Ich habe in Reno einen Mann erschossen, um ihm beim Sterben zuzusehen…
Was für eine Zeile …
Eine Zeile aus einem Lied, das Johnny Cash berühmt gemacht hat (Doppeldeutigkeit erwünscht).
FOLSOM PRISON BLUES
Was geschähe, wenn ein weißer Mann am Anfang seiner 20er Jahre eine solche Zeile heute zu Papier brächte: Ich habe in München einen Mann erschoßen, nur um ihn sterben zu sehen?
Vieles, was in einer Gesellschaft schief läuft, kann man durch einfache Vergleiche mit der Vergangenheit erfassen. Cash wurde zwar der „Bad Assry“ beschuldigt, das hat aber nichts daran geändert, dass das Lied, das 1953 geschrieben wurde, 1955 als Single veröffentlicht wurde und in seiner Live Version, die 1968 als Auskoppelung eines Live in Folsom Prison aufgenommenen Albums zur Number 1 in den USA wurde. Nahezu jeder Radio- und TV-Sender spielte das Lied, niemand wollte es verboten sehen, niemand sah darin einen Aufruf zur Gewalt oder sonstigen Blödsinn, der solchen Leuten gemeinhin zum Ausgangspunkt dient, um ihre bösartigen Phantasien auszuleben und anderen zu unterstellen.
Folsom Prison Blues [auch schön doppeldeutig, denn die Gefängnis-Kluft in Folsom war blau] wurde als das gewürdigt, was es tatsächlich war: Ein Lied über einen lebenslang Inhaftierten, der das Leben (mit dem Zug beschrieben) an sich vorbeirauschen sieht, der dabei zusehen muss, wie „Leben“ ohne ihn stattfinden, denn er ist „stuck in Folsom Prison“ und hat schon seit er erinnert sich schon nicht mehr genau, wie lange, die Sonne nicht mehr gesehen. Ein Lied über ein verkorkstes Leben, das mit einer irren Entscheidung sein gesellschaftliches Ende genommen hat.
Er habe, so hat Cash gesagt, eine Zeile gesucht, die den schlimmsten Grund den jemand haben könne, um einen anderen umzubringen, zum Ausdruck bringt. „only to watch him die“, eine Mischung aus Langeweile und Neugier ist, was ihm eingefallen ist. Eingefallen ist ihm die Zeile – so hat er mehrfach berichtet, was bedeutet, es könnte zutreffen: in Landsberg am Lech im Jahre 1953, eines der Jahre, die er als Angehöriger der US Air Force in Deutschland verbracht hat. Und dort hat es ihn ausgerechnet nach Landsberg am Lech verschlagen, selbst der Ort eines berühmten Gefängnisses oder sagen wir, eines Gefägnisses, das durch einen seiner Insassen berühmt geworden ist. Haben Orte eine Aura, die Sätze wie den im Titel nahelegen?
Wenn man in den 1950er Jahren ein Lied über einen Loser machen wollte, der auf sein verkorkstes Leben zurückschaut und reminesziert, wie es gewesen wäre, wenn er nicht mindestens die eine falsche Entscheidung, die sich verheerend ausgewirkt hat, getroffen hätte, dann lag die Wahl eines Mörders, der den Rest seines Lebens im Gefängnis zubringen muss, naheliegend.
Heute wäre das anders.
Heute wäre es schwierig, einen Mörder als Prototyp zu verwenden, denn Mord ist nichts, das lebenslängliche Haft, zur Folge hat, Inhaftierung ist heute bestenfalls eine Straftat-Unterbrechung, kein definitives Ende mehr, auch bei Mord nicht. Hinzu kommt, dass es Massen verkorkster Lebensläufe gibt. Betrachten sie nur die unnützen Gestalten, die mit ihrem Leben nichts anderes anzufangen wissen, als gegen etwas zu protestieren. Leute, die keinerlei positive Bestimmung für ihre Existenz vornehmen können. Loser auf der ganzen Linie, die keinerlei Idee haben, welchem Zweck ihr Dasein dienen soll. Solche Leute, wie man sie gestern wieder in Halle bewundern konnte:
EIL: Schwere Krawalle in Halle, Antifa-Demo eskaliert! 🚨
Am Vorabend der Landtagswahl hat die linksextreme Szene nach Halle mobilisiert. Die Demo versinkt in Gewalt, es werden Unmengen an Pyrotechnik gezündet und teils auf die Polizei geworfen. Straßenkampf mit Ansage. Und ein… pic.twitter.com/k2bwEQtZ8N
Und das ist nur ein Wahlproblem: All die Loser, die ihre Zukunft mit dem Belegen von Junk Studies verspielt haben, mit einem Abschluss dastehen, der bei den meisten Arbeitgebern bestenfalls Gelächter auslöst, im schlimmsten Fall Mitleid und nur zu einer Existenz in der mickrigen Nische politischer Aktivisten, für Leute ohne Lebenssinn, ausreicht, also auch wieder die armseligen Gestalten, die man gestern in Halle sehen konnte.
Es hat sich etliches verändert zwischen den 1950er Jahren und heute, und eine der bedeutendsten Veränderungen bezieht sich auf die Menge der Möglichkeiten, das eigene Leben zu ruinieren. „Unsere Demokratie“ und vor allem das von Ministerien finanzierte „Demokratie leben!“ Dasein haben eine Vielzahl von Möglichkeiten geschaffen, dem eigenen Dasein keinerlei Sinn und Zukunft zu verpassen. Und die Angebote, das eigene Leben von anderen führen zu lassen, anderen zu übergeben, von deren Fördergnaden zu existieren sind damit nicht einmal ansatzweise angesprochen. …
I hear the train a-comin‘, it’s rolling ‚round the bend
And I ain’t seen the sunshine since I don’t know when
I’m stuck in Folsom prison, and time keeps draggin‘ on
But that train keeps a-rollin‘ on down to San Antone
When I was just a baby, my mama told me, „Son
Always be a good boy, don’t ever play with guns“
But I shot a man in Reno just to watch him die
When I hear that whistle blowin‘, I hang my head and cry
I bet there’s rich folks eatin‘ in a fancy dining car
They’re probably drinkin‘ coffee and smoking big cigars
Well, I know I had it coming, I know I can’t be free
But those people keep a-movin‘, and that’s what tortures me
Well, if they freed me from this prison, if that railroad train was mine
I bet I’d move it on a little farther down the line
Far from Folsom prison, that’s where I want to stay
And I’d let that lonesome whistle blow my blues away
.
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