
Jedoch führen Konzepte wie Gerechtigkeit, Armut oder Faschismus ein reges Eigenleben, und es wird oft stundenlang diskutiert, ohne dass die Diskutierenden bemerken, dass ihre jeweiligen Verständnisse davon, was Gerechtigkeit oder Armut sein soll, inkompatibel sind. Abstrakte Konzepte wie Gerechtigkeit oder Armut sind gerade weil ihr Inhalt so vage und variabel ist, besonders geeignete Mittel im politisch-verbalen Kampf. Insbesondere wenn es gelingt, Konzepte mit einer affektiven Ladung zu versehen, reicht allein die Nennung des entsprechenden Konzepts, um vorhersehbare Reaktionen auszulösen. Populismus ist negativ konnotiert. Wenn man etwas als populistisch bezeichnet, zielt man darauf ab, das so Bezeichnete in den Ohren der Zuhörer als etwas Schlechtes zu identifizieren und somit zu diskreditieren. Armut ist etwas Schlechtes, entsprechend reicht allein die Erwähnung von Armut und die Zuschreibung von Armut z.B. zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe aus, um die ganze Bandbreite von Entrüstung, Mitleid und Entsetzen auszulösen. Niemand fragt sich in dieser Situation: Halt, wovon wird hier überhaupt gesprochen? Was meint „Armut“ überhaupt? Das muss auch niemand fragen, denn wir alle wissen doch, was Armut ist – oder?
Entsprechend weiß die Südwestpresse zu berichten, dass Armut weiblich ist und vor allem Alleinerziehende betroffen sind. Der Zweiwochendienst berichtet, dass EU-Abgeordnete die Situation von allein erziehenden Müttern verbessern wollen, denn vor allem Alleinerziehende sind ja bekanntlich von Armut betroffen. Die SPD-Bundestagsfraktion weiß, dass Schwarz-Gelb die Armut zementiert, und zwar besonders für Alleinerziehende. Und Christoph Butterwegge schreibt von den armen Alleinerziehenden, die sich – weil sie so arm sind – nicht am demokratischen Willensbildungsprozess beteiligen können. Es sind der Gründe genug, um etwas gegen Armut zu tun.
Alle, die über Armut reden, beziehen sich auf statistische Daten. Das erste, was demjenigen auffällt, der die entsprechenden Daten betrachtet, ist, dass darin nicht von Armut, sondern von relativer Armut die Rede ist, denn, für entwickelte Länder kann davon ausgegangen werden, „dass absolute, d. h. existenzgefährdende Armut aufgrund der Leistungen der Grundsicherung – von wenigen Ausnahmen versteckter Armut abgesehen – ausgeschlossen ist“ (Kraußer, 2011, S.210). Als relativ arm gilt, wer 60% oder weniger des mittleren Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat (was genau sich dahinter verbirgt, habe ich hier beschrieben). Auf diese Weise wird relative Armut definiert, und auf dieser Grundlage kommt das Statistische Bundesamt zu dem Ergebnis, dass vor allem Alleinerziehende von relativer Armut betroffen sind. Das Ergebnis basiert auf den Daten des Mikrozensus, für den in regelmäßigen Abständen 1% der Bevölkerung gebeten wird, einen schriftlichen Fragebogen auszufüllen. Die Ergebnisse beruhen also auf den Angaben dieser Befragten und die Richtigkeit der Ergebnisse hängt von der Richtigkeit der Antworten ab.
Da die Analysen von Kraußer auf einen Anteil von Alleinerziehenden in relativer Armut hindeuten, der sich irgendwo im Bereich von weniger als 2% bewegt, die Spanne zu den 40%, die das Statistische Bundesamt auf der Basis des Mikrozensus errechnet hat, aber erheblich ist, bleibt nur die Annahme, dass im Mikrozensus ein systematischer Fehler enthalten ist: Die Einkommen der Befragten werden entweder durch eine missverständliche Frageformulierung nicht vollständig erfasst, oder die Befragten geben ihre Einkommen nicht vollständig an. Welche der beiden Optionen auch zutrifft, die verdienstvolle Analyse Kraußers zeigt, dass man skeptisch gegenüber Nachrichten und Aussagen sein muss, die mit affektiv besetzten Begriffen arbeiten und geeignet sind, kritisches Hinterfragen bereits dadurch zu verhindern, dass sie einen Sachverhalt thematisieren, für den ein Hinterfragen als unschicklich angesehen wird, denn man wird doch Mitleid mit Menschen haben, die (der Behauptung nach) in Armut leben – oder?
Kraußer, Andreas (2011). Grundsicherung und Armutsgefährdung – ein Vergleich. Sozialer Fortschritt (60)9:210-213.
