they were able to die honourably, without cowering – when a gladiator loses the fight the crowd decides whether he should be spared or put to death by the opponent. And spectators did not care for nonvolunteers, as these did not have their soul in the fight.

Geschichte über das, was Taleb beschreibt

My greatest lesson in courage came from my father – as a child, I had admired him before for his erudition, but was not overly fazed since erudition on its own does not make a man. He had a large ego and immense dignity, and he demanded respect. He was once insulted by a militiaman at a road check during the Lebanese war. He refused to comply, and got angry at the militiaman for being disrespectful. As he drove away, the gunman shot him in the back. The bullet stayed in his chest for the rest of his life so he had to carry an X-ray image through airport terminals. This set the bar very high for me: dignity is worth nothing unless you earn it, unless you are willing to pay a price for it.

A lesson I learned from this ancient culture is the notion of megalopsychon (a term expressed in Aristotle’s ethics), a sense of grandeur that was superseded by the Christian value of ‘humility’. There is no word for it in Romance languages; in Arabic it is called Shhm – best translated as nonsmall. If you take risks and face your fate with dignity, there is nothing you can do that makes you small; if you don’t take risks, there is nothing you can do that makes you grand, nothing. And when you take risks, insults by half-men (small men, those who don’t risk anything) are similar to barks by nonhuman animals: you can’t feel insulted by a dog”

Auszug aus Taleb, Nassim Nicolas (2012). Antifragile. Things that Gain from Disorder. London: Penguin, pp. 378-380.

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