Das Schindluder mit der Kinderarmut

Früher gab es einmal einen Bereich der Soziologie, der sich mit der Frage beschäftigt hat, wie „Entitäten am Begriffshimmel“ geschaffen werden, Reifikationen hat dies z.B. Heinz Steinert genannt. Damit wird das Erschaffen von Begriffen beschrieben, die ohne empirische Basis auskommen, Konzepte, die reine Gedankengebilde ohne empirischen Niederschlag sind. Kinderarmut in der Art und Weise, wie der Begriff in Deutschland lächerlich gemacht wird, ist eine solche Reifikation.

Das Hans-Böckler-Institut ist dann, wenn es darum geht, Armut als empirischen Zustand, der mit physischer Not verbunden ist, zu verhöhnen, in vorderster Front zu finden. Das Institut der Gewerkschaft hat es sich auf die roten Fahnen geschrieben, die Armut immer und überall zu finden – und wenn man sie eigens herbei rechnen muss. Und herbei rechnen, das ist, was die Hans-Böckler-Stiftung tut. Sie kreiert eine ganz eigene Form von Armut, verschweigt selbst die Tatsache, dass andere, sagen wir, mehr an Lauterkeit orientierte Menschen, im selben Zusammenhang nicht von Armut, sondern bestenfalls von relativer Armut sprechen und trommelt auf diese Weise für eine Reifikation, für etwas, das es in der Realität nicht einmal ansatzweise in dem Ausmaß gibt, wie die Stiftung behauptet – wenn Kinderarmut in Deutschland überhaupt existent ist.

Zur Erinnerung: Armut bedeutet, dass man sich zum Leben notwendige Dinge nicht leisten kann. Die Betonung liegt auf „zum Leben notwendige Dinge“.

Der ganze Unsinn, der sich hinter dem Konzept von Kinderarmut in Deutschland verbirgt, wird anhand der neuesten Katastrophenmeldung aus dem Hans-Böckler-Institut deutlich: „Die Kinderarmut in Deutschland hat 2016 erneut spürbar zugenommen. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die unter der Armutsgefährdungsgrenze leben, stieg um 0,6 Prozent auf 20,3 Prozent“.

Die Ursache für diesen Anstieg ist die Zuwanderung. Nähme man die Meldung aus dem Hans-Böckler-Institut und den damit verbundenen Alarmismus ernst, dann müsste man feststellen, dass der deutsche Staat den Zuwanderern viel zu wenig Geld überweist, denn eine vierköpfige Familie ist gezwungen ohne einer Arbeit nachzugehen mit weniger als 1.978 Euro im Monat auszukommen. So mancher, der einer Arbeit nachgeht und weiß, wie lange er für 1.978 Euro Netto malochen muss, wird sich hier vermutlich die Augen reiben.

Bei der Gewerkschafts-Stiftung ist das anders. Waren Gewerkschaften nicht ursprünglich als Vertretung von Arbeitern angetreten, bevor sie zum Lobbyverein für Mittelschichtsfrauen, die lieber in Vorständen sitzen, als sich die Hände schmutzig zu machen, zu Kinderlobbyisten, Umweltlobbyisten, Antikapitalisten und Aktivisten gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und alles, was man sonst noch so als guter Mensch bekämpfen kann, wurden?

Wir behandeln die Hans-Böckler-Stiftung, die Gewerkschaftsstiftung, heute in ihrer Eigenschaft als Lobbyist all derer, die an Kindern verdienen.

Damit man an Kindern verdienen kann, ist es wichtig, eine Geschichte darüber zu erfinden, wie schlecht es Kindern doch geht. Schließlich ist es das Ziel, Steuermittel für sozial arbeitende Menschen aller Art einzuwerben, die es diesen sozial arbeitenden Menschen, die anderen Gutes tun wollen, ob diese anderen wollen oder nicht, erlaubt, sich ein Auskommen zu verschaffen.

Diese Geschichte basiert auf der Reifikation der Kinderarmut, jenem Ergebnis einer Berechnung von Luftblasen, das tatsächliche Armut verhöhnt:

„Für ihre Analyse haben die WSI-Forscher Dr. Eric Seils und Jutta Höhne die gerade erschienenen Armutsdaten des Mikrozensus 2016 ausgewertet. Als arm gelten nach gängiger wissenschaftlicher Definition Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des bedarfsgewichteten mittleren Einkommens beträgt.“

Immerhin findet sich diese Beschreibung dessen, was Seils und Höhne getan haben, um ihre Kinderarmut zu schaffen, in der Pressemeldung aus dem Hans-Böckler-Institut. Im Bericht findet sich nichts dergleichen, auch kein Verweis darauf, dass die Armut, von der die Rede ist, keine richtige Armut ist, sondern eine berechnete Armut, eine die es nicht wirklich gibt, eine, die mathematisch geschaffen wird, und zwar so:

Die OECD hat vor einiger Zeit schon eine Berechnungsweise zusammen geschustert, die „relative Armut“ oder „Armutsgefährdung“ oder die „Armutsrisikogrenze“, das, was beim Hans-Böckler-Institut schlicht und fälschlicherweise Armut genannt wird, zu berechnen.

Es funktioniert wie folgt:

Im Jahr 2015 beträgt das durchschnittliche Nettoäquivalenzeinkommen in Deutschland 23.499 Euro im Jahr oder 1.958,25 Euro. Das Nettoäquivalenzeinkommen gibt an, was deutsche Haushalte an Einkommen durchschnittlich pro Jahr zur Verfügung haben. Die Berechnungsgrundlage sind Einpersonenhaushalte. Der Median des Haushaltseinkommens liegt bei 20.668 Euro. Der Median teilt eine Verteilung in zwei gleichgroße Gruppen, d.h. die Hälfte der Haushalte hat ein Nettoeinkommen von weniger als 20.668 Euro zur Verfügung, die Hälfte mehr als 20.668 Euro im Jahr oder 1.722 Euro im Monat.

Für Haushalte mit Kindern erfolgt die Berechnung des Äquivalenzeinskommens wie folgt:

Median des Nettoäquivalenzeinkommens: 20.668 Euro
Erster Erwachsener: Faktor 1
+ Zweiter Erwachsener: Faktor 1.5
+ Erstes Kind: Faktor 2.1
+ Zweites Kind: Faktor 2.3.

Ein Haushalt aus vier Personen, in dem beide Erwachsene 20.668 Euro im Jahr verdienen, wird auf diese Weise auf ein Äquivalenzeinkommen von (20.668 + 20.668) / 2.3 gerechnet, also auf 17.972,17 Euro im Jahr oder 1.497.68 Euro im Monat. Der ganze Hokuspokus dient also dazu, eine Familie als Bedarfsgemeinschaft auf das Einkommen herunter zu rechnen, das ein Einzelner ohne Familie angeblich haben soll. Dabei wird natürlich nicht in Rechnung gestellt, dass ein Einzelner mehr Steuer zu entrichten hat als eine Familie. Die Äquivalenz, die der Begriff Äquivalenzeinkommen umfasst, bezieht sich also auf die Äquivalenz zu einem Einpersonenhaushalt.

Als armutsgefährdet oder relativ arm oder für die Hans-Böckler-Stiftung als schlicht arm gilt somit eine vierköpfige Familie dann, wenn das auf die oben dargestellte Weise berechnete Einkommen weniger als 60% des Nettoäquivalenzeinkommens beträgt. 60% des Nettoäquivalenzeinkommens im Jahr 2015 wären 12.401 Euro. D.h. eine vierköpfige Familie, die im Jahr 2015 ein Haushaltseinkommen von (12.401 * 2.3 =) 28.521,84 Euro oder 2.376,82 Euro pro Monat zur Verfügung hatte, gilt bei der Hans-Böckler-Stiftung als arm.

Das zeigt deutlich, wie hier Schindluder auf dem Rücken von Menschen getrieben wird, die tatsächlich arm sind, um die Gruppe der angeblich Armen möglichst groß zu rechnen. Die große Kinderarmut, die die Hans-Böckler-Stiftung berechnet hat, findet zwar keinerlei Widerspiegelung in der Realität wird aber begierig von all den Lobbygruppen aufgenommen, die nur darauf gewartet haben, ihre Interessen auf dem Rücken von wirklich Armen verfolgen zu können. Gut, dass es in Deutschland keine wirklich Armen gibt.

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